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HAMMER UND HOHLSPIEGEL
Zum Zauber von Heines erzählender Prosa
Halten wir im lustvollen Heine-Lesen inne für das Gedankenspiel,
im nächsten Absatz würden wir selbst zum Opfer dieser Prosa!
Einem Zeitgenossen konnte dies zustoßen. Nichts Schlimmes ahnend,
war man mit Heine in einem Münchner Biergarten zusammengesessen oder
hatte im Gefühl, aus gleichen Gründen das gleiche Schicksal
zu teilen, dem Exilanten Heine bei französischem Wein sein deutsches
Herz ausgeschüttet. Nun durfte man sehen, wie der vermeintliche Bruder
im Geiste eine solche Begegnung in Erzählung zu verwandeln pflegte.
Selbst für einen Heine-Verehrer, von denen es schon zu Lebzeiten
des Dichters nicht wenige gab, muß dergleichen ein bittersüßes
Vergnügen gewesen sein. Man wußte ja, wie das Gefälle
dieses Erzählstroms den Leser verführte. Die Gegenstände,
die er umspielt, dürfen zwar aufglänzen, aber in welchen Farben
sie dies tun, bleibt den inneren Rhythmen dieses quecksilbrigen Fließens
geschuldet. Einen wirklichen Widerstand, ein Recht auf einen Rest Unerklärbarkeit,
duldet dieser Stil selten. Sein hell plätschernder Oberton singt
Spott, Spott und noch einmal Spott. Und war die eigene Gestalt als ein
begossener Pudel hinter sich gebracht, hatte man noch eines der besseren
Lose gezogen. Denn die Bündigkeit, die fast in jeder scherzenden
Passage aufblitzte, verriet, wie nahe der Hammer der Vernichtung hing.
Wehe dem, den Heine für hammerwürdig hielt! Der Germanist und
Turnpädagoge Hans Ferndinand Maßmann mag Heine gute Gründe
zur Attacke gegeben haben, aber womit hat der Mann verdient, dass ihn
Heine als einen schmutzigen, ausstopfungswürdigen Halbaffen auftreten
läßt und ihn zudem in verfängliche Nähe zu „unserem
griechischen Afterdichter“ rückt.“ Mit dem „Afterdichter“
ist August von Platen gemeint, und wer sich noch zugunsten Heines unsicher
ist, worauf angespielt wird, kann in „ Die Bäder von Lucca“
nachlesen, wie das Räsonement von einer analen Metapher zu nächsten
hüpft, um den Mann und Poeten Platen auf den Nenner einer sexuellen
Praktik zu reduzieren. Heine weiß, wie man einen Gegner gerade als
literarische Figur zum „Stichblatt der allgemeinen Verhöhnung“
macht.
Liebt Heine die Menschen? Wie jeder, der die Liebe, die emotionale Universalwährung
der Moderne, in flotte Verse zu gießen weiß, hat er Mißtrauen
verdient. Zwar findet man in seiner Prosa, wenn sie einzelne Zeitgenossen
gestaltet, Momente von zauberhaftem Schmelz. Allerdings meinen sie nur
selten jemand, der dem Erzähler auf Augenhöhe, oder besser gesagt
auf Zungenspitzen-Niveau, zu begegnen wüßte. Einem netten Mädchen
aus schlichten Verhältnissen, einer patenten Köchin oder einem
armseligen Greis schenkt er gern den Umriss einer geneigten Beschreibung.
Auch Kinder purzeln gelegentlich anmutig und liebenswert durchs Bild.
Und nachdem er einen todkranken italienischen Priester gefühlvoll
ins Bild gesetzt hat, versichert Heine dem Leser: „Gegen den Mann
will ich auch nicht schreiben!“
Aber fast jede Figur, die dem Ich dieser Texte in Sachen Geistigkeit nahekommt,
gerät in einen Zerrspiegel, der ihre Proportionen dehnt und staucht,
als gelte es, den intellektuellen Anderen einer Zerreißprobe zu
unterziehen. Nicht selten beginnt diese Darstellungstortur mit körperlichen,
insbesondere physiognomischen Merkmalen. Die mentale Verfassung des Zeitgenossen
hat sich in der Krümmung der Beine, in seiner lächerlichen Haartracht,
in den Runzeln der Stirn oder in der kuriosen Form der Nase niedergeschlagen.
Heine, der um die Attraktivität des eigenen Äußeren wie
um den Schönheitssog seiner Sprache wußte, sorgte im Text für
den nötigen Kontrast. Und vielleicht hat mancher, dessen Aussehen
Heine karikierte, um dann das Geistige der so gewonnenen Kontur in Grund
und Boden zu sticheln, gewünscht, er gehöre nicht zu den Menschen,
sondern zu den Dingen, die Heines Blick erfaßt. Wenige Seiten nach
dem Doppelschlag gegen Maßmann und Platen heißt es über
einen alten Kirchturm, dessen beschädigte Uhr sehe aus „als
wolle die Zeit sich selber vernichten“. Nur den Dingen gegenüber
läßt Heine, selbst im Bild ihrer Zerstörung, eine grundsätzliche
Milde walten.
Heines Erzählen hat innig Anteil am Selbsthaß des damaligen
Deutschland und an der Vernichtungswut der Epoche. Das Mitschwingen dieser
Negativität und die Kunst, sie möglichst nie unvermittelt roh
durchbrechen zu lassen, erzeugen die Aura vibrierender Gegenwärtigkeit,
die sein Erzählen bis heute umgibt. Dem platten Alltagsdasein, dem
Trott von Werkeln und Erdulden, also dem banalen Gegenwartsverhängnis
jeder Zeit versteht diese Prosa dagegen gut zu entkommen. Selten flieht
sie dazu in die Imagination einer ersehnten Zukunft, und wenn Heine dies
doch einmal unterläuft, endet der utopische Impuls schnell bei halbherzigem
Gewitzel. Weit häufiger sucht sich der Eskapist Heine einen Vergangenheitswinkel,
irgendein Gemäuer oder auch nur ein altes Gemälde, besonders
gerne ein Buch, wo er stöbern, phantasieren und alte Geschichten
neuberichten kann. Denn allein im Nacherzählen fremden Textes findet
Heine Zugang zu einer kohärenten Fiktionalität, zu einer Geschichte,
der das Autoren-Ich nicht sofort defätistisch in die Suppe spuckt.
Dabei hätte Heine seinen Lesern wohl liebend gern ein langes Stück
„wirklichster Wirklichkeit“ gegönnt, eine große
Prosaarbeit, in der die Reflexion nicht zwischen dem „Reichtum der
Vergangenheit“ und den“ ordinären und wohlfeilen Fabrikaten
unseres Zeitalters“ seiltanzen muß. Schmerzlich sichtbar wird
dies im Fragment „Der Rabbi von Bacherach“, das mit dem Atem
einer großen historischen Erzählung anhebt, sich dann aber
im irrlichternden Monolog eines bizarren spanischen Ritters festrennt
und mit dieser Figur, einem halben Don Quijote, ihr Ende findet.
Im Abbrechen ist Heines Prosa groß. Jählings überfällt
den gerade erst warm gewordenen Leser das Ende der „Harzreise“:
Plötzlich überbieten sich die Bilder. Eine potentielle Schlußsentenz
hetzt die andere. Den Gipfel der Sentimentalität scheint erreicht
im Satz: „Mein Herz duftet schon so stark, dass es mir betäubend
in den Kopf steigt, dass ich nicht mehr weiß, wo die Ironie aufhört
und der Himmel anfängt.“ Aber dann wird das Gefühlige
in den verbleibenden Zeilen fast gewaltsam noch höher geschraubt,
ehe die Erzählung mit einer ebenso süßen wie spöttischen
Frage an ein weibliches ‚Du‘ endet.
Vielleicht ist das Du dieser Prosa ihr einziges wirkliches Rätsel.
Vordergründig scheint es den verständigen Leser zu meinen. Und
begnügen wir uns heute damit, dürfen wir uns als gewitzte Komplizen
des Dichters fühlen. Sind wir nicht seine späten, mit dem Wasser
wie dem Blut der Aufklärung gewaschenen Spießgesellen? Bereitwillig
genießt man mit, wie dieser Stil in jeder lesenden Nachwelt Seinesgleichen
erzeugt und dem Gesinnungsgenossen eine Gesinnungsheimat bietet. Vielleicht
wollte Heine auch so gelesen werden, denn just dieses Fortdauern unter
Gleichgesinnten ist die liebste Ewigkeitsillusion des modernen männlichen
Intellektuellen.
Aber es gibt noch etwas Besseres. Dort, wo sich Heines lichtes Erzählen
verdunkelt, wie im großartigen „Ideen. Das Buch Le Grand“
oder in den fragmentarischen „Memoiren“, gewinnt das imaginäre
Gegenüber Heines eine weitere Qualität. Die „Dame“,
die „Madame“, die dort angerufen wird, scheint ein weibliches
Du, aber eine rheinländische Jugendliebe, ein süßes Pariser
Mädchen, oder eine der kecken Freibeuterinnen der italienischen Amouren
kann unmöglich damit gemeint sein. Es ist eine unheimlich intime
Leere, die dieses Du eröffnet. Hier weht der Atem des Erfinders.
Hier hat sich etwas auf undurchschaubare Weise selbst zu Sprache gemacht.
Dieses fiktive Traum-Du von Heines Prosa ist ein Hohlspiegel, der das
Lichtgewitter seiner Einfälle in eine fast mütterliche Abstraktheit
aufnimmt und Vergangenheit wie Gegenwart zu einem weißen Gedankenstrich,
zu einem stummen, im Nichts verschwindenden Sehnsuchtsstrahl bündelt.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |