|
|
Isabel
Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn |
Georg
Klein
Nur quakende Stimmen im Nichts
Stephen King als bekennender Amerikaner
Mit etwas Glück läßt sich irgendwo noch ein Lesender finden,
der schlichtweg nicht weiß, wer Stephen King ist. Aber selbst dieser
mediale Hinterwäldler bliebe, über Kings neuestes Buch gebeugt,
nicht lange im Stand der Unschuld. In DAS LEBEN UND DAS SCHREIBEN erführe
er bald, mit welchem Kaliber von Autor er es zu tun hat: „Ungefähr
drei Millionen Menschen haben SARA gelesen, ich habe mindestens viertausend
Briefe zu diesem Buch bekommen.“
Jene Millionen sind es, von denen wir wissen, wenn wir den neuen King
zur Hand nehmen. Wir reihen uns bei diesen Zahllosen ein, denn wir können
davon ausgehen, daß erneut Hunderttausende dieses Buch kaufen und
lesen werden, obwohl es sich weder um einen Horror- noch um einen Fantasy-Roman,
sondern, wie es in fairer Warnung auf Stephen Kings Website heißt,
um „non-fiction“ handelt.
DAS SCHREIBEN UND DAS LEBEN scheint auf den ersten Blick ein Bastard,
denn die drei Hauptteile, in die es zerfällt, gehören zwei verschiedenen
literarischen Welten an. Das erste Stück LEBENSLAUF und der schmale
Schlußteil ÜBER DAS LEBEN: EIN NACHTRAG sind autobiographische
Versuche, in denen King, geboren 1947, zunächst aus seiner Kindheit
und Jugend, von seinem literarischen Werdegang bis 1985 und zuletzt von
seinem schweren Autounfall im Jahr 1999 erzählt. Das Mittelstück
WAS SCHREIBEN IST kann man mit Stephen King ironisch eine „Ars poetica“
nennen. Auf gut 150 Seiten versucht er an seinen Erfahrungen und an eigenen
Textbeispielen zu demonstrieren, wie man das Prosa-Schreiben seiner Meinung
nach am besten anpackt und vorantreibt.
Die King-Fans allerdings werden sich nicht um die weißen Seiten
zwischen den autobiographischen Teilen und dem poetologischen Stück
scheren, sondern das Buch als einen Happen verschlingen. Und ihr Gespür,
die gute Nase des blinden Verehrers, hat recht: ON WRITING, wie das Buch
auf Amerikanisch kurz und bündig heißt, ist, von vorne bis
hinten, vom selben Fleisch: Es ist eine Konfession. Und es lohnt sich,
genau anzuschauen, wozu King sich bekennt, wem er sein Bekenntnis zu Gehör
bringen will, und was sein Beteuerungen als ihren unausgesprochen Kern
umreissen.
Ein Mann war zwölf Jahre Alkoholiker, er war von Medikamenten und
Kokain abhängig, aber hat es mit Hilfe seiner Familie, mit Hilfe
einiger guter Freunde und aus eigener Willenskraft geschafft den Suff
und das Koksen aufzugeben. Dieser Mann liebt seine Frau und seine Kinder,
er glaubt an Gott, und er sagt uns am Ende seines Buches, nachdem er das
alles und noch ein bißchen mehr bekannt hat: „Es geht darum
glücklich zu werden, okay?“
Unser Mann hat sein Glück mit der Schriftstellerei gemacht und deshalb
ruft er all denen, die ihm auf diesem Weg nachfolgen wollen zu: „Sie
können es, Sie dürfen es, und wenn Sie genug Mut für den
Anfang aufbringen, dann schaffen Sie es auch. Schreiben ist Magie, ist
das Wasser des Lebens, genau wie jede andere kreative Kunst auch. Es ist
umsonst. Trinket also.“
Dieser Brustton, diese Missionarsrhetorik kommen uns noch nicht restlos
amerikanisierten Alteuropäern doch verdächtig vor. Es scheint
ratsam, vorsichtig an dem zu nippen, was uns ein bekehrter Trinker als
das Gratis-Wasser des Lebens anbietet. „Umsonst“ ist in den
USA wahrlich wenig, vielleicht nichts, das kann man in Kings „Lebenslauf“
aus manchem Detail lernen. So erzählt King, wie er als junger, noch
erfolgloser Autor mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern von einem
Besuch bei seiner krebskranken Mutter nach Hause kommt. Das Töchterchen
Naomi hat plötzlich hohes Fieber bekommen, eine Mittelohrentzündung,
und die Eltern wissen, das sie den “ROSA SAFT“, das nötige
flüssige Pencillin nicht kaufen können, weil sie pleite sind.
Das ist anrührend und glaubwürdig erzählt, aber in ihrer
Pointe enthüllt die Familienanekdote ihren ideologischen Zweck: Zuhause
angekommen, entnimmt der verzweifelte Vater dem Briefkasten einen Umschlag,
findet darin nicht, wie befürchtet, eine weitere Rechnung, sondern
einen Scheck des Herrenmagazins Cavalier über 500 Dollar, das erste
größere Honorar, das King erhält.
So geht es in der Welt dieses Buches regelmäßig zu: Sein Held,
der Autor King, kommt aus schwierigen Verhältnissen und hat mit den
Schlägen des Lebens zu kämpfen. Aber weil er an das Recht auf
Glück, weil er an seinen amerikanischen Gott glaubt und weiß,
daß dieser Gott den bedingungslosen Kampf ums Glück erwartet,
gibt er nicht auf, um schließlich belohnt zu werden.
Wer sind wir, daß Stephen King meint, uns den amerikanischen Bären
aufbinden zu müssen? Wir sind seine Leser, und in DAS LEBEN UND DAS
SCHREIBEN ist oft von uns Lesern die Rede: „Ohne den treuen Leser
sind wir nur quakende Stimmen im Nichts.“ Dies ist vielleicht die
schönste Stelle, denn sie ist frei von der devoten Anbiederei, mit
der in anderen Passagen um die Gunst der Leserschaft gebuhlt wird, und
sie hat auch nichts von der dreisten Dominanz, mit der uns der Schreibschulmeister
King seine meist dürftigen Ratschläge auftischt. In der schaurig
komischen Vision vom Autor als einsam quakendem Frosch bleibt der Leser,
genauer gesagt, die Fähigkeit des Autors, die Existenz seiner Leser
zu fantasieren, die einzige Rettung aus Einsamkeit und Angst.
Stephen Kings neues Buch macht keine Angst, es hat Angst. Ich kann mich
an kein zweites nicht-fiktionales Buch erinnern, in dem so oft das Normal-Sein,
der „klare Kopf“ und der „gesunde Verstand“ beschworen
würden. King läßt keine Gelegenheit aus, zu beteuern,
daß es in seinem Dachstübchen wie bei uns, bei seinen Lesern,
mit rechten Dingen zugehe.
„Wenn Sie allerdings meinen, ich ticke nicht richtig, auch gut.“
Mit dieser vorauseilenden Schutzgeste schließt King einen Absatz,
in dem er die Planbarkeit literarischer Handlungen, das kontrollierte
Ausdenken von Geschichten bezweifelt hat. Und in der Tat, hier liegt der
Hund begraben: King weiß nicht, woher das kommt, was ihm beim Schreiben
einfällt.
Rätselhaft sind ihm jene schrecklichen Einfälle, jene Ketten
aberwitziger Handlungsideen, die seinen Erfolg ausmachen und um derentwegen
man ihn, der in Sachen Beschreibung, Figurenzeichnung, Dialog, Reflexion
und Stil knapp das amerikanische Mittelmaß erreicht, einen Großmeister
des Plots nennen muß. Das gibt er offen zu, und wie er seinen Arbeitsalltag
beschreibt, spricht Bände. Sein Verhältnis zur eigenen Kreativität
ist ein magisches, er ist ein moderner Primitiver. Mit Ritualen, mit Beschwörungen
und Dankopfern versucht er jenes Etwas in Arbeit, in Textproduktion, zu
bannen, das er weder kontrollieren noch verstehen kann.
Es rührt an, wie ungeschickt und stockend der manische Schreiber
King vom Werben um seine Muse, die zweifellos ein Dämon ist, zu erzählen
versucht. Mit Sympathie sehe ich diesen einsamen Mann mit Bier und Kokain
und schließlich mit Pepsi-Cola seine Privat-Riten an Schreibmaschine
und PC verrichten. Aber zugleich bestürzt mich der verzweifelte Größenwahn,
mit dem er in seinem neuen Buch den Fans das Schreiben beibringen will.
Die Absicht ist klar: Wir sollen ihm nachfolgen. Denn wenn alle so würden
wie er, wenn ihn Millionen kleiner Stephen Kings umwimmelten, könnte
er endlich seiner Normalität sicher sein.
Vom Umschlag des Buches blickt uns der Autor King gütig lächelnd
entgegen. Ohne Zweifel: Er ist der gute Amerikaner, der das beste für
seine Familie, für „God’s own country“, ja für
die ganze Welt will. Aber irgendwo in diesen Augen, und hinter jeder Zeile
dieses Buches lauert ein bösartiger Uncle Sam, der uns mit irrem
Blick anstarrt, weil er uns alle, mit Haut und Haaren, haben will.
Das wäre der Amerikaner, den King in seinen besten Horror-Romanen
zur Tat schreiten läßt und dessen schreckliche Gestalt wir
dort genießen, weil sie in Kings Plot wie durch einem Korsett perfekt
geformt und zugleich wie in einer Zwangsjacke fixiert ist. Wer die ganze
flackernde Blauäuigkeit von Kings erstem nicht-fiktionalen Buch ermessen
will, wer in den amerikanischen Abgrund hinter dreihundert Seiten amerikanischer
Flachheit blicken möchte, sollte sich vorher eine Nacht mit einem
King-Roman, mit FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE, SHINING oder STARK, um die
europäischen Ohren schlagen.
(Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Zeitung)
|