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Daphne du Maurier/ „Die Vögel“
Was ist das, was da jeden Morgen im unendlich komplexen Kollektiv seines
Körpers aufwacht, von sich und dem gewaltigen leiblichen Rest ganz
simpel als „Ich“ spricht und dann auf die äußere
Welt losgeht, als ob deren alle Namen überschreitende Vielfalt auf
nichts anderes als auf ein ich- sagendes Tier gewartet hätte?
In Daphne du Mauriers Erzählung ‚Die Vögel‘ heißt
diese selbstgewisse Monade Nat Hocken und lebt als Landarbeiter an der
englischen Küste. Zum Zeitpunkt der Handlung, um 1950, ist Nat Hocken
etwa vierzig Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Aus dem Zweiten
Weltkrieg hat er eine nicht weiter beschriebene Behinderung davongetragen.
Nat, der als einzelgängerisch und eingebildet gilt, weil er am liebsten
alleine arbeitet und Bücher liest, bemerkt als erster, daß
etwas mit den See- und Landvögeln der Umgebung nicht Ordnung ist.
Und sogleich tut der eigenbrötlerische Kriegsinvalide das, was konventionelle
Erzählliteratur von ihren Subjekten verlangt: Er beobachtet, urteilt,
plant und handelt. In aller Eile beginnt Nat Hocken sein kleines Farmhaus
zu befestigen, als einziger in der Gegend bereitet er sich auf einen Angriff
der Vögel vor.
Der Landarbeiter Nat ist Daphne du Mauriers Held; daran kann bereits nach
der ersten Seite kein Zweifel mehr bestehen. Und die erfahrene und erfolgreiche
Erzählerin wußte gewiß, daß es die Lesenden rühren
muß, wenn sich ein einfacher Familienvater mit dem, was ihm das
Leben an Kraft gelassen und an Verstand gegeben hat, schützend vor
Frau und Kinder stellt. Aber genau so sehr wie das Wofür macht das
Wogegen die Eigenart eines heldenhaften Kampfes aus. Seit jenen Texten,
in denen es noch gegen Drachen und Hunnenkönige gegangen ist, zehrt
der heroische Glanz von der glimmenden Düsternis des besonderen Feindes.
Und in diesem entscheidenden Punkt, in der Wahl des Feindes, bricht die
routinierte Autorin mit der Konvention. Kein Räuber oder Mörder,
kein gewinnsüchtiger oder mordlustiger Mensch, auch kein Vampir oder
Monster, kein böses Individuum ist Nats übermächtiger Gegenüber,
sondern ein Kollektiv: die Vögel. Auch ihre Namen, die der Text in
großer Zahl nennt, vom Austernfischer bis zur Misteldrossel, bezeichnen
in der Regel nie Einzeltiere, sondern Teilmengen der gewaltigen Masse,
die das Helden- Ich, den Weltkriegsveteranen Nat Honcken, bedrohen.
In der Beschreibung der Vogelschwärme erweist sich Daphne du Mauriers
erzählerische Meisterschaft. Und wer diese Autorin nur jener sogenannten
‚gehobenen Unterhaltungsliteratur‘ zurechnet, die die verhärteten
Lebenslügen ihrer notorischen Leser als gefühlsseligen Geschichten
ins erlösende Fließen bringt, kennt diese Beschreibungen nicht.
Statt des Ruhms, der ihr für ‚The Birds‘ zusteht, hat
Daphne du Maurier bis jetzt nur die Krümel erhalten, die vom Tisch
ihres Landsmanns Alfred Hitchkock fielen. Ein Glück für den
stetig wachsenden Nachruhm dieses Regisseurs, daß auch zur Feier
seines 100. Geburtstags anscheinend niemand auf die Idee gekommen ist,
den Film ‚Die Vögel‘ ernstlich an seiner literarischen
Vorlage zu messen! Denn im entscheidenden Punkt, in der Darstellung der
Vögel, sticht sofort ins Auge wie wenig der Altmeister der bewegten
Bilder 1963 mit den Mitteln seines Mediums aus den Vögeln machen
kann. In ihrer Harmlosigkeit, ja Unbeholfenheit bleiben die bunten Schnappschüsse
des zahmen oder für seinen Auftritt halbnarkotisierten Federviehs
peinlich weit hinter den vergleichbaren Textstellen zurück. Hitchkocks
Möwen und Krähen sind Komparsen, zu Kleindarstellern herabgewürdigte
Individuen. Aus den Vogelschwärmen du Mauriers leuchten dagegen die
grauenhafte Fremdheit und die bezwingende Magie dessen, was dem Ich vorausgeht
und stets bereitsteht, die Stelle dieser fragilen Einheit - und sei es
nur beim Einschlafen – zu übernehmen.
Nat Hocken kennt den Feind, der ihn zum Helden macht. Er, der grüberlische
Einzelgänger, ist schon vor dem ersten Angriff der Vögel der
geduldige Beobachter ihrer eigentümlichen Ruhelosigkeit und iher
rätselhaften Selbstorganisation gewesen. Er begreift, daß das
scheinbar irrsinnige Durcheinander der riesigen Schwärme kollektive
Intelligenz bedeutet. Und wenn die Vögel das Wasser einer Bucht lückenlos
bedecken und ihre Masse im Rhythmus des unsichtbar gewordenen Elements
auf- und abwogen, wenn ihre Schwärme den gesamten Winterhimmel mit
rasant wechselnden Zeichen beschriften, dann klingt an, daß dieses
nervöse Gewimmel von für sich allein sinnlosen Elementen sogar
das gültige Abbild von Intelligenz überhaupt sein könnte.
Mehrmals wünscht sich Nat in verzweifelter Wut, die englische Regierung
möge Giftgas gegen die Vögel einsetzen. Und dieses Verlangen
nach umfassender Ausrottung steigt so zwingend aus der klaustrophobischen
Athmosphäre der Szenen auf, als läge es jedem in die Enge getriebenen
modernen Ich nahe, mit endgültigen Mitteln rein Tisch zu machen.
Aber weder die „good old Navy“, noch die ruhmreiche Royal
Air Force, nicht einmal die verbündeten Amerikaner, von denen Nats
Frau zuletzt noch Rettung erwartet, erscheinen, um den Ring der Belagerung
zu durchbrechen. Auf der letzten Seite der Erzählung tüfftelt
Nat, im zähen Trott seiner bewußten Gedanken, an einem kleinen
Plan durch dessen Realisierung er die nächsten Tage zu überstehen
hofft. Von der Nachbarfarm, deren Bewohner bereits tot sind, hat er eine
große Rolle erstklassigen Stacheldraht herbeischaffen können.
Damit will er in der nächsten Angriffspause die Fenster und Türen
besser sichern.
Daphne du Mauriers knappe, in vieler Hinsicht bis in die Knochen konventionelle
Spannungsgeschichte endet offen, und der letzte größere Absatz
beschreibt noch einmal, in eisigkalter Grandiosität, die maschinenhaften
Präzision und der kollektive Macht der zu Recht titelgebenden Vögel.
Dann aber, in den allerletzten Sätzen, schlägt das Herz der
Geschichte wieder in altmodischer Sentimentalität für den Helden
Nat Hocken, für jenes Amalgam aus Erfahrung, Schmerzempfinden und
Durchhaltevermögen, das Ich-Sagen gelernt hat. Dieses Ich will den
nächsten Tag erleben. Und wenn es dessen Licht in der Fantasie des
mitfühlenden Lesers erreicht, dann wird der Stacheldraht, mit dem
es sich gegen das Größere und Allgemeinere zu schützen
sucht, die Würde des vergänglichen Einzelnen angemessen krönen.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau) |