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Unica Zürn |
Georg
Klein
Das Blaue Kapital
Ein allegorischer Versuch
Endlich ist Karneval. Und dieses Jahr sind wir erstmals glückliche
Gäste einer Veranstaltung, bei der weder Kosten noch Anstrengungen
anderer Art gescheut werden. Blue Capital, der ganz besondere deutsche
Anlageberater, hat nicht nur seine vermögenden Geschäftspartner,
sondern auch Sie und mich in einen hauptstädtischen Festsaal gebeten.
Blue Capital ist uns, den Freunden der Literatur, vor allem als Sponsor
eines wichtigen und originellen Literaturpreises bekannt geworden. Auch
der heutige Abend hat Benefizcharakter. Bereitwillig haben wir deshalb
den rechten hohen, aber als Spende zu verstehenden Eintrittspreis entrichtet.
Und jeder von uns, selbst der chronisch Sparsame, hat sich dem Anlaß
entsprechend – es handelt sich um einen Maskenball -in ein zumindest
rudimentäres Kostüm geworfen. Gemeinsam kommen wir in den Genuß
eines bunten Programms, das mit exquisten Einfällen und literarischen
Anspielungen nicht geizt.
...Alles läuft prächtig. Alles
geht in wunderbar stimmigem Rhythmus Schlag auf Schlag. Zeremonienmeister
des Abends ist ein schlanker alter Herr im blauen Frack. Eine Halbmaske
verrätselt uns sein Gesicht, seine Stimme jedoch kommt allen arg
bekannt vor. Es muß sich um einen aus Film und Fernsehen notorisch
populären Menschen handeln. Und er versteht sein Fach. Seine Conference
ist kaum an Geschmeidigkeit zu überbieten. Bis in das neckische Stocken
bis in den schalkhaften Versprecher hinein, versteht er es dabei, den
Schein der Improvisation zu wahren. Und diskret, ohne den Reiz des jeweiligen
Augenblicks zu schmälern, stabilisiert seine Moderation die Spannung.
Ja, wir sind, obschon wir uns leichthin amüsieren, gespannt auf das,
was da noch kommen mag. Wie ein immer dichter, wie immer reicher werdender
Duft liegt die Erwartung des eigentlichen Höhepunktes in der Luft,
vibriert schier unter den gleissenden Kronleuchtern - als endlich eine
grundsätzlich andere Musik einsetzt und die hohen Saaltüren
aufgerissen werden.
...Vier wahre Prachtrösser, vier Pferde,
denen täuschend echte Schwingen über den Mähnen wippen,
ziehen einen offenen himmelblauen Wagen herein. Die goldenen Zügel
des Gespanns hält ein Jüngling, gerade so spärlich bekleidet,
daß ein mehr an Nacktheit ein Nachteil wäre. Unser Conferencier
tritt vor die geflügelten Gäule und spricht den Kutscher, das
Pathos der eingetretenen Stille nutzend, mit überraschend streng
geformten Worten an:
„Man muß gestehen: Du bist jung und schön.
Halbwüchsiger Knabe bist du; doch die Frauen,
Sie möchten dich ganz ausgewachsen schauen:
Der Augen schwarzer Blitz, die Nacht der Locken,
Erheitert von juwelnem Band!
Und welche ein zierliches Gewand
Fließt dir von Schultern zu den Socken,
Mit Purpursaum und Glitzertand!
Man könnte dich ein Mädchen schelten,
Doch würdest du, zu Wohl wie Weh,
Auch jetzo Kerl bei allen Mädchen gelten.
Es lehrte eine jede dich sogleich das ABC.
Und dann, von zartem Wort zu zarter Tat verführt,
Erwiest du dich gewiß als der geborene Verführer.“
Der hübsche Bursche scheint mit dieser Art Vorstellung nicht unzufrieden.
Verlangt aber sogleich, daß auch die Gestalt hinter ihm, der orientalisch
üppig kostümierte Mann, den er chauffiert, mit vergleichbar
flotten Versen charakterisiert wird. Und unser Moderator hat das Entsprechende
in peto:
„Der hinter dir, das Prachtgebilde,
Scheint mir ein König, reich und milde,
Wohl dem, der seine königliche Gunst erlangt!
Sein Günstling hat nichts weiter zu erstreben,
Wo’s irgend fehlte, späht des Königs Blick,
Und dessen reine Lust zu geben
Ist größer als Besitz und Glück
Als Herrscher scheint er mir bekannt
Sein Name jedoch, wie der deine, Knabe,
Mir just bei eurem Anblick aus dem Kopf verschwand.
So harrt ihr beide leider unbenannt.“
Dies wird von uns, dem aufmerksamen Publikum, natürlich sogleich
als schlaue Verzögerung, als lustvoller Aufschub verstanden. Unser
Conferencier rauft sich, pantomimisch grübelnd, das schüttere
graue Haar. Und schließlich, nicht zu früh und nicht zu spät,
hat der schöne Jüngling ein Nachsehen und klärt ihn, stellvertretend
für die ganze Festgemeinde, mit folgenden Worten auf:
„Gern sag ich Dir das Was und Wie.
