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DIE LÜGE UND DIE TOTEN
Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“
Alle populären Genres buhlen recht verlogen um die Gunst ihrer Leser.
Die Liebesgeschichte gleicht dabei einem notorischen Heiratsschwindler,
der Horrorroman einem gewieften Geisterbahnbetreiber, die Kriminalstory
aber ähnelt einem schlauen Jesuiten. Denn wie diese weltgewandten
Gottesmänner versucht sie die überirdische Offenbarung und das
Wissen der Aufklärung aus ein und demselben schwarzen Ärmel
zu zaubern.
...So sind die Helden der Kriminalliteratur
seltsam hybride Geschöpfe. Einerseits scheinen sie gottgelenkte Schlafwandler,
denen der rechte Hinweis stets im rechten Moment aus heiterem Himmel in
den Schoß fällt. Andererseits geben sie vor uns aber auch den
braven Handwerker des Erkennens und werkeln erfolgreich mit der Rohrzange
der Vernunft. Gerade diese Mixtur aus schicksalshafter Eingebung und logischer
Maloche garantiert den Erfolg beim Leser, und damit wir das hanebüchene
Doppelspiel glauben, muß Seite für Seite getrickst, getäuscht
und geschwindelt werden.
...Der 29-jährige Friedrich Dürrenmatt
hat dies zweifellos gewußt. Aber der banale Ernst des Lebens, Geldmangel
und Existenzangst, saß ihm 1950 so im Nacken, dass er sein Glück
auf die gängige Karte des Trivialen setzte. Wie es das Genre verlangt,
stattet auch er seinen alten Kommissar Bärlach mit beidem aus, mit
einem haarsträubend unglaubwürdigen Instinkt für die kommenden
Geschehnisse und mit dem Klempnerkasten des kausalen Denkens. Doch weil
es dem jungen Schweizer Schriftsteller zugleich ernst war mit der Kunst,
bringt er ergänzend jene Gegengifte zum Einsatz, die die Erfolgsgier
und den erfolgversprechenden Hang zur Lüge, die unvermeidlichen Ingredienzien
des Kriminalromans, in einer chemischen Balance halten: die Demütigung
des Aufklärers und den Respekt vor den Toten.
...Für die Figuren, die sich bei Dürrenmatt
der Erkenntnis verschrieben haben, für Kommissar Bärlach, für
seinen Vorgesetzten und für seine Untergebenen, hält die Handlung
ein wunderbares Repertoir subtiler Erniedrigungen bereit. „Alles,
was wir wissen, hilft uns weiter!“ meint Bärlachs Assistent
Tschanz einmal trotzig, in Wahrheit jedoch ist es eher so, dass jeder
Wissenszuwachs, jeder Fortschritt in der Aufklärung des untersuchten
Mordes die Wahrscheinlichkeit von erneuter Düpierung und Beschämung
in sich birgt.
...„Ich liebe die Toten nicht.“
beteuert der an Magenkrebs leidende Kommissar eingangs gleich zweimal.
Und allein schon die schwere Operation, die ihm bevorsteht, wäre
Grund genug, den Leichen, die der Fall mit sich bringt, nicht allzu nahe
zu kommen. Am Ende jedoch wird sich Bärlach, selbst vom Tod gezeichnet,
über einen Leichnam neigen und ihm seine Reverenz erweisen. Für
den Lesenden wiederholt sich hier etwas. Denn auch am Anfang des Buches
steht ein solcher Akt von Totenpflege, anrührend ungeschickt vollzogen
von einem Schweizer Dorfpolizisten. So beugt sich der erfolgsgeile Pfeil
der Aufklärung, biegt sich, schließt sich zum Kreis. Eine Geste,
eine erzählerische Figur nur - aber vielleicht das Beste, Schönste
und Wahrste, was eine ambitionierte Kriminalgeschichte gegen die Lüge,
die dem Genre zugrunde liegt, ins Feld führen kann.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |