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„Ein gantz unverstaendliche sprach“
Grimmelshausens „Simplicissimus Teutsch“ im Original und „übersetzt“
Für das Fremde gibt es mehr als nur eine Pforte ins Herz des Lesers.
Wer ein Buch in die Hand nimmt, um sich mit Lust und Gewinn befremden
zu lassen, kann nicht sicher vorhersehen, durch welche Tür das Anders-Scheinende
letztlich in sein Gemüt schlüpft. Hans Jacob Christoffel von
Grimmelshausens Roman „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“
ist 1668 zum ersten Mal im Druck erschienen, und der bloße Wortlaut
des Titels verspricht uns das Abenteuer zeitlicher Ferne. Schon bevor
der heutige Literaturliebende sich auf das erste Kapitel einlässt,
weiß er, dass dieser Barock-Roman anders außerhalb unserer
Zeit liegt als etwa die Prosa der Romantiker, die Grimmelshausen für
sich wiederentdeckt haben. In Jahren gemessen, ist die Epoche der deutschen
Romantik von uns ungefähr so weit entfernt, wie es für deren
Autoren und Leser die Entstehungswelt des „Simplicissimus“
war.
„ ... mein Knaan hatte vielleicht einen viel zu hohen Geist / und
folgte dahero dem gewoehnlichen Gebrauch jetziger Zeit / in welcher viel
vornehme Leut mit studiren / oder wie sie es nennen / mit Schulpossen
sich nicht viel bekuemmern / weil sie ihre Leut haben / der Plackscheisserey
abzuwarten ...“ So spricht der Ich-Erzähler in der zeichengetreuen
Ausgabe zu uns, die Dieter Breuer im Deutschen Klassiker Verlag herausgegeben
hat. Wer hingegen zu Reinhard Kaisers nun in der „Anderen Bibliothek“
erschienenen „Übersetzung“ greift, wird folgenden Wortlaut
finden: „ Vielleicht fühlte sich mein Knaan über dergleichen
erhaben und folgte dem Brauch der heutigen Zeit, in der sich vornehme
Personen ums Studieren oder um Schulpossen, wie sie es nennen, oft kaum
kümmern, weil sie ihre Leute haben, die ihnen die Tintenkleckserei
abnehmen.“
Man merkt den Unterschied. Man spürt ihn um so deutlicher, je langsamer
man liest. Und ein lauter Vortrag macht die Differenz vollends plastisch.
Was genau aber ist dem Text und der möglichen Erfahrung des Lesers
widerfahren, außer dass die für heutige Ohren derb klingende
„Plackscheisserey“ – „Plack“ meint Fleck!
- zur eingängig altmodischen „Tintenkleckserei“ geworden
ist?
Die Bearbeitungen, die Grimmelshausens Roman im Lauf der Jahrhunderte
wiederfahren sind, haben die Textgestalt unterschiedlich stark manipuliert.
Schon in den ersten Raubdrucken wurden regionale Eigentümlichkeiten
korrigiert. Und die zahlreichen späteren Herausgeber haben an der
Orthographie, am Wortlaut und am Satzbau Veränderungen vorgenommen.
Auch vor Kürzungen und Hinzufügungen schreckte man nicht zurück.
Die Absichten, von denen man sich jeweils leiten ließ, haben bis
heute einen gemeinsamen Nenner: Man will den Roman gefälliger und
leichter machen. Die Gefahr des Miss- oder gar Nichtverstehens soll gemindert
werden, der bearbeitete Text soll anders als das Original nicht mehr Gefahr
laufen, dass Käufer und Leser nach einer kurzen Kostprobe die Finger
von ihm lassen. Die nun vorliegende Ausgabe geht auf diesem Weg am weitesten,
der Text soll durch konsequente „Übersetzung“ aus stetig
gewachsener Entfremdung in unsere Gegenwart gerettet werden.
Das Erleiden sprachlicher Fremdheit wird auch im Roman gleich eingangs
Gegenstand von Erzählung und Reflexion. Der auf einem abgelegenen
Hof aufgewachsene zehnjährige Bauernjunge Simplicius ist vor marodierenden
Soldaten in den Wald geflüchtet und belauscht, versteckt in einem
hohlen Baum, die für ihn rätselhaften Worte eines Unbekannten:
„ ... es waren mir nur Boehmische Doerffer / und alles ein gantz
unverstaendliche Sprach / auß deren ich nicht allein nichts fassen
konte / sondern auch eine solche / vor deren Selzamkeit ich mich entsetzte;
...“
Die „ganz unverständlliche Sprache“ ist ein Gebet. Der
Einsiedler, den Simplicius hört, ist dabei, lauthals Gottes Liebe
zu loben und der Menschen Undank zu tadeln. Die Sphäre religiösen
Sprechens und Schreibens jedoch ist dem kleinen hinterwäldlerisch
aufgewachsenen Analphabeten völlig unbekannt. Sein „Entsetzen“,
aus dem in der „Übersetzung“ nun ein „Erschrecken“
geworden ist, erwächst nicht aus einem zeitlichen, sondern aus einer
räumlichen Dimension. Der enge Lebenskreis des kleinen Schweinehirten
bedeutet auch eine karge Sprachwelt, und im Weiteren ringen sein Verstehen
und sein Reden darum, sich auf das Neue, das mit brachialer und zugleich
verbaler Gewalt auf ihn einstürmt, einen Reim zu machen.
Nicht nur während der Eingangskapitel zehrt der Roman von dieser
Differenz. Sobald der jugendliche Held in der großen Welt, auf den
Schauplätzen des Dreißigjährigen Krieges, angekommen ist,
wird die Kluft zwischen seinem Vermögen, die Umstände seines
Daseins sprachlich zu bewältigen, nicht abrupt aufgehoben, sondern
nur auf bezeichnende Weise verschoben. Der Einsiedler hat ihn Lesen und
Schreiben gelehrt und ihn gründlich in die Bibel und in die christliche
Tugend- und Lasterlehre eingeführt. Ein knappes Viertel der Erzählstrecke
ist zurückgelegt, als Simplicius im Kostüm eines Narren Gelegenheit
bekommt, seinem neuem Schutzherren, dem Stadtkommandanten von Hanau, auf
der Grundlage dieser Bildung mit großer Eloquenz die Leviten zu
lesen. Wie unterhaltsam, unterrichtend oder erbauend dies für den
zeitgenössischen Leser gewesen sein mag, darüber können
wir allenfalls spekulieren. Die konsequente Übertragung dieses fünf
Kapitel langen Diskurses ins heutige Deutsch nimmt ihm jedenfalls nichts
von seiner Fremdheit. Dies gilt auch für die vielen anderen Passagen,
in denen ein religiös erbauender, moralisch mahnender Monolog oder
Dialog gepflegt wird. Es verdeutlicht nur wenig, wenn der Übersetzer
aus „in diesem zeitlichen Leben“ ein „in diesem irdischen
Leben“ macht. Und wir kommen der eventuellen Erfahrungstiefe von
„ gottselig“ keinen gefühlten oder philosophisch-theologischen
gedachten Millimeter näher, wenn es uns nun als ein schlichteres
„fromm“ aus dem modernisierten Satz entgegentritt. Ja, wir
wissen nicht einmal, wie ernst es Grimmelshausen mit diesem Predigen gewesen
ist, wie unmittelbar herzstärkend oder bereits satirisch, ironisch,
womöglich höhnisch unterhöhlt ihm die gut geölten
Mühlen seiner Rhetorik gelegentlich in den eigenen Ohren geklungen
haben mögen.
Der Wendepunkt des Romans führt den Helden, der inzwischen ein erfolgreicher
Beutemacher und Mädchenverführer geworden ist, weg aus dem „deutschen
Krieg“ und hinaus aus dem Geltungsbereich der deutschen Sprache.
In Paris erlebt sein Jünglingsdasein einen strahlenden Gipfel: „Ich
hab die Tag meines Lebens keinen so angenehmen Tag gehabt / als mir derjenige
war / an welchem diese Comedia gespielt wurde“ heißt es im
Original. Und das viermalige, nominale und pronominale Insistieren auf
dem Tag beschwört die zwingende Augenblicklichkeit. In der Übertragung
von Reinhard Kaiser heißt es nun für das heutige Sprachgefühl
geläufiger, aber auch beiläufiger: „Der Tag, an dem dieses
Stück aufgeführt wurde, war der schönste in meinem Leben.“
Simplicius erlebt als Sänger, Lautenvirtuose und bewunderter Bühnendarsteller,
dazu als fürstlich entlohnter Liebhaber zahlreicher Damen einen märchenhaften
Höhenflug. „Beau Allemand“ nennt man ihn in der Fremde,
und sein Deutsch-Sein wird in dichter Folge mit auffälligen Fäden
in das Gewebe von Handlung, Beschreibung und Reflexion geflochten: „Es
waere Schad / wann ein solcher Leib / mit welchem unsere gantze Nation
prangen kann / jetzo sterben solte / ...“, meint die deutsche Kupplerin,
die sein erstes Rendez-Vous mit einer hochgestellten Pariser Dame arrangiert.
Beide, der „Beau Allemand“ als auch dieses alte Weib, dessen
Mund nur noch mit vier Zähnen prunken kann, stehen in harscher Opposition
für die mehrfach genannte „Nation“, die auch der Übersetzer
„Nation“ sein lassen muss, obschon dieses Wort vor der langen,
unglückseligen Ära der europäischen Nationalstaaterei zweifellos
nicht das Gleiche bedeutet hat wie heute.
„Nation“ ist in den Frankreich-Kapiteln dieses Romans nirgends
mit territorialem Anspruch, staatlicher Souveränität, imperialer
Gier oder gar chauvinistischem Dünkel verknüpft. Um so inniger
aber scheint das Wort mit dem heftigem Sprachwandel der Zeit verbunden,
der einen auf Deutsch schreibenden Autor damals wahren Wechselbädern
aus sprachlichen Defiziterfahrungen, Minderwertigkeitsgefühlen und
neuartigem Sprachtrotz und Sprachstolz ausgesetzt haben muss. Die Heftigkeit
dieser Dynamik mildert die Übersetzung allein schon dadurch, dass
sie einen Großteil der Entlehnungen aus dem Französischen ausmerzt.
Man „practicirt“, „recommendirt“, „instruirt“
„celebrirt“, „contentiert“ und „tractiert“
nun nicht mehr. Aus der „fürstlichen“ wird die „fürstliche
Mahlzeit“. Das dient der Flüssigkeit des Lesens Collation.
Aber es ist riskant und heikel, ein Buch, das so leidenschaftlich um seine
eigensprachliche Gestalt ringt, der Spuren dieses Ringens zu berauben.
Und so wirkt es fast wie eine unbewusste Gegenbewegung gegen diese radikale
Bereinigung, wenn sich das „Lust-Hauß“ im nächtlichen
Pariser Garten in den sicher eingedeutschten „Pavillon“ verwandeln
muss.
Im letzten Teil des Romans, in der „Continuatio“, hat es Simplicius
als Schiffbrüchigen auf eine menschenleere Insel vor der Küste
Afrikas verschlagen. Erst hier findet der Held zu jener „Beständigkeit“,
die ihm sein erster Lehrmeister, der fromme Einsiedler, drei Jahrzehnte
zuvor als wichtigste Tugend ans Herz gelegt hat. Nach den Exzessen äußerster
Leid- und Lusterfahrung ermöglichen nun völlige Einsamkeit und
paradisische Naturumstände dem Helden, ganz bei Gott und zugleich
ganz bei sich zu sein. Obwohl das Wort „Beständigkeit“
sich in den vergangenen dreieinhalb Jahrhunderten nicht verändert
hat, ist uns diese Zentraltugend des Barock gründlich fremd geworden.
Und bezaubernd paradox mutet es an, dass ausgerechnet dieser endlich gottselig
gewordene Insulaner Tinte aus Baumsaft braut und seine wüst zerissene
Lebensgeschichte in teils wuchtig groben, teils raffiniert kunstvollen
Szenen auf Palmblättern zum Buch werden lässt.
Nur dieses Buch kehrt an seiner Statt nach Deutschland und damit in „die
Unbeständigkeit“ dieser Welt zurück. Beständigkeit
im heutigen Sinne, also schlicht Konzentration und Durchhaltevermögen,
braucht unsereiner, um bis auf die letzten Seiten dieses Wälzers
zu gelangen. Ja, es verlangt bereits „ein steiffen Willen und Vorsatz“
oder wie es nun übersetzt heißt „einen festen Willen
und Vorsatz“, um überhaupt ernstlich mit der Lektüre zu
beginnen. Die Übertragung von Reinhard Kaiser erleichert den Einstieg
zweifellos erheblich. Sie ist, so weit ich dies prüfen konnte, stets
verlässlich und frei von Willkür. Sie bleibt in Wortlaut und
Syntax nahe am Original, zugleich ergibt sich ein flüssig lesbarer
Text und eine kohärente Stil-Illusion, ohne dass man, wie es bei
Übersetzungen aus anderen Sprachen nicht selten geschieht, von der
aufgepfropften Eitelkeit eines „zweiten Autors“ belästigt
würde.
Ein Buch für „Herrn Omne“, für „Herrn Jedermann“,
wird der „Simplicissimus Teutsch“ aber auch durch diese Übertragung
nicht. Das Verhältnis des Verfassers zu Freud und Leid, zu Tun und
Lassen, zu Erliegen und Standhalten, zu Augenblick und Ewigkeit ist unüberlesbar
nicht das unsere. Diesen Unterschied zu erfahren, auszuhalten und zu bedenken,
ist für uns, „die liebe posteritaet“, „die liebe
Nachwelt“, so schmerzlich wie schön. Und wer beide Fassungen,
das Original und seine Übertragung, nebeneinander legt, darf in heller
Deutlichkeit sehen, wie unsere deutsche Sprache ihren strahlenden, ihren
vergänglich sinnreichen Lichtbogen ein prächtiges Stück
weit über den ewig idiotisch fremdartigen Irrgang der Zeit schlägt.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |