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BRIEF VOM ZUCKI/ Eine kollegiale Collage

Mein lieber Georg Klein!
Dolles Ding, dass Sie mich per Elektro-Brief aufgespürt haben! Wie es der Teufel will, sitzen wir hier Grau in Grau unter uns, gnadenlos von Eurem bunten Weltgezappel abgenabelt, kein Kino, keine Illustrierte, kein Radio. Nicht ein lausiges Werbeblatt, kein aktuelles Prospektchen flattert unsereinem noch auf den Tisch. Und jetzt Post aus dem Licht!
... Oben hat mir keiner geweissagt, dass ich eines endgültigen Tages unter der Adresse „Katakombe Der Mittelguten Deutschsprachigen Kulturschaffenden“ zu erreichen sein würde. Anderseits: Was ist schon dabei? „Why not?“ Wie die Amis immer gesagt haben, wenn wir teutonische Exil-Tölpel uns in Hollywood wieder geziert oder geniert haben. Hier unten gibt’s weit miesere Gemächer. Bei uns, bei den mittelprächtigen Kulturschaffenden, hat immerhin jeder seine eigene, halbmöblierte Nische, so eine offene Box. Von Zelle kann gar keine Rede sein. Mein jenseitiger Body hockt auf einem richtigen Kanapee. Auch der Tisch ist okay. Die Aufsicht hat mir, eigens für meine Antwort nach oben, eine seltsam platte Schreibmaschine hingestellt. Rundum Plastik. Kein Farbband, kein Papier zu entdecken. Stattdessen nur ein Kabel zu einem genau so dünnen Fernseher, auf dem ich ruckzuck, ohne die geringste Verzögerung, sehen kann, was ich in die Tasten haue. Falls das kein hiesiger Scherzartikel ist, muß es von oben, muß es von Euch, müssen diese schicken mageren Dinger Euren momentane Fortschritt darstellen. Wie man die Tippfehler vom Fernseher wegmacht, krieg’ ich noch raus.
...Na, zur Sache: Den Eugen, das göttliche Kerlchen, hab’ ich 1923 in Weißwurst-Sparta kenngelernt. Ich hab’ ihn gleich bei unserem ersten Münchner Händeschütteln, im Foyer der Kammerspiele, mit Eugen angesprochen, weil ich schon gehört hatte, dass er partout nicht mehr damit, sondern stattdessen mit seinem zweiten Vornamen, mit „Berthold“, oder sportlich kurz und fesch mit „Bert“ angeredet werden will. So was war immer ein Fressen für mich. Bin selber als Mamas Liebling ins Dasein gestartet. Hab also gewußt, wie man einem Mama-Bubi auf den Zahn fühlt, hab’ sein Händchen gequetscht und wie ein Berserker geschüttelt und sein letztes Theaterstück so krachig gelobt, dass dem Kokosläufer vor Scham die Borsten hochgingen. Dazu ein „Eugen“ nach dem anderen! Ich wollte halt sehen, ob der genialische Hänfling die Kneippkur aushält.
...Er hat währenddessen die Zigarre nicht aus dem Mund genommen, hat gepafft und gegrinst, gepafft und gegrinst, gegrinst und gepafft. Das allein ist ohne Sabbern gar nicht so einfach. Natürlich hätte er mir, statt zu rauchen, lieber die Nase abgebissen, aber um an meinen Adlerzinken ranzukommen, hätt’ er hoch springen müssen mit seinen Einszwoundsechszig. Und was macht er dann? Schiebt die Zigarre mit der Zunge in den Mundwinkel und kontert mich aus, indem er mich „Mein werter Herr Zickmayer“ tituliert. Die Anni, die Lissi und die Marianne, die zufällig im Foyer dabeistanden, haben sich kaputtgelacht auf meine Kosten. Ich meine drohend: „Sag sofort Du zu mir, Eugen!“ Und er retourniert: „Na gut, für mich sollst du in Zukunft Zucki heißen!“ Da war mir sternenklar: Zwischen uns gibt’s ab sofort nur Pflaumenkuchen und Bewunderung. Puderzuckerfeine Bewunderung und als Sahnehäubchen eine erzkeusche Haßliebe - weil wir beide, der Eugen und der Zucki, nämlich ganz offensichtlich genau dasselbe dialektisch vertrackte Gegenteil von schwul gewesen sind.
Komm ich vom Thema ab?
Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass mich der Eugen je genauso rundum angebetet hat wie ich ihn. Macht nichts. Zum Ausgleich wollte er mich als Schreiber unterkriegen, so wie er mit Macht auf alle draufgehüpft ist, die ihm in seinem Metier in die Quere kamen. Wenn ich ein schriftstellerndes Mädel gewesen wäre, hätte er mich schnurstracks zu seiner Tippse runtergestempelt. Allein während der kurzen Münchner Zeit hab’ ich drei junge Dichterinnen ihm zuliebe in den Schreibmaschinenkurs rennen gesehen. Mit mir hat er dann halt wahnsinnig viel Gitarre gespielt. Ich hatte als Knäblein richtig spitzenmäßig Cello gelernt, der Eugen mehr schlecht als recht die Geige und ganz miserabel Klavier. Halb aus Faulheit, halb weil es halt schick war, sind wir beide damals auf die Klampfe umgestiegen gewesen. Ein Tauber hat hören können, wie ich mit meinen sensiblen Wurstfingern den Eugen, den Nägelbeisser, an die Wand schrammle. Von der Stimme ganz zu schweigen. Was Ihr von ihm auf Platte habt, ist gnädig verfremdet. Pur von den Stimmbändern, ohne den grammophonen V-Effekt, war es kaum auszuhalten, wie der Kleine permanent daneben geknarzt hat, aber dabei so tat, als ob es künstlerische Absicht wär’. Den Genie-Dreh: Dass sich alles – jeder notdürftige Rülpser – hochinspiriert und eiskalt durchreflektiert anhören muß, den hat er von Anfang rausgehabt.
...Ganze Nächte haben wir durchgesungen und durchgeraucht, was seine Marianne, wegen dem kleinen Kind, das die beiden schon hatten, nicht so rasant lustig fand. Wenn’s langsam hell wurde über Isar-City, hab ich den Eugen das letzte mausgraue Stündchen immer solo singen lassen, hab’ ostentativ demütig gepafft, hab’ ihn bepustet und beweihräuchert, höchstens noch den Refrain leis mitgebrummelt. Weil ich gespürt hab’, wie sehr er das braucht: die männliche Unterwerfung. So brav war ich. Und innerlich saumäßig bewundert und extrakeusch geliebt hab’ ich ihn in unseren Münchner Nächten sowieso.
...In Berlin hat er dann prompt das Pech gehabt, dass ich auf jeder Rennbahn vorn lag, so sehr er sich auch abgestrampelt hat, um sein Augsburger Hühnerbrüstchen als Sieger ins Zielband zu drücken. Mein erster Gedichtband kam vor seiner Hauspostille raus, obwohl ich ja bekanntermaßen nicht die Bohne dichten kann, während der Eugen wie ein manischer Automat, wie eine geniale Blechpresse – nach hundert Versen Ausschuß - unweigerlich zuletzt doch noch den einen Vers für die Ewigkeit ausspuckt.
...Richtig schlimm für den Kleinen war, wie er auf dem Theater von mir getoppt wurde. Er hatte alles superschlau geplant und dann generalstabsmäßig durchgezogen. Das totale Chaos war ja vorbei, jetzt wollte er die totale Übersicht. Er bringt also einen echten Reißer mit schmissigen Songs und kessen Sprüchen - just so hüfthoch provokant, dass die linken Genossen mit ihrem Grips für drei Groschen noch mitprusten können. Wird auch ein netter Erfolg. Gibt auch ein bißchen Wind in den besserern Blättern. Aber wer sahnt so richtig ab? Wer wird jahrelang in der ganzen Republik, Stadttheater rauf Stadttheater runter, ohne Ende durchgenudelt? Bei wem gibt es zum großen Reibach auch richtig schönen Rabbatz? Bei meiner harmlosen Schmonzette haben noch in der tausendsten Provinzvorstellung die Weltkriegsveteranen mit frischen Eiern geschmissen. Und die rechten und die linken Protestierer kraxelten zum obligatorischen Krakeelen Schulter an Schulter auf die Kulturklappstühle. Aber abgebrochen werden mußte keine einzige Vorstellung. Links wie Rechts hat sich gleich nach dem gemeinsamen Buh schwuppdiwupp wieder auf den roten Samt gehockt, weil sie insgeheim ganz schlimm gespannt waren, wie es beim Zucki weitergeht.
