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„Immer bin ich irgendwie so traurig“
Unser Mann fürs Katerfrühstück /Eine Auswahl der Liedtexte
Udo Lindenbergs
Nichts gegen Udo Lindenberg! Auch heute noch, wo ihm das dreiundsechzigste
Lebensjahr in den Knien knackst, wo das fortgeschrittene Alter dieses
Künstlers also eigentlich den allzu kumpelhaften Schulterschluss
verbieten sollte, fällt es leicht, in Lindenberg schlicht einen netten
Kerl zu sehen. Mit dem über die letzten vier Jahrzehnte bekanntesten
deutschen Pop-Sänger verhält es sich ähnlich wie mit einem
patenten Taxi-Fahrer, einem prima Bar-Keeper oder einem guten Altenpfleger:
Wer wäre nicht sofort froh, einen sympathischen Burschen, wie abgekämpft
und ausgemergelt auch immer, dort zu finden, wo mit etwas Pech genau so
gut ein Schnösel, ein Bitterling, ein Kotzbrocken die gesellschaftliche
Stellung halten könnte.
Man nickt also freundlich, so man beim Zappen durch die Programme den
alten Lindenberg einen seiner neueren Songs nölen sieht. Man horcht
nicht ohne Rührung hin, wenn irgendein Classic Radio einen seiner
frühen, inzwischen über dreißig Jahre alten Hits aus der
musikalischen Mottenkiste der alten Bundesrepublik zaubert. Wie ergeht
es einem aber, wenn man sich durch die 164 Lindenbergschen Liedtexte liest,
die von Benjamin von Stuckrad-Barre und Moritz von Uslar ausgewählt
und mit einem Nachwort herausgegeben worden sind?
Zunächst beginnt der Performer Lindenberg zu verblassen. Sein Hang
zur Kostümierung, sein uriger Tanzstil, seine minimalistische Mimik,
sein Talent, sich bereits rein visuell zu einer Figur zu stilisieren,
tritt allmählich in den Hintergrund. Am längsten halten sich
auf dem Weg von Text zu Text diejenigen darstellerischen Eigentümlichkeiten,
die direkt an den Wortlaut gebunden sind: Lindenberg hat ein Gespür
für den im Pop besonders wichtige Grenzbereich zwischen Sprechen
und Singen, für das Dehnen, Verschleppen und Vernuscheln, und er
setzt mit Erfolg darauf, dass stimmlichen Handicaps unter Umständen
ein besonderer Charme zuwächst, wenn man diese nicht verbirgt, sondern
sie in aller Deutlichkeit präsentiert, ja inszeniert. Die eine oder
andere gesangliche Notlösung Lindenbergs, manches nasale Absacken,
manch gepresstes Hochquälen, das eine oder andere raffiniert gesetzte
Edelpäuschen, wird sich dem Fan so im inneren Ohr festgesetzt haben,
dass er es unweigerlich auch aus den stummen Zeilen des jeweiligen Songs
herauszulesen glaubt.
Die Herausgeber haben sich gegen eine chronologische Anordnung der Texte
entschieden und sie stattdessen dreizehn Themenbereichen zugeordnet. Das
leuchtet ein, denn eine Entwicklung, eine Entfaltung oder Erweiterung
des poetischen Potentials ist nicht zu erkennen. Lindenberg hat spätestens
Mitte der 70er Jahre sowohl seine thematischen Widerstände als auch
seine literarischen Darstellungsmittel gefunden. Was folgt ist Variation,
selten Steigerung, leider oft nur schwächelnde Wiederholung. Unter
der Überschrift „Panik, Vollgas, Rock’n’Roll-Lifestyle“
findet sich zwar der starke Text „Alles klar auf der Andrea Doria“
von 1973, der Szenen und Beobachtungssplitter aus der Hamburger Kneipen-
und Musikszene zu einem nervös vibrierenden Bild komprimiert. Darauf
folgen aber die matte Selbstkopie „Alles im Lot auf dem Riverboot“
und Lyrics, die die Ich¬-Figur zum „Sänger in ‘ner
Rock’n’Roll-Band“ oder zum „Rock’n’Roll-Zigeuner“
stilisieren und wenig mehr als die erwartbaren maskulinen Angebereien
und wehleidiges Klagen über die Härten des Tournee-Lebens zu
bieten haben.
Ganz offensichtlich hat auch dieser Song-Writer, wie viele Autoren, die
ihr jeweiliger Kulturbetrieb zwingt, in dichter Folge Texte zu produzieren,
ein Problem mit der Verwertung seiner Erfahrung: Er schreibt am liebsten
Eins zu Eins nach dem Leben, in diesem seinen Leben gibt es aber nur ein
knappes Set an Konstellationen, die ihm liedträchtig erscheinen,
und zu den in Frage kommenden Vorkommnissen fällt ihm über die
Jahrzehnte hinweg immer ungefähr das Gleiche ein. Lindenberg weiss
um diese Beschränkung und sucht nach Möglichkeiten, die allzu
platte Wiederholung, das allzu naturalistische Abkupfern des Neulich-Erneut-Erlebten
zu vermeiden. Da anscheinend sogar auf St. Pauli die Zahl der orginellen
Charaktere begrenzt ist, wird die Begegnung mit Weltraumwesen, mit dem
Teufel oder mit dem lieben Gott gesucht. Hier wäre nun allerdings
Fantasie vonnöten, eine Geistesmacht, die dem Texter Lindenberg leider
nur äußerst selten zu Willen ist.
Von nahezu erschütternder Gleichartigkeit sind auch die mehr oder
minder traurigen Liebeslieder. Die Affairen, von denen ein „Rock’n’Roll-Raubtier“
berichten kann, unterscheiden sich in ihren poetischen Folgen nicht von
dem, was der durchschnittliche „Schlageraffe“ über die
Liebe auf den ersten Blick oder die Schmerzen der Trennung zu singen weiß.
Sogar dass der Altersabstand zu den jeweiligen Gespielinnen immer größer
wird, scheint zwischen 1970 und 2008 nichts an den notorisch auftretenden
zweieinhalb zwischengeschlechtlichen Problemen geändert zu haben.
Glücklich ist man da über die raren Ausnahmen: über die
Liebe eines alten Mannes zu einer Schaufensterpuppe etwa, oder über
das Lied „Hermine“, in dem Lindenberg erstaunlich zart erzählt,
wie sich seine Eltern kennenlernten.
Eine weiterer Weg, den immer gleichen Textmustern zu entkommen, ist die
mehr oder minder freie Übersetzung eines englischen Songs. Die Anthologie
bietet hier eine ganze Reihe Beispiele. Nicht wenige sind gelungen: Die
freien Übertragungen der Beatles-Texte „When I’m sixty
four“ und „Penny Lane“ können sich ebenso sehen
lassen wie der Versuch, Procol Harums „Salty Dog“ in ein deutsches
Seemannsdrama zu verwandeln. Je stärker die Vorlagen durchgeformt
sind, um so besser werden dabei Lindenbergs Adaptionen. Leider machen
die Herausgeber nicht kenntlich, in welchen Fällen es sich bei den
Liedtexten um mehr oder minder nah am Original bleibende Nachschöpfungen
handelt. Wer also den jeweiligen Vorläufer von Randy Newman, Otis
Redding, den Rolling Stones oder Paul Simon nicht kennt, muss glauben,
dass er einen hundertprozentigen Lindenberg-Text vor sich hat.
Zum Falschspiel wird dieses Versteckspiel bei „Sechzehn Jahr“.
Es handelt sich nämlich um den alten Dalida-Schlager „Il venait
d’avoir 18 ans“ / Er war gerade 18 Jahr“ aus dem Jahre
1974, dessen hinreissend schmachtender deutscher Text von Eckhart Hachfeld
stammt und in Lindenbergs Version weitgehend übernommen wird. Dergleichen
in einer Song-Anthologie nicht anzugeben ist gelinde gesagt fahrlässig.
Noch toller mit der Urheberschaft treibt es allerdings die offizielle
Website „udo-lindenberg.de“, auf der im sogenannten „songbook“
sogar Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“ und
Bert Brechts Mackie-Messer-Song mit der Oberzeile „Text: Udo Lindenberg“
versehen sind.
Ob der Fan den Unterschied zu Lyrikern wie Brecht und Kästner oder
zu einem versierten Schlagertexter wie Eckhart Hachfeld bemerkt? Wenn
man im Nachwort liest, dass Herausgeber Benjamin von Stuckrad-Barre den
Texter Lindenberg „in einer holprigen Linie mit Tucholsky, Ringelnatz,
Jandl, Kästner, Gernhardt, den großen Alltagspoeten, Wortakrobaten,
Sprachschöpfern“ sieht, steigert dies die Zweifel am Unterscheidungsvermögen
der einschlägigen Gemeinde. Lindenberg in einer Reihe mit dem vielseitigen
Jandl, mit dem virtuosen Formfetischisten Gernhardt? Gerade die gelungenen
Übertragungen der amerikanischen Songs zeigen, wie formschwach ein
Großteil von Lindenbergs eigenen Liedtexten ist. Oft arbeitet sich
der Schreibende einfach in schwergängiger Prosa von einer Zeile zur
nächsten, und es wäre formale Hochstapelei, überhaupt von
einem Vers oder einer Strophe zu sprechen. Ein Vierzeiler wie der folgende,
der den Text von „Hermine“ beschließt, bildet eine der
seltenen Perlen: „Sein Haar glänzt schwarz/ die Augen sind
ganz wach:/ “Gustav heeß ick/ und det, det is dein Tach.“/
Was lyrische Formen angeht, hat Lindenberg eigentlich nur ein Kapital,
mit dem er wuchern kann: den Reim. Relativ selten sind die Gleichklänge,
dabei so originell wie der Binnenreim „ganz spitz auf Lakritz“
oder die Endreimpaare „war“ auf „Clochard“ und
„vibrier‘ “ auf „Beruhigungsbier“. Der Reiz
des Lindenbergschen Reimens ergibt sich gerade nicht aus einem besonderen
Raffinement, sondern eher aus dem Überraschungseffekt des „Doch
noch“. Lesend wie hörend freut man sich unwillkürlich,
dass das Stockende, das Stolpernde, das mühsam Errungene wie das
ungeschickt Dahingesagte doch noch im Reim ein halbwegs gelungenes Ende,
gewissermaßen seinen formalen Frieden findet.
Hier liegt wohl auch zum Teil eine Erklärung für die Popularität
dieser Texte. Sie klingen über weite Strecken, als könne jeder
beim geduldigen Herumquatschen und Herumalbern mit Freunden irgendwann
ähnliche Resultate erreichen. Sieht man es so, passen Form und Inhalt
natürlich zusammen: Es sind die Spruchweisheiten des Thekengesprächs,
das sich hochschaukelnde Witz-Pingpong der trinkfreudigen Runde, das melancholische
Geknurre eines Heimwegs im Morgengrauen oder der launige Katzenjammer
eines sehr späten Frühstücks. Kurz: es handelt sich um
die Weltschau, die aus einer vom Alkohol beflügelten oder vom Alkohol
ramponierten Gelegenheit aufsteigt.
Aber damit ist nichts gegen Udo Lindenberg gesagt, sondern allenfalls
gegen diejenigen, die ihn partout zu einem bedeutenden Gegenwartslyriker
hochjuxen wollen. Lindenberg selbst scheint, wie bereits eingangs betont,
ein verdammt netter Kerl zu sein. Dafür spricht die Mehrzahl seiner
Texte. Und man muss sich nur auf einem der unscharfen Videos im Internet
ansehen, wie er die lausige Zeile „Immer bin ich irgendwie so traurig!“
über die vorgestülpte Unterlippe nuschelt, dann kann man gar
nicht anders, als ihn, gleich einem patenten Taxi-Fahrer, einem prima
Barkeeper oder einem Altenpfleger mit Herz, für den richtigen Mann
an der rechten Stelle, für den rechten Mann „am Trallafitti-Tresen“
zu halten.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |