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„Eure Dialoge! Wie bei Derrick.“
Wer sich auf Marcus Jensens Buch RED RAIN einläßt, muß
lernen, mit dessen Helden und Erzähler über die Runden zu kommen.
Einen “süffelnden Zulaberer”, einen “Quasselparasiten”
nennt der sich selbst und für nichts anderes muß man ihn auch
halten, wenn man den langen inneren Monolog, der ihn auf den ersten Seiten
im Anflug auf Berlin zeigt, lesend überstanden hat.
Dann weitet sich der Horizont, denn zum Gedankenstrom der Hauptfigur,
einem esoterisch gestimmten Mann Anfang Vierzig, gesellen sich wörtliche
Rede in Anführungszeichen, vor allem kurze Dialoge mit den Gestalten,
auf die er stößt, und als dritte Komponente medialer Text,
insbesondere Fernsehton, der - Vielleicht um es unerfahrenen Leser einfacher
zu machen?- kursiv gesetzt ist. “Jetzt kein deutsches Wort mehr.
No.” sagt schließlich noch der Erzähler auf Seite 51
und beginnt mit jedem Gegenüber in einem komisch reduzierten Englisch,
seinem fingierten Indianer-Amerikanisch, zu sprechen. Denn inzwischen
hat er sich auf einer Toilette des Flughafen Tegel mit Schminke und Kostüm
in den Heiler “Red Rain” verwandelt und wird diese Rolle bis
in die letzten Seiten des Textes spielen.
Damit wäre das sprachliche Material umrissen, mit dem Marcus Jensen
sich daran macht, einen Plot zu erzählen, der in den letzten Stunden
des Jahres 1999 in Berlin spielt und außer dem linearen Handlungsverlauf,
den Ereignissen weniger Stunden, vor allem die Erinnerung an eine Arizona-Reise
des Helden umfaßt. Bindeglied zwischen diesen beiden Teilerzählungen
und zugleich Drehpunkt der Gedanken des Helden ist dessen ehemalige Freundin
Regina. Mit ihr hatte er einst bei einem Indianerstamm in Arizona sein
esoterisches Schlüsselerlebnis. Jetzt hat sie ihn nach jahrelanger
Funkstille wieder angerufen, ist inzwischen die jüngste Staatssekretärin
Deutschlands und verlangt von ihm, daß er der Bundesregierung als
falscher Schamane aus einer prekären Medienlage hilft. Eine Terrorgruppe
namens “Nox Irae” droht damit pünktlich zum Jahrtausend-Ende
in der Hauptstadt eine gestohlene russische Atombombe hochgehen zu lassen.
Es handelt sich bei diesem schmalen Buch, das der Verlag besser nicht
Roman genannt hätte, also um eine Jahr-2000-Story, eine Liebesgeschichte
und um einen Medien-Polit-Thriller in einem. Ein schweres Gewicht, an
dem der Text, das weiß der Autor wohl, ernstlich zu schleppen hat.
Also macht er aus der Not eine Tugend und schlägt einen unernsten
Ton an.
In der Tat muß es witzig sein, aus diesem Buch vorgelesen zu bekommen.
Der Erzähler selbst ist mit seinen grandiosen esoterischen Heilserwartungen,
mit seiner wehmütigen Endlosliebe zu Regina, mit seinen Abstürzen
in jammernde Selbstverachtung und Welthaß eine dankbare Lachnummer.
In den Dialogen zeigen alllerlei Typen, wie wir sie in intellektueller
Herablassung zu kennen glauben, daß sie komische alte Ziegen, tollpatschige
Bullen, primitive Prolos, korrupte Machtlöwen oder einfach nur arme
Schweine sind. Und das Fernsehen – Wer wäre nicht gegen das
Fernsehen! – wird durch Reduktion auf seine dümmliche Tonspur
der verdienten Lächerlichkeit preisgegeben.
Das macht Marcus Jensen perfekt. Es entsteht das Bild einer heillosen
Welt, die heillos komisch ist, in ihren kläglichen Versuchen, sich
auf den letzten Drücker doch noch ein bißchen Glück und
Wahrheit zurecht zu schwafeln. Zum Ablachen. Als Leser und Kollege von
Marcus Jensen gestehe ich aber, daß ich das, und sei es noch so
gekonnt gemacht, nicht für das Nonplusultra männlichen Humors
und nicht für das fruchtbarste Verfahren gegenwärtiger Literatur
halte.
Satirische Techniken, die sich auf die Anverwandlung von Jargons und anderen
erstarrter Sprachformen und auf deren Zurichtung und Überspitzung
beschränken, scheinen mir kaum noch kritischen und ästhetischen
Mehrwert zu besitzen. Das Karikieren des allgemeinen Geredes ist so risiko-
wie wirkungslos geworden. Es stellt keine Sprach-Erfahrung im höheren
Sinne mehr da. Und die ganze mimetische Müh führt meist nur
in eine schale, weil allzu billige Überhebung.
So hat für mich Red Rain seine besten und wirklich bewegenden Stellen
in den ernsten und eher beschreibenden Passagen, in den Arizona-Teilen,
wo die Frage nach einer ‚Heilung‘ von Schmerzen nicht nur
durch den Kakao gezogen wird, und im Schlußmonolog des Helden. Dort
tapst er von allen verlassen, vom medialen Gelabber erlöst und auch
vom Druck des Plots entlastet, durch eine wüste Unterwelt, irgendwo
unter dem Alexanderplatz. Plötzlich tut kein Witzeln mehr not, plötzlich
ist Beschreibung ohne ironische Schwindsucht möglich. Hier erobert
sich Jensens Sprache, die unentwegt Erfahrung leugnen mußte, die
sich permanent selbst als flaches Geschwätz verhöhnt hat, ihren
eigenen heilversprechenden Erfahrungsraum zurück.
(Geschrieben für die Literaturzeitschrift "Am Erker") |