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Der entfesselte Held

Wo wir das Heroische finden

Leicht fällt es uns, unsere Näschen über den Helden zu rümpfen. Ihn abzulehnen, jedwede heldische Gestalt von vorneherein als Ausgeburt von Dumpfheit und Gewaltlust abzutun, gilt unter männlichen Intellektuellen gern als Ausweis moralischer Geistigkeit. Und wenn das Heroische in unserer Gedanken- und Bilderwelt, die wir natürlich für die maßgebliche halten, doch einmal unversehens aufflackert, beeilen wir uns wie eifrige Feuerwehrmänner, seine Flämmchen mit jener Ironie zu löschen, die uns bei allen Gelegenheiten als das Universal-Pathos unserer angeblich pathosfreien Kultiviertheit zu Gebote steht.
Wenig ist billiger, wenig ist für ein kluges Köpfchen so wohlfeil zu haben. Und die Geringschätzung alles Heroischen hindert uns clevere Kerle nicht daran, uns mehr oder minder heimlich nach dem Helden zu sehnen. Schließlich suchen wir ihn dort, wo der moderne Geistmensch, der schlaue Single, unbeobachtet allein ist, dort, wo der Schulterschluß ironischer Besserwisserei aufgehoben scheint, in den weiten Gewässern der populären Kultur.
Hier kommt es zu einem unruhigen Fanden und Fischen. Dessen gängigster Rhythmus ist das nervöse Tippen des Daumens auf der TV-Fernbedienung. Aber es gibt längst keine Garantie mehr dafür, dass wir auf den fünfzig oder hundert Kanälen, die uns Kabel oder Schüssel bieten, auf eine befriedigende Weise fündig werden. Denn unsere antiheroische Intellektualität hat auch hier siegreich Einzug gehalten. Glücklich, wer zu später Stunde, wenn die ganz alten Schinken laufen, noch einen Haudegen früheren Schlags ergattert. Auch der Hollywood-Held muß längst zu einem Gutteil komisch sein. Und in der deutschen Produktion ist die Comedy das Genre des Augenblicks. Mittun kann jeder, der bereit ist, nichts mehr an sich und nichts mehr in der Welt ernst zu nehmen. Feixend regiert der quotenlegitimierte Hanswurst. Und gerade im krampfenden Dauergrinsen unserer TV-Komödianten und in den pointenseligen Lachsalven ihrer Studiogäste steckt - als eine grundsätzliche intellektuelle Überhebung - unsere Gewißheit, jede weitere Drehung der Selbst- und Weltverachtung als einen weiteren Witz souverän zu verstehen.
Nein, das Fernsehen hilft nicht mehr. Wir müssen bei unser Suche nach dem Heroischen tiefer steigen. Geht es überhaupt noch tiefer hinab? Gibt es abgründigere Oberflächen als das Fernsehen? Und ob! Klappen Sie den Mantel Ihres Trenchcoats hoch, ziehen Sie die Krempe des Hutes tiefer in die Stirn und näheren Sie sich in unauffälligem Zickzackkurs dem Zeitungskiosk Ihres Bahnhofs! Dort, wo die Kinder und Jugendlichen mit Schmökerstoff versorgt werden, stehen die japanischen Comics, die sogenannten Mangas. Sie erkennen sie daran, dass man sie von hinten liest, dass sie also mit dem Bund auf der rechten Seite im Regal lehnen. Der japanische Comic-Autor, zu dem ich Ihnen raten möchte, heißt Kohta Hirano, seit diesem Herbst erscheint seine Manga-Serie „Hellsing“ auch auf Deutsch.
Erwerben Sie Band I, und tauchen Sie in ein merkwürdig verfremdetes britisches Königreich, das gleichzeitig dem neunzehnten und dem einundzwanzigsten Jahrhundert anzugehören scheint! Da Sie das Comic-Lesen gar nicht oder nicht mehr gewohnt sind, und Sie den Panels zudem von rechts nach links folgen müssen, geht es zunächst recht langsam voran. Sogar zu echten Verständnisproblemen muß es unweigerlich kommen. Denn was Sie in Ihrer Kindheit, über Mickey-Maus-Heften und Asterix-Bänden, an Bildaufnahmetechnik erworben haben, reicht nicht aus, um dem weit raffiniertieren Erzählen der Mangas problemlos zu folgen.
Sie verstehen immerhin, dass in diesem eigenartigen Großbritannien eine Geheimorganisation namens Hellsing exixtiert, halb mafiöser Familienbund, halb christlicher Ritterorden. Gerade ist die Leitung von Hellsing durch Erbfolge an die blutjunge Integra Hellsing übergegangen. Und die junge Frau muß sich sogleich vor ihrem bösen Onkel, den es selbst nach dieser Macht gelüstet, in den aufgegebenen Kellern und Verließen des riesigen Hellsing-Anwesens verbergen.
