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In den Gehäusen unserer Zukunft

Harry Harrisons Roman „Make Room! Make Room!“

Kann man von einem Einzelnen ernstlich verlangen, dass er sich mehr als um sein Glück um die Zukunft der Menschheit sorgt? Der Roman „Make Room! Make Room!“ von Harry Harrison erschien 1969, drei Jahre nach der amerikanischen Originalausgabe, unter dem Titel „New York 1999“ auf Deutsch. Das New York, das der Held, der Kriminalbeamte Andy Rusch, durchstreift, beherbergt 35 Millionen Einwohner, die durch eine rigide Staatsmacht mit synthetischen Lebensmitteln obskurer Herkunft und knapp bemessenen Wasserrationen am Leben erhalten werden. Rusch teilt sich ein Einzimmerappartement mit dem alten Solomon Kahn. Die extreme Wohnungsknappheit hat den Greis und den jungen Polizisten zusammengebracht, und im Kampf um die Bewältigung des von Mangel und Widrigkeiten bestimmten Daseins sind sie Freunde auf engstem Raum geworden. Das Buch hebt mit einer Morgenszene an: Andy hörte durch die dünne Trennwand, die seine Zimmerhälfte abteilt, wie Solomon auf seinem Standfahrrad losstrampelt, um die Batterien aufzuladen, die den Fernseher und den winzigen Kühlschrank mit Strom versorgen.
Wer die Leinwand-Adaption mit Edward G. Robinson und Charlton Heston kennt, die unter dem Titel „Soylent Green“ ein Klassiker des Science Fiction Films geworden ist, weiss, wie die erbärmliche Bude der beiden zugleich ein schützendes Gehäuse, ja sogar eine Art Glückskammer darstellen kann. Im Buch wie im Film versammelt das Appartement auf rührend nostalgische Weise nicht nur ramponierte Überbleibsel der reichen früheren Jahrzehnte, sondern es ist dazu der Ort, wo Freundschaft, Vertrauen und Humor eine letzte Zuflucht gefunden haben.
Draussen aber tobt die neue Zeit. Als es am Rande einer Demonstration der verelendeten Alten zu Plünderung und Massenpanik kommt, wirft die New Yorker Polizei aus Helikoptern einen besonderen Stacheldraht ab. Platzt beim Aufprall dessen Kunststoffummantelung, schiessen die Knäuel selbsttätig auseinander und die sich windende Stahlschlangen werden von Andy und den anderen Polizisten mit blossen Händen so gelenkt, dass sich die nötigen Absperrungen fast selbsttätig errichten. Der „Wurfdraht“ gehört zu den wenigen technologischen Neuerungen, die diese Zukunft ihren Bewohnern gebracht hat. Einen weiteren fragwürdigen Fortschritt stellen die riesigen atomgetriebenen Ernteschiffe dar, die Tang und Planton einbringen, um ein Grundnahrungsmittel, nach Fisch schmeckende Kekse, zu sichern. Davon abgesehen kennt der New Yorker das Meer gleich dem freien Land nur noch vom Hörensagen. Das kleine Gehäuse, in dem Andy und Solomon sich eingerichtet haben, ist von einem irrsinnigen Schachtelsystem aus verkommenen Massenbehausungen und von verwüsteten No-Go-Areas umgeben. Manhattan, Brooklyn, ein schwimmender Stadtteil aus verrottenden Schiffen, alle Bezirke der Megalopolis sind ungute Riesenbehälter, die mit Gewalt daran gehindert werden, aus den Fugen zu gehen.
Allerdings reserviert auch dieses Regime den Reichen und Mächtigen streng bewachte Enklaven. Andy wird zu einem Mordfall in ein nobles Hochhaus auf dem ehemaligen Chelsea-Park gerufen. Die schöne Prostuierte, die mit dem Erschlagenen zusammengelebt hat, findet Gefallen an ihm, im Zug der Ermittlungen wird sie seine Geliebte. Solange die Miete bezahlt ist, kann Andy mit ihr die wohltemperierten Räume, das großzügige Bad, das breite Bett und den gutgefüllen Kühlschrank des Mordopfers nutzen. Wie in eine eigene Raumzeit verkapselt, sind die beiden für den Rest des Monats den zügig schlimmer werdenden Weltverhältnissen enthoben. Terroranschläge auf die Wasserversorgung und eine Missernte in der hochindustrialisierten Landwirtschaft verschärfen die nach einer Hitzewelle bereits besonders angespannte Versorgungslage. Wer könnte es dem Kriminalbeamten und seiner Gelegenheitsgeliebten verdenken, dass sie sich bis in die allerletzte luxuriöse Minute, bis zur finalen gut gekühlten Flasche keinen Deut darum scheren, ob und wie New York im weiteren vom Teufel geholt wird?
Als Harrisons Roman jung war, in den späten 60er Jahren des 20.Jahrhunderts, liebte es die Science Fiction Literatur, ihren Lesern in grellen Farben auszumalen, wie schlimm die Menschenheit in Bälde den Planeten zugerichtet haben würde. „Make Room! Make Room!“ spart nicht mit drastischen Details und dramatischen Szenen, die zeigen sollen, wie sehr jeder einzelne Zeitgenosse durch blinden Konsum und verantwortungslose Verschwendung von Ressourcen zur Katastrophe beigetragen hat. Die freie, aber überaus gelungene Verfimung durch Richard Fleischer aus dem Jahre 1973 überrascht sogar noch mit einem zusätzlichen Dreh, der die moralische Schraube endgültig tief ins schlechte Gewissen der aufgeklärten Zeitgenossen bohrt.
Auch uns malt man zur Zeit den Himmel der Zukunft wieder einmal vorwurfsvoll schwarz. Und dennoch vermag die Lektüre dieses umweltkritischen Romans, gut vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung, etwas zu bewirken, was seinem moralischen Impetus fast entgegengesetzt ist. Vertrieben aus dem Luxus-Tower, können die Liebenden nur ein Bettlaken und zwei Zigarren mitnehmen. Die Rauchwaren sollen den alten Solomon, der lange keinen Tabak mehr geschmeckt hat, für die neue Mitwohnerin einnehmen. Das Laken aber symbolisiert ohne Mühe, dass es sich in jeder Zeit und unter allen drohenden Vorzeichen lohnt, ohne Skrupel in das fragile Gehäuse inniger Zweisamkeit zu schlüpfen.


(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung)