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Eigentümer eines freien Herzens

Ursula K. Le Guins Zwei-Planeten-Roman: Die Enteigneten

Schön, wenn es nahezu allen gut geht! Die Frage nach dem Wohl der meisten kann die maßgebliche Elle sein, die man an eine Gesellschaftsordnung anlegt. Jedoch ließe sich ein Gemeinwesen auch an dem messen, was es seiner vielleicht kleinsten Minderheit zugesteht: Wie sieht es mit der Freiheit und der Würde derer aus, die durch eine besondere Begabung zu unübersehbarem Anders-Sein, zu schicksalshafter Ungleichheit verurteilt sind? Wie ergeht es dem vergesellschafteten Genie?
In Ursula Le Guins Roman „die Enteigneten“ erhebt ein frühreifes Knäblein, gerade der ersten Worte mächtig, die Hände zum lichtdurchfluteten Fenster und ruft: „Meins! Sonne meins!“ Die beanspruchte Sonne erhellt den Planeten Anarres. Anarchistische Exilanten, vertrieben vom Mutterplaneten Urras, haben auf Anarres eine Kultur begründet, die seit mittlerweile 170 Jahren ohne Privateigentum und staatliche Herrschaft, ohne Polizei, ohne die Institution Ehe, ohne Geld und ohne Profitstreben auskommt. Der kleine Shevek, der Junge, der das Lichtgestirn zu besitzen begehrt, wird deshalb sogleich im Geiste solidarischer Ordnung aufgeklärt: „Nichts gehört dir. Man benutzt es. Man teilt es.“
Die Szene ist eine Rückblende in die Kindheit des Helden. Shevek, der seinen Namen wie alle auf Anarres aus Gründen der Gleichbehandlung von einem Computer zugeteilt bekommen hat, ist ein hochfähiger Physiker geworden. Seine mathematischen Spekulationen zum Wesen der Zeit sprengen das, was auf Anarres als wissenschaftliche Wahrheit gilt. Da ihn die mittelmäßigen Koryphäen der Zunft nicht mehr verstehen, gerät er in den Verdacht zu „egoisieren“. Unverständnis hervorzurufen, gilt auf dem Planeten der Brüderlichkeit als Vergehen gegen den Gemeinsinn. Bald wird Shevek so subtil tückisch gemobbt, wie es vielleicht nur in Gemeinschaften möglich ist, deren Ideologie jede offene Gewaltausübung ächtet.
Shevek flieht mit einem Raumfrachter auf den verrufenen Herkunftsplaneten seiner Zivilisation. Auf dem kapitalistischen Urras bereitet man ihm einen großen Empfang. Dort hat das wissenschaftliche Establishment die Zukunftsträchtigkeit seiner Arbeiten erkannt. Man umfängt Shevek mit den Privilegien, die wie bei uns die Stufung der sozialen Pyramide kennzeichnen: Luxus, Anerkennung und Verfügungsgewalt über die Produktionskraft jener Mitmenschen, die dem komplexen System der ökonomischen Ausbeutung nicht so kostbare Ressourcen zu bieten haben wie ein genialer Naturwissenschaftler.
In einem ekstatischen Schnelldurchgang lernt Shevek die Gesellschaftsordnung verstehen, die seine Ahnen auf den kargen Nachbarplaneten Anarres vertrieben hat. Urras ist klimatisch begünstigt. Die Schönheit und Vielfalt seiner Natur verschränken sich auf verführerische Weise mit der exquisiten Beherbergung, die Shevek als Gast einer bedeutenden Universität genießt. In Rückblenden kontrastiert der Roman dieses verwöhnte Dasein mit Sheveks früherem Leben auf Anarres. Dort haben die anarchistischen Siedler der widrigen Umwelt ein Lebensniveau abgerungen, das kein materielles Elend, aber auch keinen Luxus kennt. Zum dramatischen Höhepunkt des kollektiven Kampfes mit der Natur wird eine Dürreperiode mit Hungersnot, in der sich die simplen basisdemokratischen Strukturen des Anarchismus auf eine anrührende Art bewähren: Man teilt Brot und Leid.
Auf Urras beschleunigt sich Sheveks Forschung unter den besonderen Bedingungen seiner neuen Existenz. Zugleich begreift er, was sich die Mächtigen seines Gastlands von seiner Arbeit erhoffen. Seine mathematisch-physikalischen Theorien versprechen, die Grundlage einer neuen Technologie zu liefern. Ertmals wären gewaltige Raumsprünge ohne Zeitverlust, ein freies Reisen im Weltall möglich. Die Zivilisation, die als erste in den Besitz dieser Möglichkeit käme, besäße einen unschätzbaren ökonomischen und militärischen Vorsprung.
Als ein innerplanetarischer Krieg droht, als Unruhen in der Unterschicht ausbrechen, flieht Shevek aus seinem goldenen Käfig. Er taucht in den Slums von Urras unter und findet Anschluss an eine illegale Opposition, die die Verhältnisse seines Heimatsterns in verklärter Fernsicht idealisiert. Es ergibt sich eine paradoxe Situation: Shevek, dessen Begabung auf Anarres beinahe am Nivellierungsdruck des Kollektivs zerborchen wäre, wird bei den Unterdrückten von Urras zur heroischen Lichtgestalt, „zur fleischgewordenen Idee des Anarchismus“.
Ursula le Guins Roman stammt aus den frühen Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, aus einer Zeit, in der sich das Denken der Intellektuellen noch einmal wie in einem letzten dogmatischen Karneval an den Ideologien des alten Europa berauschte. Eine der großen Stärken von „The Dispossessed“ liegt darin, dass sich der Roman nie auf die Seite totalitärer Gewissheit schlägt und weder der Freiheit noch dem Gemeinwohl den Rang eines Fetisches einräumt, vor dem das Erkennen, das Beschreiben und das Erzählen in Ehrfurcht zu erstarren hätten.
Zuletzt hat Shevek seine „Allgemeine Feldtheorie der Temporalphysik“ mit Hilfe der Botschafterin des Planeten Terra interstellar bekannt gemacht und damit für jede Nutzung, auch für möglichen Mißbrauch freigegeben. Ohne Eigentum kehrt er auf sein armes Heimatgestirn zurück. Es erwarten ihn der Gemeinsinn, die Versagungen und die Schikanen, aus denen auf rätselhafte Weise der Reichtum seines Genies entstanden ist. Für die inzwischen 78-jährige Science Fiction Autorin Ursula K. Le Guin wird, was wir nicht ohne Stolz „Individualität“ nennen, stets aus der Erfahrung von Schmerz und Mangel geboren, so wie wir sie mit anderen und durch andere erleiden. Und der steilste Luxus, den die Kultur bislang nicht nur den Staubstürmen des Planeten Anarres, sondern dem Sandsturm jedweder Zeit abtrotzen konnte, ist die uns allen zugängliche Gewissheit, alleiniger Eigentümer eines freien Herzens zu sein.

(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung)