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Chandler/Der lange Abschied
Daß der Weg zum Erfolg in der Regel eine krumme Tour ist, gilt auch
für den Schund. Selbst hier, wo der Autor von Anfang krampfhaft auf
das schielt, was das Genre, der Markt, die Mode und die Marotten der Leser
von ihm zu verlangen scheinen, ist nicht sicher, daß ein Buch reüssiert.
Und wenn sich der Erfolg dann früher oder später doch einstellt,
hat er nicht selten ein Gesicht, das dem vorausgegangenen Kalkül
die Zunge herausstreckt.
Als Raymond Chandler in den Jahren von 1951-1953 unter schwierigen Umständen
an seinem Roman Der lange Abschied schrieb, konnte er nicht ahnen,
was diesen Text zu einem Kultbuch der nächsten fünfzig Jahre
machen würde. Noch heute nennt es der Klappentext der deutschen Ausgabe
einen "Kriminalroman", preist es als den "Klassiker des
Klassikers" und erhebt das Buch zum Nonplusultra eines Genres, zu
dem es allenfalls beiläufig gehört.
Zwar stellt uns Der lange Abschied eine Reihe kleiner und großer
Gangster, mieser und redlicher Bullen vor. Auch einen Mord gibt es, der
nach umständlichem Hinundher zuletzt halbwegs schlüssig aufgeklärt
wird, aber die alte Krimi-Frage, wer es aus welchem Motiv getan hat, interessieren
Autor und Held nur noch anstandshalber. Die Hartnäckigkeit, mit der
der Privatdedektiv Phillip Marlowe in den Romanen Chandlers bei der Sache
bleibt, hat mit Aufklärung, mit dem Glauben an hinreichende Gründe
und an den Sinn ihrer Aufdeckung gerade noch pro forma zu tun. In seinem
müden, fast mechanischen Recherchieren erinnert Marlowe an den Beamten
einer überflüssig gewordenen Behörde, der bedeutungslose
Vorgänge bearbeitet und zwischen den staubigen Aktenbergen nur auf
eine einzige Sache wartet, auf den magischen Moment, in dem die Tür
aufgeht und ein Mann hereinkommt: Ein Mann nach seinem Geschmack!
In The Long Good-Bye findet Marlowe diesen Mann gleich mit dem
ersten Satz: "Als ich Terry Lennox zum erstenmal zu Gesicht bekam,
lag er betrunken in einem Rolls-Royce Silver Wraith draußen vor
der Terasse des Dancers." Einen Absatz lang ruhen der Blick des Erzählers
und damit das Augenmerk des Lesenden auf dem malerisch hingestreckten
Lennox, und trüge man als Krimi-Konsument nicht die Scheuklappen
des Genres, man verstünde umweglos, daß es sich bei diesem
innigen Anschauen um Liebe auf den ersten Blick handelt. "Es war
in der Woche nach Thanksgiving, als ich ihn wiedersah." So lakonisch
und zugleich verhohlen zärtlich beginnt das zweite Kapitel. Erneut
stößt Marlowe durch einen schicksalhaften Zufall auf Terry
Lennox. Wieder ist Lennox fast besinnungslos betrunken und dieses Mal
auch völlig verwahrlost und halbtot vor Erschöpfung. "Ist
der feine Herr in der dreckigen Wäsche vielleicht ein richtig guter
Freund von Ihnen?" fragt der Polizist, der Lennox gerade festnehmen
wollte. Und Marlowe antwortet: "Gut genug für mich, um zu wissen,
daß er einen Freund braucht." Hier und an vielen anderen Stellen,
kann man den tragenden Unterton eigentlich nur noch überhören,
wenn man krampfhaft-schamhaft weghört: Im Langen Abschied
geht es vor allem um Gefühle, genauergesagt um Gefühle zwischen
Männern. Dieser lange und oft betulich langsame Roman gehört
einem großen und dennoch halb im Verborgenen blühenden Genre
an - dem ‚Sentimentalen Männer-Roman'.
Lennox und Marlowe freunden sich an. Sie treffen sich regelmäßig,
um in leeren Bars die frühen Abendstunden zu vertrinken. Zweimal
gibt der Roman ihre Thekengespräche als Dialoge in Direkter Rede
wieder. Es ist jenes Gemisch aus markigen Sprüchen, Weltschmerz und
Frauenhaß, für das Chandler berühmt ist und das auch in
der deutschen Literatur seine Nachahmer gefunden hat. Anrührender,
weil ohne toughes Getue, ohne philosophisch verbrämtes Selbstmitleid
sind die beschreibenden Passagen, in denen Marlowes Blick ungebrochen
sentimental, fast naiv auf dem anderen Mann ruht: "Ich sah ihm nach,
bis er außer Sicht war. Das Licht eines Schaufensters traf einen
Augenblick lang den Schimmer seines weißen Haars, als er im leichten
Nebel verblaßte und entschwand."
Terry Lennox, dem sein Freund Philip Marlowe bei Begrüßung
und Abschied nicht einmal die Hand gibt, verschwindet nach dreißig
Seiten, als angeblich tot aus der Handlung und taucht erst in der Schlußszene
des Romans wieder als agierende Figur auf. Auf den über dreihundert
Seiten dazwischen bekommt es Marlowe, infolge seine zarten Gefühle
für Lennox, mit einer ganzen Serie roher Männer zu tun, und
es bleibt nicht beim Händeschütteln. Man will ihm ans Leben,
und in zwei Fällen wird Marlowe erheblich verletzt.
Einmal schlägt ihm ein Polizist im Verhör mit der Faust gegen
den Hals, ein andermal ein Gangster mit einem Revolver ins Gesicht. Beide
Verletzungen zieht sich Marlowe wegen Lennox zu, und beide machen ihn
auf gewisse Weise dem verschwundenen Freund ähnlich. Denn aus den
Mißhandlungen im Polizeiverhör bleibt dem Privatdedektiv eine
Lähmung der Mimik, vom Schlag des Gangsters ein von Rißwunden
entstelltes Gesicht zurück. Marlowes Freund Lennox hat im Krieg eine
schwere Kopfverletzung erlitten, und seine rechte Gesichtshäfte wird
als "wie gefroren", kreideweiß und mit dünnen, feinen
Narben gesäumt" beschrieben.
Am Ende des Romans kommt der totgeglaubte Lennox zurück. Er hat sich
in Mexiko einer Gesichtsoperation unterzogen. Sie ist fast perfekt gelungen,
sogar eine Nervenverpflanzung wurde vorgenommen, die die gelähmte
Seite seines Gesichts belebt. Aber Marlowe verweigert dem Zurückgekehrten
die Erneuerung der Freundschaft und in einem umständlichen, literarisch
überambitionierten Schlußdialog wälzt Chandler allerlei
wenig glaubwürdige moralische Motive für die emotionale Abfuhr,
die Lennox erleidet.
Dabei liegt die Erklärung für das Erkalten von Marlowes Gefühlen
auf der Hand, und ihre bleiche Wurzel ragt schon im ersten Satz des Romans
zu Tage. Als Marlowe vom Blitzschlag der Liebe auf den ersten Blick getroffen
wurde, lag Lennox leblos in einem Rolls Royce Silver Wraith. ‚Wraith'
meint im Englischen den Geist eines Toten, der unmittelbar vor oder nach
seinem Hinscheiden den Lebenden als Gespenst erscheint. Als "Wraith"
hat Lennox das Herz des harten Marlowe gewonnen, und Marlowe hat den Freund
von Anfang an vor allem wegen seines effektvollen Tod-Seins geliebt. Das
ist mehr als homoerotische Nekrophilie, es ist wie alle Männerliebe
zu einem guten Teil Spiegelung des eigenen Geheimnisses im Liebesobjekt.
Insgeheim spürt Marlowe, daß er - nicht nur wenn sein Gesicht
wie das von Lennox halbgelähmt ist - selbst halbtot ist.
Etwas Ähnliches fühlen wohl auch die Männer, die sich bis
heute, den Sätzen Chandlers folgend, mit seinem Helden, dem großen,
schweren, sentimentalen 42-jährigen Halb-Zombie Marlowe identifizieren.
Das kann ich als Geschlechtsgenosse ruhigen Bluts verstehen. Aber mich
schaudert, wenn ich einer begeisterten Chandler-Leserin gegenüberstehe.
Was muß geschehen, daß eine Frau diesem lüsternen Totenkult,
dieser sentimentalen Selbstvergötterung der halbparalysierten Kerle
erliegt?
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)
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