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Wolfgang Koeppen/“Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“
Heutzutage scheint es keine Schande mehr, einen Ghostwriter anzuheuern,
und auch wer, auf der anderen Seite des Geschäfts, seine gewandte
Feder anonym und gegen Entgelt zum Einsatz bringt, schämt sich in
der Regel nicht dafür. Niemand stößt sich daran, daß
Politiker ihre Reden, Talkshowmaster ihre Witze und berühmte Sportler
ihre Autobiographien nicht selbst schreiben.
Selbst der eine oder andere Autor, mit gut eingeführtem Namen, aber
flügellahmem Pegasus, greift gelassen auf die Dienste eines Kollegen
zurück, der unbekannt, aber gut zu Pferd ist. Die Diskretion, die
mit dergleichen Geschäften verbunden ist, hat meist nur noch wenig
mit Ehre und Öffentlichkeit zu tun, sie ist eine Formalität
des geschäftlichen Umgangs, ein Gleitmittel, das unnötigen Reibungen
in Produktion und Vermarktung vorbeugt.
Das muß zwischen dem Kaufmann Jakob Littner und seinem Ghostwriter
Wolfgang Koeppen vor über fünfzig Jahren anders gewesen sein,
und sogar heute, wo beide längst tot sind, ist ihr Verhältnis
auf eine eigentümliche Weise heikel. Im Jahre 1946 sind sich der
Schriftsteller Koeppen und sein Vertragspartner Littner darüber einig,
daß Stillschweigen über das Zustandekommen des geplanten Buches
gewahrt wird. Und vier Jahrzehnte später, als es wie ein reguläres
Werk Koeppens, unter dem Titel JAKOB LITTNERS AUFZEICHNUNGEN AUS EINEM
KELLERLOCH erneut erscheint, schwingt in dem knappen Vorwort, das der
greise Koeppen dazu verfaßt hat, ein Unterton von Verlegenheit und
verhohlener Rechtfertigung mit: „Ich aß amerikanische Konserven
und schrieb die Leidensgeschichte eines deutschen Juden. Da wurde es meine
Geschichte.“
„Seine Geschichte“? Was kann der 85-jährige Koeppen damit
gemeint haben? AUFZEICHNUNGEN AUS EINEM KELLERLOCH ist ein autobiographischer
Roman. Chronologisch wird erzählt, was der Münchner Briefmarkenhändler
Jakob Littner, deutschsprachiger Jude und polnischer Staatsbürger,
zwischen 1938 und 1945 erlebt hat. Koeppen lag ein umfangreiches Manuskript
Littners vor, das dessen letztes Münchner Jahr, die Vertreibung nach
Prag, die Flucht nach Polen und die dortige Verfolgung durch die deutschen
Besatzer zum Inhalt hatte. Aus dieser Vorlage komponiert er einen knappen,
tagebuchartigen Roman mit Ich-Erzähler. In der Regel bleibt der Text
dicht an den Erlebnissen der Hauptfigur, der Gestus des Authentischen
wird geschickt gewahrt, einige wenige Male sind Briefe oder Berichte anderer
Verfolgter in dokumentarischer Manier eingearbeitet.
Littner dürfte zufrieden gewesen sein. Denn der 40-jährige Koeppen,
der als Dramaturg und Drehbuchautor durch die Kriegsjahre gekommen ist,
kann eine ganze Menge. So findet zum Beispiel die Nacht, die Littner mit
anderen verhafteten Münchener Juden auf einem Polizeirevier verbringen
muß, folgende literarische Gestalt: „... das Revier war das
Weichenstellerhaus des Teufels, wo Leib und Seele, das Sein, die Existenz
auf Geleise gesetzt werden konnten, die in die Hölle führen.
Über mein Dasein, das ich vielleicht als klein und unbedeutend, aber
doch als einmalig empfinde, wurde nun nach der Nummer verfügt. Meine
Karteikarte war an der bösen Reihe.“
Nein, dem Mann, der das Beschriebene im Jahr 1938 erlebt hat, wären
diese Worte nicht eingefallen. Das ist Originalton Koeppen und könnte
so in einem seiner drei Kurzromane aus den 50er Jahren stehen. Wer AUFZEICHNUNGEN
AUS EINEM KELLERLOCH langsam liest, also nicht in jenen Gallopp verfällt,
mit dem man sich in Leidensberichten von einem Schreckensbild ins nächste
flüchtet, kann in fast jedem der knappen Erzählabschnitte diese
Grundspannung fühlen: Der Stil ist gewiefter als die Figur des Erzählers,
er ist dessen Erfahrung immer wieder eine überraschende Wendung,
eine schlaue Metapher voraus.
Der Auftraggeber Littner wird dies vermutlich bemerkt und wohl auch gutgeheissen
haben. Er hat ja einen professionellen Schreiber angeheuert, weil er auf
den Glanz von dessen Sprache setzt. Das Geschehene, für Littner das
Hautnah-Erlebte, soll durch die Arbeit des Ghostwriters an Deutlichkeit
und an Wirkkraft gewinnen. Diese Rechnung geht bis heute auf: Littners
wahrer Bericht gewinnt durch das literarische Geschick Koeppens zwar nicht
an Wahrhaftigkeit, aber es wächst die Realismus-Potenz des Textes,
seine Fähigkeit, den Eindruck von Wirklichkeit zu suggerieren.
Dabei ist es nicht einmal so, daß der Ghostwriter die sprachliche
Spur seines Auftraggebers völlig verwischt hätte. Gelegentlich
weist ein ungeschickter Satz oder der Versuch, das Erlittene doch noch
mit den biederen Denk- und Sprechrastern der zerstörten bürgerlichen
Existenz zu fassen, auf den, ohne dessen Lebensleid, ohne dessen Textvorlage
und ohne dessen Carepakete der Roman nicht zustandegekommen wäre.
Was aber bringt den alten Wolfgang Koeppen vierzig Jahre später dazu,
die Geschichte Jakob Littners, „die Leidensgeschichte eines deutschen
Juden“, „meine Geschichte“ zu nennen? Genügt es
ihm nicht, aus dem Schatten des Ghostwritertums zu treten, sich als der
‚wahre‘ Autor zu enttarnen und sich damit die Aura der Autorenschaft
zu sichern? Vielleicht hängt dieser späte Anspruch auf eine
gespenstische Weise damit zusammen, daß Wolfgang Koeppen 1991 in
der literarischen Öffentlichkeit längst auf eine andere Art
zum Geisterschriftsteller geworden ist.
Koeppen war jener Autor, der, obschon fast völlig verstummt, auf
unheimliche Art im Gespräch gehalten wurde. Er, der keine erzählende
Prosa mehr schreiben konnte oder wollte, wurde weiterhin als einer der
wichtigsten zeitgenössischen Romanciers gehandelt, von dem noch Bedeutsames
zu erwarten sei. Immer wieder wurde von Büchern gemunkelt, die er
noch schreiben wolle oder vielleicht sogar schon geschrieben habe, aber
aus rätselhaften Gründen zurückhielt. Koeppen und sein
Verlag verstanden es, dieses Spiel zu spielen, und der eine oder andere
Großkritiker, der früh auf das Pferd Koeppen gesetzt hatte,
wollte seinen Einsatz nicht verloren geben, obwohl der einst vielversprechende
Gaul, endgültig lahm, in den Boxen stand.
So war der alte Koeppen ein Gespenst zu Lebzeiten. Allerdings nur ein
Phantom des Literaturbetriebs, dessen Schlösser samt ihren Schloßgespenstern
ein putziges kleines Reich für sich, eine Art kulturelles Liechtenstein,
bilden. Die gesellschaftliche Bedeutung dieses Zwergstaats ist vor allem
in den letzten dreißig Jahren kontinuierlich gesunken. Jener Jakob
Littner aber gehörte Anfang der 90er Jahre zu einem Geisterreich,
dessen mediale Präsenz im selben Zeitraum kontinuierlich zunahm.
Koeppen war sich wohl im klaren darüber, daß der verstorbene
Littner inzwischen eine Figur ganz anderen Stellenwerts geworden war.
Er war nicht mehr der vereinzelte Überlebende, der mit seinen individuell
begrenzten Mitteln auf verlorenem Posten für das Erinnern kämpfte.
Littner reihte sich, als man sich seiner wieder entsann, zwangsläufig
bei jenen sechs Millionen ein, die spätestens seit den 80er Jahren
als ein Geister-Heer geliehener Toter bundesdeutsche Identität garantieren.
„Ich aß amerikanische Konserven und schrieb die Leidensgeschichte
eines deutschen Juden. Da wurde es meine Geschichte.“ Inzwischen
haben andere amerikanische Konserven, die Fernsehserie ‚Holocaust‘
und der ‚Kinofilm Schindlers Liste‘ unser Geschichtsbild erheblich
beeinflußt. Die entscheidenden Schlachten um das Bild der Toten
wurde nicht in der Literatur geschlagen. Und Koeppens Sätze, die
späte Bilanz eines ehemaligen Ghostwriters, gewinnen vor diesem Hintergrund
eine seltsame Doppeldeutigkeit. Im Jahre 1991 hat sich der schreibmüde
Greis Koeppen nicht nur die Aura der Autorenschaft von Jakob Littner zurückerobert;
zugleich greift er nach der Aura der großen Verfolgung, nach dem
magischen Zauber, der die jüdischen Toten bis heute umgibt.
Wie schlimm Koeppens Anspruch auf das, was er kurz und bündig ‚Geschichte‘
nennt, ist, sollen die einstigen Geschäftspartner, sollen Jakob Littner
und Wolfgang Koeppen im Himmel unter vier Augen abmachen. Uns jedoch,
den Lebenden, wird Wolfgang Koeppen, dessen literarischer Ruhm zu Recht
langsam verblaßt, als derjenige Ghostwriter in Erinnerung bleiben,
der in einer letzten Runde seiner Karriere, gleich der Gesellschaft, die
ihn umgab, von der Aura fremden Leids, von den Geistern geliehener Toter
gezehrt hat.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau) |