|
|
Isabel
Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn |
Georg
Klein
DIE GÜTE DES ANTHROPOPHAGEN
Thomas Harris schwächt Hannibal Lecter
Alle lieben Hannibal Lecter. Wenn diese große Figur des trivialen
Erzählens ein Rätsel der Rezeption umgibt, dann ist es die innige
Sympathie, die dieser Serienmörder und Menschenfleischesser weltweit
bei denen auslöste, die in einem der Bücher von Thomas Harris
oder in einer der Romanverfilmungen auf ihn stießen. Wir, die globalen
Sympathisanten, zitterten um diesen schlimmen Übeltäter, sobald
ihm die Staatsgewalt oder ander Machthaber um Freiheit und Leben bringen
wollten, und es erfüllte uns mit einer nicht geringen Genugtuung,
wenn der siegreiche Hannibal seinem jeweiligen Gegenspieler die fragwürdige
letzte Ehre erwies, einen ausgewählten Teil seines Körpers,
zum Beispiel sein noch denkendes Gehirn, zu verspeisen.
Im nun erschienenen neusten Roman „Hannibal Rising“ brät
unser Held das Wangenfleisch eines Kriegsverbrechers, eines Kindermörders
und Raubguthändlers, zusammen mit frischen Morcheln in einem Wald
in Litauen über offenem Feuer. Wer der Handlung, die 1941 mit der
Ostoffensive der deutschen Wehrmacht beginnt, bis in die späten 50er
Jahre gefolgt ist, hat Hannibal Lecter als Knaben, als Jugendlichen und
als jungen Mann erlebt und eben zum zweiten Mal morden gesehen. Sechs
weitere Opfer werden folgen, allesamt Männer, die mehr als einen
einzigen Tod verdient hätten. Dominanter noch als bereits in den
vorausgegangenen Büchern ist der junge Hannibal Lecter ein Rächer.
Jedem, den er zur Strecke bringt, hat Harris einen überschweren Rucksack
aus Schuld aufgepackt: Mord, Folter, Vergewaltigung, Menschen- und Drogenhandel,
individueller Sadismus plus die bereitwillige Beteiligung an den großen
Verbrechen des Nazi-Regimes. Die maximale Schwarzzeichnung von Lecters
Gegenspielern, die deshalb fast rundum wasserdichte Legitimation seiner
Taten ist die erste auffällige Schwäche des Buches. Sie beschädigt
den Helden zwar nur indirekt, aber doch auf eine fatale Weise. Denn in
den vorausgegegangen Romanen konnten schon Dummheit, Borniertheit, Stil-
und Geschmacklosigkeit für Lecter schwer genug wiegen, um einen Zeigenossen
dem Tod zu überantworten. Unvergeßlich und beispielhaft befriedigend
bleibt dem Leser im Gedächtnis, wie er im „Schweigen der Lämmer“
einen Mithäftling zwingt, an der eigenen Zunge zu ersticken, weil
dieser der FBI-Agentin Starling sein Sperma ins Gesicht geschleudert hat.
Die schockierend herrliche Willkür, die in einer derart maßlosen
Abstrafung liegt und die bislang die anarchische, antizivilisatorische
Freiheit dieser Figur ausmachte, wird ihr nun von Harris kein einziges
Mal gegönnt. Sein junger Protagonist erledigt schlicht eine Handvoll
der vielen Kriegsverbrecher, die dem Nürnberger Gerichtshof und anderen
Tribunalen entkommen konnten. Das ist brav, allenfalls in der Art der
Hinrichtung spektakulär. Hannibal Lecter, der zukünftige amerikanische
Serienmörder, verhält sich in seinen europäischen Lehr-
und Wanderjahren politisch korrekt. Die französische Polizei, die
ihn eine Zeitlang inhaftiert, kann ihm allenfalls vorwerfen, dass er der
Guillotine vorgreift.
Lesend beginnt man sich so bald nach der Figur zu sehnen, die Lecter in
den bereits erschienenen Romanen gewesen ist. Im Hochsicherheitstrakt
des Gefängnisses schien er uns weit freier, eine mysteriöse
Wechselgestalt, halb ein ganz in sich gewandter Buddhist halb ein archaischer
Kopfjäger, der sich mit dem letzten Lebenshauch und dem Fleisch seines
Feindes auch dessen Potenz und Aura einzuverleiben verstand.
Schwerer noch als die übertrieben gründliche Legitimation der
Taten des jungen Hannibal Lecter wiegt eine zweite erzählerische
Entscheidung: Thomas Harris liefert nun ausführlich die bereits im
Roman „Hannibal“ als Traumsequenz umrissene Begründung
für die besondere seelische Gestimmtheit seiner Figur. Er greift
platterdings zum Nächstliegenden: Dem zwölfjährigen Knaben
Hannibal ist Schlimmes wiederfahren. Ein kindliches Schockerlebnis ist
die logisch leicht nachzuvollziehende Ursache seiner späteren Taten.
Es ist müßig darüber zu streiten, ob die Armut dieses
Einfalls oder das quietschend Mechanische, das zwanghaft Filmische seiner
narrativen Durchführung, die Imagination des Lesers mehr beeinträchtigen.
Harris hat parallel zum Roman auch das Drehbuch des bald in die Kinos
kommenden Films geschrieben, und dass er als Autor zwei Fliegen mit einem
Schlag erledigen wollte, ist im Aufbau der Szenen und in der Anlage der
Dialoge leider immer wieder ungut zu merken.
Aber auch wenn das Buch raffinierter geschrieben wäre, der Schaden
bliebe im wesentlichen derselbe. Eine wunderbar offene, unsere Ängste
wie unsere uneingestandenen Begierden ansaugende Figur, wird zu einem
vom Trauma programmierten Automaten. Dies beraubt die Gestalt zwar nicht
ihres ganzen Schreckens, aber fast vollständig ihrer Unheimlichkeit.
Ihr weiteres Handeln wirkt vorhersehbar, auch die merkwürdigsten
Hirnrichtungsarten und Kochideen sind nun nur noch kuriose Varianten ein
und desselben Wiederholungszwangs.
Soll uns Hannibal Lecter in Zukunft nicht mehr überrraschen dürfen?
Am Ende des nicht allzu langen, zunehmend hastig voranstolpernden Romans,
dem in konsequenter Ausbeutung der Figur wohl noch ein weiterer über
die amerikanischen Jünglingsjahre Lecters folgen muss, blickt man
fast wehmütig auf jenen Hannibal Lecter zurück, der uns wie
nur wenige Figuren der Trivialliteratur zugleich entsetzt und entzückt
hat. Unerklärlich und deshalb hinreissend in ihrem Liebreiz war die
Güte, zu der der Kannibale in manchen Momenten fähig war. In
dieser spätmodernen Figur, in der die Autonomie des Individuums auf
einen letzten eisigen Gipfel getrieben schien, schuf das Aufleuchten der
Güte noch einmal jene Distanz zum Raubtier, jene humane Spanne, die
einst in unergründbarer Vorzeit aufging, als zum ersten Mal ein Mensch
einen anderen Menschen entgegen seinem Vorteil und ohne erkennbaren Grund
verschonte. Hannibal Lecter war nie eine Bestie, weil er zur Güte
fähig war. Und die Existenz seiner Güte ist als Rätsel
größer, schöner und fruchtbarer als das Ausmaß seiner
Grausamkeit. Besser als jeder Satz haben dies vielleicht die Augen des
großen Lecter-Darstellers Anthony Hopkins gesagt, sobald sein Blick
auf der FBI-Agentin Clarice Starling ruhte.
Hier glimmt auch jetzt noch ein Funken Hoffnung: Vielleicht kann der junge
französische Schauspieler Gaspard Ulliel in der kommenden Verfilmung
unserem geliebten Anthrophagen den Ausdruck dieser tief beunruhigenden
Güte von Neuem verleihen. Und mit der Güte kehrte dann auch
die Freiheit zu Hannibal Lecter zurück. Ja, eventuell kann dieser
junge Darsteller, dessen linke Wange seit seiner Kindheit die Narbe eines
Dobermann-Bisses ziert, auf der Leinwand heilmachen, was der allzu aufklärungswütige
Autor mit schwachen Gründen, mit Historie und Psychologie, im aktuellen
Buch kaputt gemacht hat.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)
|