Integras Vater hatte versprochen, dort unten würde sie Hilfe finden, wenn ihr einst übermächtige Gefahr drohen sollte. Alles, was das Mädchen jedoch in den modrigen Gewölben entdeckt, ist ein mumifizierter Leichnam, merkwürdig verschnürt und an die Wand gebunden, als gelte es diesen Körper noch im Tode zu bändigen. Lesen Sie jetzt langsamer! Integra beklagt bitter, dass ihr hier unten wohl kein rettender Recke beispringen werde. Neben einer vertrockneten Leiche müsse sie nun hilf- und wehrlos sterben. Und schon wird das tapfere Mädchen von ihrem mörderischen Verwandten und dessen Häschern gestellt. Der böse Onkel verletzt Integra mit einem gezielten Schuß an der Schulter. Und er kündigt an, ihr als nächstes die Ohren abzuschießen. Integras Blut jedoch ist in das verschrumpelte, hohläugige Gesicht der Mumie gespritzt. Besser als jeder Film kann der Comic dieses Blutspritzen in vier Zeichnungen deutlich und bedeutsam machen.
Sie ahnen, was passieren wird?
Nein?
Doch, Sie ahnen es !
Ihre Sehnsucht nach dem Helden hat Ihrer Phantasie schon auf die Sprünge geholfen!
Insgesamt fünzig Bilder bietet Kohta Hirano auf, um nun die Entfesselung des Helden und dessen erste Tat zu erzählen. Sie können dieses Geschehen hastig blätternd überfliegen und es dann sogleich noch einmal in einem zeitlupenartigen Gleiten genießen. Beides lohnt sich. Im letzten Panel der langen Sequenz wird der entfesselte Held sich über die von ihm gerettete Integra beugen und auf ihre Frage seinen Namen nennen:
„Wie heißt Du?“
„Alucard. Dein Vorgänger hat mich so genannt!“
Dies ist ein wahrhaft heroischer Augenblick. Und Kohta Hiroito hat auf den vorausgehenden Seiten viel Blut, Angst, Entsetzen, Tod und immer wieder spritzendes Blut aufgeboten, um diesen kleinen Dialog vorzubereiten.
Der Held offenbart sich. Und dies geschieht, indem er im Augenblick der Rettung, noch im Abglanz größter Gefahr, seinen Namen - demütig und bedeutungsstolz zugleich – der Überwindung des Bösen folgen läßt . Dann erzählen der in einem Bild festgefrorene Flug einer Patronenhülse und die fünf schwarzen Balken eines explodierenden japanischen Schriftzeichens, wie Integra mit dem von Alucard entwaffneten, aber noch lebenden verräterischen Oheim verfährt.
Über all dies ließe sich trefflich spotten. Aber sogar wie wohlfeil unser Spott ist, läßt sich bei der Lektüre von Hellsing überprüfen. Denn Alucard, der zu tätigem Leben erwachte Vampir, der männliche Held der folgenden Abenteuer, ist ein selbst ein großer Spötter. Die Ironie, mit der dieser Untote unsere Weltläufte kommentiert, ist in den schönsten Szenen von Hellsing so hell und mild wie das Mondlicht, das er inniger liebt, als jeder romantische Jüngling dies vermöchte.
Alucards Ironie ist ein Pathos, in dem sich die initime Erkenntnis des Weltbösen mit einer fast kindlichen Sehnsucht nach der Sonnenwärme des des Guten verbindet. Der Vampir, der für die Organisation Hellsing Vampire jagt, kennt das Schlimme wie sich selbst und ist doch der Möglichkeit menschlicher Güte auf zwanghafte Weise, wie einer Sucht verfallen. In immer neuen Variationen zeichnet Kohta Hirano die Sonnenbrille, die der Vampir nicht nur bei Tage trägt und deren große schwarzen Gläser seine Sehnsucht auffällig verbergen. Der Mund Alucards ist dagegen meist spöttisch verzogen, zu einem Grinsen, das sich zu einem höhnischen, die Reißzähne fletschenden Lachen erweitert, sobald der Vampir seinesgleichen oder gewöhnliche Schurken zur Strecke bringt.
Ein ironischer Held? Heroische Ironie? Wir schwimmen in einem medialen Meer aus aufgeklärter Albernheit. Sogar unser übelster Zynismus ist in dieser Brühe meist auf eine läppische Weise zahnlos geworden. Vielleicht müssen zumindest wir, die modernen besserwisserischen Männer, in die Tiefen des trivialen Erzählens tauchen, um für das lange Aufblitzen von fünfzig japanischen Schwarz-Weiß-Bildern all unserer Lauheit in einen grell heroischen Moment gegenwärtigen Schunds zu entkommen.

(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)