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Die Blumen der Mitwelt
Für Wolfgang Hilbig
Erleichternd schön, einen bedeutenden Dichter zu Lebzeiten geehrt
zu sehen. Die Klage, daß die Mitwelt einem großen Autor nicht
zukommen lasse, was ihm gebührt, scheint hinfällig, wo die Umstände
das Gegenteil behaupten: Wenn ein Preis verliehen wird, wenn der Preis
einen Respekt gebietenden Namen trägt, wenn die Preissumme nicht
peinlich niedrig ist - sobald ein Redner anhebt, den anwesenden, also
vorzeigbar lebendigen Dichter und sein Werk zu loben.
Aber selbst dieser festlich zugespitzten Zeitgenossenschaft ist wie allen
Genossenschaften nur begrenzt zu trauen. Wo ihre rechte Hand nichts als
die saftigen Stengel eines üppigen Gratulationsstraußes umschließt,
sollte der Geehrte damit rechnen, daß die Linke hinter dem breiten
Rücken der Mitwelt etwas nicht ganz so Argloses verbirgt: Eine zweite
Gabe, ein anderes Arrangement, etwas, mit dessen Hilfe man ihn aus dem
Himmel der Hochachtung heimholt in den Stubenmief der Zeit, die man täglich
mit ihm teilt.
Im einem Erzähltext des Dichters, zu dessen Ehrung ich heute sprechen
darf, bekommt ein Schriftsteller, der aus allen Zusammenhängen gestürzt
ist, eine prächtige Blume, eine eingetopfte Orchidee überreicht.
Die Erzählung, von der ich rede, kam mir vor sechzehn Jahren zum
ersten Mal vor Augen. Der Name des Verfassers war mir unbekannt. Ich erwartete
nicht allzu viel. Das Buch war eine Neuerscheinung, und meine Erfahrungen
mit der deutschsprachigen Prosa der damaligen Gegenwart, der frühen
80er Jahre, waren nur selten beglückend gewesen. Der Grundkredit,
den ich der Geschichte trotzdem gab, fiel in dem Augenblick nahe Null,
als sich auf der zweiten Seite offenbarte, daß der Ich-Erzähler
und Held ausgerechnet ein Schriftsteller war.
Dennoch las ich weiter. Nicht zuletzt aus einer gewissen Arglist. Denn
ich schrieb ja selbst und wollte womöglich vor allem sehen, wie dieser
andere Zeitgenössisch-Schreibende meine Lesegunst endgültig
verlor. Und auch später, einige Seiten tiefer in dieser Erzählung,
mittlerweile nicht nur gezogen, sondern längst getragen von den Wogen
ihrer unerhörten Sprache, gab ich noch immer keinen Blumentopf für
das Gelingen des Ganzen - bis es unweit eines Berliner Friedhofes, unter
wahrlich bizarrem Brimborium zur Übergabe der rätselhaften Pflanze,
der blühenden Orchidee, an den Helden kommt.
Ich widerstehe der Versuchung, einige Sätze dieser Passage zu zitieren.
Ich denke, kein großer Prosatext läßt sich auf Augenhöhe
zitieren. Die andere Rede, die das Zitat umgibt und von seinem Glanz profitieren
möchte, vergißt in ihrem Bemächtigungseifer, daß
der unvermeidlich schroffe Lichtwechsel die Wirklichkeit beider Textsphären
beschädigt. Bitte glauben Sie der Emphase meines Erinnerns: Die Überreichung
der obskuren Topfpflanze an den elenden Schriftsteller war der Augenblick,
wo mein Argwohn auf der kurzen Wegstrecke von vier, fünf Zeilen bedingungslos
kapitulierte. Es kam zu einem magischen Umschlag, zu einemMoment, in dem
ich dem Fortgang dieser Geschichte schlichtweg alles zutraute. Und dieser
jähe Vertrauenszuschuß schloß mich auf die schönste
Weise mit ein. Denn der Kredit galt auch meiner lesenden Phantasie, von
der ich für die folgenden Seiten das Höchste erwarten durfte.
Und sogar meine Autorschaft durfte teilhaben, denn auf der Seelenzunge
des Lesens, dort wo die Zeichenketten der Literatur in Erfahrung umgesprochen
werden, schmeckte ich, der vom Mißlingen der eigenen Texte Angesäuerte,
jene Nektarsüße, die sagt, daß heute wie je Meisterschaft
möglich ist.
Jedoch - vielleicht war ich damals 1986 einfach noch zu jung, um voll
und ganz zeitgenössisch-hinterhältig zu sein. Der Drang, alles
Außerordentliche möglichst im Handumdrehen niederzuziehen,
war mir noch nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen. Und jugendlich
klug, wie ich noch war, verzichtete ich damals darauf, all das, was es
über den Autor, den ich zu verehren begonnen hatte, bekannt war,
in Erfahrung zu bringen. Mir genügte völlig, daß er noch
lebte und daß er zwölf Jahre älter war als ich. So genoß
ich das Glück der Zeitgenossenschaft, ohne die ungemütliche,
die Konkurrenz atmende Nähe der Gleichaltrigkeit. Ja, ich entsinne
mich noch, mit welcher Erleichterung ich das Geburtsjahr 1941 aus dem
Klappentext sog und alles andere, was dort stand, überflog, um es
lesend zu vergessen.
Heute sehe ich, daß jener knappe Kommentar zum Werk des damals noch
nicht durchgesetzten Autors bereits im wesentlichen das enthielt, was
ich später in umfangreicheren Texten aufgeboten fand, um uns das
Rare gemütlich, um es, eingekleidet in Lob, gemein zu machen. Es
ist eine dreifache Lassoschlinge, die sich um das Gelobte legt. Die erste
Schlinge bindet das literarische Werk an ein Thema. Die zweite Schlinge
fesselt die Figur des Dichters an die Umstände des Autorenlebens.
Und die dritte, die vorgeblich am meisten rühmende und daher besonders
tückische, zieht das Werk in das Wachsfigurenkabinett der Literaturhistorie.
Dieses Verfahren ist, daran kann kein Zweifel bestehen, von denen, die
es zur Anwendung bringen, in der Regel nicht bös gemeint. Wer regelmäßig
Texte zu Themen verfaßt, meint es lobend, wenn er einem Dichter
bescheinigt, er habe eine Thema hinreichend behandelt oder gar bewältigt.
Allerdings müßte derjenige, dessen Phantasie nur einziges Mal
mit einem Meisterwerk kollidiert ist, in schmerzhaft-lustvoller Erfahrung
vielleicht doch auch etwas anderes wissen. Er müßte in den
luziden Momenten seiner Lektüre zumindest ahnen, daß ein wirklich
großer Text immer aufs neue die jeweils aktuellen Themen anzieht,
so, wie ein Magnet die Eisenspäne herbeifliegen läßt,
die in sein Kraftfeld geraten.
Und wer Gelegenheit hatte, einem bedeutenden Schrifteller zu Lebzeiten
nahe zu kommen, kann erleben, daß diesem die Figur des Dichters,
den er ja gewissermaßen verkörpert, wie ein außerirdischer
Parasit, wie ein zärtlich nagender Leibfresser, im Nacken sitzt.
Und was schließlich den Platz in den Literaturgeschichte angeht:
Einem, der sich ein wenig gründlicher mit der zur Zeit dominanten
Kunde vom Vergangenen, mit der sogenannten Historie beschäftigt hat,
dem wird das Sonderfach der Literaturgeschichtsschreibung schnell zu etwas
Komischem, zu einer Regentschaftschronik von Karnevalsprinzen, wo am 11.11.
jeder Epoche mit fragwürdigem Getöse ein neuer Herrscher gekürt
wird.
Lassen Sie mich, um die wohlmeinend niederziehende Kraft intellektueller
Zeitgenossenschaft zu verdeutlichen, nun doch etwas zitieren. Etwas Albernes.
Der unverstellt alberne Kommentar zu einem Meisterwerk ist gewissermaßen
nur halb so schlimm. Wenn wir uns albern zu großen Dichtern äußern,
spekulieren wir auf eine Art Hofnarren-Status. Und der Hofnarr beweist
ja gerade durch seine blödelnde Respektlosigkeit einen besonders
tiefen Respekt vor der königlichen Macht, an deren Thron er dient.
Der Schriftsteller, den wir heute ehren, durfte vor einigen Jahren in
einem großen Blatt unseres Landes lesen: Er sei „Doch nur
der Stifter des Ostens“. Die fünf Wörter stehen in der
Überschrift einer Buchbesprechung. Sie stammen unter Umständen
gar nicht aus der Feder des Rezensenten. Gut möglich, daß sie
ein Schnellschuß jener kalauernden Kreativität sind, mit der
man in den Redaktionen unter Zeitdruck die Überschriften zeugt und
den Artikeln auf den letzten Drücker den letzten Pfiff mitgeben möchte.
„Doch nur der Stifter des Osten“ Das gönnerhafte Bedauern,
das in „Doch nur“ mitschwingt, verrät uns, wie sich die
Mitwelt am liebsten fühlt, wenn sie sich ein herausragendes zeitgenössisches
Kunstwerk an die Brust drückt, um es sich, fast gleichzeitig, in
einer unwillkürlichen Gegenbewegung vom Halse zu schaffen. Und es
lohnt sich auch, kurz den gesamten Wortlaut der beiden Überschriftszeilen
ins Auge zu fassen: „Der Hochofenwald. Doch nur der Stifter des
Ostens: Wolfgang Hilbig in L.“
Das ist sie wieder, die dreifache Schlinge: Das Werk schnürt man
so eng wie möglich an sein angebliches Thema. Einziger Gegenstand
des besprochenen Schreibens ist angeblich der Osten. Dieser ist ja bekanntlich
erledigt, folglich ist es auch das Werk, das man monothematisch mit dem
untergegangenen Oststaat gleichsetzt. Die Figur des Dichters wird deckungsgleich
mit dem in der DDR ausgegrenzten und als Heizer arbeitenden Schreiber.
Und damit liegt ein zweiter Kurzschluß nahe: Sind Zensur und System-Schikane
samt dem malerisch-proletarischen Heizerschicksal aus der Welt, rutscht
auch die Figur des Dichters, diese schöne Frucht unserer Lektüre,
in eine der Schubladen, in denen wir das von der Zeitgeschichte Bewältigte
ablegen.
Und falls dies nicht reicht, um beruhigend klare Verhältnisse zu
schaffen, hat man ja immer noch das Herbarium der Literaturhistorie in
Bereitschaft. Wenn man diesen Trockenpflanzenwälzer auf die rare,
so unangenehm schwer zu bestimmende Pflanze des zeitgenössischen
Meisterwerks plumpsen läßt, wird schon genügend Staub
aufgewirbelt werden, um die Kontur des Neuen zu verwischen Ich weiß
nicht, ob Sie es bemerkt haben: „Hochofenwald“ und „Stifter
des Ostens“, das kalauert um den Namen des Schriftstellers Adalbert
Stifter und um den Titel von Stifters Erzählung ‚Der Hochwald‘.
Der, den wir heute ehren, hat mir verraten, daß er dies, als ihm
die Rezension vor Augen kam, mit dem allerersten Blick nicht erfaßt
hat. Einen kurzen Moment dachte er, mit „der Stifter des Ostens“
sei gemeint, ausgerechnet er, der Dichter, habe mit Prosa und Lyrik den
Staat ‚DDR‘ gestiftet.
Ich fürchte, auch ich wäre als Zeitungsleser in diese Falle
getappt und wahrscheinlich sogar länger als nur einen Moment in ihr
hängen geblieben. Denn zwischen 1986 und 1990 habe ich das Werk dieses
Schriftstellers so gelesen, wie man ein autonomes Territorium betritt.
Und die Gestalt des Dichters, über dessen Autorenleben ich fast nichts
wußte, wuchs mir im Verlauf der Lektüre an zu der eines Reichsgründers.
Für mich hatten die Schriftsteller und die Heizer dieser Prosa mit
denen, die andernorts, außerhalb dieses literarischen Imperiums,
Worte und Kohle verfeuerten, nur über eine schmale metaphorische
Brücke, über einen semantischen Zonengrenzübergang, zu
tun. Es ist verständlich, daß man es eine Zeitlang auch für
die Aufgabe dieser Werke hielt, die unglücklichen oder die verunglückten
Berufsstände eines Staates, die Heizer oder die Schriftsteller der
DDR, figürlich zu erlösen. Aber schon ein einziger Text, der
kürzeste, hat dies, quasi beiläufig, erledigt. Und inzwischen
müßten doch auch den Ganz-Schlimm-Geschichtsversessenen, so
sie noch lesen, dämmern, daß diese Heizer und diese Schriftsteller
von Anfang an freie Agenten der Poesie gewesen sind.
An der Peripherie des großartigen poetischen Reiches, an dem meine
Phantasie lesend teilhaben durfte, ging irgendwann die DDR zu ende. Ich
bemerkte dies, aus den Texten des Dichters aufblickend, durchaus, aber
ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß dieser Staatsbankerott
meine literarische Teilhabe, meine Reichsgenossenschaft, beeinträchtigen
könnte. Und heute bin ich der Überzeugung, daß ich es,
wenn ich mich dem Dichter zuwende, mit dem Stifter eines Territoriums
zu tun habe, das sich als größer und langlebiger als die DDR
erwiesen hat, und daß dieses Gebiet, wer könnte lesend daran
zweifeln, auch unsere neue Bundesrepublik überdauern wird.
Erst spät, erst im Herbst 1990 ging ich eines Abends los, um ihn,
den es ja auch leibhaftig gab, zu sehen und zu hören. Meine Frau,
die eine hohe Meinung von Leserschaft hat, ermutigte mich mit dem Satz:
„Vielleicht freut er sich ja, wenn Du ihm erzählst, wie Du
ihn liest.“ Wenig später saß ich in einer Buchhandlung
in Berlin Steglitz. Und kurz bevor der Dichter zu lesen begann, hörte
ich unmittelbar hinter mir, auf einem der enggereihten Klappstühle,
einen Kollegen, der sich seine Lebensgefährtin als Begleitschutz
mitgebracht hatte, zischeln: „Du wirst schon sehen, so gut ist das,
was der macht, auch nicht!“ Aber er hatte Pech. Denn der Dichter
trug eine Erzählung und ein einziges Gedicht vor, die beide so schrecklich
gut waren, wie er wohl insgeheim befürchtet hatte.
Das zu Gehör Gebrachte war von der Art, daß jeder Auch-Schreibende
nur die Wahl hatte, entweder unverzüglich auf die Knie der Bewunderung
zu sinken oder vor Neid mit allen Zähnen zu knirschen. Ich hörte,
wie es dicht hinter mir knirschte und ächzte, und konnte nachfühlen,
warum der Knirscher, kaum war das Beifall verebbt, in einem Akt offensiver
Notwehr an das Pult des Dichters stürzte, um diesem – nein,
keine Blumen! – sondern einen Band eigener Gedichte zu überreichen.
Ich dagegen beschloß damals, meine Autorschaft erst einmal für
mich zu behalten und dem Dichter nur das Herz meiner Leserschaft zu Füßen
zu legen.
In jener ersten Erzählung, die ich 1986 von Wolfgang Hilbig las und
ich die heute, von wiederholten Lektüren beglückt, wie damals
ein Meisterwerk nennen muß, bekommt der Held eingangs einen Blumentopf
überreicht. Am Ende der Geschichte, die auf ihren 53 Seiten alles,
was die deutsche Sprache in das Wort Geschichte einschließt, aufglühen
läßt, erhält der Schriftsteller eine zweite Gabe. Der
Zeitgenosse des Textes nennt sein Geschenk einen „Ehrendolch“.
Es handelt sich aber trotz des pompösen und finster vieldeutigen
Namens nicht um eine protzige Zierwaffe, sondern um ein rostiges Fahrtenmesser
kläglicher Qualität.
Heute, in dieser Stunde, bedeutet mir jener Ehrendolch das Werkzeug, mit
dem Blumen der Mitwelt stets geschnitten werden. Ein schartiges Messer
hält die Mitwelt als zweites Geschenk hinter ihrem Rücken verborgen.
Und in seiner zeitgenössischen Not läuft der Schriftsteller
Gefahr, bei der Annahme der Gabe die Figur des Dichters, die er auch bedeutet,
zu verletzten. Auch mir steht kein anderes Geschenk zu Gebote. Vielleicht
ist es immer so: Die Blumen der Mitwelt werden mit einer billigen Klinge
gekappt. Und wie deutschen Blumensträußen früher der unvermeidliche
und schwach giftige Asparagus als Schnittgrün beigeben wurde, enthält
jede Ehrung - auch die noble, reiche und süße.- die Mitgift
zeitgenössischer Niedertracht. Kein noch so gründliches Lob
könnte das letzte bittere Blättchen dieses Krautes ausmerzen.
Denn schwer tut sich unsere Genossenschaft mit dem Werk, das über
uns hinauszielt. Und selbst wo unser lesendes Vermögen, wo unsere
Leserschaft stark und groß ist, ist sie nicht immer großmütig
genug, sich von einem Meisterwerk an ihre Endlichkeit erinnern zu lassen.
Ich gratuliere Wolfgang Hilbig zum Büchner-Preis und bin mir gewiß,
daß sein Werk noch so manche Mitwelt samt ihrer Gunst unbeschadet
hinter sich lassen wird.
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