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Hermann Löns/ „Der Wehrwolf“
Es gibt Bücher, in denen uns ein einziges Ding mehr über uns
sagt, als uns lieb sein kann. Ein solches Ding-Buch der argen Art ist
Hermann Löns Bauernroman aus dem Dreißigjährigen Krieg
„Der Wehrwolf“. Und wenn dieser schlimme Text auf seiner letzten
Seite plötzlich in die Gegenwart des Autors, ins junge 20. Jahrhundert,
findet, dann geschieht dies mit Hilfe des Gegenstandes, der den Lesenden
zuvor durch drei Jahrzehnte historisch gewordenen Blutvergießens
geführt hat: „In der besten Stube des Wolfshofes zu Ödringen
hängt noch heute der Bleiknüppel an der Sofawand unter dem kleinen
Bilde mit dem alten Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel Mühe um
den Knüppel gegeben, aber der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Hermann
Wulff gab ihn nicht um Geld noch um gute Worte her.“
„Der Wehrwolf“ ist ein Buch vom Totschlagen, und der Bleiknüppel,
den Harm Wulf, der Held des Romans, im Verlauf von dessen Seiten auf viele
Schädel sausen läßt, ist das Ding, unter dessen Zeichen
Handlung und Figuren bis zum Ende stehen. Geführt von Harm Wulf haben
sich die Bauern der Lüneburger Heide zum Geheimbund der Wehrwölfe
zusammengeschlossen und als es am Ende des Buches noch gegen eine Übermacht
schwedischer Landsknechte geht, feuert Wulf seine Männer folgender
Maßen an: „Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all doot,
all dooot!“
Es lohnt sich einen Blick auf die zu werfen, die da alle nach und nach
totgeschlagen werden. Zunächst sind es Söldner aus ganz Europa.
Der erste Landsknecht mit dem Harm Wulf es zu tun bekommt, ruft seine
Kameraden mit „Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher daher!“
zu Hilfe. Außerdem müssen die Heidebauern noch zahllose Flüchtlinge
umbringen, meist selbst ehemalige Bauern, die der Krieg von ihrem Land
vertrieben hat. Als dritte, von Löns mit besonderem Abscheu beschriebene
Gruppe kommen die „Tatern“ hinzu, Zigeuner, die sich auf ihrem
Weg durch das verwüstete Europa in die Lüneburger Heide verirrt
haben und nun von Wulf und seinen Männern „beigerodet“
werden.
Im Text verschmelzen diese Gruppen in den Worten der Bauern, aber auch
in der Rede des Erzählers zu „Gesindel“, „Marodebrüdern“,
zu „Ungeziefer“ oder schlicht zum „fremden Volk“.
Die Verbrechen, die die Soldateska an den Bauernfamilien verübt,
sind in der Tat von zeitloser Grausamkeit. Und Löns versteht es die
Beschreibung exemplarischer Greuel so in die Handlung zu integrieren,
daß das Totschlagen der Fremden als Vergeltung und als Vorbeugung
gegen weiteres Unheil gerechtfertigt erscheint. Wer als Leser das Herz
auf dem rechten Fleck hat, wird fast zwangsläufig verstehen, daß
man Haus und Hof, Frau, Säugling und die greisen Eltern gegen Brandschatzer,
Vergewaltiger und Folterknechte schützen muß.
Aber das erzählerische Vermögen von Hermann Löns, das die
Gewalt der Wehrwölfe so schlagend gerechtfertigt erscheinen läßt,
wirft auch den entscheidenden Schatten auf diese Gerechtigkeit. „Kinder
war das ein Spaß!“ ist das letzte Wort des Heidebauern Schütte,
der tödlich getroffen wird, als die Wehrwölfe einen größeren
Trupp Söldner bis auf den letzten Mann niedermetzeln. Und sogar als
endlich Friede ist, bekommen die einstigen Wehrwölfe doch in bestimmen
Momenten „blanke Augen“ und denken „an die schrecklichen
und doch so schönen Tage, die sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel
über der Hand hängen hatten.“
Das Blutvergießen macht diesen gerechten Männern ganz offensichtlich
nicht weniger Spaß als den Bösewichtern. Und am schönsten
ist das Umbringen unbezweifelbar, wenn man dabei ganz nah an den Gegner
herankommt, wenn der kurze Bleiknüppel aus dem Ärmel in die
Hand schlenzt und das Blut vom Kopf des Feindes spritzen läßt.
Das hat nichts mit dem Stand der Waffentechnik zu tun. Auch der Dreißigjährige
Krieg kennt bereits den Schuß aus sicherer Distanz. Aber die Wehrwölfe
schätzen diese kalte Art des Totmachens nicht. Und wer heute die
Greuelberichte der jüngsten Kriege unter diesem Aspekt ließt,
kann das Gleiche feststellen: Wenn es sich einrichten läßt,
legt auch der moderne Krieger die empfindliche automatische Waffe sacht
beiseite und macht sich mit dem Knüppel über seinen Gegner her.
Alse der erste Weltkrieg ausbricht, meldet sich der achtvierzigjährige
Hermann Löns freiwillig. Das letzte schriftliche Zeugnis des Schriftstellers
ist eine Feldpostkarte vom 20.9.1914 an einen befreundeten Hannoveraner
Tierarzt: „Lieber Doktor, hier fiebert die Luft von Granaten und
Schrapnells. Ich bin über 4 Tage im Schützengraben diesen üblen
Gewittern ausgesetzt gewesen. Wir hatten trotzdem nur 2 Tote und 2 Verwundete.
Schönen Gruß Euch und Gattin Euer Löns.“
Zwei Monate später ist der kriegsbegeisterte Schriftsteller tot.
Er fällt bei Reims, wo er, der reichsdeutsche Infantrist genau so
wenig verloren hat, wie einst ein schwedischer Söldner in der Lüneburger
Heide. Dreißig Jahre nach Löns Tod, am Ende des Zweiten Weltkriegs,
wird man sein Buch dem letzten Aufgebot des Hitlerreiches, den Flak-Helfern
und Hitlerjungen, zur Lektüre verordnen. Und die Zensur der siegreichen
Allierten setzt den Wehrwolf deshalb auf den Index. Das längst wieder
frei erhältliche Buch wurde mir zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt,
und ich habe es in den folgenden Jahren mit nicht nachlassender Begeisterung
immer wieder aufs neue gelesen.
Von Löns Tod wird berichtet, das ihn eine feindliche Kugel nachts
auf freiem Felde mitten ins Herz getroffen habe. Mir seinem einst heißen
und nun erkalteten alten Leser sei ein unfrommer Wunsch erlaubt: Ich wünschte
mir, Kollege Löns wäre auf nächtlichem Felde einem fränzösischen
Bauern und dessen Bleiknüppel gegenübergestanden. Wenn es eine
ästhetische Gerechtigkeit gibt, Wenn Stil und Moral wie an einer
untrennbaren Nabelschnur zusammenhängen, dann hätte der Autor
des Wehrwolfs es wohl verdient gehabt, die Wollust des Totschlagens auch
im Auge seines Feindes leuchten zu sehen.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau) |