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DAS GIFT DER GEGENWART
Stanislav Lems Kriminalroman "Der Schnupfen"
Der alternde Haudegen ist eine der Lieblingsfiguren der Spannungsliteratur,
und sein Le-bensgefühl ist ein Longdrink eigener Art: Man nehme reichlich
resignative Erfahrung, gebe einen kräftigen Schuß Todesangst
hinzu und versüße das Ganze mit einem Tropfen sirup-dicker
Wut, dem Vorgeschmack eines letzten gewalttätigen Aufbäumens.
Säure, Bitternis und Süße müssen in einem solchen
Kerl, der seine flotten Jahre hinter sich, die Lethargie des Alters aber
noch vor sich hat, gekonnt gemixt sein.
Stanislaw Lem läßt einen fünfzigjährigen amerikanischen
Ex-Astronauten als Ich-Erzähler vor den Leser treten. Zweimal hat
der inzwischen zur Korpulenz neigende Hüne die Erde aus einer Umlaufbahn
gesehen, den Mond durfte er allerdings nicht betreten und in das Projekt,
das für ihn die Aura großer Zukunft atmete, die Mars-Planung
der NASA, wurde er nicht mehr aufgenommen. In den 70er Jahren des vorigen
Jahrhunderts, in einer Zeit, in der man sich noch nicht das Handy, sondern
die Hörer von Münztelefonen ans Ohr preßte, ist der ausgemusterte
Weltraumfahrer im Auftrag einer US-amerikanischen Detektei nach Europa
gekommen. Ein knappes Dutzend seiner Landsleute scheinen mit Drogen in
Wahn-sinn und Tod getrieben worden zu sein. Halb als Köder halb als
Ermittler macht er sich auf den Weg von Neapel nach Paris. Auf der Autobahn
nach Rom mutet ihn das Rosa eines Lancia , „psychedelisch“
an. Halluzinogene Rauschmittel sind dem alten Knaben nicht fremd. Während
seiner NASA-Jahre hat man LSD und andere bewußtseinserweiternde
Substanzen an ihm ausprobiert.
Ein Zeitspiel beginnt. Zur Krise der Lebensalters, zur Verlorenheit im
Strom der Zeitge-schichte tritt als dritte Zeiterfahrung eigener Qualität
die abenteuerliche Reise. Auf dem römischen Flughafen bricht das
Unheil erstmals wie aus dem Nichts über unseren Helden herein. Im
Inferno eines Terroranschlags gelingt es ihm, nicht nur den eigenen Körper,
sondern auch ein halbwüchsiges Mädchen zu retten. Als Bewahrer
junger Weiblichkeit, als Ritter, der die Prinzessin schützt, dient
er einer Zukunft, die sich bereits anschickt, ihn als ein Auslaufmodell
des technischen Fortschritts hinter sich zu lassen.
Diese altmodische Grandiosität tröstet eine schöne Weile.
Denn in Paris hält die Handllung tagelang den Atem an. Der Astronaut
räsonniert mit mit Mathematikern, Informatikern und Kriminalisten
über Zufall und Kausalität, über die komplizierte Mechanik
der Zeitläuf-te. Lem liebt dergleichen. Und obwohl die klugen Kerle
das Rätsel der verrückt gewordenen Amerikaner nicht lösen
können, so scheint es doch in einer weiten Schleife aus Reflexion
beruhigend geborgen.
Dann aber holt das Schicksal zu seinem zweiten Schlag aus. Und ohne Umschweif
zielt es nun auf jenes Kontinuum aus Körperempfinden, Weltwahrnehmung
und Bescheidwissen, in dem sich unser Held jahrzehntelang wie ein Fisch
im Wasser fühlte. Allein in einem Ho-telzimmer geht der alte amerikanische
Recke in die letzte Runde seiner Europareise. Der wahre Trip beginnt.
Das Medium aller Medien, das sich selbsttätig erneuernde Gegen-wartsgefühl,
beginnt sich in etwas Feindseliges zu verwandeln. Was stets die unerschütter-bare
Mitte aller Zeitgläubigkeit schien, zerfällt in bösartiges
Stückwerk. Und gekettet an ei-nen Hotelheizkörper, erlebt unser
Astronaut das biedere Hier und Jetzt als ein psychedeli-sches Inferno,
gegen das sogar die giftige Atmosphäre des Mars ein Hort der Gemütlichkeit
gewesen wäre.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |