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Leonard Cohen/“Schöne Verlierer“

„Ich bin ein alter Gelehrter und sehe jetzt besser aus als in meiner Jugend. So wirkt sich das Sitzen auf dem Hintern aufs Gesicht aus.“ Das zynische Bonmot, mit dem sich hier der Held eines Romans vorstellt, schafft das Kunststück, Jugend und Alter mit einer Kugel zu treffen. Beide Lebensphasen, die erinnerungsferne und die hautnahe, scheinen diesen alten Knaben gleichermaßen zu bösem Spott zu reizen. Und das verwundert nicht weiter, wenn man über die Figur hinweg auf deren Erfinder blickt: Der Verfasser der starken Worte ist nämlich erst knappe Dreißig und legt ein Buch vor, das von den Abenteuern seiner Jünglingsjahre handelt. Deren alles umfassende Gegenwart ist ihm gerade erst zur schmerzlich entbehrten Vergangenheit geworden, und der erlittene Verlust ist so frisch, daß er sich einen hämischen Greis als Erzähler erfinden muß, um, zeitlich und emotional, die nötige Distanz zum Jung-Sein zu schaffen.
...„Wir müssen lernen, hübsch an der Oberfläche zu bleiben. Wir müssen lernen, die äußere Erscheinung zu lieben.“ So wird, auf der nächsten Seite, die zweite männliche Hauptgestalt des Romans zitiert. Und einige Jahre lang scheinen die beiden Freunde dies auch geschafft zu haben. In ihrem Leben reihen sich außerordentliche Augenblicke aneinander - zum Beispiel der folgende, in dem die beiden mit über neunzig Meilen pro Stunde durch die Nacht rasen und gemeinsam onanieren: „So existierten wir vor einem ewigen Auge für eine Sekunde: Zwei Männer in einer stählernen Muschel Richtung Ottawa, brausend, blind gemacht von einer sich mechanisch steigernden Lust, ..., zwei schwellende Schwänze der Ewigkeit zugewandt, zwei nackte Kapseln gefüllt mit Tränengas, um den Aufruhr in unseren Köpfen niederzuschlagen, zwei glühende Ruten .. , Lollipops (orangefarben im Lampenlicht) als Opfergabe der zerissenen Landstraße dargebracht.“
...Der Rest der Szene ist nicht weniger schwülstig und mag, kritisch betrachtet, zum Lachen reizen. Aber auch Kritiker sind einmal jung gewesen, und so gehört die wilde Nachtfahrt der jungen Männer zu einer Literatur, die regelmäßig auch das Herz des Feuilletons gewinnt: Pop-Literatur! Der Romancier, um den es mir geht, besitzt sogar die höchsten Weihen, die ein Pop-Autor erwerben kann: Der kanadische Schriftsteller Leonard Cohen ist als Songwriter und Sänger seit über drei Jahrzehnten eine Ikone der internationalen Massenkultur.
...Cohens Roman Schöne Verlierer spielt Anfang der 60er Jahre in Montreal. Seine Helden sind drei junge Leute, zwei Männer, die sich seit ihrer Kindheit eng verbunden sind, und eine junge Frau indianischer Abstammung, mit der der eine verheiratet ist. Ihr Leben kreist um die heilige Dreifaltigkeit des Pop, um Sex, Drogen und Musik. Wobei der Sex eindeutig der dominante Gottvater dieser Religion ist. Schon diese frühe Pop-Jugend wurzelt in einer Wohlstandsgesellschaft und verfügt über Zeit und Gelegenheit, Sex nicht nur aus Lust, sondern auch aus Langeweile zu betreiben. Auf dem Gebiet der sexuellen Privilegien finden auch die entscheidenden Tabu-Brüche statt: Homoerotik, Promiskuität, symbolische Unterwerfungsspielchen und handfeste sadomasochistische Praktiken. „Es ist alles eingeschlossen in dem sogenannten Fick“, meint eine Krankenschwester, halb barmherzige Nonne halb weltkluge Hure, programmatisch, als sie mit einem der Erzähler das tut, wovon sie spricht.
...Gleichzeitig ist beim Sex aber auch das Bedürfnis nach ideologischer Absicherung am größten. Cohens Helden brauchen einen Ersatz für die bürgerliche Gefühlskultur, deren Fesseln sie abstreifen wollen, und sie finden ihn in jener eigentümlichen Verklärung von Schmerz und Hingabe, die Leonard Cohens Songs berühmt gemacht hat. Seine erotischen Helden sind Märtyrer, an das Kreuz einer Kunstreligion genagelt, ein Kreuz, das sich der Autor von ‚Schöne Verlierer‘ mit einigem Aufwand aus jüdischen, christlichen, anarchistischen und indianischen Versatzstücken zusammengezimmert hat. Daß diese Hilfskonstruktion zumindest vorübergehend trägt, kann jeder bestätigen, der irgendwann in den letzten Jahrzehnten auf einem Cohen-Konzert das Einwegfeuerzeug hochhielt, um sich in den fünf metaphysischen Minuten von "Suzanne" eine Brandblase am Daumen zuzuziehen.
Pop ist leicht zu verspotten. Es braucht nur ein paar Jahre Abstinenz von den Lieblingsplatten und –büchern der Jugend, um ihr hohles Pathos, ihre fadenscheinige Machart, ihre plumpen Überlistungsangebote beschämend deutlich zu sehen. Mein Exemplar der Schönen Verlierer stammt aus den späten 70er Jahren. Der Platten- und Buchversand Zweitausendeins hatte Cohens Prosa damals im Schlepptau seiner Plattenerfolge, zu märchenhaften Auflagen verholfen. Aber blickt man nur so, durch den in der Zeitgeschichte erkalteten Mief der westdeutschen Wohlstandswohngemeinschaften, auf Cohens Prosa, tut man ihr auch Unrecht.
Zu den besten Passagen in Schöne Verlierer gehört ausgerechnet die Beschreibung eines Pop-Songs. Der Erzähler lauscht im Radio einem aktuellen Hit. Einer Gruppe namens Gavin Gates&Die Göttinnen gelingt es mit den wenigen stereotypen Liebes- und Weltschmerzphrasen, die ein solcher Song braucht, die ganze Erfahrungswelt des Jung-Seins heraufzubeschwören. Der Romancier Cohen nimmt sich vier Seiten Raum, um die albernen und armen Verse mit den Assoziationen des einsamen Radiohörers zu einer grotesken und doch anrührenden Szene auszubauen. Nach dem Lied stürmt der Erzähler aus seiner Wohnung, weil er den Radiosender von einer Telefonzelle aus anrufen will: „Dann war ich auf der Straße, um vier Uhr morgens, die Straßen feucht und dunkel wie frisch gegossener Zement, ... ich war draußen in der kalten normalen Welt, ..., ein Seufzer zum Lobpreis des Daseins blähte meine Brust und entfaltete meine Lungen wie eine Zeitung im Wind.“
In den raren Momenten ihres Gelingens singen Popmusik und Popliteratur ein Lob des Daseins, wie es nur die Jugend zum Tönen bringen kann. Dann bricht sich zwischen Kitsch und Weltschmerz jene „Gier nach allem“ Bahn, die den jungen Körpern und ihrem erinnerungsschwachen Geist vorbehalten ist. „Oh mein Liebling, was für einen Krüppel haben Geschichte und Vergangenheit aus deinem Körper gemacht, was für einen bedauernswerten Krüppel.“ sagt der eine Held des Romans zu seinem Freund, als es mit dessen jugendlichem Glanz zuende geht. Und eigentlich müßte auch heute jeder, der aus der scheinbar überlegenen Perspektive des Älteren über die Popversessenheit der nachgewachsenen Jugend spottet, auf eine solche Spiegelung gefaßt sein.
...Leonard Cohen hat nach Beautiful Losers, das 1966 erschien, keinen Roman mehr veröffentlicht.“Ich fühle, wie mein Vorrat an Schund zu Ende geht.“ bekennt einer seiner beiden Erzähler, und vielleicht hat Cohen es in kluger Ökonomie verstanden, den eigenen schwindenden Vorrat in kleinen Formen, in Gedichten und Song-Texten, für die lange Wegstrecke des Alterns zu rationieren. Sein zweiter und letzter Roman ist aber noch einmal dem Kraftüberschuß und der Daseinsgewissheit des jungen Körpers geschuldet, er ist ein Feuerwerk aus Kitsch und Pop, aus pompöser Altklugheit und jähen Geniestreichen, aber zugleich ein Funken sprühender literarischer Scheiterhaufen: die Brandbestattung einer modernen Jugend.


(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)