...Kein Wunder, dass der Eugen erst gelb vor Neid und dann vollends politisch geworden ist. In sein Tagebuch hat er damals geschrieben: „Zuckmayer korrupt bis zur totalen Marktgängigkeit. Dazu demokratisch seicht. Einem Fabrikantensöhnchen wie ihm ist die Bestechlichkeit angeboren.“ Zu mir natürlich nie ein Wörtchen über mein schändlich kommerzielles Herkommen. Der Eugen hat immer gewußt, dass wir in arg ähnlichen Glashäusern sitzen – beziehungsweise zur kreativen Erholung in unseren Häusern auf dem Land, die wir uns fast gleichzeitig von unseren Tantiemen gekauft hatten. Für einen rumpeligen Gasthof am Ammersee haben nämlich sogar dem Eugen seine drei Theatergroschen locker gereicht.
...Jetzt wo ich hier unten in Euer Fortschrittsplastik hineintippe, rührt es mich nochmal bis in die Knochen, wie parallel die ganze Chose damals bei uns beiden gelaufen ist. Zwei richtig flotte Gäule, die rotzigen Nüstern in derselben Brise, die Mäuler gierig im selben Hafersack, und dann auf und davon im gleichen Gallopp, bevor der Metzger Hengstsalami aus uns machen konnte. Kurz nacheinander sind wir auf dem damals üblichen Zickzack-Kurs in den USA gelandet. Hollywood? Why not! Ein bißchen Film hatten wir beide doch schon in Berlin gemacht. Wir dachten wirklich, die warten bloß drauf, dass ihnen der Eugen und das Carlchen zeigen, wie die Cowboys ab sofort über die Leinwand zu hoppeln haben. Aber Pustekuchen! Ich hab’ den Griffel nach zwei Jahren hingeschmissen und bin Farmer in Vermont geworden. Der Eugen hat allerdings wirklich bis zuletzt geglaubt, dass er den Amis eines seiner Drehbücher und da drin dann auch noch seine Kassiber ans kinosüchtige Volk unterjubeln könnte.
...Sommer 45 hat er uns auf der Farm besucht. Hitler war schon hinüber. Eugen sah schlecht aus. Wir haben ihn erstmal zum Hühnereier-Suchen auf die Wiese hinter der Scheune, geschickt. Ei hat er keins mitgebraucht, ist nur versehentlich auf zwei draufgelatscht mit seinen kalifornischen Sandalen. Das wirklich Praktische, die richtige Mischung aus Grob- und Zartsein, das Anpacken, das sich wie ein Streicheln anfühlt, das hat er halt nur theoretisch gekonnt. Vielleicht ist er auch deswegen nicht mehr aus dem Politischen herausgekommen. „Leg doch bitte das ideologische Korsett ab, Bert!“, hat meine Frau zu ihm gesagt, als er dann beim Essen, den Mund voll Rührei, zum dritten Mal mit den Produktionsmitteln im Privatbesitz anfing. Unsere Hühner hab’ ich Ende August geschlachtet, samt dem alten Hahn, um den es mir ehrlich leidtat. War Zeit. Die Amis hatten das mit dem atlantisch-pazifischen Doppelsieg seelisch nicht verkraftet und wurden zackpeng paranoid. Also retour nach Europa!
...Der Eugen und ich, wir machten einfach wieder Theater. In der Schweiz! Why not? Die verstanden wenigstens einigermaßen Deutsch. Bei mir läuft es prompt super an, aber beim Eugen hakt es an allen Ecken. Kriegt erstmal nichts auf die Bretter. Na, die Macht und das Geld sind halt immer schon da, wenn man selber auf der Szene aufkreuzt, und dann stellt sich halt die Frage, wie und wo man sich als Künstler am günstigsten anwanzt, solange der Rüssel noch spitz genug zum Stechen ist. Spitz war Eugen schon noch, aber auch müd. Spitz und gierig und müde zugleich.
...„Saug, Eugen! Saug, was du kannst, wenn du schon zu diesen Brüdern mußt! Schlürf’ aus diesen Stalin-Schwuchteln raus, was du rauskriegen kannst. Why not? Einen wie dich kriegen die doch nicht mehr an die Angel. Ein eigenes Theater ist das Mindeste, was Du als Originalgenie verlangen kannst!“ Das hab’ ich dem Eugen noch ins Ohr gebrüllt, als ich ihn auf dem Airport Zürich, unten an der Gangway, zum Abschied umarmt, als ich ihn mir nochmal hoch an die Brust gezogen habe. Ich wollte dem Kleinen halt Mut machen – für eine Sache, die ich mich selber gar nicht getraut hätte. Und dann ging’s ab mit vier Propellern und tausendsechshundert PS übers Gebirg, über Wien und Prag, bis ins Reich Lilliput. Freiwillig in die Diktatur der Gnome! Noch knappe sieben Jahre Zigarren und Braunkohle, Lügen und Tricksen, Ducken und Mucken, dann war mein Eugen perdu.
Na, und jetzt?
Der Feuchtwanger hat gesagt, der Becher hätte rausgekriegt, der Eugen soll ganz in der Nähe sein. Da hinten, wo der Granitdeckel unserer Halle so elegant absackt, wo die Tropfsteinzahnlücken bis auf den letzten Winkel golden vergittert sind, da hinten, wo sie uns partout nicht weiterlassen wollen, da soll es einen Tunnel geben, der direkt zu den Originalgenies hinüberführt. Hab’ gerade nochmal versucht, den Kerl anzuzapfen, der mir die Schreibmaschine gebracht hat. Obwohl hier jedes Kämmerchen für teutonische Kulturschaffende reserviert ist, spricht keiner vom Personal ein Wörtchen Deutsch. Und obwohl mein Amerikanisch wirklich noch super ist, tun die schwarzen Jungs mit den roten Hörnchen immer so, als kapierten sie höchstens jeden zehnten Satz. Dabei reden sie untereinander astreinen Westküstenslang.
...Was macht der Eugen wohl dahinten? Hier bei uns muß der arme Becher für das bißchen Sündigen, für das Morphium und das Kriechen in den Arsch der Macht, sämtliche Telefonate von Walter Ulbricht transkribieren. Ich seh’ ihn visàvis in seine schwarze Olympia hacken, den Kopfhörer auf der schwitzigen Glatze. Ist noch viel Arbeit. Die haben hier unten restlos alles mitgeschnitten, in erstklassiger Tonqualität. Der Ulbricht sei aber trotzdem sauschlecht zu verstehen, außer wenn er Russisch spräche. Behauptet der Becher. Was der Feuchtwanger, der Lionel, der alte Lustmolch, zur Zeit und womöglich in alle Ewigkeit machen muß, behalt’ ich erstmal für mich.
...Nu, genug geplaudert! Denke, es reicht. Außerdem: Die Arbeit wartet. Ich sortiere seit anno dunnemals Autogrammpostkarten. Zur Zeit: Deutschsprachige Bühnen- und Filmschauspielerinnen 1890 - 1960. Die Mädels müssen bloß alphabetisch geordnet werden. Nicht der schlechteste Job. Sind tolle Bilder dabei. Werd’ nachher versuchen, eins für den armen ausgehungerten Feuchtwanger abzuzweigen. Die Kollegen glauben übrigens felsenfest, dass die Originalgenies auch arbeiten müssen. Strafe soll sein. Wünscht sich zumindest der Becher. Vielleicht haben die den Eugen hier erstmal alle Kampfgesänge der internationalen Arbeiterklasse ins Schwäbische übersetzen lassen, und jetzt muß er noch einen Song nach dem anderen für Mundharmonika, Schalmei und Wanderklampfe einrichten? Würd’ ich ihm glatt gönnen, dem Möchtegern-Rattenfänger, dem Augsburger Erzzigeuner.
...Also, lieber Georg Klein, ich bleib’ am Ball. Ich krieg’ was raus. Grüßen sie alle, die mich oben noch kennen! Und melden sich bitte-bitte wieder!

Mit kollegialem Gruß
Ihr Carl Zuckmayer

P.S.: Schreiben Sie in Zukunft doch einfach Carlchen. Ach, was! Noch besser ist, Du sagst, wie es der Eugen damals in Weißwurst-Sparta aufgebracht hat, Du sagst für den Rest der Ewigkeit „Zucki“ zu mir!

(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)