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Hildegard Knef/“Das Urteil“
In weichen, gutwilligen Momenten ahnen wir, wie das Wort „Schicksal“
früheren Generationen im Ohr geklungen haben muß. Dann horchen
wir den beiden Silben einen Nachhall vergangener Würde ab. Ein ferner,
fast metaphysischer Ernst rührt uns, deren Leben meist nur noch von
der „Ironie des Schicksals“ in seine Grenzen verwiesen wird.
...Verstoßen aus dem Kreis der großen
Wörter, hat das „Schicksal“ Asyl gesucht und gefunden
- auf den Sitzgarnituren unserer Talkshows zum Beispiel, wo noch ungeniert
über allerlei Schicksalshaftes geseufzt werden darf. Hier paßt
es ins Ambiente, daß der einst noble Begriff in schäbigem Aufzug
Platz nimmt, daß er speckig glänzt gleich einer uralten Lederhose,
an der sich viele nachlässige Träger die Finger abgewischt haben.
...„Wenn Sie eine unheilbare Krankeit
hätten wie Krebs, würden Sie nicht denken, daß das Schicksal
schlecht mit ihnen umgegangen ist?“ Diese Frage wird Hildegard Knef
öffentlich gestellt, auf einer Pressekonferenz, die sie in ihrem
autobiographischen Roman DAS URTEIL mit dem ihr eigenen lakonischen Witz
schildert. Die Leser, die ungefähr in der Mitte des Buches auf die
Szene stoßen, sind allerdings für Schicksalsfragen dünnhäutig
geworden und wissen, was die Künstlerin darauf antworten könnte.
Hildegard Knef gehörte mit gut vierzig Jahren bereits zu denen, die
von sich sagen können, daß sie das hinter sich gebracht haben,
was die meisten anderen durch die Gnade des Schicksals noch vor sich haben:
Sie hat den „Vorhof des Todes“ besucht und ist von dort zurückgekommen,
um im URTEIL Bericht zu erstatten.
...Der große Erfolg, den das Buch in
den 70er Jahren hatte, war sicher dem Umstand geschuldet, daß die
Autorin als Schauspielerin, Sängerin und Verfasserin des Bestsellers
DER GESCHENKTE GAUL bereits zwei Jahrzehnte den Ruf eines internationalen
Stars genoß. Ihrem zweiten Buch ging zudem die Ankündigung
voraus, es würde von der großen Nachkriegskrankheit, vom Krebs,
handeln. Damit waren die Weichen der Rezeption gestellt. Die Käufer
durften mit einem gewissen Recht nichts Geringeres erwarten als die „Bestätigung,
daß das Schicksal vor keinem haltmacht“.
...DAS URTEIL ist ein Schicksalsbuch in diesem
Sinne, und ein Schicksalsvoyeur, der sich von Hildegard Knefs widerborstigem,
literarisch ambitioniertem Stil nicht abschrecken läßt, kommt
bis heute auf seine Kosten. Die Heldin befindet sich zu Beginn der Erzählung
in einem Salzburger Krankenhaus. Wenige Wochen zuvor schien eine Serie
mörderischer Bauchoperationen, die die Folgen eines verpfuschten
Kaiserschnitts beheben sollten, endlich erfolgreich abgeschlossen. Nun
aber wird ein Geschwulst in der Brust als Krebs diagnostiziert.
...Die Patientin, die aus mehr als fünfzig
Narkosen erwacht ist, resümiert am Ende des Buches, „daß
sie dreimal den auf sie gemünzten Ruf ‚Exitus‘ aus ärztlichem
Munde“ vernommen habe, während sie, bewegungsunfähig und
für tot erklärt, aber hellhörig dalag. Und die Autorin,
die ihr Buch als langsam Genesende verfaßte, hat diese Erfahrung
nicht nur benannt, sondern auch beschrieben. Vor den Szenen, in denen
die Frisch-Operierte unter unzureichender oder nachlassender Betäubung
wahrnimmt, erleidet und bedenkt, wie ihr Leib mißhandelt und verhöhnt
wird, versagt jede Nacherzählung.
...Der neueren deutschen Literatur mangelt
es nicht an Arzt-Figuren, weder an beschriebenen noch an schreibenden
Medizinern. Aber ich kenne keinen Text, der dieser Zunft so überzeugend
Gerechtigkeit wiederfahren ließe wie das Buch von Hildegard Knef.
„Das ist ganz fürchterlich. ... Sie sind ein Kriegsopfer und
ein Arztopfer noch dazu.“ meint ein junger Assistenzarzt, als er
die Krankengeschichte der Erzählerin aufnotiert hat. Aber die unglaubliche
Länge, die kaum zu steigernde Intensität der Leidenserfahrung
scheint die Sicht der Gequälten auf eine merkwürdige Weise geklärt
zu haben. Ihre Ärzteportraits sind frei von der Feindseligkeit, zu
der die vielfach Falschbehandelte berechtigt wäre. Mit einem Großmut,
wie ihn vielleicht nur durchlebte Todesnähe verleiht, erzählt
sie von den Höflingen, die sie in den Vorzimmern der Nichtexistenz
angetroffen hat.
...Es lohnt sich, mit ihr auf diese Gestalten
zu blicken. Manchmal scheinen ihre Ärzte lachende Hyänen, die
es nicht schert, ob das Fleisch, in das sie ihre Zähne schlagen,
noch fühlt, daß es bereits wie ein Aas behandelt wird. Ein
andermal sind diese Mediziner traurige Clowns, die mit theatralischem
Bedauern einer qualvoll Sterbenden, wie der Mutter der Autorin, die Morphiumspritze
mit dem Hinweis auf mögliche Suchtgefahren verweigern. Aber egal,
ob sie sich herrisch und großspurig oder zerknirscht und selbstkritisch
geben, immmer spielen die „Unheilkundigen“ ihre Rolle als
moderne Priester an der Schwelle zum Totenreich grausam schlecht.
...Als die Heldin nach langer Bettlägrigkeit
zum ersten Mal, gestützt von zwei Krankenschwestern, an ein Fenster
tritt, macht ihr der Anblick des normalen Straßenlebens Angst: „Der
gemessene Betrieb erscheint mir unbegreiflich, der sittsam geregelte Verkehr
von rätselhafter Fahrlässigkeit, die Sorglosigkeit des Gebarens
erweckt Neid, sie ist begehrenswert furchterregend zugleich. ... alle
haben sich verabredet, einen somnambulen Pas de deux mit der Katastrophe
zu tanzen, sie scheinen den Tod weder zu hören noch zu sehen noch
zu ahnen ...“ Wer Hildegard Knefs DAS URTEIL bis zum Ende durchgestanden
hat, wird ein Weilchen brauchen, bis sich sein Denken und Fühlen
wieder auf diese „somnambule“ Mittellage eingependelt haben.
Wenn es schließlich doch geglückt ist, wenn das Wort „Schmerz“
schlimmstenfalls an den Zahnarzt erinnert und das Wort „Schicksal“
wieder mit einer ironischen Grimasse und einem Achselzucken einhergeht,
bleibt, wie eine feine Lese-Narbe, doch eine empfindliche Stelle zurück.
Gereizt, zumindest ungnädig reagiere ich nach der erneuten Lektüre
des URTEILS auf viele andere literarische Erfahrungsberichte. In unseren
verwöhnten Zeiten scheut man sich nicht, mit einer zusammengekratzten
Handvoll Leben als Autor aufzutreten. Ein wenig nachgetragene Wut auf
die Eltern, eine verunglückte Liebesgeschichte, die ersten Falten
oder eine kleine kreative Krise, dergleichen Wehwehchen reichen, um schicksalsschwanger
vor den Lesern zu erscheinen.
...Das ist weniger als eine Schande und findet
Platz auf dem weiten Feld der Peinlichkeit. Wahrscheinlich müssen
gerade die, die fast nichts vom Schicksal wissen, sich um so eifriger
über die Umstände ihres existenziellen Unbehagens auslassen.
Auch in der Literatur scheint das Fehlen von Leid als seinen Phantomschmerz
die Wehleidigkeit zu produzieren. Hildegard Knef jedoch gehört zu
den wenigen, denen es zur Ehre gereicht, ihr Fleisch und dessen Schmerz
zu Markte getragen zu haben.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)
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