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DIE STIMMEM DER FERNEN TOTEN

Umberto Eco souffliert dem Mittelalter

Es gehört nicht viel dazu, pauschal an das Mittelalter zu glauben. Diese fernen Jahrhunderte und die Menschen, die sie erlitten haben, wird es wohl gegeben haben. Irgendwo müssen die schmucken Ruinen rechts und links des Rheins ja herkommen. Sogar in unseren Städten, deren historischer Text vom großen Radiergummi der angloamerikanischen Bomberflotten auf Readers Digest Format zusammengekürzt wurde, steht noch das eine oder andere mittelalterliche Bauwerk. Und die Magazine unsere Museen sind reich genug an vorneuzeitlichem Kleinkram, um landauf landab, in den Vitrinen von Dauer- und Sonderausstellungen, mit verblichenen Meßgewändern, dünngegriffenen Münzen und dem einem oder anderen gelben Mönchsschädel ein hübsches Sammelsurium mittelalterlicher Dinglichkeit anzurichten.
...Aber wer reichlich Gerümpel präsentieren kann, hat nicht zwangsläufig viel zu erzählen. Dort wo uns das Mittelalter noch in Artefakten entgegentritt, sind seine Überbleibsel zunächst nichts weiter als alt, schön alt bis schäbig alt, aber nicht unbedingt vielsagend alt. Man muß nur eine Runde durch den Kölner Dom drehen und nicht auf die Altäre, sondern in die Gesichter der Anwesenden sehen, dann erkennt man, wie wenig den meisten Besuchern der abgekratzte Stein und das bemalte Holz zu sagen vermag.
...Überhaupt scheint es nicht gut um unsere historische Kultur zu stehen. Wenig von der Vergangenheit zu wissen, ist längst keine Schande mehr, allenfalls in speziellen Situationen ein wenig peinlich. Und falls einer im Kölner Dom unangenehm davon berührt ist, wie stumm das ganze Drumherum bleibt, kann er einen der ausliegenden Kirchenführer erwerben. Diese Broschüre zeigt ihm dann, welchen Grad mutloser Erschöpfung das Erklären und Erzählen in der zuständigen akademischen Zunft erreicht hat. Gebetsmühlenartig drehen sich die Namen der Heiligen, der Bischöfe und der Kaiser vor den Augen des Lesers. Der historiographische Text, einst Hörrohr am Leib des Vergangenen und Megaphon des bürgerlichen Selbstverständnisses, er hilft nicht weiter, er scheint selbst Beistand nötig zu haben.
...Geholfen wird denen, die nach den Stimmen des Mittelalters suchen, nicht im Dämmer der Kirchen oder auf den Katalogtischen der Ausstellungen, sondern im lichten Eingangsbereich der großen Buchhandlungen. Dort, wo die aktuellen Paperbacks, die Bestseller und die Bestseller-Aspiranten unsere frische Aufmerksamkeit abgreifen. Hier heißt das Mittelalterbuch „Die Heilerin von Canterbury“‚ „Des Kaisers Frauen“ oder „Die Kinder des Gral“. Es sind populäre Biographien, kulturgeschichtliche Schmöker und Spannungsromane, nicht wenige davon sogenannte Mittelalter-Krimis.
...Hier liegt ab sofort auch die deutsche Übersetzung von Umberto Ecos letztem Werk. Im Gegensatz zu den meisten anderen Neuerscheinungen braucht dieses Buch kein Mittelalter-Signal im Titel. Der Name des Verfassers, das Markenzeichen ‚Umberto Eco‘, steht bereits für die Beschäftigung mit dem Mittelalter und zugleich für den Erfolg, den man damit haben kann.
...„Baudolino“ heißt der Roman, in dem das Leben des gleichnamigen Helden erzählt wird. Der italienische Bauernjunge Baudolino trifft im heimatlichen Wald den deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa, wird sein Pflegesohn und bleibt kaiserlicher Dienstmann bis zu Barbarossas Tod. Damit ist der epische Pflug in fruchtbaren Boden gestoßen. Denn Barbarossa ist nicht irgendein mittelalterlicher Regent, sondern der Lieblingskaiser der Deutschen, sein Leben ist reich an großen Taten und abenteuerlichen Wechselfällen und sein Ertrinken im Fluß Saleph umwogt die Aura des Geheimnisses. Barbarossa ist keine Figur, deren Form unter der Kruste der sogenannten Fakten erstarrt ist, sondern er gehört zu den wenigen Gestalten des Mittelalters, deren Bedeutung sich in sagenhaften und mit Heilserwartung aufgeladenen Geschichten bis in unsere Gegenwart weiter umgewandelt hat.
...Daraus läßt sich etwas machen, wenn man es mit dem Erzählen ernst meint. Bei Eco spricht auf einem knappen Dutzend Eröffnungsseiten zunächst Baudolino selbst. Schon als Halbwüchsiger hat er in seiner Regionalsprache begonnen, seine Erlebnisse auf Pergament festzuhalten. Von diesem Manuskript haben sich die Anfangsblätter erhalten, den Rest läßt Eco in den Unglücksfällen der Handlung verlorengehen. Das setzt einen originellen pseudo-dokumentarischen Auftakt, für den der Übersetzer Burkhart Kroeber ein gewagt gut verständliches Mittelhochdeutsch erfunden hat. Dann hebt im Tonfall eines allwissenden Erzählers die Rahmenhandlung des Romans an.
...Im Jahre 1204 wird Konstantinopel, die Hauptstadt des oströmischen Reiches, von einem Kreuzfahrerheer erobert und geplündert. Der ungefähr 60jährige Baudolino ist just zu diesem Zeitpunkt von einer langen Irrfahrt durch den Orient an den Rand Europas zurückgekehrt. In der brennenden Metropole am Bosporus rettet er einem alten byzantinischen Würdenträger das Leben. Dieser Niketas Choniates, Kanzler des Kaisers von Byzanz, ist Historiker, und er verspricht seinem Helfer zum Dank dessen Geschichte aufzuschreiben und damit den Verlust von Baudolinos autobiographischem Manuskript wettzumachen. Die Erzählsituation, an der die Leser vordergründig teilhaben, ist also das Gespräch dieser beiden alten Männer. Rückblickend berichtet Baudolino dem nachfragenden Zuhörer Niketas fünfzig Jahre seines Lebens.
...In dieser regelmäßig eingeschobenen Rahmenhandlung hören wir Baudolino in direkter Rede sprechen. Der Großteil der berichteten Ereignisse steht aber unter dem Diktat des auktorialen Erzählers, der Baudolinos Abenteuer vom Feldherrnhügel des Bescheidwissens überschaut und dirigiert. Baudolino rückt dann in die Dritte Person. Aber er bleibt meist Hauptfigur des Geschehens, seine Sicht auf die Welt ist die bevorzugte, und er kommt auch in den zahlreichen Gesprächen der Handlung als Ich zu Wort.
...Das ist ein bewährtes Verfahren, und was es für den historischen Roman leisten kann, ist unbestreitbar: Der Lesende darf sich mit der historischen Gestalt identifizieren und ist doch nicht völlig in sie eingeschlossen. Einerseits genießt er die Freuden der intimen Anteilnahme und erlebt, daß man auch im Mittelalter ein Mensch wie Du und Ich war. Andererseits verspürt er die wohligen Schauder des Befremdens, sobald der Erzähler die Linse auf Weitwinkel stellt, damit Ritterheere eisern aufeinander krachen, Henkersknechte auf Marktplätzen foltern und Gläubige vor Reliquienschreinen in religiöse Verzückung fallen können.
...Der historische Roman ist, wenn sein Verfasser Maß hält und eine überzeugende Auswahl aus der überbordenden Fülle des Überlieferten zu treffen weiß, ein raffiniert ausgewogenes Gericht, opulent und diätetisch zugleich. Im besten Fall bleibt dann der auktoriale Erzähler, dessen Stimme uns das Donnern weltbewegender Schlachten ebenso wie das Seufzen auf königlichen Liebeslagern zu Ohr bringt, auf eine elegante Weise unsichtbar. Wir müssen nicht an den Autor denken, obwohl erst er, seine Komposition und sein Stil, das wirre Rauschen der historischen Quellen zur gleichmäßigen Schwingung der Romanhandlung moduliert.
...Der ideale Verfasser eines großen historischen Schmökers ist also ein diskreter Diktator, der seine Mittel zu verbergen weiß. Zu diesen Mitteln gehört auch sein theoretisches Wissen, die Kenntnis der Methoden, mit denen man Informationen aus anderen Zeiten sammelt, ordnet und deutet, und die Kritik, der man diese Methoden unterwerfen kann. Die ganze Wissenschaft vom Vergangenen hält sich am besten im Abseits, oder zumindest ganz am Rande eines historischen Romans auf. Der Verfasser, der immer Nutznießer historischer Arbeit, wenn nicht selbst Amateur- oder sogar Berufshistoriker ist, hütet sich in der Regel den theoretischen Werzeugkasten mitten in der Handlung aufklappen. Eco neues Buch jedoch schlägt den entgegengesetzten Weg ein, es redet im Übermaß von der Historie.
...Schon die ersten Seiten, der Anfang von Baudolinos verlorenem Manuskript, sind ein Geschichtswerk, das sein Entstehen reflektiert. Der junge Baudolino versteht sich als Historiker und plant seine „Gesta Baudolini“ im Geist der mittelalterlichen Lebenschroniken. Das Pergament, das Ecos Held beschriftet, war ursprünglich mit einem anderen historischen Werk beschrieben, mit der ersten Fassung der „Chronica sive Historica de duabus civitatibus“. Ihr Autor ist Bischof Otto von Freising, als Figur des Romans der erste Lehrer des jungen Baudolino. Dieser Mann ist aber auch Onkel Friedrich Barbarrossas und hat die „Gesta Friderici“, den wichtigsten zeitgenössischen Text zum Leben des Kaisers begonnen. Das Werk wurde von seinem Sekretär Rahewin vollendet, auch er eine Gestalt des Buchs. Es wimmelt also in diesem Roman nur so von Geschichtsschreibern und ihren Werken.
...Schon die Rahmenhandlung, das Gespräch mit dem byzantinischen Historiker bietet folglich Gelegenheit, in allgemein verständlicher Form auf Fragen der historischen Methode zu sprechen zu kommen. „Auch ich beschäftige mich beim Schreiben der Chroniken meines Reiches besonders mit den kleinen Neidereien, den Haß- und Eifersuchtsgefühlen, die sowohl die Familien der Mächtigen als auch die großen öffentlichen Unternehmungen erschüttern. Auch Kaiser sind Menschen, und die Geschichte ist auch Geschichte ihrer Schwächen.“ gibt Niketas Baudolino uns über knapp tausend Jahre hinweg zu bedenken. Wer würde dem widersprechen wollen. Und der Gestus des Belehrens paßt gut zur Figur des alten byzantinischen Würdenträgers. Aber leider sind wir fast nirgends in Ecos Roman vor Belehrung sicher.
...Die Historie selbst, der Umgang mit der Vergangenheit, ist sein Thema, und dieses Thema lauert regelrecht auf den Leser. Immer muß er damit rechnen, daß ein Gespräch erzwungen zwanglos in geschichtskritische Stellungnahmen mündet, daß sich eine Figur oder der Erzähler mit einer entsprechenden Sentenz zu Wort meldet. „Ja, ich weiß es ist nicht die Wahrheit, aber in einer großen Geschichte kann man kleine Wahrheiten ändern, damit die größere Wahrheit vortritt.“ heißt es apodiktisch auf der vorletzten Seite des Buches. So läßt sich zweifellos auf das von Baudolino Berichtete zurückblicken. Aber muß sich damit auch noch der Byzantiner Paphnutios, eine Nebenfigur der Rahmenhandlung, als eine weitere geschichtsphilosophische Sprechpuppe des Autors zu erkennen ergeben?
...Der Schaden, den diese kluge Geschwätzigkeit anrichtet, ist dort besonders auffällig, wo Eco eine vielsagende Handlung zu bieten hat. Im letzten Drittel des Romans bricht Baudolino zu einer Orientfahrt auf, um das sagenhafte Reich des Priesters Johannes zu finden. Die Reisenden treffen auf Basilisken, Chimären und andere Ungeheuer, mit denen sie sich leibhaftig herumschlagen müssen. Aber das Erscheinen der Fabelwesen als handelnde Figuren leidet darunter, daß der Leser sie bereits auf ungut papierene Weise kennt. Sie kamen schon vor, als erzählt wurde, daß antike und mittelalterliche Reisberichte während Baudolino Pariser Studiums zu seiner Lieblingslektüre gehörten. Und diese Lesefrüchte mußten in seinen Briefen an die Kaiserin Beatrix und in einem von ihm gefälschten Schreiben des Priesters Johannes an Barbarossa erneut Effekt machen. Selbst als die schon arg strapazierten Monster dann wirkliche Körper bekommen, kann der Erzähler nicht darauf verzichten, auf den Überlieferungszusammenhang der sagenhaften Wesen zu verweisen. „Er trat aus einem Felsblock, indem er den Stein aufsprengte, wie schon Plinius berichtet.“ heißt es über den Basilisken.
...Man hat solche Verfahren eine Zeitlang postmodern oder gar posthistorisch genannt. Zu Unrecht, denn ihr Verhältnis zur Historie ist nicht wirklich spielerisch oder gar poetisch souverän, sondern nur auf eine kecke Art parasitär. Auch die Ironie, die immer wieder anklingt, zehrt ganz unverhohlen weiter vom Glanz der geschichtlichen Bildung: Es ist die Überhebung des belesenen Bescheidwissers, desjenigen, der überzeugt ist, sich so gut auszukennen, daß er gelegentlich auch einen faden Jux aus dem Gewußten machen darf. Wenn man überhaupt von einem erzählerischen Spiel sprechen kann, dann ist es eine jener schlauen Veranstaltungen, bei denen ein ausgebuffter Routinier kein Risiko eingehen will.
...Aber wer erzählerisch nichts riskiert, verliert unter Umständen alles. Vielleicht wäre die blasierte Großspurigkeit des Textes leichter zu ertragen, wenn sein Held Baudolino auf etwas kleinerem und unsicherem Fuße leben würde. Aber auch der ist von der ersten Seite an als Oberschlaumeier, wenn nicht gleich als Genie ausgewiesen. Und seine Geniestreiche haben fast immer direkt mit den großen geschichtlichen Ereignissen seiner Zeit zu tun. Als betrügerischer Visionär, als Textfälscher, als Ghostwriter und als genialer Einflüsterer des Kaisers ist Ecos Emporkömmling, trotz Liebesunglück und einiger anderer allzumenschlicher Pannen, stets die geschichtsmächtige Gestalt der Handlung. Und natürlich redet er auch noch davon: „Es macht mir Vergnügen, Dinge geschehen zu lassen und der einzige zu sein, der weiß, daß sie mein Werk sind.“
...Das könnte als größenwahnsinnige Spitze auch in einem gelungenen Schelmenroman stehen. Für einen Schelm jedoch, für einen leichtfertigen Lügner und Tunichtgut, ist diese Figur durchweg zu geltungshungrig. Und je hemmungsloser der Erzähler mit Baudolinos Talenten kokettiert, ihn als Sprachgenie und als perfekten Erzähler rühmt, um so zudringlicher beschleicht einen der Verdacht, daß sich Eco in diesem Baudolino ein Alter ego erschaffen hat. Des auffälligen Hinweises, daß der Autor und sein Held aus demselben Winkel Italiens stammen, hätte es nicht bedurft.
...„Du hältst dich wohl für allmächtig. Das ist eine Sünde des Hochmuts.“ wirft Niketas am Anfang des Romans seinem Gesprächspartner vor. Aber wer Baudolino über fast 6oo Seiten treu bleibt, wird nicht von der großen noblen Todsünde des Hochmuts, sondern eher vom kleinen Laster der professioneller Eitelkeit, sprechen. Baudolinos Profession ist eine Mischung aus Schriftstellerei, Geschichtsforschung und politischem Ränkespiel. „Die Leute glauben an alles, sofern man zu ihnen nur von den Toten spricht.“ sagt Baudolino einmal, als er von einer betrügerischen Totenbeschwörung erzählt, die er durchschaut, während der Kaiser von Byzanz darauf hereinfällt.
...Was hier, als Mischung aus Weltklugheit und Herablassung anklingt, kann man an vielen Stellen des Romans heraushören. Dumm sind die vielen, die schlichtweg an die Vergangenheit, an ihre Überbleibsel und an die damit verbundenen Geschichten glauben. Klug sind dagegen die, zu denen Baudolino gehört, die Reliquienbastler, die Fälscher historischer Urkunden, die tonangebenden Geschichtsschreiber aller Zeiten und wohl auch die Verfasser von Mittelalter-Romanen.
...Mag man sich als Leser auf die Seite dieser schlauen Strippenzieher schlagen? Allzu sehr gleichen sie jenen Historikern, die heute lautstark und larmoyant mit der erzählerischen Vergegenwärtigung des Vergangenen hadern, weil sie den Scheincharakter dieses ehrwürdigen Unternehmens entdeckt haben. Damit sind sie zwar aus dem Himmel der alten Grandiosität gepurzelt, aber indem sie ihre frischen Skrupel, ihre professionelle Misere, zum Grundproblem unserer Kultur stilisieren, haben sie eine neue Form von Überhebung gefunden. Und wehe, wenn sie dann auch noch Romane schreiben, die ironisch mit dem schwankenden Sinn und dem fragwürdigen Heilsgewinn des historischen Erzählens spielen!
...So wächst mit der fortschreitenden Lektüre von Umberto Ecos neuem Roman die Sehnsucht nach einem echten Historienschinken und zugleich der respektvolle Neid auf die vielen, die solche Bücher noch vorbehaltlos genießen können. Die große Leserschaft dieser Schmöker ist noch im Paradies des historisierenden Erzählens. Wer in die populäre Biographie eines mittelalterlichen Kaiser taucht, tut dies, weil er sich mit dem vitalen Selbstvertrauen des einschlägigen Lesers zutraut, die ferne Zeit und ihre Gestalten heraufzubeschwören. Mühelos evoziert die Phantasie eines solchen Lesers das Vergangene, gerade weil er sich um objektives Wissen, um geschichtliche Wahrheiten und um deren Geltungsmacht keine Sorgen machen muß. Diese Kundschaft wird sich ‚Baudolino‘ versehentlich kaufen, wird sich wundern, warum in diesem Buch fast alles schlau ironisiert wird, und vielleicht wird der eine oder andere dieser Leser irgendwann ärgerlich mutmaßen, daß dieser Autor ihm die Freuden einer illusionären Vergangenheitserfahrung schlichtweg nicht gönnt.
...Viele werden das Ende des Romans nicht erreichen. Dort mimt der alte Baudolino zuletzt noch für ein Jahr den Säulenheiligen. Die notorisch Dummen pilgern zu ihm, und die Leser, die durchgehalten haben, können mit ihnen erleben, wie Baudolino die hellsichtigen Ratschläge und die philosophischen Einsichten nur so aus dem Mund strömen. Dann bricht der alte Scharlatan auch dieses Experiment ab und verabschiedet sich von seinem Gesprächspartner, um Richtung Orient zu verschwinden. Das Buch will keinen rechten Schluß finden. Baudolino kann nicht sterben, wie so viele in diesem Buch, wie sein Vater, ein armer Bauer, wie die meisten seiner Gefährten und auch sein Kaiser in manchmal wirklich anrührend geschriebenen Szenen sterben dürfen.
...Und eigentlich hat dieser geschwätzige Kerl, der uns, den Zeitgenossen des Autors, in seiner intellektuellen Angeberei auf eine peinliche Weise am nächsten ist, den Tod auch nicht verdient. Seine Stimme kann und darf nicht zu den Stimmen jener Toten gehören, nach denen wir lauschen, wenn wir uns vor dem verdunkelten Firnis eines Tafelbildes oder in den vielen hundert Seiten eines Historienschmökers um Vergegenwärtigung des Mittelalters mühen. Die zeitgenössische Respektlosigkeit vor den fernen Toten, eine Mischung aus hemmungsloser Bescheidwisserei und ebenso haltloser Ironie, wie sie aus diesem Roman spricht, ist vielleicht die sicherste Methode, sich die Vergangenheit, das Staunen vor ihrer Fremdheit wie vor ihrer Vertrautheit, möglichst weit vom Leibe zu halten.
...Der Umschlag der deutschen Ausgabe zeigt einen winzigen Ausschnitt aus einem Fresko von Piero della Francesca. Ein junger Mann bläst mit geblähten Backen in eine Trompete. Wir ahnen nicht, wie ein solcher Trompetenstoß geklungen haben mag. Alles, was als Ding, Bild oder Text aus fernen Jahrhunderten in unserer Zeit herüberragt, ist auf eine seltsame Weise still geworden. Und der erzählerische Atem der Geschichtsschreibung scheint nicht mehr stark genug, um ihm eine Stimme zu leihen, die uns anrühren könnte. Aber wer das Bild des jungen Trompeters eine Weile anschaut und aufgibt, es historisch beherrschen zu wollen, mag dennoch blitzartig erkennen, daß unser Glück vor den Toten daher rührt, daß wir gleich ihnen nur ein einziges ohnmächtiges Leben haben.

(Geschrieben für die Berliner Zeitung)