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Die große Lord-Chandos-Roßkur
Brief an einen blockierten Kollegen
Wer heutzutage mit dem Verfertigen von Literatur beschäftigt ist,
kennt zwangsläufig andere, die auch schreiben. Und jeder, der sich
dabei plagen muß, weiß, daß sich vielerorts viele wie
er von Zeile zu Zeile quälen. Selbst der, der restlos paralysiert
vor der Tastatur seines PC sitzt, kann davon ausgehen, daß bundes-
und weltweit ähnlich Leidgeprüfte zuletzt an der Sprache selbst
verzweifeln und gleich ihm ein Königreich für ein Patentrezept
gegen ihre Schreibblockaden gäben.
Nun, ich kenne eines! Zumindest für jeden betroffenen Geschlechtsgenossen
unter den so Gelähmten habe ich das gesuchte Wundermittel parat.
Lieber Kollege,
falls Du, von subtilen Skrupeln geschüttelt, wirklich nicht mehr
weißt, aus welchem Finger Du Dir einen weiteren Roman oder auch
nur den Mut für seine erste Zeile saugen sollst, es kann Dir durchaus
geholfen werden. Du mußt Dich nur meiner Lord-Chandos-Kur unterwerfen,
die allerdings, ich sage es frei heraus, eine rechte Roßkur ist.
Aber wenn Du willst, daß Dein Pegasus wieder fliegt, solltest Du,
Poesie hin Poesie her, ausnahmsweise einmal nicht so empfindlich, nicht
so schrecklich professionell empfindsam sein.
1.Schritt der Lord-Chandos-Kur:
Besorg Dir den sogenannten Chandos-Brief, die Erzählung „Ein
Brief“ von Hugo von Hofmannsthal. Ich rate zum Internet, auf der
Webseite der Mauthner-Gesellschaft findest Du ihn, isoliert von anderen
Texten des Meisters, zum Gratis-Herunterladen. Druck ihn in einer gut
lesbaren Schrift aus! Schneide den Kopf des ersten Blattes mit dem Portrait
Hoffmannsthals ab und vernichte den Schnipsel zusammen mit dem wahrscheinlich
versehentlich mitausgedruckten Nachwort!
2. Schritt der Lord-Chandos-Kur:
Verwandele Deine Dichterklause für 12 Stunden in eine Chandos-Kur-Zelle,
indem Du die üblichen Schlupfwege aus dem Schreiben unbegehbar machst:
Trenne Deinen PC, das Telefon und das Fax von der ISDN-Buchse, mach desgleichen
Fernseher, Musikanlage und Spielkonsole unbenutzbar! Schaff alle Druckwerke,
Text wie Bild, aus dem Raum! Nur der Chandos-Brief in der oben beschriebenen
Form darf bleiben. Beseitige ebenso alle Drogen, mit deren Hilfe Du bislang
Dein Werk beziehungsweise dessen Vermeidung befördert hast! Keinen
Kaffee, kein Bier, keinen Wein, keine Zigaretten, keine Schokolade, keinen
Nasenpuder! Für 12 Stunden müssen Dir Wasser, trocken Brot und
der Chandos-Brief genügen.
Deine Lebensgefährtin, deren Fürsorge Du bisher dazu mißbraucht
hast, das ewige Sorgenkind, Deine Schreibkrise, zu hätscheln und
zu päppeln, kann sich nun, um deren radikale Beseitigung verdient
machen. Sie sollen die Tür Deiner Kur-Zelle für besagte 12 Stunden
von außen verschlossen halten.
3.Schritt der Lord-Chandos-Kur:
Beginn damit, Dir Chandos vorzulesen! Du darfst schreien, murmeln, flüstern.
Du kannst Wörter verschlucken oder vernuscheln, Du darfst sämtliche
Sätze verkehrt betonen. Zerleiere meinetwegen jeden Zusammenhang
oder stoß, wenn Dir eher nach Stimmung ist, ins pathetische Horn
wie bei den Salzburger Festspielen! Die Vortragsweise ist, um es alpenländisch
grob zu sagen, wurscht. Das einzige, aber absolut unumgehbare Gebot heißt:
Lies Dir den Text laut vor, bring Dir den Chandos-Brief Hugo von Hofmannsthals
selbst zu Gehör!
Sei unbesorgt, der Kerl war wie Du vom Fach. Es erwartet Dich Prosa erster
Güte, raffiniertes Räsonnement, ein Stil, der jagdhundscharf
anschlägt, um schon im nächsten Halbsatz so seidenzart zu zerrascheln
wie der Schlafrock eines Lords. Nichts eignet sich besser zum Hadern mit
der Sprache als eine Sprache, die so posierlich die Fäustchen ballen
und dann gleich wieder graziös den kleinen Finger abzuspreizen weiß.
Vermutlich wirst Du zunächst begeistert sein, und Dir den Chandos-Brief,
wie es die Kur verlangt, nach einem kurzem Räuspern und einem Schluck
Mineralwasser, nun mit entspanntem Vergnügen, ein zweites Mal zu
Gehör bringen. Vielleicht findest Du sogar Gefallen an der eigenen
Vortragskunst und bedauerst, daß Dir hier, im Abseits der Kur-Zelle,
niemand zuhören kann.
Im Lauf der Stunden, nach dem ersten, spätestens nach dem zweiten
Dutzend Deiner Vortragsrunden, wird sich allerdings Heiserkeit einstellen.
Auch mit Schluckbeschwerden oder, was noch schlimmer ist, mit einem kurztaktigen
Schluckauf mußt Du rechnen. Etwa zeitgleich bilden sich in der Regel
die Überzeugung, einen solchen Brief eigentlich viel besser schreiben
zu können, und eine tiefe Verärgerung darüber, daß
einem ausgerechnet dieser schnöselige Hofmansthal damit zuvorgekommen
ist. Langsam erweist sich die Chandos-Kur als Ochsenkur. Und keinem, der
sich ihr bedingungslos unterwirft, bleibt die brachialste Beschwernis,
ein mörderischer Brechreiz, erspart. Halte deshalb für die Abschlußphase
einen Eimer oder eine feuchtigkeitsfeste Tüte bereit!
Vierter und letzter Schritt der Lord-Chandos-Kur:
Du hast zwölf einsame Stunden durchgestanden. Dafür gebührt
Dir mein halber kollegialer Respekt! Und auch die zweite Hälfte meiner
Anerkennung kommt Dir zu, wenn Du nun die noch fehlenden Schritte in ein
neues Autoren-Dasein tust: Verschling den Chandos-Brief! Dein gereizter
Gaumen, Dein sensibilisiertes Rachenzäpfchen, Dein trockener Schlund
mögen Einspruch erheben. Das verfluchte Ding – Längst
haßt Du Hoffmannsthal und alle seine Werke! - muß hinunter!
Ist auch dies vollbracht, begibst Du Dich unverzüglich an Dein Schreibgerät.
Aber Vorsicht! Eine allerletzte Gefahr droht! Jetzt, wo Dir jede Art von
Chandos-Brief, aus welcher Feder auch immer, ein Greuel geworden ist,
jetzt mußt Du gegen eine besondere Versuchung gefeit sein. Schreib,
was Du willst, einen neuen Roman, Deine Autobiographie, einen Sonettenkranz,
ein Versepos, meinetwegen auch ein Pamphlet gegen Deinen arroganten Kollegen
G.K., aber verfasse jetzt um Gotteswillen keinen Anti-Chandos-Brief! Der
elitäre Sprachzweifel, dieser alberne und kokette Geck ist, sobald
man ihn aus dem Fenster geworfen hat, doch immer schlau und kaltblütig
genug, um einem durch die Hintertür wieder ins Haus zu schlüpfen.
Versteh mich nicht falsch, endgültig loswerden wirst Du diesen Dandy
wahrscheinlich nie. Denn leider Gottes gehört er in unauflösbarer
Blutsverwandschaft zu der Sippe, die da kollektiv in Dir schreibt. Wie
einen mißratenen Cousin, der sich regelmäßig in den Vordergrund
spielt, um, halb miesepetrig-verstockt halb wehleidig-geschwätzig,
den anderen manch froh begonnenes Fest zu verderben, kann man ihn nicht
aus der Familienrunde verbannen.
Soll er doch in Zukunft im Hintergrund jammern. Schenk ihm gelegentlich
einen mitfühlenden Blick und ein Schulterklopfen, aber gib ihm nicht
einmal den kleinen Finger Deiner Schreibhand und laß Dich nie mehr
auf ein Tänzchen mit ihm ein! Heutzutage kann sich die Literatur
diese Pirouetten, die Endlosschleifen des Sprachzweifels, nicht mehr leisten.
Der noble Anspruch, den Zeitgenossen in diesem Tonfall etwas vorzudenken,
ist in den medialen Stürmen des letzten Jahrhunderts zum Dünkel
einer überprivilegierten Kulturkaste verkommen.
Die Kur ist zu Ende. Sei kein Lord! Schreib!
Nachtrag/Haftung:
In seltenen Fällen kann die Lord-Chandos-Kur versagen. Wenn dies
nachweisbar der Fall war, übernimmt der Verfasser der vorliegenden
Zeilen die entstandenen Kurkosten, allerdings nur bis zur Höhe des
Kaufpreises dieser Tagungszeitung.
Bevor Du jedoch solche Ansprüche gelten machst, bedenk bitte folgendes:
Auch in dem Fall, wo die Kur keine neue Autorschaft zu schenken vermag,
kann sie zumindest zu der schlichten Erkenntnis verhelfen, daß ein
Autor-Sein sein natürliches Ende erreicht hat. Nirgends steht geschrieben,
daß einer sein Leben lang Schriftsteller bleiben muß.
Das könnte ein Grund zur Freude sein! Abseits des Schreibens steht
einem eine ganze Welt offen: Hofmannsthal-Rezitator, Roß- oder
Jagdhundzüchter, Schlafrockdesigner! Dies wären nur vier willkürlich
herausgegriffene Beispiele aus der Fülle der ehrenwerten Betätigungen,
die Du und ich gegebenenfalls ins Auge fassen sollten. Ja, sogar so etwas
Ähnliches wie Lords könnten wir beide noch werden, wenn uns
wortgewandt und zäh, wie wir als ehemalige Autoren immer noch wären,
die Einheirat in ein Adelshaus glückte!
( Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Zeitung) |