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Georg Klein

Hildegard Knef/“Das Urteil“

In weichen, gutwilligen Momenten ahnen wir, wie das Wort „Schicksal“ früheren Generationen im Ohr geklungen haben muß. Dann horchen wir den beiden Silben einen Nachhall vergangener Würde ab. Ein ferner, fast metaphysischer Ernst rührt uns, deren Leben meist nur noch von der „Ironie des Schicksals“ in seine Grenzen verwiesen wird.
...Verstoßen aus dem Kreis der großen Wörter, hat das „Schicksal“ Asyl gesucht und gefunden - auf den Sitzgarnituren unserer Talkshows zum Beispiel, wo noch ungeniert über allerlei Schicksalshaftes geseufzt werden darf. Hier paßt es ins Ambiente, daß der einst noble Begriff in schäbigem Aufzug Platz nimmt, daß er speckig glänzt gleich einer uralten Lederhose, an der sich viele nachlässige Träger die Finger abgewischt haben.
...„Wenn Sie eine unheilbare Krankeit hätten wie Krebs, würden Sie nicht denken, daß das Schicksal schlecht mit ihnen umgegangen ist?“ Diese Frage wird Hildegard Knef öffentlich gestellt, auf einer Pressekonferenz, die sie in ihrem autobiographischen Roman DAS URTEIL mit dem ihr eigenen lakonischen Witz schildert. Die Leser, die ungefähr in der Mitte des Buches auf die Szene stoßen, sind allerdings für Schicksalsfragen dünnhäutig geworden und wissen, was die Künstlerin darauf antworten könnte. Hildegard Knef gehörte mit gut vierzig Jahren bereits zu denen, die von sich sagen können, daß sie das hinter sich gebracht haben, was die meisten anderen durch die Gnade des Schicksals noch vor sich haben: Sie hat den „Vorhof des Todes“ besucht und ist von dort zurückgekommen, um im URTEIL Bericht zu erstatten.
...Der große Erfolg, den das Buch in den 70er Jahren hatte, war sicher dem Umstand geschuldet, daß die Autorin als Schauspielerin, Sängerin und Verfasserin des Bestsellers DER GESCHENKTE GAUL bereits zwei Jahrzehnte den Ruf eines internationalen Stars genoß. Ihrem zweiten Buch ging zudem die Ankündigung voraus, es würde von der großen Nachkriegskrankheit, vom Krebs, handeln. Damit waren die Weichen der Rezeption gestellt. Die Käufer durften mit einem gewissen Recht nichts Geringeres erwarten als die „Bestätigung, daß das Schicksal vor keinem haltmacht“.
...DAS URTEIL ist ein Schicksalsbuch in diesem Sinne, und ein Schicksalsvoyeur, der sich von Hildegard Knefs widerborstigem, literarisch ambitioniertem Stil nicht abschrecken läßt, kommt bis heute auf seine Kosten. Die Heldin befindet sich zu Beginn der Erzählung in einem Salzburger Krankenhaus. Wenige Wochen zuvor schien eine Serie mörderischer Bauchoperationen, die die Folgen eines verpfuschten Kaiserschnitts beheben sollten, endlich erfolgreich abgeschlossen. Nun aber wird ein Geschwulst in der Brust als Krebs diagnostiziert.
...Die Patientin, die aus mehr als fünfzig Narkosen erwacht ist, resümiert am Ende des Buches, „daß sie dreimal den auf sie gemünzten Ruf ‚Exitus‘ aus ärztlichem Munde“ vernommen habe, während sie, bewegungsunfähig und für tot erklärt, aber hellhörig dalag. Und die Autorin, die ihr Buch als langsam Genesende verfaßte, hat diese Erfahrung nicht nur benannt, sondern auch beschrieben. Vor den Szenen, in denen die Frisch-Operierte unter unzureichender oder nachlassender Betäubung wahrnimmt, erleidet und bedenkt, wie ihr Leib mißhandelt und verhöhnt wird, versagt jede Nacherzählung.
...Der neueren deutschen Literatur mangelt es nicht an Arzt-Figuren, weder an beschriebenen noch an schreibenden Medizinern. Aber ich kenne keinen Text, der dieser Zunft so überzeugend Gerechtigkeit wiederfahren ließe wie das Buch von Hildegard Knef. „Das ist ganz fürchterlich. ... Sie sind ein Kriegsopfer und ein Arztopfer noch dazu.“ meint ein junger Assistenzarzt, als er die Krankengeschichte der Erzählerin aufnotiert hat. Aber die unglaubliche Länge, die kaum zu steigernde Intensität der Leidenserfahrung scheint die Sicht der Gequälten auf eine merkwürdige Weise geklärt zu haben. Ihre Ärzteportraits sind frei von der Feindseligkeit, zu der die vielfach Falschbehandelte berechtigt wäre. Mit einem Großmut, wie ihn vielleicht nur durchlebte Todesnähe verleiht, erzählt sie von den Höflingen, die sie in den Vorzimmern der Nichtexistenz angetroffen hat.
...Es lohnt sich, mit ihr auf diese Gestalten zu blicken. Manchmal scheinen ihre Ärzte lachende Hyänen, die es nicht schert, ob das Fleisch, in das sie ihre Zähne schlagen, noch fühlt, daß es bereits wie ein Aas behandelt wird. Ein andermal sind diese Mediziner traurige Clowns, die mit theatralischem Bedauern einer qualvoll Sterbenden, wie der Mutter der Autorin, die Morphiumspritze mit dem Hinweis auf mögliche Suchtgefahren verweigern. Aber egal, ob sie sich herrisch und großspurig oder zerknirscht und selbstkritisch geben, immmer spielen die „Unheilkundigen“ ihre Rolle als moderne Priester an der Schwelle zum Totenreich grausam schlecht.
...Als die Heldin nach langer Bettlägrigkeit zum ersten Mal, gestützt von zwei Krankenschwestern, an ein Fenster tritt, macht ihr der Anblick des normalen Straßenlebens Angst: „Der gemessene Betrieb erscheint mir unbegreiflich, der sittsam geregelte Verkehr von rätselhafter Fahrlässigkeit, die Sorglosigkeit des Gebarens erweckt Neid, sie ist begehrenswert furchterregend zugleich. ... alle haben sich verabredet, einen somnambulen Pas de deux mit der Katastrophe zu tanzen, sie scheinen den Tod weder zu hören noch zu sehen noch zu ahnen ...“ Wer Hildegard Knefs DAS URTEIL bis zum Ende durchgestanden hat, wird ein Weilchen brauchen, bis sich sein Denken und Fühlen wieder auf diese „somnambule“ Mittellage eingependelt haben.
Wenn es schließlich doch geglückt ist, wenn das Wort „Schmerz“ schlimmstenfalls an den Zahnarzt erinnert und das Wort „Schicksal“ wieder mit einer ironischen Grimasse und einem Achselzucken einhergeht, bleibt, wie eine feine Lese-Narbe, doch eine empfindliche Stelle zurück. Gereizt, zumindest ungnädig reagiere ich nach der erneuten Lektüre des URTEILS auf viele andere literarische Erfahrungsberichte. In unseren verwöhnten Zeiten scheut man sich nicht, mit einer zusammengekratzten Handvoll Leben als Autor aufzutreten. Ein wenig nachgetragene Wut auf die Eltern, eine verunglückte Liebesgeschichte, die ersten Falten oder eine kleine kreative Krise, dergleichen Wehwehchen reichen, um schicksalsschwanger vor den Lesern zu erscheinen.
...Das ist weniger als eine Schande und findet Platz auf dem weiten Feld der Peinlichkeit. Wahrscheinlich müssen gerade die, die fast nichts vom Schicksal wissen, sich um so eifriger über die Umstände ihres existenziellen Unbehagens auslassen. Auch in der Literatur scheint das Fehlen von Leid als seinen Phantomschmerz die Wehleidigkeit zu produzieren. Hildegard Knef jedoch gehört zu den wenigen, denen es zur Ehre gereicht, ihr Fleisch und dessen Schmerz zu Markte getragen zu haben.

(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)