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Grimmig unter Eingeweihten
William Gaddis’ nachgelassenes Manuskript „Agapé Agape“
als „Das mechanische Klavier“ in deutscher Übertragung
Es ist ein rechtes Wunder des Lesens, dass wir den Prosa-Monolog glauben.
Kein Mensch denkt oder spricht auch nur annähernd so, wie die moderne
Literatur ihre Figuren vor uns zu Wort kommen läßt. Ein Satzstrom,
wie er sich in den fiktiven Ansprachen und Inneren Monologen großer
Romane Bahn bricht, ließe sich nirgends in freier Wildbahn aufschnappen,
und die raffiniertesten Lauschapparate der Zukunft werden wohl auch in
unserem Hirn nichts Derartiges aufzeichnen. Gewiß sind das Kind,
das sein einsames Spiel laut kommentiert, und der kauzige Alte, der auf
der Straße mit sich selbst spricht, entfernte Verwandte der Ich-Erzähler,
die in der Literatur alleine reden. Aber nie würde ein Mitschnitt
eines realen Selbstgesprächs die überwältigende Wirklichkeitsillusion
hervorrufen, die der Kunstmonolog literarischer Gestalten zu schaffen
vermag. Im Fall der einsamen Rede ist - wie so oft - das äußerlich
Erlebte nur auf eine ziemlich diffuse Weise wirklich. Allein das Artifizielle,
in Handlungseinheit mit unserer Phantasie, evoziert die Aura der Authentizität.
...Der letzte Text des amerikanischen Romanciers
William Gaddis (1922-1998) ist ein knapp hundert Seiten langer Monolog.
Der Leser bekommt beiläufig die Umrisse einer Szene: Ein alter todkranker
Schriftsteller liegt im Schlafzimmer seines Hauses. Der pflegebedürftige
Greis hat sein Bett, weil ihm das Aufstehen wegen eines frisch operierten
Beines unmöglich ist, dicht mit Bücher- und Manuskriptstapeln
umgeben. Knapp wird eine Vorgeschichte angedeutet: Es spricht ein bekannter,
sogar preisgekrönter Autor, der es nicht zu Reichtum, aber immerhin
zu einem Anwesen auf dem Lande gebracht hat. Es gibt drei erwachsene Töchter,
an die er seinen Besitz zu vererben gedenkt und bei denen er noch eine
kurze letzte Lebensspanne zu verbringen hofft.
...Dieser Alte hebt mit dem Wort „No“
zu reden an. Das dritte Wort bereits ist „you“, davon muß
sich der Leser angesprochen fühlen, denn ein anderes Gegenüber
bietet der Text zunächst nicht an. Und zwei Zeilen weiter wissen
wir, wozu der Kranke sich, trotz schwindender Kraft, trotz Schmerzen,
teils aufgeputscht teils gehemmt von psychoaktiven Medikamenten, aufzuschwingen
hofft: Es geht ihm um eine unvollendete schriftstellerische Arbeit. Vor
unseren Augen – auf der Bühne des Prosamonologs - will er ein
lang gehegtes, aber nie zusammenhängend verfaßtes Werk zumindest
rudimentäre Kontur annehmen lassen.
...Dieses Projekt sollte eine Episode der
jüngeren Technikgeschichte erzählen: die Entwicklung und den
Siegeszug des mechanischen Klaviers, der ersten digital gesteuerten Maschine,
am Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber mindestens genau so wichtig wie die
technologische und ökonomische Darstellung sind dem Schriftsteller
die medien- und kunsttheoretischen Reflexionen, die er damit verbinden
wollte. Um das Wesen der künstlerischen Kreativität, um die
Authentizität von Kunsterfahrung, um die ganze ästhetische Krise
der Moderne sollte es in seinem nie zu Ende geschriebenen Opus magnum
gehen.
...Auch im Leben des Schriftstellers William
Gaddis hat es eine entsprechendes Sisyphus-Arbeit gegeben. Über fünf
Jahrzehnte war Gaddis parallel zu seinen Romanprojekten mit eben jener
Geschichte des mechanischen Klaviers beschäftigt. Bereits 1951 veröffentlicht
er hierzu einen Artikel im Atlantic Magazine, in den großen Romanen
„The Recognitions“ und vor allem in „IR“ hat sich
diese Obsession niedergeschlagen, im Nachlaß von Gaddis finden sich
darüber hinaus tausende Seiten Material und Notizen- eine gewaltige
Papiermühle, in der sich in Zukunft die Literaturwissenschaftler
müde arbeiten dürfen.
...Den Lesern, die zu „Agapé
Agape/Das mechanische Klavier“ greifen, bleibt dergleichen Fron
erspart. Das Buch, das sich in der deutschen Ausgabe Roman nennen muß,
ist nicht nur dem Umfang nach schlank. An keiner Stelle tendiert der Monolog
zur Breite. Wo es um Technik- und Mediengeschichte geht, wird blitzlichtartig
beleuchtet, weder chronologisch erzählt noch explizit analysiert.
Ähnlich verhält es sich mit den Beispielen aus Musik und Literatur,
denen kein essayistischer Bogenschwung vergönnt wird. Als Erfahrungssplitter
des Sprechenden, genossen, erlitten und bedacht, glühen sie kurz
auf, um oft schon nach einem Satz der nächsten Erinnerung, dem nächsten
Gedanken Platz machen zu müssen.
...Dies ist von radikaler Rücksichtslosigkeit
gegen alle Leser, die der Verständlichkeit gemächlicher Kausalketten
bedürfen, die in Darstellung wie Reflexion nach säuberlich ausgepinselten
Vorder- und Hintergründen verlangen. Nein, für eine solche Mit-
und Nachwelt fehlt es dem Erzähler nicht nur an Zeit und Kraft, sondern
auch an gutem Willen. Längst ist er überzeugt, dass man den
allermeisten die Wahrheit eh umsonst predigt, daß man niemandem
etwas eintrichtern könnte, was er nicht von selbst begriffe. Dieser
todkranke Denker macht keinen Hehl aus seinem elitären Selbstbewußtsein:
Er spricht für Eingeweihte. Die wenigen, die überhaupt verstehen
können, was in Welt und Kunst gespielt wird, bringen aus der eigenen
leid- und lustvollen Erfahrung schon das Nötige mit, um das enggefügte
Stückwerk seiner Rede in den rechten Zusammenhang zu setzen.
...So mag man in einem ersten Zugriff an
die monologisierenden Grantler und Nörgler deutschsprachiger Prosa
denken, und tatsächlich taucht Thomas Bernhard, dessen Werk für
den späten Gaddis ein wichtige Leseerfahrung war, im Text als einer
auf, der den Sprechenden vorauseilend plagiiert habe. Aber der Ton macht
die Musik: Genau gehört, ist der helle und stets auf Knappheit bedachten
Grimm, der Gaddis‘ Erzähler vorantreibt, doch etwas anderes
als der trübe Weltschmerz, als das ausufernde Selbstmitleid, die
die misanthropen Helden unserer neueren Literatur am Schwätzen und
Räsonieren halten. Das Amerikanisch dieses Monologs wirkt muskulös.
Selbst wo es im Satz abbricht, sprüht seine Bruchkante noch vor Energie.
Es ist eine Sprache, die Mumm hat. Mit einer Beherztheit, um die wir sie
als Deutsche herzlich beneiden dürfen, wirbt sie, auch, wo sie nicht
‚you‘ sagt, um ihr Du, um das Ohr des Lesers.
...Glücklich wer „Agapé
Agape“ im amerikanischen Original lesen kann. Denn anderenfalls
begibt er sich auf Gedeih und Verderb in die Hand des Übersetzers.
Marcus Ingendaay hat sich die Sache nicht leicht gemacht. Ambitioniert
versucht er im gegenwärtigen Deutschen einen Ton für Gaddis‘
vitalen Schwanengesang zu finden. Zurecht wagt er es, das, was im Text
einmal „just to get the sequence right“ genannt wird, die
rechte Reihung eben, auch durch mutige Umstellungen, durch Weglassen und
Hinzufügen neu zu erringen. Und dies wäre ihm vielleicht gelungen,
wenn er den beiden Potenzen des Leseakts, der Kraft der Textvorlage und
der Phantasie der Lesenden, vertraut hätte.
...Uns, die deutschsprachigen Leser, hält
Ingendaay jedoch eher für Hilfe suchende Geister, denn Gaddis Text
wird ihm regelmäßig der Erklärung bedürftig. Das
beginnt bei zahlreichen kleinen rhetorischen Hilfestellungen, und nimmt
nicht selten den Charakter aufdringlicher Bescheidwisserei an. Wenn der
Erzähler im Zusammenhang mit seinem verletzten Bein in einem Gedankensprung
plötzlich von „Jenseits des Lustprinzips“ und von einem
spricht, den seine Mutter „Sigi ,mein Gold“ genannt hat, vertraut
das amerikanische Original darauf, dass wir auch ohne Nennung des Namens
wissen, wer im folgenden gemeint ist. Ingendaay muß uns jedoch sogleich
eilfertig ein „laut Freud“ soufflieren.
...Noch kundiger gebärdet sich der Übersetzer,
als zum ersten Mal ein Buch Thomas Bernhards ins Spiel kommt. Der Leser
des Originaltexts muß sich die ganze Passage, immerhin eine Seite
lang, mit einem kryptischem ‚he‘ begnügen. Die deutsche
Übersetzung fällt sofort mit einem „schreibt Thomas Bernhard“
ins Haus und fügt, als gelte es, die Fleißarbeit der Recherche
zu beweisen, auch den Namen der Bernhardschen Romanfigur, deren Worte
zitiert werden, hinzu.
...Unangenehm wird Igendaays Erklärungswut,
wo sie weniger den Leser als den Autor zu bemuttern beginnt. „Jacquard’s
loom hits you square in the belly.“ heißt es über die
verhängnisvolle Erfindung des halbautomatischen Webstuhls, dessen
Warenbaum dem Weber bei jedem Webgang in den Magen trifft. „Die
Jaquardmaschine war der erste echte Tiefschlag in die Magengrube der Menschheit.
Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes ...“ macht Ingendaay daraus.
Die drastische Allerweltswendung „voll in den Magen“ muß
mit dem falschen Bild des boxerischen Tiefschlags, der ja eben nicht in
den Magen, sondern unter die Gürtellinie geht, überboten werden,
und dann soll es, um den Kelch der Stilblüte ganz aufzuzwingen, auch
noch der Magen der Menschheit sein.
...Zum Teil scheint der rhetorische Übereifer
der Übersetzung dem Bestreben geschuldet, den Charakter der Mündlichkeit
zu verstärken. Weit mehr als im Original wird das Anredepronomen
‚Du‘ strapaziert. Ein bündiges ‚See‘ muß
im Deutschen zu einem „Aber fällt Dir was auf? Genau!“
ausufern. Und ein abrupt eingeschobenes und hart gefügtes „wait
wait wait“ zerläuft zu einem flauen „Moment mal, ich
muß das mal kurz ...“. Allzu oft werden die matten Füllwörter
alltäglichen Geredes wie „nämlich, etwa, gleich, tja,
halt, na egal, wirklich, eigentlich, bloß, überhaupt, also“
zu einem auffallenden Stilmittel dieser Übersetzung.
...Der Erzähler des Originals ist aber
alles andere als ein Schwätzer. „... and finally the audience
instructing eachother“ heißt es lakonisch bei Gaddis. In der
Übersetzung aber lesen wir:“ ... und wohin das führt,
ist hinlänglich bekannt. Am Ende will das Publikum sogar Meister
sein und sich in einer Art Selbsthilfegruppe wechselseitig alles Nötige
beibringen ...“ Wessen Deutsch ist das? Der Jargon gegenwärtiger
Selbsthilfegruppen? Gewiß, das Deutsche kann die eigentümliche
Stringenz und Bündigkeit des modernen Amerikanisch nicht vollends
nachbilden, aber statt immer wieder in flapsiges Gequatsche zu verfallen,
hätte es sich gelohnt zu bedenken, daß es auch in der deutschen
Literatur eine Tradition der schlagend knappen Wendungen gibt.
...Bemüht um geläufige Mündlichkeit
und modische Gegenwärtigkeit, bemerkt Igenday nicht, dass er das
erzählerische Pathos der Figur in Gefahr bringt, wenn er ihr den
dämlichen neudeutschen Spruch „Schluss mit lustig“ in
den Mund legt. Der alte sterbenskranke Mann, der zugleich sensibler Feingeist
und knallharter Realist ist, fordert von sich selbst: „... organize
what‘s essential and throw out the rest of it“. Auf Deutsch
muß es dann aber leider heißen: „Bring Ordnung ins Wesentliche,
hau weg den Scheiß“ - so wie man es vielleicht, zu spaßiger
Jugendlichkeit verdammt, in der Harald-Schmidt-Show herausposaunen würde.
...Einen Spaß aber macht sich Gaddis
letztes Prosawerk bei allem grimmigen Humor nirgends mit uns. Immer bleibt
es eine ernsthafte, oft wütende, manchmal auch anrührend zärtliche
Herausforderung an uns, die zeitgenössischen Leser, mitzudenken und
mitzuphantasieren - so uns das Schicksal der Kunst in modernen Zeiten
noch eine Herzensangelegenheit ist. Gaddis ist seit Dezember 1998 tot.
Er hat im Gegensatz zu seinem letzten Helden seine Arbeit zu Ende gebracht,
und seit der Veröffentlichung von „Agapé Agape“
leben die mysteriösen drei Töchter seines Ich-Erzählers
unter uns. Die Hauptwerke von Gaddis, seine drei großen Romane,
könnten sich hinter diesen namenlosen Figuren verbergen. Aber vielleicht
sind auch drei der antiken Musen gemeint, auf die der Text gegen Ende
mehrfach anspielt.
...Die Musen Euterpe, Erato und Kalliope
sind die Schutzpatroninnen der Musik und der Dichtung. Der mächtige
Zeus, Urbild männlicher Kreativität, hat sie mit der Titanin
Mnemosyne, mit der Göttin des Gedächtnisses, gezeugt. Im Schlußstück
seines Monologs halluziniert Gaddis‘ Erzähler in einer bewegenden
Mischung aus Hilflosigkeit und Hybris um die Gestalt des wahren Künstlers,
dem unter göttlicher Eingebung mehr gelingt, als menschenmöglich
ist. Gottähnlich und zum Scheitern verdammt ist diese Gestalt. Und
der Stift, nach dem der todesnahe Schriftsteller in seinen schweißnassen
Laken immer wieder kramen muß, könnte jener Griffel sein, den
Kalliope ihm über Jahrzehnte stets aufs neue gereicht hat, jenes
schlichte Werkzeug, das diese Muse auch weiterhin – selbst im Zeitalter
des reproduktiven Irrsinns - für die Hand des Genies bereithält.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |