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DIE BOSHEIT DER TOTEN
Mord und Massenmord in Jonathans Littells Roman „Les Bienveillantes“
Der SS-Mann lebt. Über ein halbes Jahrhundert nachdem die Angehörigen
dieser Organisation endgültig aus den von Blut, Schweiß oder
Bürostaub befleckten Ärmeln geschlüpft sind, ist ihre Uniform
weltweit bekannter denn je. Als Figuren, die man global auf Anhieb erkennt,
stapfen die Hochgestiefelten und Schwarzgewandeten durch Filme, Comics
und Romane. Und so wundert es mich weder als Leser noch als Autor, dass
seit über einem Jahr ein ehemaliger SS-Offizier in einem preisgekrönten,
französischen Bestseller „je“ sagt und demnächst
in der deutschen Übersetzung auf fast vierzehnhundert Seiten „ich“
sagen darf.
Wer sich hierzulande auf Jonathan Littells Roman „Les Bienveillantes“
einlässt, ist zudem von der Zeitgeschichte in Kenntnis gesetzt, worum
es geht. Sobald ein SS-Mann erzählt, muss zwangsläufig von Mord
und Totschlag in großem Ausmaß die Rede sein, von der bürokratisch
aufwendig organisierten und technologisch neuartig durchgeführten
Massenvernichtung derjenigen, die der Nationalsozialismus zu minderwertigen
Menschen und Staatsfeinden erklärte. Diese Verbrechen sind umfangreich
dokumentiert und vielfach erzählt. Parallel zu ihrer faktischen Erforschung
und medialen Fiktionalisierung wurde ihnen in der letzten Hälfte
des 20. Jahrhunderts, von den Nürnberger Prozessen bis in die jüngste
Buchproduktion, eine besondere Evidenz zugeschrieben. Mehr als andere
Gräueltaten sollen diese Taten eine übersachliche, metaphysische
Augenfälligkeit besitzen – etwas, das sie mit dem Begriff des
Bösen in Eins fallen lässt. Bis heute steht, was Angehörige
der SS getan haben, für das „Böse schlechthin“,
wie man auf Deutsch in beschwörender Verdopplung sagen kann.
Littells Erzähler Max Aue, promovierter Jurist und einst hochrangiger
Offizier des SS-Sicherheitsdienstes, spielt mit dem Bannspruch dieser
Übereinkunft, indem er die Wirklichkeit des Geschehenen gleich eingangs
offensiv in eigene Worte kleidet. Seinem eigentlichen Lebensbericht stellt
er eine lange Reflexion voran, ein Amalgam aus allgemeiner zeitgeschichtlicher
Rekapitulation, populärphilosophischem Räsonnement und privaten,
ja intimen Bekenntnissen. Auf der Basis der einschlägigen wissenschaftlichen
Literatur diskutiert er unter anderem die Zahl der Opfer von Krieg und
Verfolgung. Entschieden, fast forsch sucht Littells Held den Schulterschluss
mit der historischen Forschung, also mit der Beschreibungs- und Deutungsmacht,
die er als Leugner oder Verharmloser am meisten zu fürchten hätte.
Gespannt wartet der Leser, beklommen wartet die Leserin darauf, dass es
mit den dem Morden und dem Totschlagen und zugleich mit jenem spezifischen
Dabei-Sein losgeht, das nur die literarische Erzählung zu bieten
hat.
Aue beginnt mit dem Angriff auf die Sowjetunion. Der Leser folgt dem Protagonisten,
teilt dessen Perspektive auf die Ereignisse. Das Geschehen schreitet in
übersichtlich portionierten Szenen voran. Das Gedächtnis des
Ich-Erzählers scheint enorm detailreich und fotografisch getreu.
Das angeblich Erinnerte tritt uns säuberlich strukturiert, logisch
kohärent und plakativ bunt entgegen- eben so, wie heutzutage die
kolportierenden Trivialautoren und Drehbuchschreiber, die legitimen Erben
des historischen Romans, eine vergangene Wirklichkeit aus bewährten
Bauteilen zu montieren verstehen. Eine derartiges Erzählen suggeriert
sowohl allgemeines Bescheidwissen als auch individuelle Teilhabe. Und
im Rahmen dieser Doppelsimulation fühlen wir uns, weil wir dieses
Verfahren zutiefst gewohnt sind, in der Tat „dabei“ und glauben
an das, was unserer Fantasie zur Imagination angeboten wird. Ja, unsere
Fantasie kolportiert selbst, indem sie verwandte Bilder aus dem eigenen
Fundus an Gelesenem oder als Film Gesehenen zuschießt.
Am 29. Juni 1941 ist es soweit. In der der ukrainischen Stadt Luzk stehen
wir, wahrnehmungsverkoppelt mit dem SS-Mann Aue, vor den Opfern eines
Massakers, vor Hunderten aufgedunsener, von Fliegen umsummter Leichen.
Es handelt sich um Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, die der
sowjetische Geheimdienst vor seinem Abzug liquidiert hat. Aue wird übel.
Er geht beiseite, um eine Zigarette zu rauchen. Als sensibler Intellektueller
denkt er sich seinen Teil, und als Erzähler darf er uns seine Reflexionen
auch mitteilen.
Blickt man etliche Lesestunden später auf die folgenden Schreckensszenen
zurück, versteht man, wie sich in ihnen eine Steigerung vollzieht:
Den Opfern des sowjetischen Geheimdienstes folgt ein Pogrom der ukrainischen
Bevölkerung von Lemberg an ihren jüdischen Mitbürgern.
Aue sieht zum ersten Mal mit an, wie einzelne Menschen erschlagen werden.
Dann nimmt er, zunächst weiterhin nur beoachtend, an einer Erschießungsaktion
der SS teil und wird mit der Serialität des Vorgehens, der Massenhaftigkeit
des Tötens und Sterbens konfrontiert. Am 29. September 1941 greift
er schließlich selbst zur Pistole und übernimmt in der Schlucht
Babyn Jar bei Kiew die Aufgabe, nicht tödlich Getroffenen den sogenannten
Gnadenschuss zu geben. Zweimal wird Aues Tun dabei durch eine Beschreibung
des Ermordeten in den Rang einer persönlichen Begegnung gehoben.
Das erste Opfer bekommt nur zwei Sätze, die ihm die Kontur eines
vor Schmerz schreienden jungen Mannes verleihen. Die zweite Gestalt, die
sich aus den gesichtslosen Opfern erhebt, ist ein schönes, fast nacktes
Mädchen über deren Anblick und Gegenblick der Protagonist eine
Viertelseite reflektiert, bevor er ihr mehrfach in den Kopf schießt
und das Ergebnis mit dem Platzen einer Frucht gleichsetzt. In einem solchen
Vergleich finden die Figur des jungen Aue, sein erzählendes Alter
Ego, das Vermögen des Autors und die Imagination des Lesers in einem
stilistischen Gemeinplatz zusammen. Es stiftet kaum Sinn, die Drastik
oder das Ungeschick, den psychologischen Realismus oder die pornographische
Kitschigkeit der Beschreibung gegeneinander abzuwägen. Die ganze
Passage ist auf eine fatale Art so gut gemeint und so bescheiden geschrieben,
wie es der Rahmen der vorgebenen erzählerischen Mittel, der Rahmen
des trivialen Romans, eben zulässt. Der Leser erfährt vordergründig
scheinbar alles, was geschehen ist, und alles, was die Beteiligten empfunden
haben. Das Böse jedoch, das in der Literatur nicht nur eine Qualität
der Handlung, sondern auch eine Qualität des Stils sein müsste,
bleibt unsichtbar.
Mit der sogenannten „großen Aktion“ von Kiew ist relativ
früh, bereits nach einem knappen Siebtel der Erzählstrecke,
der brachiale Höhepunkt von Aues Teilhabe am großen Morden
erreicht. Zwar wird der Gang der Handlung noch eine ganze Reihe tödlicher
Gewalttaten durch detailierte Beschreibung isolieren und quasi filmisch
heranzoomen. Aber wenn ein von Aue verachteter Psychopath unter seinen
SS-Kameraden einem Mann den Schädel mit der Schaufel zertrümmert
oder ein Säugling an der Wand zerschmettert wird, ist der Protagonist
wie eingangs nur noch passiver Augenzeuge. Vieles wird dem Lesenden an
diesen Passagen bekannt vorkommen. Die Bilder, die der Roman szenisch
heraufzubeschwören versucht, sind uns oft schon mit den gleichen
darstellerischen Mitteln in anderen Texten und in Filmen nahegebracht
worden. Und wir sind durch diese gleichförmige Vorprogrammierung,
ob es uns passt oder nicht, ein Stück weit gegen den möglichen
Schrecken immunisiert. Dies gilt auch für Aues Besuche in Auschwitz,
wo er zwar Ankunft und Selektion der Opfer beobachtet, den ihm angebotenen
Blick in die Gaskammer jedoch ablehnt.
Insgesamt nimmt die Darstelllung direkter Gewalt gemessen am Umfang des
Romans, nicht allzu viel Raum ein. Die Passagen, in denen Aue die Sehenswürdigkeiten
der eroberten Städte beschreibt, die Widrgkeiten der Etappe oder
das gesellige Beisammensein mit anderen Offizieren schildert, sind weit
umfangreicher. Littell läßt seinen Helden häufiger baedekerhaft
räsonnieren oder zum Schnapsglas greifen, als dass er ihm die Pistole
in die Hand drückt. Allerdings sind auch diese Textstellen regelmäßig
mit Reflexionen angereichert, die sich auf die Mordaktionen beziehen.
Zum Teil spielt sich diese Durcharbeitung im Denken Aues ab, zum Teil
ist sie in die Dialoge verlegt und wird uns argumentativ in direkter Rede
und Gegenrede geboten.
Die ideologische Begründung der sogenannten Endlösung, der Zusammenhang
der Massaker mit dem Angriffskrieg auf die Sowjetunion, die praktischen
Probleme ihrer Durchführung und die komplexen Konsequenzen für
alle Beteiligten und Betroffenen werden dann ausführlich, oft wie
auf dem theoretischen Präsentierteller verhandelt. Auch hier suppt
die Recherche überdeutlich durch. Littell legt der Gemeinschaft der
Täter in den Mund, was wir heute über die Gesamtumstände
wissen. So verfügen die im Strom der Ereignisse Schwimmenden auf
eine kuriose Weise in der Summe bereits über das Spektrum an Erkenntnissen,
das die zeitgeschichtliche Forschung in den Folgejahrzehnten aus vielen
Quellen zusammentragen wird.
Ähnlich verhält es sich mit der moralischen Dimension. Aue psychologisiert
sein SS-Umfeld, entwickelt eine eigene Typologie der Täterschaft.
Er registriert und analysiert, in wie weit er und die anderen mit Neugier,
Mordlust, mit Abscheu, mit Gewissenswissen oder somatischen Störungen
reagieren. Die Ansichten des handelnden Aue, der während seiner Zeit
an der Ostfront Ende Zwanzig ist, unterscheiden sich dabei nicht von dem,
was sein Alter Ego kurz vor seinem Ausscheiden aus dem zivilen Arbeitsleben,
als vermutlich in seinem siebten Lebensjahrzehnt, etwa um 1980, zu Papier
bringt. So wölbt sich über der Vielfalt der Kriegseignisse,
über Schlamm und Blut, über Mord und Totschlag der klare Himmel
rationaler Einsicht. Die weitschweifig schwadronierenden oder präzis
argumentierenden SS-Offiziere, die spätere historische Forschung,
der agierende und der erinnernde Aue sind sich, sieht man von der oft
arg gekünstelten rhetorischen Opposition des einzelnen Dialogs ab,
über den Horizont der gebotenen Weltsicht einig. Und wo sich ein
verblendeter SS-ler recht exemplarisch in einen ideologischen Unfug verrennt,
findet sich bald ein Sprachwissenschaftler oder Mediziner im grauen Wehrmachtsrock
oder ein kluger schwarzgewandeter Jurist, der die fanatische Fehlsicht
mit guten Argumenten wieder geraderückt.
Man könnte dies die aufgeklärte Harmonie des trivialen Realismus
nennen. Die erzählerischen Verfahren, die der historische und der
psychologische Roman in den beiden zurückliegenden Jahrhunderten
entwickelt haben, entfalten in ihrer späten trivialen Vollendung
eine zwingend homogenisierende Macht. Die Quintessenz der gleichförmigen
Gesamtschau lautet: Nichts am Geschehenen ist unbeschreiblich und unbegreiflich.
Alles Getane und Erlittene fügt sich bei genauer Betrachtung widerstandslos
in ideologische, politische, militärische, bürokratische oder
zumindest psychomechanische Zusammenhänge. Die einzelnen Menschen
verhalten sich in diesen Kontexten, so gräßlich ihr Handeln
im Einzelfall auch sein mag, durchaus verständlich, ihre Reaktionen
und Entscheidungen sind letztlich plausibel und, was die noch auf uns
zukommenden Gräuel angeht, sogar vorhersehbar. Wie wüst es auch
zugehen mag, die Welt steht mit ihrer Beschreibung und ihrer Erklärung
in realistischem Einklang.
Das Böse jedoch bekommt dabei schlimm die Schwindsucht. Dem Glauben
an ein letztlich nicht angemessen beschreibbares, unfaßbar großes
Unheil geht in der konventionellen Schilderung der Massaker, in der säuberlichen
Ausmalung ihrer Umstände und nicht zuletzt im psychologischen und
moralischen Räsonnement die spirituelle Puste aus. Der Täter
verliert sein metapysisches Format. Sein Tun ist stupides Voranwursteln,
mehr oder minder reflektierte Pflichterfüllung, feige Anpassung,
neugieriges Ausprobieren, pure Schlamperei, neurotische Übersprungshandlung,
cholerischer Ausbruch, manchmal auch sadistischer Exzess. Aber keine Tat,
nicht einmal die grausamste, erwirkt jenen angeblich elementaren, anhaltend
sakralen Schrecken, den wir, nicht nur aus der sicheren Distanz unserer
gewaltarmen Verhältnisse, dem großen Morden so gerne anzudichten
belieben. Die große Scheu und das erhabene Schaudern bleiben im
mal flotten, mal gemächlichen Selbstlauf dieses Realismuskonzepts,
im Trott der erzählerischen Vernunft, auf der Strecke.
Das muss man nicht unbedingt beklagen. Dem Bösen derart das Wasser
abzugraben hat allerdings selbst etwas Boshaftes. Und wer hinter der breiten,
glatten Maske des historisierenden und pychologisierenden Trivialromans
nach dem Mienenspiel des Autors sucht, findet im Text zahlreiche Spuren
einer merkwürdig zwielichtigen Gestimmtheit. Gleich eingangs nennt
der alte Aue den amerikanischen Historikers Raul Hilberg, den Verfasser
des Standwerks ‚The Destruction of the European Jews‘, in
seltsamer, fast süffissanter Ironie „le très respecté
professeur Hilberg“. Ein andermal rät der Erzähler dem
interessierten Leser, doch selbst seine einst für das Reichssicherheitshauptamt
verfassten Berichte und Analysen in den heutigen Archiven einzusehen.
Oder Aue beklagt sich darüber, dass in den Gesprächen der SS-Kameraden
über die Massaker leider meist nur die gleichen steroetypen Andekdoten
und Platituden zu hören gewesen seien. Aue murrt auch über die
Überfülle der historischen Literatur und beendet Passagen, unter
anderem eine Beschreibung der Anlagen von Auschwitz, mit der launigen
Bemerkung, weitere Details würden sich angesichts der vielen vorliegenden
Berichte wohl erübrigen.
Hier klingt etwas an, was über die figürliche Kontur des Erzählers
hinausgreift. Auch weil ich selbst Autor bin, macht mich dieser Anflug
von Bosheit an den denken, der fünf lange Jahre für seinen historisierenden
Wälzer recherchiert hat. „Pour les morts“ hat Jonathan
Littell seinem Roman als Widmung vorangestellt. Wie soll der Leser dies
verstehen? Der Autor glaubt doch wohl nicht ernstlich, jener als schön
und halbnackt beschriebenen Jüdin, deren Kopf in seiner Metaphorik
wie eine Frucht zerspringen muß, ein literarisches Denkmal gesetzt
zu haben?
Es kann nur die andere Seite gemeint sein. Auch Littells SS-Mann Max Aue
müsste, wenn er 1913 geboren ist, inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit
wie seine SS-Kameraden, die im Roman oft die Namen und das zeitgeschichtliche
Daten-Kostüm wirklicher SS-Täter tragen, das Zeitliche gesegnet
haben. In seiner fast programmatischen Einleitung beklagt Aue die geringe
Qualität der Lebensberichte, die einige wenige vor ihrem Tod noch
abgeliefert haben. Offensichtlich ist der Roman vorrangig denjenigen gewidmet,
deren Kriegstod, deren Hinrichtung oder deren Untertauchen in der Nachkriegswelt
verhindert haben, dass sie wahrhaftig von ihrem Anteil am großen
Abschlachten erzählten. Dann trüge der Autor diesen Stummgebliebenen
ihr versäumtes literarisches Werk als ein boshafter Kobold ins Jenseits
nach.
Was bedeutet es für uns, wenn sich ein wie wir Nachgeborener aus
der Fülle der recherchierbaren Materials die Haut eines solchen Erzählers
schneidert? Wer sich derart drastisch kostümiert, wird sich als Autor
auf eine besondere Weise entkleiden. Und wer ihm wie ich als gläubig
imaginierender Leser gefolgt ist, hat Anteil an dieser Entblößung.
Dies gilt vor allem für unser zeitgenössisches Verhältnis
zum Bösen. Die Bannung, die Historie und Literatur eine gewisse Zeit
lang anzubieten hatten, beginnt offensichtlich zu schwächeln. Das
historische und das historisierende literarische Erzählen haben zermürbt,
was sie eine Zeitlang in Stand hielten und immer noch in Stand halten
sollen. Das Bild des Bösen schlechthin, des Böse par excellence
erschlafft wie ein überstrapazierter Muskel. Eine große und
wichtige mediale Manifestation beginnt sich selbst zu erschöpfen.
Damit verliert auch die Erzählung von Schuld und Leid an tragischer
Größe. Die Verantwortung der Täter und das Leid der Opfer
schrumpfen im unermüdlichen Mahlwerk des trivialen literarischen
Realismus zu einem blödsinnigen Pech, zu einer bloßen Ungunst
der Stunde. Das Mißgeschick des Einzelnen besteht letztlich darin,
zufällig zur falschen Zeit am falschen Fleck oder gar nur auf der
verkehrten Seite gewesen zu sein. Der zeitgeschichtliche Roman, der mit
dem Verschwinden der Zeitzeugen zum historische Roman wird, diese große
Evidenzmaschine der bürgerliche Literatur, beginnt zu klappern wie
eine alte Mühle.
Littell und sein Erzähler wissen das. Und die damit verbundene Schwächung
macht den Leser wie den Erzähler zunächst verlegen, dann latent
ärgerlich, zunehmend ironisch, schließlich boshaft. In der
Handlung des Romans indes nimmt die Unwahrscheinlichkeit zu, groteske,
phantastische Elemente gewinnen an Raum. Dies kommt der Erscheinung des
Bösen unübersehbar zugute. Es löst sich von dem, was ihm
angeblich letzte Offensichtlichkeit verliehen hat und wird zu etwas frei
Vagierendem. Fast zombiehaft stakst der von einem Kopfschuss genesene,
aber nervlich zerrüttete Aue zuletzt durch die historischen Kulissen.
Die Morde, die er in Frankreich an Mutter und Stiefvater und dann in der
Schlacht um Berlin noch an einem schwulen Liebhaber und an seinem wichtigsten
SS-Kameraden begeht, haben bereits bizarr privaten Charakter.
Der Text balanciert hier auf dem Rand seines Genres. Dem Leser leuchtet
ein, wie nah diese triviale Spätform des historischen Romans nach
und nach jenen Psychothrillern und Splatterfilmen gekommen ist, die versuchen,
mit spritzendem Blut, herausquellendem Gedärm und krachenden Knochen
Effekt zu machen. In diesen Genres soll der Exzess gerade durch seine
Zusammenhanglosigkeit und Unvernunft dem Bösen von neuem zu einem
absoluten Rang verhelfen. Wer durchgehalten hat, ist mit den letzten Gewaltbildern
des Romans heillos in der medialen Gegenwart angekommen. Das zentrale
Faszinosum von „Les Bienveillantes“, die Lösung des Bösen
aus dem Doppelbann von Historie und konventionell realistischer Erzählung,
gehört ganz in unsere Zeit.
Pour les Morts? Für die Toten? Unsere SS-Männer sind tot. Ihre
allerletzte Bosheit wäre es allenfalls, uns aus dem Jenseits ob unserer
literarischen Bemühungen zu verlachen. Das Böse aber sucht und
findet andere Tempel, um sich erneut mit stummer Scheu und stammelndem
Entsetzen feiern zu lassen.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |