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Reite den geilen Papageien!
Unsere Lust im goldenen Spiegel des Kamasutra
Schon immer weiß der Mensch, daß die Tiere es auch tun: Der
Esel und die Eselin, die Stute und der Hengst, die Hunde, als unrein verrufen
oder als treu geschätzt, sie alle haben es seit jeher unmißverständlich
vor den Augen unserer verständigen Artgenossen getrieben. Sogar bei
den Vögeln, deren Körper dem unseren ferner sind, erkennen wir
das einschlägige Tun sogleich. Die unscheinbaren Spatzen besteigen
einander wie die bunten Pagageien, und ohne daß der Mensch ihrem
Gefieder das jeweilige Geschlecht absieht, deutet er ihren flügelschlagenden
Akt als das, was er selbst zu vollziehen begehrt. Das Wort „vögeln“
ist als Bezeichnung für die sexuelle Vereinigung im Deutschen seit
gut 500 Jahren schriftlich belegt. Der indische Liebesgott Kama aber fliegt
schon zweitausend Jahre länger auf seinen geilen Reittieren, auf
dem Sperling oder dem Papageien, durch eine Welt, in der alles, was Flügel,
Flossen, Beine und Arme besitzt, von der Lust geritten wird.
...Kama, dessen Name den vorderen Teil des
Buchtitels „Kamasutra“ bildet, scheint also alles Tierartig-Lebendige
gleichermaßen zu beherrschen. Und obwohl der Verfasser des Kamasutra
nie einen Hehl aus unserer Tierhaftigkeit macht, entspringt sein Buch
ebenso offensichtlich aus der Differenz, die uns von Stute und Hengst
und allen Vögeln scheidet:
„Er steht morgens auf, erleichtert sich, putzt seine Zähne,
benutzt Duftöle maßvoll, ebenso Wohlgerüche, Girlanden,
Bienenwachs und roten Lack, besieht sich im Spiegel, spült den Mund
und nimmt Betel, ehe er sich mit seinen Obliegenheiten beschäftigt.
(...) Nach dem Essen verbringt er seine Zeit damit, seine Papageien und
Stare das Sprechen zu lehren.“
So wird im Ersten Buch des Kamasutras „Der Lebensstil des Lebemannes“
beschrieben. Der Mensch ist hier das einzige Tier der Welt, das den scheuen
und klugen Papageien lebendig einfängt, ihn in Käfigen hält
und ihm listig beibringt, die Menschensprache nachzukrächzen. Der
Mensch zwingt der belebten Natur sein Spiel auf. Und so ist es kein Wunder,
daß dieser kunstfertige Papageienfänger auch die eigene Sinneslust
mit dem Blick des verständigen Herrschers, des trickreichen Dresseurs
zu betrachten beginnt.
„Sutra“ bedeutet im Sanskrit „Faden“, meint im
Speziellen den Faden, der beschriebene Palmblätter zusammenhält,
und im übertragenen Sinne die Bedeutungskette, die niedergeschriebene
Gedanken bilden. Wer die nun auf Deutsch vorliegende neueste Kamasutra-Ausgabe
der amerikanischen Sankritologin und Religionswissenschaftlerin Wendy
Doniger und des indischen Autors Sudhir Kakar zu lesen beginnt, wird schnell
merken, wie entschieden diese Herausgeber den Lehrbuch-Charakter des Kamasutra
unterstreichen. Sie berufen sich dabei auf die Tradition der indischen
Literatur, die ihre wichtigsten Schriften mit immer neuen Kommentaren
durch die Jahrhunderte begleitet. Der ehrfurchtsvolle und gelehrte Kommentar
leistet dabei zweierlei: Er befördert die Kanonisierung, indem er
den kommentierten Text auf andere kanonisierte Schriften bezieht. Und
er versucht, die Gültigkeit des Werkes für die jeweilige Gegenwart
zu beweisen.
Wendy Doninger und Sudhir Kajar bieten uns neben dem schmalen Kamasutra-Originaltext
des Vatsyayana Mallanaga noch umfangreiche Auszüge aus zwei historischen
Kommentaren. Um 1250, also ungefähr tausend Jahre nach der Niederschrift,
hat der indische Gelehrte Yashodhara Indrapada Erläuterungen zu den
sieben Bücher des Kamasutra verfaßt, denen bald selbst kanonische
Geltung zukam. Weitere siebenhundert Jahre älter ist der Kommentar
des Devadatta Shastri, der in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts
auf Hindi verfaßt wurde. Und die Anmerkungen von Wendy Dollinger
und Sudhir Kakar bilden zeitlich gesehen die vierte Kommentierungsstufe.
Viele Worte für das, was der Papagei, während er es zustande
bringt, allenfalls mit einem fröhlichen Krächzen kommentiert!
Aber der Mensch ist nun einmal das einzige Tier, das sein Liebeslager
auch als Lesestätte benutzt. Und so werden diejenigen, die dieses
wunderschön in rote Seide gebundene Buch nicht nur als Schmuckstück
für ihre Regalwand kaufen, sondern es tatsächlich mit seiner
Lektüre versuchen, nicht um ein eifriges Hinundher-Blättern,
um ein Vergleichen der vier Textwelten herumkommen.
Diese philologische Müh lohnt sich durchaus. Denn das, was wir als
unser Begehren an das Buch herantragen, sieht sich darin auf zweierlei
Weise gespiegelt. Die beiden Sanskrit-Texte, das Kamasutra-Original und
der Kommentar des Yashodhara, gewähren uns zunächst die Freuden
der zeitlichen Fremdheit. Auch die gelehrte Welt weiß wenig über
jenes frühe Indien, von dessen erotischer Kultur das Kamasutra erzählt.
Das Kamasutra selbst sei, wie die Herausgeber in bitter-süßer
philologischer Ironie anmerken, „sein eigener Kontext“, es
ist selbst die wesentliche Hauptquelle für die Lebensverhältnisse
der damaligen Zeit.
So bekommt die Lektüre, ähnlich der Arbeit der Kommentatoren,
schnell verführerisch spekulativen Charakter. Wer waren diese „Lebemänner“,
für die in den Anmerkungen der global gewordene amerikanische Begriff
„Playboy“ als zutreffend empfohlen wird? Es waren die Herren
einer privilegierten städtischen Schicht. Sie hatten Zugriff auf
ökononischem Überschuß und auf vielerlei Luxusgüter.
Sie übten hohe Ämter aus und betrieben einträgliche Geschäfte,
aber zugleich pflegten sie einen ausgiebigen Mittagsschlaf, verstanden
sich auf das Bogenschießen, die Jagd und aufwendige Gesellschaftspiele.
Und für das Ende des Liebesakts rät ihnen das Kamasura unter
anderem zu folgendem:
„Wenn die Leidenschaft verebbt ist, gehen Mann und Frau verlegen,
ohne sich anzusehen, als kennten sie sich überhaupt nicht, einzeln
zum Waschplatz. Bei ihrer Rückkehr nehmen sie ohne Verlegenheit ihre
üblichen Plätze ein und kauen Betel, und er reibt ihren Körper
mit Sandelholzpaste oder einem anderen Duftöl ein. (...) Bisweilen
sitzen sie auf der Dachterasse und genießen das Mondlicht und erzählen
sich zu ihrer Stimmung passende Geschichten. Während sie in seinem
Schoß liegt und den Mond betrachtet, zeigt er ihr der Reihe nach
die Sternbilder.“
Dies ist nur ein Bruchteil von dem, was das Kamasutra dem Paar als Nachspiel
nahelegt. Man stelle sich einen heutigen Manager nach zwölfstündigem
Arbeitstag oder einen sogenannten Playboy nach seinen Party- und Szene-Strapazen
beim Betrachten des Großen Bären und beim Erzählen einer
traditionell dazu gehörigen Geschichte vor!
Was hier und in vielen anderen Szenen, die der Verfasser des Kamasutra
zur Belehrung seiner Zeitgenossen aufbietet, auf anmutige Weise befremdet,
ist die Art, wie sich die Zeit der Liebe mit den anderen Zeitformen des
menschlichen Daseins verschränkt. Lesend beginnt man einen Lebensstil
zu begreifen, der das rechte Maß und die richtige Muße für
alle Exixtenzbereiche anstrebt: für das Geschäft der Macht,
zu dem auch der Wissenserwerb gehört, für die Welt der Religion,
die auch die niedere, zweckgebundene Magie miteinschließt, und für
eine Sinneslust, die rituelle Kontrolle und überschäumenden
Exzeß zu vereinen sucht.
Wer, gespiegelt in dieser fremden Welt, zuletzt gelb vor Neid wird, der
kann sich zur Erholung in die modernen Kommentare flüchten. Hier
ist die deutsche Übertragung von Robin Cackett dem forschen amerikanischen
Pragmatismus ihrer amerikanischen Vorlage nicht selten bis ins einzelne
Wort treu geblieben. So muß ein Mißgeschick oder ein Unglücksfall
in Liebesangelegenheiten nun auch im Deutschen „Desaster“
heißen. Und wie eine Blendgranate explodiert in den Kommentaren
und leider auch im Kamasutra-Text regelmäßig das Substantiv
„Sex“ und zerblitzt dann mit seinen drei gnadenlosen Lettern
jede denkbare Bedeutungsabstufung oder Differenzierung.
Aber auch dies ist eine Spiegelung. Die mächtige amerikanische Kultur
verfaßt uns nicht nur die Einleitung und die Anmerkungen zu dieser
Neuausgabe des Kamasutra, sie gibt längst auch die globale Lehrmeisterin
in Sachen „Sex“. Ist es wirklich ein Nachteil, daß das
Deutsche kein vergleichbares Universalwort für das Reich des Gottes
Kama hat? Brauchen wir die Lehnvokabel „Sex“, wenn unsere
Begierde, unser Verlangen, unser Trieb mit Ungestüm und voller Feurigkeit
den exquisiten Kitzel, die höchstmögliche Sinneslust, ja wahre
Wollust in geschlechtlichen Akten, im Liebesspiel und im Liebeskampf anstrebt?
Das Kamasutra lehrt, wie man von dergleichen spricht, und es beschreibt
immer wieder, wie man noch währenddessen das richtige Wort findet.
Wunderbar ungeniert gibt es Beispiele für Sätze, die den Sinnen
auf die Sprünge helfen.
Die küssenden und allerliebst sprechenden Münder, von deren
Lust uns das Kamasutra erzählt, haben sich noch nicht in geschliffenem
Glas gespiegelt. Die damals gebräuchlichen Spiegel besaßen
nur hauchdünne, sorgfältig polierte Gold- oder Silberfolien.
Dies war vielleicht kein Mangel. Blicken also auch wir mit der rechten
Muße in den goldenen Spiegel der uralten Schrift! Dann rät
uns dieses Denkmal des untergegangenen Sanskrit nicht nur zu Mandelmilch
und Betel, sondern auch dazu, dem geilen Papageien, dem Reittier des Liebesgottes
Kama, bei nächster Gelegenheit das prächtige Zaumzeug unserer
Sprache über Gefieder und Schnabel zu werfen.
(Geschrieben für die Literarische Welt)
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