|
|
Isabel
Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn |
Georg
Klein
Jack London/“Jerry, der Insulaner“
Nehmen
Sie Ihre ganze Tierliebe zusammen und stellen Sie Sich einen prächtigen
Hund vor: einen jungen, glatthaarigen, goldbraunen Terrier, der Jerry
gerufen wird. Jerry ist treu wie Gold, tapfer wie ein Löwe. Seine
hündische Klugheit steht unserer menschlichen kaum nach, und weil
wir in einer Tiergeschichte von Jack London sind, können wir Wort
für Wort lesen, was sich Jerry über die Wesen denkt, denen er
in seiner Welt, auf den Inseln der Südsee, begegnet: „Die Buschhunde
waren zwar auch Hunde – er erkannte sie als seine Art an; aber sie
unterschieden sich doch irgendwie von seiner eigenen stolzen Rasse, waren
anders und geringer, gerade wie die Schwarzen sich von Herrn Haggin, Derby
und Bob unterschieden.“
Ohne Zweifel, dieser Hund ist, obwohl er hier, am Anfang der Geschichte,
erst zarte sechs Monate zählt, bereits ein ausgewachsener Rassist:
„Ein Nigger war etwas, was man anknurrte. Ein Nigger, der nicht
zum Haushalt gehörte, war etwas, was angefallen, gebissen und zerrissen
werden mußte, wenn es sich erfrechte, dem Haus zu nahe zu kommen.“
In Jack Londons großer Südsee-Erzählung „Jerry,
der Insulaner“ geschieht dem vierbeinigen Titelhelden bald das Schlimmste,
was einem rassestolzen Terrier passieren kann: Er fällt in schwarze
Hände. Die Jacht seines Herrchens, eines Holländers, der mit
Sklaven handelt, wird auf der Insel Somo von den Kriegern des gleichnamigen
Stamms gestürmt. Und als sich am Abend der Kopf des weißen
Kapitäns über dem Feuer dreht und im Rauch langsam zur Trophäe
dunkelt, liegt das goldbraune Hundchen gefesselt im Kanuhaus unter den
menschlichen Gefangenen, die nach und nach als sogenannte „Langschweine“
aufgefressen werden sollen.
Jerry jedoch wird nicht in den Kochtopf wandern. Baschti, der greise Häuptling
von Somo, hat etwas anderes mit dem Terrier vor: „Da alle Hunde
von schwarzen Menschen Feiglinge waren, wurden weiter alle Hunde von schwarzen
Menschen, so viele man ihrer auch heranzog, Feiglinge. Die Hunde weißer
Menschen waren mutige Kämpfer. Wenn sie sich fortpflanzten, mußten
sie ebenfalls mutige Kämpfer hervorbringen. ... Das klügste
war, ihn (Jerry) als Zuchthund zu betrachten und am Leben zu erhalten,
so daß sein Mut in kommenden Generationen von Somo-Hunden immer
wiederkehrte und sich verbreitete, bis alle Somo-Hunde stark und mutig
waren.“
Man sieht, in Jack Londons Südseewelt sind selbst die Schwarzen gläubige
und praktizierende Rassisten. Häuptling Baschti hat klare Vorstellungen
von „Rassenverbesserung“, und er schreitet nicht nur bei den
Hunden zur Tat. Als ein alter, durch einen Unfall erblindeter Krieger
mit großer Kaltblütigkeit und Klugheit den Mordanschlag einer
feindlichen Sippe abwehrt, zwingt das Stammesoberhaupt den eingefleischten
Junggesellen zwei junge Frauen in seiner Hütte aufzunehmen. Denn
die Tugenden, die der Alte besitzt, sollen an Nachkommen weitergeben werden:
„Der Stamm lebt. Der Stamm stirbt nie. Und deshalb müssen wir,
wenn unser Leben überhaupt einen Sinn haben soll, den Stamm stark
machen.“
Man hat von Jack London gesagt, daß er der erste „rein“
amerikanische Schriftsteller ist. Ohne sich auf einen europäischen
Stammbaum stützen zu können, ohne die Rückendeckung literarischer
Ahnen, allein von der enormen Beschleunigung, vom eisigen Fahrtwind der
Neuen Welt getrieben, sei er vor die modernen Leser gekommen. Und wer
so, ohne den Schutzmantel einer Tradition, aus der Kälte in die Kälte
tritt, hat wohl ein besonderes Gespür für die existenzielle
Wärme, die uns der Rassismus zu spenden vermag.
Was in unserer Erfahrung jeden sicheren Zusammenhalt verloren zu haben
scheint, im rassistischen Denken hält es noch wie Pech und Schwefel
zusammen: der Augenschein, die Historie und die Wissenschaft. Gleich den
Cowboys in der Malboro-Werbung sitzen diese drei Gesellen bei Jack London
ums Lagerfeuer, schlürfen heissen Kaffee und erklären sich die
Welt. Der Augenschein sagt kurz und bündig, daß man die Menschen
nach der Form ihrer Nasen beurteilen kann. Die Historie weiß betulich
zu berichten, welchen Stammbäumen wir, nicht anders als die Terrier,
unser Dasein verdanken. Und als Dritte im Bunde zieht schließlich
die Wissenschaft die Gesetze aus dem Ärmel, nach denen die Nasenformen,
die der Augenschein wahrnimmt, durch die historischen Stammtafeln zu wandern
haben.
So gehört der Rassismus zu den großen theoretischen Erzählungen
der Moderne, denen es gelingt, synthetisch und simpel zugleich zu sein.
Aber Rassisten sind nicht zwangsläufig gute Erzähler. Jack London
ist zweifellos beides, ein inniger Rassist und ein großartiger Erzähler.
In „Jerry, der Insulaner“ nimmt er die groben Fäden dieser
modernen Rede auf und spinnt sie um Figuren und Szenen, die auch heute,
nach über achtzig Jahren, nichts von ihrer Kraft verloren haben.
Wenn der greise Häuptling Baschti sich den präparierten Kopf
des weißen Sklavenhändlers auf die Knie legt und über
das Schicksal seines Stammes sinniert, ist er nicht klüger, aber
auch nicht wesentlich dümmer als wir, wenn wir versuchen, uns, gebeugt
über eine Tageszeitung, einen Reim auf die neusten Meldungen aus
den Gentechniklabors zu machen.
Wer Londons Tiergeschichten liest, ahnt, wie närrisch es ist, rassistisches
Gedankengut ausrotten zu wollen. Überall, wo die komplexen Verhältnisse
zwingen, kompliziert zu denken, wächst die Sehnsucht nach einfach
strukturierten Erklärungsmodellen. Und welches Weltbild könnte
dem Rassismus in seiner Schlichtheit und Schlüssigkeit, in seiner
blauäugigen Triftigkeit schlagen? So bleibt der moderne Rassismus,
um der Bilderwelt von Jack Londons Erzählen eine letzte Reverenz
zu erweisen, der treuherzige Hund, der mit uns am Lagerfeuer der Gegenwart
liegt. Er döst, während wir ihm gedankenverloren das goldbraune
Fell kraulen. Aber dann springt er plötzlich, knurrend und zähnefletschend,
auf, weil ihm geträumt hat, wie entsetzlich groß und wirr und
undurchschaubar dunkel die Welt ist.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau) |