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DER TOD IST IRGENDWIE GEIL, ODER?
Unterwegs mit einem morbiden Popjournalisten
Älter werdend fragt man sich plötzlich, was sich die jüngeren
Menschen eigentlich so denken – über das Leben, die Liebe oder
gar über den Tod. Und prompt hat man das Buch hierzu auf dem Tisch:
Chuck Klosterman wurde von der New Yorker Popzeitschrift SPIN MAGAZINE
mit einem Leihwagen ausgestattet, um gut zwei Wochen auf einem Zickzackkurs
von der Ostküste an die Westküste der USA zu fahren. Der junge
Musikjournalist wollte und sollte möglichst viele Orte besuchen,
an denen ein berühmter Pop-Musiker eines frühen Todes gestorben
ist.
Ist das ein guter Einfall? Oder nur eine arg naheliegende Schnapsidee?
Klosterman sagt über sein „Todes-Projekt“: „Sterben
ist das Interessanteste, was alle Menschen tun, ohne Ausnahme. Das gilt
besonders für Berühmtheiten.“ Dann prahlt er noch mächtig
damit, dass er 600 seiner 2233 CDs auf den Rücksitz seines Miet-Fords
packt und auch reichlich Marihuana mitnimmt. Aber steigen wir ruhig mit
ein, auch ein kiffender junger Angeber kann gute Gedanken haben. Und vielleicht
hilft er einem Älteren sogar, die eine oder andere Frage nach dem
Tod oder dem Leben ein wenig schärfer zu fassen.
Erste Frage: Wem gehört eigentlich er Tod?
Kaum der Kindheit entkommen, sind unsere Jungen besessen von Tod, und
sie machen in der Regel keinen Hehl daraus. „Ich möchte nicht
sterben, aber die Vorstellung tot zu sein, finde ich toll.“ Dieses
Geständnis schenkt Chuck Klosterman seinen Lesern, nachdem er erzählt
hat, wie er hinter einem Hotel zum Joggen aufgebrochen ist. Rennend malt
er sich aus, er würde einen Herzinfarkt erleiden, das SPIN MAGAZINE
widmete ihm eine ganze Ausgabe der Zeitschrift und gleich zwei der Musikredakteure
schrieben sich einen bewegenden Nachruf von der Seele.
Diese Phantasie hat ohne Zweifel universellen Charakter. Rund um den Globus
stellen sich von Weltschmerz geplagte Burschen und melancholische Mädchen
liebend gerne vor, sie sähen ihren Hinterbliebenen beim Trauern zu.
Der untote Tote, der dies vermag, macht eine kuriose Figur. Er ist zwar
sämtlichen Pflichten des Lebendigseins entkommen und hat alle Chancen
der Existenz in den Wind geschlagen. Aber lassen kann er von seiner einstigen
Umwelt durchaus nicht. Wie ein jenseitiger Fernseh-Junkie bleibt er süchtig
nach dem Film seines Nachlebens, nach den reuevollen Tränen der Freundin,
nach dem schlechten Gewissen der Älteren, nach dem ehrfurchtsvollen
Gedenken seiner Schulkumpane.
Solch einen Hang sehen wir Älteren mit Unbehagen, vor allem wenn
wir die Eltern der morbiden Maid oder des todeslüsternen Jünglings
sind. Man mag sich nicht mit den garstigen Todesvideos abfinden, die auf
den PCs und den Handys der jugendlichen Cliquen kursieren. Mit säuerlicher
Überwindung hat man die halb skelettierten Leichen auf ihren Postern
und T-Shirts akzeptiert, weil man sich leider noch an das Cover manch
eigener Lieblingsplatte erinnern kann. Aber insgeheim wünscht man
sich doch, man könnte den Heranwachsenden dieses ganze Todesding
wie ein pädagogisch minderwertiges Spielzeug wegnehmen.
Chuck Klosterman nutzt seine Reise von Todesort zu Todesort auch dazu,
um bei seinen alten Eltern in North Dakota vorbeizuschauen. Er bemüht
sich, pünktlich zum Essen einzutreffen, damit seine Mutter nicht
denkt, er habe einen Unfall gehabt. Die Jungen ahnen es: Allein ihnen
gehört das lustvolle Spiel mit dem Tod. Uns, den Älteren, aber
sitzt er wie eine schmerzlose, wie eine still anwachsende Geschwulst im
Nacken. Wir vergnügen uns nicht mehr mit den Bildern vom Tod. Und
in der Konkurrenz um die stärksten schwarzen Gefühle bleibt
uns bestenfalls die Angst vor einem zu frühen Sterben unserer kostbaren
Kinder.
Zweite Frage: Was hat die Musik mit dem Tod zu tun?
Chuck Klosterman redet wahnsinnig gern über Songs und die Alben,
auf denen sie zu finden sind. In seinem Buch tut er dies nicht nur, indem
er den Leser direkt anspricht. Nein, er liebt es fast noch mehr, szenisch
zu rekonstruieren, was er irgendwann zu irgendjemand über eine Band
oder ein Lied gesagt hat. Dieser Tick ist mehr als nur die Berufskrankheit
des Popjournalisten. Das Reden über Popsongs bedeutet für Klosterman
schlicht die einzige Form, mit der Vergangenheit in ein bekömmliches
Verhältnis zu gelangen. Dies gilt auch für die Ereignisse von
allgemeiner Tragweite wie den 11. September 2001.
Alles, was mit dem Terrroranriff auf das World Trade Center zusammenhängt
und sich sinnvoll darüber sagen läßt, ist für Klosterman
im Album Kid A der britischen Popgruppe Radio Head enthalten. Sobald er
die Songs der CD durch sein Räsonnement mit den Ereignissen in Verbindung
bringt, verliert seine zeitgenössische Rede die beliebige Banalität,
von der sie stets bedroht ist. Wenn Klosterman flapsig anmerkt, „dass
Kid A der offizielle Soundtrack des 11.September 2001 ist“, meint
er etwas Todernstes, das über den Schrecken des Anschlags hinausgeht.
Nur der Popsong läßt ihn ertragen, dass es die selbst erlebte
Vergangenheit überhaupt gibt. Die quälende „nostalgische
Sehnsucht nach der unmittelbaren Vergangenheit“ ist im Song für
drei, vier oder fünf Minuten auf eine magische Art akzeptabel geworden.
Solange genießt die Wehmut sich selbst.
Aber nicht länger. Denn mit dem Enden des Liedes beginnt sogleich
die verzweifelte Suche nach dem Anheben eines neuen. Und bis man den rettenden
Song auf den UKW-Tasten des Autoradios oder in der CD-Halde auf dem Rücksitz
gefunden hat, hält man sich mit Pop-Diskurs über Wasser. So
gleicht der manisch quasselnde Chuck Klosterman einem Schwimmer, der den
redenden Kopf krampfhaft in der Gegenwart reckt, während ihm sein
Vergangenes, das bislang Erlebte, als ein unkontollierbares Gewässer
gefährlich ums Kinn schwappt. Das ist an den besten Stellen traurig
und komisch zugleich.
Dritte Frage: Was hat Liebe mit Tod zu tun?
Ungefähr genauso viel und offensichtlich genau so gern wie über
Popsongs schreibt Chuck Kosterman über seine Liebschaften. Diese
Affären haben Namen, zumindest Vornamen, und sie liegen alle im Argen.
Entweder sind sie schon unter Schmerzen zerbrochen, oder sie gehen just
während der Rundreise kaputt, zumindest kränkeln sie, von einem
schlimmen Ausgang bedroht, vor sich hin. Man stirbt heutzutage nicht mehr
an gebrochenem Herzen. Aber es ist immer noch eine schöne Gewohnheit,
sich den Verlauf einer Beziehung als eine Art Lebensbahn vorzustellen.
Im Verlieben wird man zu seinem wahren Wesen geboren, der finale Niedergang
der Gefühle ist einem Sterben analog. Das ist das romantische Modell.
Chuck Klostermans Denken und Fühlen kommt aus diesem Sterben gar
nicht heraus. „Wir sterben immer und die ganze Zeit.“, meint
er mit schwermütigem Pathos, als er von seiner ersten College-Beziehung
erzählt hat, und dann vergleicht er das Ende einiger ausgewählter
Liebschaften mit dem Tod durch Schlaganfall, mit dem qualvollen Dahinsiechen
an Knochenkrebs, mit einem Flugzeugabsturz und einem Schuß in den
Hinterkopf. Das liest sich larmoyant, an den schwächsten Stellen
wirkt es sogar kokett. Aber verlogen ist es nicht. Irgendwann in der Urzeit
der bürgerlichen Gefühlskultur hat sich die nigelnagelneue romantische
Liebe beim Tod des Leibes mit Metaphern eingedeckt. Jetzt, wo das allgemeine
Liebesgehabe in albernen Fernsehserien seine greisenhaft tattrigen Runden
dreht, verlangt der sterbliche Körper eine Gegenleistung. Nun soll
das lange romantisch verklärte fleischliche Begehren gefälligst
so tun, als wäre es nur eine weitere Krankheit zum Tode und zugleich
die schönste Blüte einer allgemeinen Liebe zum Leben. Liebt
Chuck Klosterman das Leben? „Ich bin für das Leben hier nicht
qualifiziert.“, lautet der erste Satz seines Reiseberichts, und
diese kleine lakonische Wahrheit glaubt man ihm bis an das Ende seines
Buches.
Letzte Frage: Können wir den Tod verfehlen?
An den Orten, die Chuck Klosterman aufsucht, erlebt er so gut wie nichts.
Verloren steht er am Rand des Wäldchens, in dessen Wipfel das Flugzeug
von Lynyrd Skynrd gestürzt ist. Und die Kreuzung, auf der Duane Allman
von den Allman Brothers mit dem Motorrad in den Tod raste, spricht genau
so wenig zu ihm wie das Gelände von Graceland, wo in einer der zahllosen
Toiletten das Herz von Elvis Presley versagte. Wie albern, etwas anderes
erwartet zu haben! Der Boden der zivilisierten Welt ist rundum satt getränkt
mit den letzten Seufzern der Sterbenden. Wo Tausende zu leben suchen,
finden auch Tausende den Tod. Warum sollte ausgerechnet das Todesröcheln
irgendeines drogenkranken Musikanten eine hörbare Spur auf dieser
heillos von Kratzern übersäten Schallplatte hinterlassen haben?
Aber Chuck Klosterman hat einen letzten Trumpf im Ärmel. Die abschließende
Station seiner Reise ist Seattle. Und der Ruhm des Pop-Toten, dem er dort
nachspürt, ist weiterhin so frisch, dass er den Frühverstorbenen
zunächst nur mit den Initialen seines Namens „K.C.“ zu
nennen braucht.
Kurt Cobain, der Kopf der Grunge-Band Nirvana, ist noch immer ein unerhört
ergiebige Leiche. Und Chuck Klosterman gibt sich redlich Mühe, den
einen oder anderen gedanklichen Funken aus den Umständen von Cobains
Selbstmord zu schlagen. Das Buch wird klug, fast altklug. Für Klosterman
hat Cobain den richtigen Moment zum Sterben gewählt. Gerade als der
Nimbus seine Figur in rettungslos Negative abzudriften begann, als sich
abzeichnete, daß seine Band die Krone des Grunge dem Konkurrenten
Pearl Jam zu überlassen hatte, setzte Cobain mit der Schrotflinte
das entscheidende Zeichen.
Der Autor Klosterman verrät uns nicht, dass Cobain damals 27 Jahre
jung war. Aber auf halber Fahrtstrecke hat er uns beiläufig preisgegeben,
was die Kurzbiographie des Umschlags geflissentlich verschweigt: Chuck
Klosterman, der jugendlich flapsige Schwadroneur, ist zum Zeitpunkt seiner
Reise, also im Jahr 2003, bereits 31 Jahre alt. Wann vergeht die Jugendlichkeit
eines Mannes? Wo kommt heutzutage die pubertäre Spanne, von der alle
Popkultur zehrt und der sie gleichzeitig immer neuen Nährstoff zuführt,
unweigerlich an ihr Ende? Und wie fühlt es sich an, wenn einem allmählich
dämmert, dass man - über all den Songs - diesen Tod seiner Jugend
verpasst hat?
(Geschrieben für die Südeutsche Zeitung)
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