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Blechorakel und Gipstrommel
Vier Fragen an einen kanonisierten Roman
Als ich, zum dritten Mal in meinem Lese-Leben, nach der „Blechtrommel“
griff, lag mir meine alte Taschenbuchausgabe, verglichen mit den früheren
Lektüren, merkwürdig schwer in der Hand. Es war, als hätte
sich ihr Pappdeckel in der Zwischenzeit einen gewichtigen, einen bleischweren
Untertitel zugezogen: Ein Werk der Weltliteratur!
Davon habe ich, als ich das Buch mit zarten siebzehn Jahren zum ersten
Mal las, noch nichts geahnt. Und auch als Student, bei meiner zweiten
Lektüre, wußte ich nicht, wie weit die Kanonisierung, die literaturgeschichtliche
Heiligsprechung dieses Roman, bereits fortgeschritten war.
Rückblickend muß ich dies eine glückliche Unwissenheit
nennen. Denn dem heutigen Leser ist die Gnade der Unbefangenheit in der
Regel versagt. Günter Grass hat den Literatur-Nobelpreis bekommen,
und sogar jene Feuilletonisten, die zu diesem Anlaß erneut über
die Schwäche seiner letzten Bücher lästerten, hielten sich
ein Hintertürchen offen, um im letzten Augenblick doch noch auf die
Seite der Applaudierenden schlüpfen zu können: Zweifellos sei
Die Blechtrommel, im Gegensatz zu den jüngeren Werken des Schriftstellers,
längst als Weltliteratur ausgewiesen.
Welch exquisite Bosheit gegenüber dem Autor! Wer so lobt, verhält
sich wie ein Archäologe, der der Mumie des Pharaos gönnerhaft
auf die dürre Schulter klopft und ihr zu jenem prallen Leben gratuliert,
das sie in grauer Vorzeit zu führen imstande gewesen sei. Was unseren
Pharao, die öffentliche Figur des Autors Grass angeht, so muß
man ihm allerdings wahrlich nicht beistehen. Mit seiner medialen Macht,
mit einer Resonanzverstärkung, wie sie keinem zweiten deutschen Kulturschaffenden
zu Gebote steht, kann er auch die Zwischenrufe der lobende Tücke
leicht übertönen. Und in jahrzehntelang eingeübter Manier
versteht er es noch auf dem Gipfel des Ruhmes und der Affirmation als
umstritten, bekämpft, gar als verfolgt dazustehen.
Was aber ist mit seinem ersten Roman, der zur Zeit mit erschreckender
Einmütigkeit in den Bleischrank der Weltliteratur eingewiesen wird?
Fragen wir Die Blechtrommel selbst!
1.Frage an die Blechtrommel:
Können Sie Sich an ihre Jugend, an Ihren Erfolg als junges Buch erinnern?
Antwort der Blechtrommel:
„Die Jugend weint anders als das Alter. Sie hat auch ganz andere
Probleme.“
Jung erschien mir Die Blechtrommel auch bei meiner letzten Lektüre.
In dem Sinne, daß sie erkennbar das Werk eines noch jungen Mannes
ist. Wobei man das Schwergewicht wohl auf das Wörtchen „noch“
legen muß. Denn die Gegenwartsversessenheit, die den jungen Menschen
auszeichnet, die ihn in den Augen der Älteren tadelnswert, aber auch
begehrens- und beneidenswert macht, kippt in diesem Buch ständig
um in jene Vergangenheitsverbohrtheit, die einen älteren Zeitgenossen
vor der jeweiligen Jugend bestenfalls resigniert, schlimmstenfalls oberlehrerhaft
dastehen läßt.
Daß Die Blechtrommel beides sein kann, blindwütig gegenwärtig
in ihren besten Szenen und Beschreibungen und so altbacken räsonierend
wie ein frisch etablierter Dreißigjähriger, ist bis heute ein
Rezept, das aufgeht. Frische und Feistheit fügen sich so reizvoll
zusammen, weil der Text dem Lesenden eine Erzähler-Figur offeriert,
die den rethorischen Spagat zwischen hellwacher Gegenwärtigkeit und
müder Besserwisserei aushält: Oskar, den zunächst zwergenwüchsigen,
dann verwachsenen Kunsttrommler.
2. Frage an die Blechtrommel:
Ist uns die Blechtrommel heute das gültige Zeugnis einer Generation?
Antwort der Blechtrommel:
„ ...ich ... weiß, daß ein Nachkriegsrausch eben doch
nur ein Rausch ist und einen Kater mit sich führt, der unaufhörlich
miauend heute schon alles zur Historie erklärt, was uns gestern noch
frisch und blutig von der Hand ging, ...“
Was Oskar hier über seine Gemütslage im Jahre 1946 sagt, hat
eine unheimliche Haltbarkeit bewiesen. Denn In Sachen Historie bietet
Die Blechtrommel weiterhin die Gleichzeitigkeit von „Rausch“
und „Kater“. Bis heute erlaubt die Romanfigur Oskar dem Leser
eine brisante Mischung aus Identifikation und Distanzierung. Oskar vereint,
was im Gefühlshaushalt der Deutschen, wenn er öffentlich wird,
säuberlich geschieden sein will: die Lust am blutigen Geschichtsspektakel
und den Abscheu vor jenen bösen Buben, die die historisch gewordenen
Greuel veranstaltet haben.
Oskar ist Jahrgang 1924, er gehörte, wenn es mit rechten Dingen zuginge,
zu jenen deutschen Männern, die den Zweiten Weltkrieg als Soldaten
erlebten und die man dieser kollektiven Erfahrung wegen zurecht eine Generation
nennt. Da Oskar aber erst mit dem Kriegsende zu wachsen beginnt und als
Buckliger in den späten Vierzigern ein verspätetes Jungmänner-Leben
beginnt, ist er, wie sein Erfinder, einer der
„‚zornigen Männern“ der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Diese Altersgruppe aber, die ehemaligen Hitlerjungen und Flak-Helfer,
zehren bis heute auf eine merkwürdig ergiebige Weise vom ihrem Fast-Dabei-Gewesen-Sein.
Als halbwüchsige Jungs waren sie ganz nah dran am Krieg, und hätte
er nur zwei, drei Jährchen länger gedauert, wären sie,
wie ihre Väter und Onkel, wie ihr älteren Brüder, „richtig“
dabei gewesen. So aber sind sie sowohl ‚davon‘ als auch „zu
kurz“ gekommen. Sie mußten nicht sterben und nicht schuldig
werden, aber sie spüren, daß das kein pures Glück ist.
Etwas, was sie „Geschichte“ nennen, hat sie darum betrogen,
eine echte „Generation“ im Sinne männlicher Historie
zu werden. Sie sind eben nicht im mündigen Alter, unter den Vorzeichen
von Verantwortung, Entscheidung und Schuld, durch eine große gewaltsame
Erfahrung zum Männerbund verschweißt worden wie die Kriegsteilnehmer.
Nicht zuletzt dieses Ausgeschlossen-Sein ist die Wurzel der Aufgeregtheit,
mit der sie der letzten echten Generation dieses Jahrhunderts, den Kriegsteilnehmern
deren Kriegsschuld vorhalten.
Diese zornigen jungen Männer der 50er, die heute gut Siebzigjährigen,
haben zeitgeschichtliche Denkmuster vorgegeben, die trotz langsamer Verdünnung,
wie homöopathische Wirkstoffe wirksam geblieben sind. Schon die folgende
Altersgruppe, die Kinder der letzten Kriegsjahre, die sogenannten 68iger,
kann man in ihrem historischen Selbstverständnis ein Duplikat der
aufgebrachten Nachkriegsjünglinge nennen. Und dieses Kopieren der
historischen Identität will kein Ende nehmen. Vor wenigen Wochen
erst sah ich einen zwanzigjährigen Mann in engagierter Empörung
die Fäuste schütteln und behaupten, bis heute säßen
alte Nazi-Bonzen und Weltkriegsverbrecher in den Schaltzentralen der Bundesrepublik.
Treiben wirklich 85 bis 100-jährige Braunhemden ihr Unwesen in Politik,
Wirtschaft und Medien? Nein, es ist ein unverwüstliches Stück
Oskarschen Geschichtsdenkens, das in der bundesrepublikanischen Kultur
weiterhin das Sagen hat.
3. Frage an die Blechtrommel:
Hat der Zweite Weltkrieg eigentlich wirklich stattgefunden?
Antwort der Blechtrommel:
„Roswitha, halt Dir bitte die Ohren zu, jetzt wird geschossen, wie
in der Wochenschau.“
Die Liliputanerin und große Somnambule Roswitha muß bald darauf
zwar nicht in der Wochenschau, aber in der Wirklichkeit des Romans sterben:
Eine alliierte Granate und ihr Geliebter Oskar sorgen gemeinsam für
ihr Ableben. Gäbe es diesen Oskar in Fleisch und Blut, er dürfte
heute als 76-jähriger Zeitzeuge noch einmal in einem Erzähl-Café
von der tödlichen Granate und seiner Mitschuld erzählen, er
könnte den Wochenschauen und anderen medialen Dokumenten teils widersprechen,
teils recht geben und würde seine Zuhörer mit beidem ein letztes
Mal rühren.
Wie ging es mir als halbwüchsigem Gymnasiasten in den späten
sechziger Jahren noch durch Mark und Bein, als unser alter Geschichtslehrer
die Angriffsrufe imitierte, mit denen die russischen Soldaten auf ihn
und die anderen Landser zustürmten, die sich nach grandiosem Vormarsch
und katastrophalem Rückzug an der Oder verschanzt hatten.
In der Regel aber haben, noch während die letzten atmenden Stimmen
vom Krieg erzählen, andere Formen der historischen Vergegenwärtigung
Bühne und Regie übernommen. Heute schieben die deutschen Geschichtslehrer,
die „Die Blechtrommel“ zuhause im Regal haben, „Schindlers
Liste“ oder „Der Soldat Ryan“ in den schuleigenen Videorecorder,
wenn es darum geht, effektvoll und glaubwürdig vom Geschehenen zu
erzählen. Nicht nur unsere Gefühhlskultur auch unsere Historie
wird inzwischen in Hollywood gemacht.
Und unsere Historiker, unsere Schulbuchmacher, unsere Geschichtswerkstättenleiter,
unsere unermüdlich recherchierenden Schriftsteller stören die
großen Medien keineswegs. Im Gegenteil, fast gönnerhaft läßt
man sie ab und an zu Wort kommen. So wie „Das Wort Zum Sonntag“
in einem Winkel des öffentlich rechtlichen Fernsehens überlebt
hat, so überdauern auch die Institutionen der großen bürgerlichen
Geschichtsreligion in medialen Reservaten. Dreißig Sekunden sind
immer Zeit, um einen Weltkriegs- oder Holocaust-Experten vor seinem Bücherregal
sprechen zu lassen.
Dabei verraten Film, Fernsehen und Internet in erfrischender Schamlosigkeit,
was historisches Wissen immer gewesen ist: radikal selektierte, hochorganisierte
Restinformation, das was die jeweilige Gesellschaft und ihre Teilöffentlicheiten
aus der unerträglichen Fülle des Überlieferten verarbeiten
mögen und können. Jede Geschichte steht im Verhältnis zum
Geschehenen bestenfalls da wie der Suppenwürfel vor den blutigen
Markknochen: ein Extrakt ja, aber mit viel Geschmacksverstärker,
mit reichlich Farbe, mit Konservierungsmittel und künstlichen Aromastoffen.
Kein Geschichtsbuch und kein zeitgeschichtlicher Roman war je im Stande
medialer Unschuld. Oskar wußte, wie brutal das Geschehene in die
Geschichte vermittelt wird.
4.Frage an die Blechtrommel: Ist die Blechtrommel ein deutscher Beitrag
zur Weltliteratur?
Antwort der Blechtrommel: „Auch schlechte Bücher sind Bücher
und deshalb heilig.“ ... „Wir Deutsche sind Bastler.“
Das ist schlau gesagt, aber ist die Blechtrommel jemals ein heidnisches
Heiligtum gewesen? Kommen in ihr wirklich die verdrängten Dämonen
zu Wort? Wäre sie damit ein schlimmes Buch im guten Sinne? Oder hängt
sie nicht auf raffinerte Weise von Anfang an ihr Fähnchen in den
neuen, als anhaltend erkannten Wind?
Vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen sind das literaturhistorische Fragen.
Man kann diese Fragen auch zeitgeschichtlich nennen, solange die Schriftsteller,
Kritiker, Zeitungs- und Rundfunkredakteure, die Betriebsleute und die
Leser jener Zeit noch unter uns sind. Ich, als später Leser, bezweifle,
daß dieses Buch wirklich aus dem Abseits kam, und vermute, daß
sein Autor mit Oskarscher Schläue von Anfang nach dem Kanon äugte.
Aber das ist nicht verwerflich, keiner, der selbst schreibt, sollte ihn
deswegen nachträglich scheel ansehen.
Daß Die Blechtrommel eine kühne Bastelei ist, spürt der
Lesende am deutlichsten, wenn er in ihr drittes Buch, dessen Handlung
nach 1945 spielt, hinüber muß. Wie aufwendig ist dieses letzte
Drittel an die beiden vorderen geflickt, wie verbissen, wie unverkennbar
deutsch, werden noch einmal zweihundert Seiten zusammengetüftelt.
All den Spott, den Oskar dort für die bundesdeutsche Malerei und
Bildhauerei der Fünfziger Jahre bereit hat, er ließe sich mühelos
gegen diesen letzten Teil der Blechtrommel selbst wenden. Und wenn der
Held im besonders schwachen vorletzten Kapitel wütend „Allegorisches
Geschwätz!“ sagt, zucke der sich weiterhin identifizierende
Leser unter dem scharfen Schlag der werkimmanenten Selbstkritik zusammen.
Und doch kann sich das starke Buch ein schwaches letztes Drittel leisten.
Wieder habe ich bis zum Schluß durchgehalten, obwohl die Blechtrommel
zur historischen Stoff stäubenden Gipstrommel wurde. Vielleicht in
glücklich frischer Erinnerung an jene Passagen, in denen dieser zeitgeschichtliche
Roman die Literatur als historisiernde Institution ad absurdum führt.
Es gibt wahrhaft schreckliche und zugleich zarte Szenen in diesem Buch,
so zart und so schrecklich, daß der stramme Hüfthalter der
Zeitgeschichte ihr Fleisch nicht mehr halten kann.
Dann spricht das Blechorakel für seine wahren Götter, für
jene zwei, drei Handvoll vergänglicher Leben, die in einem Roman
Platz finden. Und der schreckliche Monotheismus der Geschichtsphilosophie,
der unser Leben unter seinen großen starren Sinn zwingen will und
an dem wir Deutschen so gerne masochistisch leiden, wird wie ein albernes
Sektentreiben der Lächerlichkeit preisgegeben.
Oskar weiß das. Als er vom Tod seiner Mutter erzählt, wird
er selbst einer der kleinen Haus- und Halbgötter des vergänglichen
Lebens. Aber er weiß es nicht immer. Sobald er allzu schwach wird,
geht auch er vor der großen Gipstrommmel der Geschichte in die Knie
und hält sich gar für ihren wahren Propheten.
(Geschrieben für Der Freitag)
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