Der König ist gleich mir Allegorie.
Schau, das gesunde Mondgesicht,
Der volle Mund, erblühte Wangen,
Die unterm Schmuck des Turbans prangen;
Im Faltenkleid ein reich Behagen
Muß ich dir noch den Namen sagen?
Plutus, des Reichtums Gott, steht hier!“
„Sag mir den Namen, Knabe, auch von Dir!“
Weiß sein Gegenüber blitzschnell einzuwerfen, damit der aufklaffende
Reim sich schließt, und wir erfahren sogleich, wer Plutus, dem Gott
des Reichtums, im Karneval als jugendlich schöner Wagenlenker dient.
„Bin die Verschwendung, bin die Poesie;
Bin der Poet, der sich vollendet,
Wenn er sein eigenst Gut verschwendet.
Auch ich bin unermeßlich reich
Und schätze mich dem Plutus gleich,
Beleb und schmück ihm Tanz und Schmaus.
Das, was ihm fehlt, das teil ich aus.“
Ach, so! Denkt es in uns. Denn kaum sind wir aufgeklärt, kaum ist
das Geheimnis gelüftet, sind wir auch schon ein wenig ernüchtert,
sogar ein bißchen enttäuscht. Dergestalt verhält es sich
also. Der Sponsor des heutigen Abends, der Fondsverwalter Blue Capital,
läßt sich als mäzenatischer Sultan verherrlichen. Und
schon versuchen wir auch den Jüngling ähnlich banal, ähnlich
Eins zu Eins, zu identifizieren. Plötzlich gleicht er, trotz seiner
Schönheit, arg einem milchbärtigen Lyriker, der in diesem Jahr
mit Preisen nur so überschüttet wurde. Vermutlich soll er nun
zu allem Überdruß auch noch jene Auszeichnung erhalten, die
Blue Capital gestiftet hat – einen Preis, der doch eigentlich Autoren,
die zu unrecht wenig beachtet sind, vorbehalten sein soll.
Ach, argwöhnt unser Vorurteil, der Karneval, der rasante Paarungsbeschleuniger,
der rücksichtslose Kuppelkönig des Jahreskreises, hat wieder
einmal auf fatale Weise die Richtigen zusammengebracht. Kurz scheint uns
dieser prächtige blaue Wagen eine allzu durchsichtige Kiste, ein
ordinäres Bett auf Rädern, in dem die üblichen Verdächtigen
einander beiwohnen- egal, welche Pferde vor der Bettkante die schwanenweißen
Schwingen schütteln mögen.
...Poesie wie Plutus scheinen unsere kleinlichen
Verdächtigungen zu ahnen. Sie verstehen, daß der moderne Literaturfreund
– sogar im Karneval –Probleme mit dem Allegorischen hat. Also
heben die beiden, der Strom irdischen Reichtums und der Quell der dichterischen
Erfindung, ungefragt zu reden an. Und legen uns, in einem kleinen Zwiegespräch
den grundsätzlichen, den ehrenwerten Langzeitcharakter ihrer Beziehung
ans Herz:
Poesie zu Plutus:
„Hast Du mir nicht die Windsbraut
Des Viergespannes anvertraut?
Der geilen Gäule Kapital, die ungestüme Kraft,
Ihr Schnauben, Schäumen, ihren wilden Saft,
Damit ich lenke, wie du leitest?
Bin ich nicht da, wohin du deutest?
Und wußt ich nicht auf kühnen Schwingen
Für Dich die Palme zu erringen?
Wie oft ich auch für dich gefochten,
Mir ist es jederzeit geglückt.
Wenn Lorbeer deine Stirne schmückt,
Hab ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten?“
Und Plutus antwortet der Poesie:
„Wenn’s nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste,
So sag ich gern: Bist Geist von meinem Geiste.
Du handelst stets nach meinem Sinn
Dein Kapital wirft üppigsten Gewinn.
Bist reicher, als ich selber bin.
Ich schätze deinen Zweig, so grün und hold,
Höher als meine Kronen aus Wertpapier und Gold.“
So anmutig kompliziert geht es zwischen den beiden zu. So geschickt müßte
kombiniert werden, um zu verstehen, wie die beiden Gestalten zusammenhängen.
Aber dazu fehlt uns jetzt doch die Muße. Zudem dämmert uns
unangenehm, wie ungeübt wir im allegorischen Denken sind. Obwohl
wir einen trefflichen Darsteller vor Augen haben, fällt es uns peinlich
schwer, die Poesie, losgelöst von ihren zeitgenössischen Stellvertretern,
als autarke Figur zu imaginieren. Es ist, als würde uns der mädchenhaft
schöne Jüngling unter diesem Bemühen ungut transparent.
Allerlei wenig attraktive Gestalten, Brillen-, Krawatten- und Schnauzbartträger,
durchdrängen als trübe Individuationen den allegorischen Schein.
Der zeitgenössische Schriftsteller, einem Jeden allzu ähnlich
in seiner Welt- und Alltagsverstrickung, und allzu häßlich
in seinem medialen Abbild, kommt dieser Inkarnation der Poesie, ihrem
gegenständlichen Zauber, schmerzhaft prosaisch ins Gehege.
...Noch schwieriger, ja nahezu aussichtslos
scheint es uns, den orientalischen Plutus, diesen Turbanträger, als
gültiges Sinnbild überfließenden Reichtums anzunehmen.
Den Älteren unter uns hängt noch, wie eine vergilbte Karrikatur,
der kugelbäuchige, fette Zigarren schmauchende Kapitalist als Feindbild
ihrer verblichenen weltrevolutionären Ambitionen im Kopf. Für
die anderen hat sich die Figürlichkeit des Reichtums im Schemen eines
gesichtslosen Mehrheitsshareholders, oder gleich in den immer weniger
sagenden Namen, in den Kürzeln und Symbolen transnationaler Kapitalgesellschaften
verloren. Wäre Plutus wenigstens als Ölscheich, als ein weißgewandeter
Saudi, erschienen, wir hätten dies, im Rahmen der heutigen Veranstaltung,
mit einem matten Schmunzeln als einen etwas flauen, aber akzeptablen Faschingswitz
goutiert.
Poesie wie Reichtum scheinen Phänomene geworden zu sein, die man
sich nicht mehr zur Figur geronnen vorstellt. Ja, wer es dennoch tut,
läuft Gefahr für naiv, wenn nicht für Schlimmeres gehalten
zu werden. Und wir fragen uns, wer wohl Blue Capital auf diese närrische,
nur notdürftig durch Karneval und Maskenball gedeckte Idee gebracht
hat, warum der erprobte und weltläufige Anlageberater sich so schlecht
beraten ließ, als er in Sachen Literatur selbst eines Ratschlags
bedürftig war.
...Der Abend schwankt. Dem Ball, dem die
Gunst seiner Teilnehmer bislang so ausnahmshold war, scheint ein schlechter
Stern aufgegangen. Unser Conferencier begreift, was auf dem Spiel steht.
Jetzt ist er gefordert. Er weiß, daß der Augenblick gekommen
ist, die Maske fallen zu lassen. Die Poesie ist ihm dabei behilflich.
Der Jüngling steigt vom Wagen, tritt hinter den alten Herren, befreit
das Gummiband, das sich in dessen grauem Schopf verheddert hat, mit zartem
Zupfen und hebt die blaue Larve von Stirn und Nase.
...Das Gemurmel - fast war es schon ein Gemurre
–erstirbt. Stille und Spannung sind sogleich wiedergestellt. Denn
alle, sogar die blutjungen Serviererinnen, die sich mit den Getränketabletts
durch die Menge schlängeln, begreifen, um wen es sich handelt. Wir
erkennen einen wundersam gesundeten, einen nach langem Pflegeheimheimaufenthalt
offenbar glücklich rehabilitierten deutschen Volksschauspieler und
Showmaster. Kurz genießt der von allen Medien und auch von uns längst
abgeschriebene alte Mime die atemstockende Überraschung, um sich
dann souverän, ohne den geringsten Anflug des überwundenen Gebrechens,
erneut an seine Conference zu machen. Er fühlt, daß Poesie
wie Reichtum noch nicht tief genug in unser Gemüt vorgedrungen sind,
und so fordert er sie auf, uns ihr Vermögen praktisch zu demonstrieren:
„Das Prahlen stand euch beiden schön.
Doch laßt uns Eure Künste sehen!
Das Wort es kitzelt noch in unserem Ohr.
Nun stellt dem Auge seinen Kitzel vor!“
Und die beiden lassen sich nicht lumpen. Sie haben eine Doppelperformance
vorbereitet. Die Poesie und Pluto beginnen, aus reich gefüllten Körben
Perlenketten, Broschen und riesige Goldmünzen in die Höhe zu
schleudern. Alles ist pyrotechnisch präpariert. Noch in der Luft
verwandelt sich das Glitzerzeug in zischende und knatternde Feuerwerkskörper.
Eine unsichtbare Hand hat die Saalbeleuchtung heruntergedimmt und so entlädt
sich dicht über unseren Köpfen, zum Greifen nahe, ein Lichtgewitter,
ein Funkenregen, in dem die Farbe Blau dominiert:
„Kleinode schnippsen beide wie ein Traum,
Und alles hascht im weiten Raum.
Jedoch bevor man was ergriffe,
Zerzischt‘s sofort mit grellem Pfiffe.
Die goldene Gabe flattert uns davon.
Es ist ein brennend süßer Hohn.
Es löst sich auf die Perlenkette,
Es brummen Käfer um die Wette.
Dukaten waren‘s eben noch im Topf
Jetzo umsummen sie unseren Schopf.
Auf dem und jenem unserer Köpfe glüht
Ein bläulich Flämmchen, magisch angesprüht.
Von einem zu dem anderen hüpft’s,
An diesem hält’s sich, dem entschlüpft‘s
Gar selten aber flammt’s empor
Und leuchtet rasch in blauem Flor;“
So kommentiert der Conferencier, was uns wiederfährt. Und erst diese
Verse, die dem Geschehenden bescheiden parallel laufen, sind einigen klassisch
Belesenen unter uns endlich verräterisch bekannt vorgekommen. Vielleicht
hat das glückselige Gucken mit offenem Mund, das Kinnladen lockernde
Gaffen, eine Erinnerungssperre gelöst. Plötzlich war dem einen
oder anderen blichtlichtartig klar, wer heute abend den allegorischen
Gestalten die Reime zurechtgelegt hat.
...Schon ist es herumgeflüstert und
allen gleichermaßen bekannt. Dem klugen Sponsor Blue Capital ist
es gelungen, keinen geringeren als Johann Wolfgang von Goethe zu engagieren.
Er ist der Texter, er ist der bis jetzt geheim gebliebene Ghostwriter
des Abends. Eigens für uns hat er einige Seiten aus seinem Erfolgsstück
Faust, die Maskenballszene aus Faust II, mit leichter Greisenhand zurechtgestutzt.
Das meiste fügte sich nach kleinen Streichungen und Umstellungen
wie von selbst. Und wo ein neuer Vers einen alten ersetzen mußte,
zog ihn der Reim so selbstverständlich herbei, als hätte sich,
was das Verhältnis von Poesie und Reichtum angeht, in den letzten
zwohundert Jahren nichts Wesentliches verändert.
...Ein paar Ascheflöckchen, letzte Schwebestoffe
des Spektakels, sinken auf unsere Häupter. Die Pferde, die das Ganze
absolut gleichmütig, wie echte Profis eben, mitgemacht haben, wenden
den Wagen auf dem von Feuerwerkshülsen übersäten Saalboden.
Die Ängstlichen unter uns fragen sich verspätet, ob das eben
Genossene nicht eigentlich in geschlossenen Räumen feuerpolizeilich
verboten ist. Unser Conferencier steigt zur Poesie und zu Plutus auf den
Wagen. Die Musik setzt wieder ein und geleitet die drei allegorischen
Gestalten nach draußen. Bedauernd, aber auch ein wenig erleichtert,
begreift man, daß der Rest des Abends unmoderiert seinen Lauf nehmen
wird.
...Wenn wir Goethe und Blue Capital richtig
verstanden haben, ist Poesie ohne Reichtum nicht denkbar. Gesellschaftlicher
Überfluß ist die Voraussetzung, die Sprachkunst notwendig braucht.
Aber wenn Plutus in Goethes Faust II die Poesie seinen „lieben Sohn“
nennt, ist doch noch mehr damit gemeint, als daß der Reichtum der
Dichtkunst wie ein notwendiger soziobiologischer Erzeuger, halb Samenspender
halb Unterhaltsleistender, vorausgeht. Die Abstammung, von der die Rede
ist, steht zugleich für eine umfassende Wesensverwandschaft. Man
gleicht einander wie sich nur Nächstverwandte gleichen können.
Was die beiden so traulich zusammenrücken läßt, was sie
in aufreizend intime Reimsilben treibt, ist Ähnlichkeit. Ihr Beziehung
scheint ein wohlgefälliges, ein nicht zu ermüdendes Staunen
darüber, daß sich ihre Weltgestalt und ihr Welttun seltsam
gleichen.
...„So lieb ich dich als nächsten
Anverwandten“, sagt die Poesie bei Goethe zum Gott des Reichtums.
Und umreißt in den folgenden Versen erneut das Hauptmerkmal, daß
beide unübersehbar verbindet. Als märchenhafte Fülle, als
unermeßlicher Besitzstand wird dieser Wesenszug statisch beschrieben.
Deutlicher wird das Gemeinte in den dynamischen Bildern, die sich anschließen.
Das was Poesie und Plutus ihr eigen nennen, ist eben nicht so mühsam
erspart, so hastig errafft, daß es dauernd gegen Minderung oder
Verlust geschützt, daß es ängstlich gebunkert werden müßte.
Wie von selbst, als wäre es seine organische Natur, wirkt dieses
Kapital beständig und freudig freigiebig nach außen.
...Gerade dieses „Glück zu geben“
verleiht beiden ihre Größe. In der Verschwendung finden beide
ihre eigentliche Bestimmung. Verschwendung ist moralisch wie ästhetisch
die Gipfellinie ihres Daseins. Nur wo sich Poesie und Reichtum an ihre
Zeit und ihre Zeitgenossen verausgaben, sind sie wirklich gut und schön.
Verschwendung ist also Tugend wie Genuß. Wobei der Poesie das besondere
Glück zufällt, den seligen Akt des Überfließens nicht
nur zu vollziehen, sondern auch für ihn zu zeugen. Das künstlerische
Werk friert den ekstatischen Moment der Verschwendung in einer magischen
Schwebe ein. Hier vergeht das Vergänglichste nicht – zumindest
nicht sogleich. Für eine lange Weile können die Kunstgenießenden
mittun. Selbst wesensverwandt springt der Lesende auf die schwebende Schaukel
des poetischen Werks, auf die Schaukel der Teilhabe, um sein eigenes blaues
Vermögen, seine Phantasie, darauf zu vergeuden.
„Bin nicht da, wohin du deutest?“ fragt die Poesie den Gott
des Reichtums. Und meint diesen magischen Ort des Mittuns, an dem die
Zeit im glückseligen Akt der Verschwendung stillsteht. Plutus weiß
wohl, daß die Poesie ihm diesen Schwebeflug, diesen letzten magischen
Überstieg, voraus hat. Und solch ein Wissen, ein Selbstverständnis,
das die eigene Begrenzheit in der überragenden Qualität des
Nächsten erkennen muß, kann leicht, in allzu menschlicher Manier,
in etwas Ungutes umschlagen.
...Wie um zu verhindern, daß sich Plutos
Macht ins Zerstörerische wendet, sagt die Poesie mit fast beschwörendem
Ton in der Maskenballszene zu ihm: „Du gönnst mir ja mein Glück!“
Und weil dieses Gönnen etwas wahrlich Großmütiges ist,
weil der irdische Reichtum väterlich wohlwollend zuläßt,
daß die Poesie von ihm wie von einer Startbahn aufsteigt und über
ihn, den Wesenverwandten, hinaus geht, ist die Poesie nur allzu gern bereit,
dem generösen Kapital, das sie mehr als nur sponsert, das sie spiegelt
und freigibt, auch den einen oder anderen Lorbeerkranz zu flechten.
Beirut.
Spätherbst 2003. Die Nacht vom 4. auf den 5. Oktober. Eine mediterrane
Brise weht vom Hafen stadteinwärts. Zwei bundesdeutsche Schriftsteller,
Besucher der arabischen Buchmesse, eingeladen vom Goethe-Institut und
der Frankfurter Buchmesse Gesellschaft, sind zu Fuß auf dem Weg
durch das Zentrumsviertel, das seit den Neunziger Jahren langsam, Haus
für Haus, aus den Ruinen des Bürgerkriegs wiederersteht. Es
ist später Sonntagabend, und Arm und Reich drängen sich in den
wenigen Straßenzügen, die rekonstruiert sind und sich merkwürdig
disneylandhaft zwischen Kriegsruinen und Brachflächen erheben.
...Mein Kollege und ich müssen die breite
Rue Damascus überqueren, um unser Ziel, ein Restaurant, zu erreichen.
Der Verkehr stockt. In beide Richtungen nur Schrittempo, dann Stillstand,
Schrittempo, Stillstand. Mitten in diesem scheinbar alle Karossen gleich
erniedrigenden Stau, ein gewaltiger grauer Mercedes. Seine Scheiben sind
schwarz getönt, so gründlich, daß nicht der Schatten einer
Bewegung nach außen dringt. Die überbreite und überlange
Limousine hat die linke Spur ihrer Fahrtrichtung halb über den Mittelstreifen
hinweg verlassen, und zwingt so alle entgegenkommenden Fahrzeuge ihr auszuweichen.
Der unsichtbare Chauffeur erreicht dies nicht zuletzt mit einem Terroreffekt,
den ich nie zuvor gesehen habe. Das ultrastarke Fernlicht flammt unentwegt
auf, in einem sehr kurzen Takt, in Halb- oder Viertelsekundenabstand.
Diese Halogenblitze blenden so stark, daß es unmöglich ist,
das Auto zu fixieren. Dazu ertönt, arhythmisch versetzt, eine mehrstimmige
Hupe, ein bullenartiges Aufbrüllen, das genau jene Frequenzen einschließt,
die direkt auf Magenschleimhaut und Herzmuskel wirken und bei allen Säugetieren
Beklemmungs- und Panikgefühle auslösen.
...Mein Autorenkollege, jünger als ich
und als Lyriker durch sein Fach zu Feurigkeit verpflichtet, wird sogleich
von Zorn erfaßt. „Wenn ich etwas hasse, dann so etwas!“,
wird er rückblickend zu diesem Moment sagen. Er fädelt sich
zwischen den verbeulten Blechflanken und den schrundigen Plastikstoßfängern,
vorbei an den Rostlauben der Durchschnittsbeiruter, bis an Heck des Monstrums
aus deutschen Landen. Er erwartet, an dessen Nummernschild irgendeinen
Hinweis auf eine besondere Terrorbefugnis, ein Regierungs- , zumindest
ein Diplomatenkennzeichen zu finden. Als er dort nur eines der üblichen
libanesischen Nummernschilder entdeckt, schiebt er sich nach vorne und
schafft es bis an die linke Blinkerkante.
...Der Fahrer muß ihn nun voll im Blick
haben. Ihm wie mir erleuchtet das eiskalte Aufblitzen der Scheinwerfer
den hochroten Kopf des Wütenden. Der junge Dichter scheint kurz davor,
etwas herausschreien zu wollen. Aber er fließt nicht über,
er findet das rechte Wort in keiner der ihm geläufigen Sprachen.
Fuchtelnd verfängt er sich in einem qualvoll gedehnten und zugleich
krampfhaft gestockten Moment. Die blöde Prachtkarosse ruckt einen
Meter weiter, ihr ganzes terroristisches Gehabe verhilft ihr nicht zu
einem erkennbaren Vorteil. Sie bleibt im Stau gefangen. Und die deutschen
Schriftsteller lassen sich mit den anderen Passanten auf die andere Straßenseite
treiben.
...Wenig später saßen wir essend
und trinkend im Freien. Vom Schein des libanesischen Halbmonds und von
der Glut des libanesischen Rotweins halbwegs besänftigt, suchten
wir uns den unsichtbar Gebliebenen im Fond des Mercedes mit Worten vorstellbar
zu machen. Gemeinsam malten wir uns den Hintergrund dieses gespenstischen
Herrn zurecht. Waffen- und Drogenhandel und die märchenhaften Renditen
der Geldwäsche hatten einen Mogul des globalen Kapitals aus ihm gemacht.
Irgendwo in den Hügeln über Stadt bewohnte er seine von einer
kleinen Privatarmee beschützte Villa, die sich einige gläserne
Geschoße in die Höhe und viele Stahlbetonetagen nach unten
in den Fels hinein erstreckte. Und dort in der Tiefe bunkerte unser levantinischer
Krösus seine eigene private Gold-und Platinreserve, weil gerade er,
der Caliogstro der Schwarzgeldströme, keiner Kapitalanlage, nicht
einmal seinen Konten in der Schweiz und am Golf restlos vertrauen mochte.
...So zu denken tat uns beiden gut. Das Klischee
erwies sich als ausgesprochen bekömmlich. Sogar unsere Beziehung,
unsere noch frische Schriftstellerbekanntschaft profitierte davon. Wir
hatten uns erst zwei Tage zuvor in Beirut zum ersten Mal gesehen. Und
dieses Kennenlernen wurde sogleich von einer ungünsigten Ungleichheit
überschattet. Der junge Lyriker hatte nämlich erfahren müssen,
daß ich, der Prosa-Autor, gerade einen ganzen Roman ins Arabische
übersetzt bekam. Die Frankfurter Buchmesse Gesellschaft hatte dies
großzügig initiiert und geschickt alles Weitere mit meinem
Verlag und einem arabischen Exil-Verlag in Köln in die Wege geleitet.
Mein Junger Kollege, ein hochbegabter, sicherlich noch weit unter Wert
gehandelter Dichter, mußte sich dagegen mit der Übertragung
von ein paar Dutzend Versen begnügen. Ich verstand sehr gut, daß
ihn dieses Mißverhältnis heftig geschmerzt hatte, daß
es ihn, auch jetzt, wo wir uns langsam anfreundeten, immer noch ein wenig
grämte. Aber ich schwieg davon. Mein Vorteil war nicht großmütig
genug, sich als Glücksfall zur Sprache zu bringen.
Wenige
Wochen später würde auch Blue Capital bei der Reinszenierung
der Maskenballszene aus Faust II ganz bewußt auf etwas verzichten.
Eine Figur des Dramas mußte verschwiegen werden. In Goethes Original
transportiert der prächtige Wagen, auf dem Plutus und die Poesie
in den Festsaal hereingefahren kommen, von Anfang an noch einen dritten
Mann. Wie ein blinder Passagier ist er dem theatralischen Augenmerk zunächst
entzogen. Aber die Damen von Goethes Festveranstaltung entdecken ihn –
ihre schönen Hälse lang machend – dann doch, so krampfhaft
geschickt er sich auch zwischen die Schatztruhen des Plutus und der Poesie
ducken mag.
Chor der geschmückten Damen:
„Da droben auf dem Viegespann
Erspähn wir einen Scharlatan!
Gekauert hintendrauf gleich dem Hanswurst,
Doch abgezehrt von Hunger und von Durst
Ein Kauz wie niemals noch erblickt,
Spürt weder Schmerz noch Lust,
Wenn Mädchenhand ihn zwickt.
Was treibt ihn her den mageren Tor?
Hat so ein Hungermann Humor?“
Humor? Gewiß nicht. Wie elend muß es um den Geist dieses Kerls
beschaffen sein, wo sein Körper einer zart zukneifenden Frauenhand
keinerlei fühlfähigen Widerstand, keine Faser sensiblen Fleisches
mehr anzubieten hat. Der, der sich dort hinter die Schatzkisten gehockt
hat, wird von den Vertreterinnen des schönen Geschlechts im weiteren
dann noch ein Marterholz genannt. Das heißt biblisch und foltertechnisch
verstanden, die Jammergestalt ist sich selbst ihr Kreuz. Dieser Mann hat
sich an die kahlen Balken des eigenen Mangels genagelt.
...Heute würde man ihn wohl männlich-magersüchtig
nennen. Und so wie er aussieht, hat er das körperliche Spätstadium
dieser Seelenkrankheit erreicht, eine Verfassung, in der sich die Ausgezehrtheit
nicht mehr mit Kleidung maskieren läßt. Aber auch wenn dieses
lebende Skelett kaum mehr Muskeln besitzt, über eine tragfähige
Stimme verfügt es noch. Und so darf – zumindest bei Goethe
- auch diese allegorische Gestalt ausführlich das Wort ergreifen:
„Vom Leib mir ekles Weibsgeschlecht
Ich weiß, dir komm ich niemals recht. –
Einst stand es gut um unser Haus
Nur viel herein und nichts heraus!
Ich eiferte und eifre noch
Für Schachtel, Kist und Schrein!
Das soll jetzt wohl ein Laster sein,
Weil in den allerneusten Jahren
Das Weib nicht mehr gewohnt zu sparen.
So bleibt mir Armen viel zu dulden,
Wo ich nur hinschau Schuld und Schulden!
Jedoch mir steigert’s noch des Goldes Reiz,
Bin männlichen Geschlechts, der Geiz!“
Er ist der unvermeidliche Trittbrettfahrer des Reichtums. Und auch an
jedes Vehikel, das die Poesie auf den Weg bringen will, droht sich, mit
dürren Fingern die Knausrigkeit zu klammern. Wir kennen diese Texte.
Nicht nur augenblicklich, in einer Zeit, wo das Geld, das man für
die Literatur aus dem Fenster wirft, knapper zu werden droht, werden geizige
Werklein produziert. Und im stillen Kämmerchen, am arbeitsfreien
Wochenende des anderswo Geldverdienenden entstehen sie genau so, wie im
Stadtschreiberhäuschen während jenes Jahres, das ein Stipendium
vergeblich in ein Biotop freien, selbstverschwendenden Schaffens zu verwandeln
sucht.
...Auch das blaue Kapitel des Dichters ist
stets vom kratzwollenen Sparstrumpf bedroht. Hinter schwerdurchschaubaren
Scheiben, im Gehäuse der dichterischen Produktion, gerät selbst
das Genie in Gefahr mit dem Pfennig, mit dem halben Cent zu rechnen. Dann
wird an die Lesenden nur ausgezahlt, was der Kalkulation von Zweck und
Absicht unterliegt. Das dichterische Werk wird ein Funktion. Im Entstehen
schielt es auf die Folgen, die es nach sich ziehen soll. Dies ist stets
eine lausige Spekulation. Denn unvermeidlich tritt so an die Stelle poetischen
Okönomie der Verschwendung, ein Wirtschaften mit verknappten Güter,
eine Ökonomie des Mangels.
...In Goethes Faust schafft Plutus auf seine
Weise Abhilfe. Während sich der Geiz noch mit allen zehn Nägeln
an die inzwischen vom Wagen gehobenen Goldkisten krallt, fordert Plutus
die Poesie auf, schnell zu entwischen. Der Trick gelingt. Die geflügelten
Pferde lassen ihre Brustmuskeln spielen. Die Poesie hebt ab. Und aufschwebend,
hoch über unseren Köpfen im Bühnensteigflug befangen, findet
sie, wie es sich für ein verschwendungsfähiges, wie es sich
für ein verschwendungssüchtiges Wesen gehört, noch Gelegenheit,
sich mehr als nur artig, sich stolz und dankbar bei Plutus zu revanchieren:
„So acht ich mich als werten Abgesandten
So lieb ich dich als nächsten Anverwandten.
Wo du verweilst ist Fülle; wo ich bin,
Fühlt jeder sich im herrlichsten Gewinn;
Auch schwankt er oft im widersinnigen Leben:
Soll er sich dir? Soll er sich mir ergeben?
Die Deinen freilich können müßig ruhn,
Doch wer mir folgt, hat immer was zu tun.
Nicht insgeheim vollführ‘ ich meine Taten,
Ich atme nur und schon bin ich verraten.
So lebe wohl! Du gönnst mir ja mein Glück;
Doch lisple leis, und gleich bin ich zurück.“
Fast könnte man, trunken vom Großmut dieser Verse, in einer
endgültigen Amnesie vergessen, daß der gutsituierte und erfolgsverwöhnte
Verfasser, daß Goethe den einen oder anderen beachtenswerten zeitgenössischen
Kollegen ausgesprochen kleinlich, mit Hilfe und Anerkennung geizend, behandelt
hat. Aber wer von uns hätte das moralische Kapital, über fünf
Jahrzehnte hinweg, ein überlanges Dasein lang, auf der Bühne
des Lebens die Allegorie der Großzügigkeit zu geben. Gewiß
steckte auch noch hinter der goldenen Maske des Dichterfürsten regelmäßig
ein habsüchtiger Hungerleider. Selbst der Weimaraner war dann ein
verkappt Knausriger, ein Geizkragen incognito. An solchen Tagen war auch
ihm die Poesie, samt ihrem unerschöpflichen blauen Kapital, irgendwo
hinter den Wolken verschwunden. Und er konnte sich nicht sicher sein,
ob ihm der mädchenhafte Knabe samt seiner märchenhaft orientalischen
Verschwendungssucht noch einmal zu Diensten stehen würde.Am Ende
unserer arabischen Tage fuhren mein junger Kollege und ich mit einem Leihwagen
von Beirut nach Baalbeck. Dort, nahe der syrischen Grenze, haben sich
durch einige glückliche Fügungen der Zeitläufte die imposanten
Ruinen einer spätantiken Stadt erhalten. Über Jahrhunderte hinweg
war man in Heliopolis mit der erfindungsreichen Ausschmückung und
dem nicht endenden Ausbau einer gigantischen Tempelanlage beschäftigt.
...In einem rekonstruierten Gewölbe
sind von deutschen Archäologen kleinere Fundstücke zu einer
Ausstellung zusammengestellt worden. Die Ausgrabenden hatten Artefakte
in allen Stadien der Fertigstellung gefunden. Ein gewaltiger Sarkophag,
wie für einen Hünen gedacht, trägt nichts weiter als das
Rohling gebliebene Reliefbild eines Fauns, dessen nur grobgemeiselter
Körper jedem Betrachter, unverkennbar spöttisch, eine spitze
Zunge und einen steifen Penis entgegengestreckt. Schade, ein wahrer Jammer,
daß diese prächtige Kiste seit zweitausend Jahren leerbleiben
muß.
...Eine gute Gelegenheit sie zu füllen,
hätte sich am 2.November 1970 in Weimar ergeben. Damals öffneten
Pathologen und Restauratoren der an vielen Gütern chronisch knappen
DDR den Sarg Goethes, um den Zustand des Leichmnams zu prüfen. Das
Behältnis war in den Wirren des Kriegsendes umgelagert und irgendwann
auch beschädigt worden. Vor dreiunddreißig Jahren fand das
Untersuchungsteam noch Reste von Haut und mumifiziertem Muskelfleisch
auf Schädel und Knochen, die entfernt werden mußten, bevor
man den blanken Knochen mit den damals zu Gebote stehenden Mitteln konservieren
konnte. Die Foto– und Filmaufnahmen, die zuvor von den mumifizierten
Gesichtsresten angefertigt wurden, zeigen etwas, was man, Goethes Werk
liebend, als den ruinösen Rest eines Lächelns interpretieren
könnte.
...Zumindest den toten Goethe dürfen
wir uns als einen rundum großzügigen, als einen grinsenden
Gerne-Geber, als einen Big Spender vorstellen. Großmütig wie
ein antiker Gott überschaut er auch, was bis jetzt auf seine Verse
zugekommen ist und noch zukommen wird. Seit über 170 Jahren verzeiht
er es allen Verwendern, allen Zweitnutzern, daß sie seine Zeilen
aus dem Zusammenhang reissen, und für Poesiealben, zu Geburtstagstoasts
und als Mottos für ihre miesen Romane verbraten. Ohne Einschränkung
hat er sein Werk auch mir zur Verfügung gestellt.
So wie die späteren Bewohner der Siedlungen um Baalbeck sich nach
Bedarf aus den Ruinen bedienten, sind in dem, was Sie hier gelesen haben,
die Verse von Faust II geplündert, zerstückt, verschoben, und
manchmal sogar verschlimmbessert worden. Goethe ließ mich gewähren.
So generös kann ein großer Dichter sein. Ja, im Tod noch, genießt
er es, verschwendet zu werden.
...Schade, daß wir seinen Knochen den
Baalbecker Sarkophag mit dem geil züngelnden Faun nicht besorgen
können! Allein schon dafür, daß er gute Miene zu diesem
Text macht, hätte er die Kiste verdient. Die Maskenballszene in Faust
II endet übrigens mit dem Auftritt des Großen Pan. Umhüpft
von der Schar der ihm dienenden Faune, zieht dieser Ur- und Allgott in
den Festsaal ein.
Chor der geschwänzten Faune:
„Da kommst du an!
Das All der Welt
Wird vorgestellt
In dir, im großen Pan.
Unter dem blauen Wölbedach
Ist dir die Stückwelt ganz.
Was andere basteln mit Bedacht,
Hängt Dir naturhaft an
Wie uns der Schwanz.“
Ob dies wohl wirklich von Goethe ist? Wahrscheinlich eher nicht. Oder
vielleicht doch? Wer weiß. Wer kann das sicher wissen. Wir wollen
einen Moment lang weder wissens- noch habsüchtig sein. Von wem die
Verse auch sein mögen, eins ist sicher: Sie sind uns wie die Literatur
– diese allerschönste Allegorie der Verschwendung - geschenkt.
(Gehalten als Vortrag an der Universität Kiel Herbst 2003)
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