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Georg Klein

Jack London/“Jerry, der Insulaner“

Nehmen Sie Ihre ganze Tierliebe zusammen und stellen Sie Sich einen prächtigen Hund vor: einen jungen, glatthaarigen, goldbraunen Terrier, der Jerry gerufen wird. Jerry ist treu wie Gold, tapfer wie ein Löwe. Seine hündische Klugheit steht unserer menschlichen kaum nach, und weil wir in einer Tiergeschichte von Jack London sind, können wir Wort für Wort lesen, was sich Jerry über die Wesen denkt, denen er in seiner Welt, auf den Inseln der Südsee, begegnet: „Die Buschhunde waren zwar auch Hunde – er erkannte sie als seine Art an; aber sie unterschieden sich doch irgendwie von seiner eigenen stolzen Rasse, waren anders und geringer, gerade wie die Schwarzen sich von Herrn Haggin, Derby und Bob unterschieden.“
Ohne Zweifel, dieser Hund ist, obwohl er hier, am Anfang der Geschichte, erst zarte sechs Monate zählt, bereits ein ausgewachsener Rassist: „Ein Nigger war etwas, was man anknurrte. Ein Nigger, der nicht zum Haushalt gehörte, war etwas, was angefallen, gebissen und zerrissen werden mußte, wenn es sich erfrechte, dem Haus zu nahe zu kommen.“ In Jack Londons großer Südsee-Erzählung „Jerry, der Insulaner“ geschieht dem vierbeinigen Titelhelden bald das Schlimmste, was einem rassestolzen Terrier passieren kann: Er fällt in schwarze Hände. Die Jacht seines Herrchens, eines Holländers, der mit Sklaven handelt, wird auf der Insel Somo von den Kriegern des gleichnamigen Stamms gestürmt. Und als sich am Abend der Kopf des weißen Kapitäns über dem Feuer dreht und im Rauch langsam zur Trophäe dunkelt, liegt das goldbraune Hundchen gefesselt im Kanuhaus unter den menschlichen Gefangenen, die nach und nach als sogenannte „Langschweine“ aufgefressen werden sollen.
Jerry jedoch wird nicht in den Kochtopf wandern. Baschti, der greise Häuptling von Somo, hat etwas anderes mit dem Terrier vor: „Da alle Hunde von schwarzen Menschen Feiglinge waren, wurden weiter alle Hunde von schwarzen Menschen, so viele man ihrer auch heranzog, Feiglinge. Die Hunde weißer Menschen waren mutige Kämpfer. Wenn sie sich fortpflanzten, mußten sie ebenfalls mutige Kämpfer hervorbringen. ... Das klügste war, ihn (Jerry) als Zuchthund zu betrachten und am Leben zu erhalten, so daß sein Mut in kommenden Generationen von Somo-Hunden immer wiederkehrte und sich verbreitete, bis alle Somo-Hunde stark und mutig waren.“
Man sieht, in Jack Londons Südseewelt sind selbst die Schwarzen gläubige und praktizierende Rassisten. Häuptling Baschti hat klare Vorstellungen von „Rassenverbesserung“, und er schreitet nicht nur bei den Hunden zur Tat. Als ein alter, durch einen Unfall erblindeter Krieger mit großer Kaltblütigkeit und Klugheit den Mordanschlag einer feindlichen Sippe abwehrt, zwingt das Stammesoberhaupt den eingefleischten Junggesellen zwei junge Frauen in seiner Hütte aufzunehmen. Denn die Tugenden, die der Alte besitzt, sollen an Nachkommen weitergeben werden: „Der Stamm lebt. Der Stamm stirbt nie. Und deshalb müssen wir, wenn unser Leben überhaupt einen Sinn haben soll, den Stamm stark machen.“
Man hat von Jack London gesagt, daß er der erste „rein“ amerikanische Schriftsteller ist. Ohne sich auf einen europäischen Stammbaum stützen zu können, ohne die Rückendeckung literarischer Ahnen, allein von der enormen Beschleunigung, vom eisigen Fahrtwind der Neuen Welt getrieben, sei er vor die modernen Leser gekommen. Und wer so, ohne den Schutzmantel einer Tradition, aus der Kälte in die Kälte tritt, hat wohl ein besonderes Gespür für die existenzielle Wärme, die uns der Rassismus zu spenden vermag.
Was in unserer Erfahrung jeden sicheren Zusammenhalt verloren zu haben scheint, im rassistischen Denken hält es noch wie Pech und Schwefel zusammen: der Augenschein, die Historie und die Wissenschaft. Gleich den Cowboys in der Malboro-Werbung sitzen diese drei Gesellen bei Jack London ums Lagerfeuer, schlürfen heissen Kaffee und erklären sich die Welt. Der Augenschein sagt kurz und bündig, daß man die Menschen nach der Form ihrer Nasen beurteilen kann. Die Historie weiß betulich zu berichten, welchen Stammbäumen wir, nicht anders als die Terrier, unser Dasein verdanken. Und als Dritte im Bunde zieht schließlich die Wissenschaft die Gesetze aus dem Ärmel, nach denen die Nasenformen, die der Augenschein wahrnimmt, durch die historischen Stammtafeln zu wandern haben.
So gehört der Rassismus zu den großen theoretischen Erzählungen der Moderne, denen es gelingt, synthetisch und simpel zugleich zu sein. Aber Rassisten sind nicht zwangsläufig gute Erzähler. Jack London ist zweifellos beides, ein inniger Rassist und ein großartiger Erzähler. In „Jerry, der Insulaner“ nimmt er die groben Fäden dieser modernen Rede auf und spinnt sie um Figuren und Szenen, die auch heute, nach über achtzig Jahren, nichts von ihrer Kraft verloren haben. Wenn der greise Häuptling Baschti sich den präparierten Kopf des weißen Sklavenhändlers auf die Knie legt und über das Schicksal seines Stammes sinniert, ist er nicht klüger, aber auch nicht wesentlich dümmer als wir, wenn wir versuchen, uns, gebeugt über eine Tageszeitung, einen Reim auf die neusten Meldungen aus den Gentechniklabors zu machen.
Wer Londons Tiergeschichten liest, ahnt, wie närrisch es ist, rassistisches Gedankengut ausrotten zu wollen. Überall, wo die komplexen Verhältnisse zwingen, kompliziert zu denken, wächst die Sehnsucht nach einfach strukturierten Erklärungsmodellen. Und welches Weltbild könnte dem Rassismus in seiner Schlichtheit und Schlüssigkeit, in seiner blauäugigen Triftigkeit schlagen? So bleibt der moderne Rassismus, um der Bilderwelt von Jack Londons Erzählen eine letzte Reverenz zu erweisen, der treuherzige Hund, der mit uns am Lagerfeuer der Gegenwart liegt. Er döst, während wir ihm gedankenverloren das goldbraune Fell kraulen. Aber dann springt er plötzlich, knurrend und zähnefletschend, auf, weil ihm geträumt hat, wie entsetzlich groß und wirr und undurchschaubar dunkel die Welt ist.

(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)