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„DU BIST GOTT!“
Weisheit und Schund in Robert A. Heinleins Roman „Fremder in einer
fremden Welt“
Unter den Fehlgriffen, die jedem Romancier, auch einem Sience Fiction-Autor,
drohen, liegt ein besonders fataler stets verführerisch nahe: Er
kann seinesgleichen, also einen Schriftsteller, zur Hauptfigur des Geschehens
machen. Robert A. Heinlein gönnt sich einen langen, ereignis- und
figurenreichen Vorspann, bevor er in „Fremder in einem fremden Land“
just diesen Missgriff mit genüsslichem Pomp zelebriert. Der steinalte
Erfolgsautor Jubal E. Harschaw betritt die Bühne der Zukunft.
Harshaw ist nicht nur Schriftsteller, er ist auch Rechtsanwalt, Mediziner,
Philosoph und Bonvivant. Eisgekühlten Brandy schlürfend, diktiert
er seinen ebenso schönen wie klugen Sekretärinnen, was ihm am
Pool seiner Villa in den Sinn kommt. Dabei scheut er sich nicht, mit zynisch
hellsichtigen Aphorismen zu brillieren, um dann, nach einem kurzen Kratzen
im grauen Brustfell, ein superbes Exempel in Sachen Schund zu geben. „Jubal,
schämst du dich nie?“ fragt ihn eine seiner Sekretärinnen,
nachdem sie eine rührselige Weihnachtsgeschichte rund um ein halbverhungertes
Kätzchen in ihr absolutes Gedächtnis gespeichert hat.
Harshaw, der seinem hundersten Geburtstag entgegensieht, hat drei Weltkriege
erlebt, aber weit wichtiger als alle irdischen Wirrnisse erweist sich,
dass er Zeitgenosse der ersten beiden bemannten Marsexpeditionen ist.
Die Besatzung des zweiten Raumschiffs, das erst ein Vierteljahrhundert
verzögert auf die Reise geht, findet wie erwartet die Leichen ihrer
Vorgänger. Dann aber macht man zwei spektakuläre Entdeckungen.
Es existiert eine uralte Zivilisation von Marsianern. Und die Marsbewohner
haben ein menschliches Kind, den Sohn von zwei Besatzungsmitgliedern des
ersten Raumschiffs, aufgezogen.
Valentine Michael Smith, die Waise vom Mars, wird auf die Erde gebracht.
Und der verwickelte Plot muss einige Klippen höchster Unwahrscheinlichkeit
umschiffen, damit der wundersame, in allen Angelegenheiten unseres Planeten
unbedarfte Jüngling unter die Fittiche des alten Harshaw gerät.
Der Mann vom Mars ist ganz vom meditativ-kontemplativen Geist der dortigen
Kultur geprägt. Er kennt keinen Ehrgeiz und keine Aggression. Lüge
und Missgunst sind ihm ebenso unbekannt wie jede Form von Eile. Sein einziges
Bestreben gilt dem „Groken“ alles Seienden, einem Erkennen,
das sich völlig in seinen jeweiligen Gegenstand versenkt, um ihn
restlos zu begreifen und in seiner Eigenart anzunehmen. Smith, der auf
dem Flug zur Erde Englisch gelernt hat, „grokt“, was seine
neuen Rassegenossen angeht, allerdings zunächst fast gar nichts und
missdeutet das wenige, was er zu begreifen glaubt, auf typisch marsianische
Weise.
Die zum Himmel schreiende Unschuld des Jünglings erschüttert
die goldene Nische, in die sich der Allesversteher Harshaw zurückgezogen
hat. Smith, der allen, auch seinen potentiellen Ausbeutern und heimlichen
Feinden, empathisch „grokend“ entgegentritt, der auch den
letzten miesen Halsabschneider in „seiner ganzen Fülle“
begreifen und liebend annehmen will, gerät schnell in Lebensgefahr.
Harshaw, dem keine irdische Niedertracht fremd ist, wird sein Berater
und Beschützer. Und der illustre Greis schreckt nicht davor zurück,
sich als intriganter Jurist, als gewiefter Psychologe, als phantasievoller
Risikospieler und nicht zuletzt als wortgewaltiger Schwadroneur mit den
Geheimdiensten und Spitzenpolitikern des zu einer Föderation vereinigten
Globus anzulegen.
Die Erzählung des Sieges, den Jubal E. Harshaws dabei zunächst
erringt, ist ein prächtiges Stück Schund. Und der Umstand, dass
sich ausgerechnet ein Romancier zum rettenden Heros aufschwingt, scheint
ein Exempel schamloser Autorengrandiosität, ein leicht durchschaubarer
Akt professioneller Wunscherfüllung. Robert A. Heinlein war 41 Jahre
alt, als er sich erste Notizen zu „Fremder in einem fremden Land“
machte, und er sollte 53 werden, bis er den Roman endlich fertig hatte.
Seine Veröffentlichung verzögert sich weiter, weil der Verlag
inhaltliche Einwände erhob. Schliesslich musste Heinlein in einem
demütigenden Akt von Selbstzensur mehr als ein Viertel streichen.
Das Erscheinen der ursprünglichen Fassung hat er nicht mehr erlebt.
„Du bist Gott!“ sagt der auf die Erde Gekommene zu seinem
väterlichen Mentor Harshaw, als ihm nach vielen Gesprächen und
langem geduldigen „Groken“ eine Synthese marsianischer und
irdischer Weisheit zu dämmern beginnt. Und dieser Satz wird zur Begrüssungsformel
der spirituellen Gemeinschaft, die Smith zur Verbesserung der Welt ins
Leben ruft. Man „grokt“ einander so innig wie möglich,
teilt alles Eigentum und frönt einem eifersuchtslosen freien Sex.
Dies geht ein utopisch schwebendes Weilchen gut. Wie ein kleiner Gott
darf sich noch heute der Leser fühlen, der das Glück dieser
friedlichen Kommune und die Jesus-gleichen Wunder, die ihr übersinnlich
begabter Stifter tut, in naiver Identifikation mitgenießt. Dann
wird Smith durch einen von den Mächtigen aufgehetzten Mob gelyncht.
Mit einem grausamen Ruck scheinen wir noch hinter unsere Gegenwart, bis
in die Entstehungszeit des Romans, in die USA der 50er Jahre, zurückversetzt.
Ernüchtert müssen wir „groken“, dass die Güte
zu allen Zeiten der Macht der Bosheit unterliegt - bevor Robert A. Heinlein
und sein Wunsch-Ich Jubal E. Harshaw mit zwei verblüffenden Schlusskapiteln
erneut eine Tür hinüber in jene Welt aufstossen, in der Schund
und Weisheit, ohne sich etwas zu missgönnen, göttlich lustvoll
miteinander kopulieren dürfen.
(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung) |