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Woran erkennen wir das zeitgenössische literarische
Meisterwerk?
Und wie gelingt uns dann, es möglichst zu ignorieren?
Liebe Literatur-Interessierte,
ja, vielleicht sogar Literatur-Liebende,
Sobald es Ihnen widerfährt, sobald Sie und es zusammenstoßen,
sobald Ihre Phantasie mit ihm verschmilzt, sobald das, was ich meine,
in Ihnen ganz als eine Erfahrung aufgeht, brauchen Sie eigentlich niemanden
mehr, der Ihnen noch mit Erklärungen irgendwelcher Art beispringt.
Wahrscheinlich haben Sie, wenn Ihr mentales System glücklich mit
einem literarischen Meisterwerk aneinander und ineinander geraten ist,
nicht einmal den Begriff „Meisterwerk“ nötig, um sicher
zu wissen und zu fühlen, daß Ihnen ein solches widerfährt.
Vielleicht sind Sie aber auch froh, dann jenes patente deutsche Wort parat
zu haben. Vielleicht scheint Ihnen im Augenblick der Epiphanie ein mehrfach
gestammeltes „Meisterwerk! Meisterwerk! Ein Meisterwerk!“
genau der richtige Ausdruck, um Ihrem abgrundtiefen Erstaunen, Ihrer glückseligen
Bestürzung den richtigen Ausdruck zu verleihen.
Genau so „Meisterwerk! Das ist ja ein ein Meisterwerk!“ rufend,
muß ich vor ziemlich genau zwei Jahren an einem Novemberabend 2002
irgendwann zwischen Zehn Uhr abends und Mitternacht einen reichlich komischen
Anblick geboten haben. Ich war ja nur mit einem gestreiften Flannelschlafanzug
bekleidet, hatte ich mich jäh im Bett aufgerichtet, zuckte mit den
nackten Füßen und hielt das Buch, das ich meinte, mit priesterlicher
Geste Richtung Schlafzimmerdecke.
Hinter mir lag eine gute Stunde Lektüre. Nichts ahnend, nichts befürchtend,
nicht einmal Besonderes erhoffend, war ich mit einem deutschen Gegenwartsroman
zu Bett gegangen. Man hatte mir einige Wochen zuvor in Köln nach
einer Lesung zu ihm geraten. Nur empfohlen, nicht als Meisterwerk angepriesen
war mir das Buch, das ich meine, von einem jungen Bonner Literaturwissenschaftler.
Wenn ich mich recht erinnere, hatte er nur gesagt: „Das könnte
Ihnen wirklich gefallen!“ Aber etwas im diskreten Gestus dieser
Empfehlung hatte dazu geführt, daß ich mir Titel und Autor
gemerkt hatte und daß es dann zum Kauf des Buches gekommen war.
Vielleicht war da doch ein ganz leicht verschwörerischer Unterton
gewesen, vielleicht hatte mir der diskrete Bonner Zeit- und Geschlechtsgenosse
mit der Andeutung eines Zwinkerns, mit einem verhohlenen Lächeln
bereits das verheissen, was ich nun – Wochen später –
„Meisterwerk! Meisterwerk“ tönend auch meiner erstaunt
von ihrem Buch aufblickenden Gattin mitteilen wollte.
Nun, erneut in Köln, und in der schönen Pflicht, vor Ihnen von
einem meisterlich gelungenen Roman und vom literarischen Meisterwerk überhaupt
erzählen zu dürfen, wird mir die einst genossene Vermittlungsstrategie
nichts helfen. Ich kann ja schlecht jede und jeden von Ihnen diskret beseite
nehmen, um Ihnen dann - so verführerisch-suggestiv wie möglich
- den Titel dieses noch jungen Buches und den Namen des hier in Deutschland
lebenden Autors ins Ohr zu raunen. Und auch wenn ich im gestreiften Schlafanzug
und barfüßig wie ein asketischer Prediger vor sie getreten
wäre, um den Roman, den ich im folgenden meine, euphorisch stammelnd
oder hymnisch singend als ein Meisterwerk anzupreisen, es wäre wohl
der falsche Weg, um Sie zu seiner Lektüre zu verlocken.
Stattdessen will ich es mit einer ganz einfachen, seriellen Methode der
Beschreibung besuchen. Zehn Kennzeichen habe ich mir nach der erneuten
Lektüre des Romans, den ich meine, thesenartig zurechtgelegt. Es
sind Merkmale, über die mir wiederum deutlich wurde, daß ich
mit einem Meisterwerk zugange war. Merkmale, die hervorheben und rühmend
kennzeichnen. Merkmale, die aber zugleich immer auch den Impuls einer
Gegenbewegung in sich tragen. Denn so sehr das zeitgenössische Meisterwerk
erstaunt und verwundert, so sehr es uns zu begeistern vermag, in fast
gleichem Maße, in fast symmetrischer Form legt es uns nahe, es aus
seiner schwer erträglichen Höhe herabzusetzen, es mehr oder
minder zu ignorieren, es nach Möglichkeit sogar ganz zu vergessen
oder, wenn dies nicht klappen mag, zumindest seine meisterliche Gelungenheit,
so weit es geht, zu verdrängen.
Erstes Kennzeichen: Dem zeitgenössichen literarischen Meiserwerk
schadet der Rummel, der möglicherweise um sein Erscheinen gemacht
wird.
Das Buch das ich meine, erschiene im Frühjahr 1997 zur Leipziger
Buchmesse. Es war die erste Buchveröffentlchung des damals 29-jährigen
Autors. Und sein Hamburger Verlag versprach sich einiges von diesem Debut.
Der Roman würde das werden, was man ein ‚Kultbuch‘ nennt.
Eine große Käufergruppe, man dachte an jüngere Leser irgendwo
zwischen 17 und 27, sollte diesen Roman zu seiner Sache machen. So wie
bestimmte Pop-Gruppen, und ihre Platten, so wie gewisse Filme, Fernsehserien
und Bekleidungsmarken Zugehörigkeitsgefühle und wechselseitiges
Erkennen auslösen, also Gruppenidentität stiften, so sollte
dieser Roman zur Bibel bestimmter Szenen werden. Bald sollte es dort schlicht
„in“ sein, just dieses Buch gelesen zu haben oder es zumindest
zu besitzen. Nach einem ähnlichen Muster hatte man mit einem anderen
jüngeren Autor in diesem Verlag bereits beachtliche Verkaufszahlen
erreicht, das Buch das ich meine, sollte diesen Erfolg noch deutlich toppen.
Dafür war der Verlag, keiner der großen,aber doch ein angesehenes
mittleres Haus, bereit etwas zu tun. Der Roman erhielt als Spitzentitel
die ersten vier Seiten in der der Verlagsvorschau, dem wichtigsten Werbemittel
gegenüber dem Buchhandel. Und auch die vermittelnden Institutionen
des Literaturbetriebs, die Feuilleton- und die Kuturredaktionen von Presse,
Rundfunk und Fernsehen bekamen so unmißverständlich signalisiert,
auf welche Karte man vor allem setzte. Zudem wurden eigens Plakate gedruckt,
die nicht nur an die Buchhandlungen gingen, sondern auch in freier Wildbahn,
zum Beispiel in der Berliner U- und S-Bahnen, geklebt wurden.
Nun reicht es in einem solchen Fall gesteigerter Werbetätigkeit nicht
aus, daß der Verlag den Buchtitel einfach auf monochromen Hntergrund
druckt und mit einem Minimal-Slogan versieht, etwa „Einfach Super“
oder „Ganz neu“ oder „Unser Bestes!“ oder „Das
isses!“ Es muß schon etwas mehr Fleisch an die Werbesuppe.
Immerhin geht es um Kunst, zumindest um ein kulturelles Produkt, um eine
zu einem gehobenen Verbrauch empfohlene Ware . Ein würzende Dosis
Inhalt muß hinein, ein thematischer Kitzel oder etwas, das mit bereits
etabliertem Kulturgut kokettiert.
Vor sechs Wochen erhielt ich aus der Hand der Autors eine Platiktüte,
die einen etwa etwa zehn Zentimeter dicken Packen loser Papiere enthielt.
Es waren Originale und Kopien von Druckerzeugnissen jenes Jahres 1997,
vor allem Rezensionen des Romans. Auch eine eine recht scharfe Laser-Kopie
des damaligen Verlagsplakats lag bei. Es war mir damals in Berlin wohl
nur entgangen, weil wir fast das ganze Frühjahr in Ostfriesland verbracht
hatten.
Es ist recht auffällig und graphisch nicht schlecht gemacht. Über
eine schäbige Hauswand aus unverputztem Backstein, über ein
vergittertes Fenster ist schräg in knalligem Rot-Blau der Titel des
Romans geschrieben. Darunter steht:
„Literatur und Pulp,
Poetisch und hartgesotten,
wie Musik von Public Enemy
und Jimi Hendrix,
die Synthese
von Franz Kafka und
Quentin Tarrantino“
So tönte vor mittlerweile siebeneinhalb Jahren ein deutscher Verlag,
wenn er Ihresgleichen, die Junge Generation des Bücherfrühlings
1997, ködern wollte. Das sollte frisch und hip klingen, so sollte
eine überzeugende Brücke zwischen dem altväterlichen Medium
Buch und den jüngerem Medien Film und Pop-Musik geschlagen werden.
Das war gut gemeint und vielleicht gemessen an dem, was andere Verlage
damals versuchten, gar nicht so ungeschickt angestellt. Und doch hat dieser
Rummel und die Versatzstücke, mit denen er inszeniert wurde, dem
Buch auf einer ersten wichtigen Rezeptionsebene geschadet.
Nämlich bei denen, die Werbematerial und Gratis-Lesexemplar gleichzeitig
und erst einmal gleichgewichtig in Händen halten, bei den Rezensenten.
Die Kritiker hatten nun die locker eingängigen, in ein flapsiges
Deutsch übertragenen Dialoge von Pulp Fiction als Vorstellung, und
den Sound von Pop-Musik als emotionale Erwartung im Kopf, als Sie unser
zeitgenössisches Meisterwerk zu lesen begannen.
Ich weiß, wie es sich auswirkt, wenn ein Buch durch solche Vergleiche
und Gleichsetzungen mit Produkten der Massenkultur kurzgeschlossen wird.
Dergleichen ist mir selbst einmal mit einem Buch passiert. Diese Art des
Anpreisens geht faßt zwangsläufig nach hinten los. Denn eine
fehlgeleite Erwartung bleibt merkwürdigweisere auf eine verbiesterte
Weise kränkend, sogar - ja gerade wenn das Erhaltene das Erwartete
qualitativ weit übertrifft. Schon wer arglos zu MC Donalds geht,
wäre mindestens ungut verwirrt, wahrscheinlich würde er sogar
ärgerlich, wenn man ihm dort statt des Gewohnten ein hervorragendes
Menu präsentieren würde. Literatur-Kritiker werden, wenn man
ihre Erwartungen so steil düpiert, häufig zickig, kleinlich,
manchmal sogar richtig böse.
Zweites Kennzeichen:Gegen ein neues literarisches Meisterwerk werden etablierte
Meisterwerke in Stellung gebracht.
Rückblickend erscheint mir aber an der eben zitierten Verlagswerbung
nicht das Schlimmste, daß die inzwischen nicht mehr allzu bekannte
Rap-Gruppe Public Enemy und der immer noch halbwegs Kultstatus besitzende
Drehbuchautor und Regisseur Quentin Tarrentino als Paten für einen
deutschsprachigen Roman aufgerufen wurden. Schlimmer, wirklich fatal ist
die einzige wirklich literarische Vergleichsgröße, die Nennung
von Franz Kafka. Kafka ist nun in der Tat der Verfasser von Meisterwerken
und was sich mit seinem Namen schmückt oder mit seinem Namen geschmückt
wird, geht kein geringes Risiko. „So wie Kafka“ das klingt
schon fast wie „dem Franz Kafka nachgemacht“. Wirklich vernichtend
hat diesen Verdacht einmal der Kabarettist Wolfgang Neuss formuliert,
der eine bestimmte Tendenz der deutschen Nachkriegsliteratur auf den Nenner
„kalter Kafka“ brachte.
Das Buch, das ich meine, eifert aber auf keiner Seite den Texten Kafkas
nach, es nicht Kafka-epigonal, nicht gewollt Kafka-esk, auch nicht Kafka-kokett,
nicht im entferntesten Kafkas Prosa ähnlich und ihr auch nicht im
Geiste verwandt. Warum in Gottes Namen muß dann Franz Kafka für
die Verlagswerbung herhalten.
Es gibt einen Grund, einen ebenso nahenliegenden wie fragwürdigen:
Der Roman den ich meine, beginnt mit der Ankunft eines jungen deutschen
Mannes in den USA. Und auch von Kafka gibt es einen langen Prosa-Text,
der so anhebt: das Roman-Fragment „Amerika“. Die Kritik hat
vom Verlag mit der Nase auf einen großen Text des großen Kafka
gestoßen, glücklicherweise meist darauf verzichtet, dieser
blinden Spur hinterherzutapsen. Aber sie hat ihrerseits Meisterwerke in
Stellung gebracht.
Und interessanterweise sind es fast immer dieselben mächtigen Namen,
die aufgefahren werden, um das Buch, dessen Lektüre arg beunruhigend
gewesen sein muß, in Schranken zu verweisen: Es sind allesamt Autoren
der englischsprachigen Literatur: James Joyce, die große Einschüchterungstrumpfkarte,
John Dos Passos der klassisch- modernen Romancier der amerikanischen Literatur,
Phillip K.Dick, einer der Kirchenväter der amerikanischen Science
Fiction, und immer wieder Wiliam S. Bourroughs und Thomas Pynchon.
Seien Sie jetzt nicht verdrossen, falls Sie noch nie einen Roman dieser
berühmten Herren gelesen haben sollten. Wirkliche Lektüre-Erfahrung
spielt, wenn es darum geht, ein zeitgenössisches Meisterwerk mit
etablierten Meisterwerken zu prügeln, ja zu erschlagen, ein geringe
Rolle. In der Regel wird in den Rezensionen, die ich meine, auch durch
keinen einzigen Satz deutlich, ob der Schreibende den Autor, dessen Namen
er zur Keule instrumentalisiert, gelesen hat. Der Name allein macht es
ja, genauergesagt der Rumor, der Ruch der ihm anhängt. Wenn W.S.Bourroughs
in Sachen Gewaltdarstellung als der schwarze Meister der Literatur des
2o. Jahrhunderts gilt, dann es genügt es über ein gegenwärtiges
Buch zu sagen, Vergleichbares habe Bourroughs vor 40 Jahren schon radikaler
gemacht. Und wenn Thomas Pychon als der ungekrönte König der
postmodernen Erzähltechniken dasteht, dann läßt sich leichthin
sagen, ein anderer Autor erreiche Pynchons Raffinesse leider nicht ganz.
Sehr oft ist diese Form des herabsetzenden Vergleichs mit einem solch
tückisch gönnerhaften Loben verbunden. Und genau dies läßt
sich, von außen betrachtet, als ein weiteren Hinweis auf die Existenz
eines Meisterwerks deuten:
Drittes Kennzeichen: Das zeitgenössische Meisterwerk wird durch Lob
zu mittlerer Güte erniedrigt.
Besonders augenfällig wird dieses Verfahren dort wo der Roman, den
ich meine, mit anderen Neuerscheinungen desselben Jahres gemeinsam besprochen
wird. Der erste Schritt der Nivellierung besteht bereits im Verfahren:
Völlig verschiedenwertige Erzählwerke werden in einem gemeinsamen
Durchgang behandelt. Und dann drückt man das Meisterwerk zusätzlich
dadurch, daß man ihm in der Doppel- oder Dreierrezension keine Zeile
mehr, sondern eher ein paar Zeilen weniger als seinen schwächlichen
Zeitgenossen einräumt.
Dies liegt auch praktisch nahe, denn es ist um vieles leichter, über
einen Text zu schreiben, dessen Machart man durchschaut, dessen Mängel
ins Auge fallen und dem man sich dewegen überlegen fühlen kann.
Die tiefste Herabsetzung liegt dann im vergleichenden Lob, im „etwas
besser gelungen“, im „ doch eher überzeugend“ im
„weniger langweilig“. In solch fader Zustimmung haucht dem
Meisterwerk der Atem der schnellen Vergänglichkeit entgegen. In dieser
Art von Anerkennung steckt das verhängnisvolle Urteil „einer
der Jahrgangsbesten“. Und das besagt natürlich auch: Der nächste
Jahrgang steht schon am Horizont. Sobald dessen beste Romane, ihren Mittag
ihren Sonnenhöchststand erleben, das heißt schon auf der nächsten
Buchmesse, werden die Jahrgangsbesten der Vormesse bereits vergessen sein.
Schlimm für das Meisterwerk, wenn es nur diese lauen Jahrgangsliebhaber
findet, das sind wirklich verhängnisvolle Freunde, das sind Kumpane,
mit denen man sich einmal fahrlässig betrinkt, auf die man aber schon
im darauffolgenden Kater nicht mehr zählen kann . Da ist es schon
fast besser das Buch findet Feinde, echte Feinde von altem Schrot und
Korn.
Dies will ich gleich als einen weiteren Hinweis festhalten:
Kennzeichen Vier: Gute Feinde markieren das zeitgenössische Meisterwerk
durch den Ingrimm ihrer Ablehnung.
Der Roman, den ich meine, wurde auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
besprochen. Realtiv spät, erst am 16.August, aber immerhin in der
Samstagsausgabe. Zeitpunkt und Ort sind hierbei wichtige Geltungssignale.
Die FAZ war damals und ist noch heute in Sachen Geltungszuweisung das
wichtigste publizistische Organ des Literaturbetriebs. Eine große
rühmende Besprechung in diesem Blatt garantiert zwar keine guten
Verkaufszahlen mehr, sie gibt aber so etwas wie einen Geltungsvorschuß
oder Geltungsstartschuß. Damit ist betriebsintern eine starke Duftmarke
gesetzt, deren Geruch andere Mittler aufnehmen und in andere mediale Reviere
weitertragen. Der Rezensent, dem unser Meiserwerk als Besprechungsauftrag
der FAZ auf den Tisch kam, muß sich bei Lektüre des Romans
irgendwann entschlossen haben, seine Besprechung kurz und bündig
zu halten – so bündig und so kurz, daß es mich jetzt
gar nicht viel Zeit kosten wird, Ihnen diesen Verriß fast vollständig
vorzulesen.
FAZ, Samstag den 16.August 1997
STURM IM HÄKELTÄSCHCHEN
„Ein Dezimeter Haut aus der Schamhaargegend, zu Leder geschrumpft,
ein Killer und sechs Erschossene, ein Blinder wird gefoltert, Erbrochenes,
Blut und Schleim: das ist ungefähr der Ertrag der ersten Seiten.
Weitere Killer folgen, weitere Erschossene, ein roter Koffer voll Wind,
Explosionen und wieder jede Menge Blut und Schleim. Die Killer sind nette
junge Leute, beruflich allerdings stahlhart. Allmählich lernt man
auch ihre Bosse kennen, meistens Weltverbesserer, sie kämpfen gegen
die „Unterdrückung“, gegen Nazis, Polizisten, Kapitalisten,
Pioniere und Skalvenhändler, ist ja alles eine Sorte, und für
Juden, Schwarze und Indianer. Jeder von ihnen meint, wenn es nicht anders
ginge, wäre es wohl das beste, Amerika in seinem eigenen Blut zu
ersäufen. Mit dem Ersäufen klappt es am Ende dann auch, es ist
angeblich der 31.August 1939, wo fünf Millionen Amerikaner sterben
müssen, an Hurrikanen, Sturmfluten und Überschwemmungen.
Man arbeitet heutzutage nicht mehr ohne mythologischen Hintergrund. Die
Unwetter kamen aus dem sagenhaften Schlauch des Äolus, in dem die
Winde gefangen waren, bis (der Autor N.N.) sie freizulassen beschloß.
Diesen Sack oder Schlauch habe ein junger deutscher Jude aus dem Pergamonmuseum
in Berlin entwendet, damit nicht Hitler über diese Wunderwaffe verfügen
könne. Der Jude ist ein Glückspilz, der immer durchkommt und
deshalb als Katalysator der ganzen Schießerei wirkt, ein Parzival
und reiner Tor, der das gute will und dennoch allen Unheil bringt.
(...)
Außer Äolus und Parzival begegnen (uns) Jesus und Baal, Faust
und Moby Dick, Homer und Noah, Judas und Satan, Star Treck und die apokalyptischen
Reiter. Mit wilden Hussa und dröhnenden Vokabeln toben sie im Gemüt
des Lesers herum. Angeblich wohnen sie da, angeblich stellt der Roman
das „Amerika in uns“ dar, in dem die (Maximen des fünfzackigen
Sterns) herrschen, nämlich Haß, Gewalt, Chaos, Sex und Revolution
(um eine beliebige der vielen Definitionen zu nennen). Immer fünf
Dinge müssen es sein und sie erklären alles.
(...)
Die vollkommene ethische Teilnahmslosigkeit dieses Gruselkabinetts wird
ins Relief getrieben durch die manierierten Layoutmätzchen, die der
Verfasser ein dreißigjähriger Berliner, offenbar Computerfreak,
unermüdlich erfindet. Zwei Dutzend verschiedene Schriften,randlos
bedruckte Seiten, Spalten mal längs, mal quer, Schmuckstempel, Sternchen,
Initiale: hier schlägt sein Herz. Zu lesen ist das zwar schikanös,
aber aussehen tut das allerliebst. Der Autor verpackt seine wüsten
Phantasien in zierliche Häkeltäschchen. Das sollte man ihm doch
zugute halten.
Historisch ist der apokalyptische Thriller derart unserios, daß
darüber kein Wort lohnt. Auffallen um jeden Preis lautet die einzige
Botschaft des Buches. Krach machen, Schocken, Krakeelen. Sollte der Autor
Talent haben, hat er es jedenfalls gut versteckt, es ist vor lauter Lärm
nicht mehr zu hören. Wenn das junge Literatur ist, dann doch lieber
gleich RTL.“
So weit, nur ganz behutsam von mir gekürzt, die Frankfurter Allgemeine
Zeitung. Genauer gesagt hörten Sie Hermann Kurzke, der damals in
den späten 90-ern mit einem Fixumsvertrag regelmäßig für
die FAZ schrieb. Der heute 61-jährige Kurzke war und ist zudem Professor
für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Mainz und ein seit Jahrzehnten
ausgewiesener Thomas-Mann-Experte. Wie und warum ausgerechnet ihm unser
Meisterwerk als Besprechungsauftrag auf den Tisch flatterte, weiß
ich nicht. Vielleicht war es purer Zufall.
Als ich mir vor zwei Jahren, unmittelbar nach der ersten Lektüre
des Romans, - mir genügten damals drei euphorische Abende - . die
FAZ-Besprechung aus dem Internet fischte, war ich entsetzt über die
harsträubende Ignoranz, über den borniert spießigen Ton,
über das hohle Donnern von Kurzkes Kurz-Verriß. Aber inzwischen
kenne ich die meisten anderen Besprechungen,auch die vielen schwächlich-Schulterklopfenden,
die das Buch durch ihr tückisches Lob herabziehen, und ich muß,
gemessen an dieser Rezeption, den wüst polternden Kurzke doch schätzen.
Fast könnte man sagen, glücklich das Meisterwerk, das sich zumindest
solch grimmige Feinde erringt. Wäre ich damals Leser der FAZ gewesen,
der schnaubende Verdruß, der aus Lurzkes Text spricht, hätte
mich gewiß neugierig gemacht.
Und zudem trifft Kurzkes Argumentation in all ihrer kurzatmigen Abwehr
doch den einen oder anderen Nagel auf den Kopf. So schreibt er ganz zuletzt:
„Historisch ist der apokalyptische Thriller derart unseriös,
daß darüber kein Wort lohnt.“
Historisch ist der apokalyptische Thriller derart unseriös, daß
darüber kein Wort lohnt. Hierzu lohnt sich ein Wort. Die „historische
Unseriosität“ unseres Romanes führt mich direkt zum längst
fälligen nächsten Merkmal:
Fünftens Kennzeichen: Das zeitgenössische Meisterwerk stört
unsere kollektive Zeitgewissheit.
Gern lobt man Romane in Deutschland dafür, daß sie uns angeblich
etwas über unsere Zeit erzählen. Oft liegt der Schwerpunkt dabei
auf „Erzählen“, den das was es da erzählerisch zu
vermitteln gibt, gilt gar nicht als unbekannt, man sieht es ja täglich
im Fernsehen und liest es in den Magazinen. Jeder augeklärte Zeitgenosse
weiß angeblich darüber Bescheid. Der Literatur kommt nur noch
zu, dieses Weltwissen, diese Zeitgewissheit in die für sie typischen
Erzähl-Formen zu übersetzen. Das heißt ganz banal: Der
Roman bietet ein paar Leutchen auf, die so ähnlich sind wie wir,
aber auch ein bißchen besonders - halt so, daß man sich mit
diesen Protagonisten identifizieren kann, ohne sich zu langweilen, ohne
sich zu befremden, ohne sich seines So-Seins genieren zu müssen.
In den späten 90ern des 20. Jahrhunderts, als auch unser Meisterwerk
erschien, wurde plötzlich, eine ganze Reihe junger Autorinnen und
Autoren dafür hochgepriesen, daß sie uns kurzweilig erzählen
würden, wie denn Jünglinge und Maiden eigentlich heutzutage
so beschaffen seien. Angeblich war es ein besondere literarische Erfahrung
platterdings aufgeschrieben zu sehen, welche Musik man gerade in jungen
Kreisen so hörte, was zu dieser Musik geraucht und getrunken wurde
und vor allem wie die sogenannten Jungen es mit der Liebe und dem Sex
hielten.
Die Älteren sollten dies unbedingt lesen, weil sie ja sonst nicht
erführen, welche CDs ihre herangewachsenen Kinder inzwischen hörten,
was diese dazu tränken und rauchten und wie diese es mit der Liebe
und dem Sex hielten. Eigenntlich ein fragwürdiges Argument –
denn genau dies wurde ja auch regelmäßig im Fernsehen, im Spiegel
und im Stern verhandelt. Aber ältere Leute glauben immer noch lieber
Büchern als rtl II oder dem Focus.
Die jungen Leute sollten diese Bücher kaufen, damit sie aus ihnen
erführen, daß sie es völlig in Ordnung, ja sogar hochspannend
sei, daß sie diese und jene Musik hörten, dies und das dazu
rauchten und daß sie sich tatsächlich, wer hätte das gedacht,
an Liebe und Sex versuchten.
Zudem war es in ökonomisch schwieriger werdenen Zeiten ja eine überraschende
und höchst reizvolle Zukunftsperspektive, einfach mal aufzuschreiben
, wie man so durch sein Studenten- , Job- und Liebesleben kam, und mit
dem schlichtweg Aufgeschriebenen auf dem deutschen Buchmarkt reich und
berühmt zu werden.
Genau Letzteres schlug in der Regel fehl. Die meisten der So-ist-mein-junges-Leben-Romane
floppten. Die neue deutsche Literatur der späten 90-er, die jungen
Blechtrommler, wie sie der Spiegel nannte, ist nun, nach einem knappen
halben Jahrzehnt bereits weitgehend vergessen. Wer so ausschließlich
an den Kitzel banalster Gegenwart glaubt, beißt zwangsläufig
in das Gras der schnellen Vergänglichkeit. Und von den wenigen Autorinnen,
die sich zumindest im Betrieb halten konnten, haben sich inzwischen viele,
da ihnen ihre Gegenwartsversessenheit längst zu Gegenwartsnot geworden
ist, auf die jüngere Zeitgeschichte geworfen.
Bekanntlich ist ja jede Jugend irgendwann einmal vorbei. Auch wenn mancher
die Pubertät heutzutage locker bis 29 ausdehnen kann, mit 35 sieht
er nach einer durchgemachten Nacht im Spiegel alles andere als jung aus,
und mit fast vierzig kann er schlecht den dritten Bohemien-Roman schreiben,
in dem nervöse Jünglinge und liebeskranke Mädchen die Zeit
mit melancholischem Zigaretten-Schmauchen herumbringen.
Also entdeckt man zur sicheren, aber arg dünn gewordenen Gegenwart
eine vergleichbar sichere Vergangenheit. Da sind doch auch noch diese
Eltern, 68-er oder irgend so etwas und die hatten ja auch Eltern, vielleicht
ist bei denen, bei denGroßeltern, mit etwas Glück sogar ein
waschechter Nazi dabei. Na, zur Not macht man die Oma halt zur KZ-Schergin.
Und schon ist der kleine Alltag der Beziehungsprobleme und Liebeshändel
mit dem verknüpft, was man leichthin und meist etwas großspurig
Zeitgeschichte nennt. Wie es in 60-er und 50 er Jahren oder gar im schlimmen
Dritten Reich zugegangen ist, das weiß man schon so ungefähr
aus dem Fernsehen und denn Rest recherchiert man sich im Internet zusammen.
Ich weiß nicht, ob ein wackerer Rezensent wie Hermann Kurzke solche
Literatur im Gegensatz zu unserem Meisterwerk „historisch seriös“
nennen würde, zumindest könnte er sich bei sich diesen Büchern
nicht darüber beklagen, daß Figuren plötzlich in einer
Epoche auftauchen, in der wir sie nicht vermuten und auch nicht darüber,
daß in vergangenen Jahrzehnten, die wir doch durch unser zeitgeschichtliches
Wissen perfekt zu kontrollieren vermeinen, plötzlich Dinge geschehen
sein sollen, bei denen sich uns lesend die historisch glatt gekämmten
Nackenhärchen sträuben.
Der Roman, den ich meine, verfährend durchweg so, daß er sich
eben nicht wie die meisten anderen Bücher an unsere Zeitgewissheit
anschmiegt. Er sagt nicht, so war es doch, das wissen wir doch alle. Und
er zählt auch nicht die hübsch originellen Ausmahmsgeschichtlein,
die sich gerade durch den Bonsai-Charakter ihrer Originalität perfekt
in das gewohnte Gegenwarts- und Vergangenheitsbild einfügen. Das
Meisterwerk stört unser Zeitbild. Es entlarvt unsere Gegenwarts-
wie unsere Vergangenheitskontrolle als etwas Gemachtes. Wir spüren
plötzlich, das unser individuelles Erinnern und die großen
informationsselektierenden Maschinen der Geschichtsschreibung ein abgekartetes
Spiel miteinander spielen: Glaubst Du mir meine großen Plan, dann
darfst Du deine kleinen Anekdoten als exemplarische Mosaiksteine in das
ansonsten aus groben Platten zusammengstückelte Bild legen. Die Komplizenschaft
von Historie und zeitgeschichtlich unterfüttertem Gegenwartsroman
ist in der deutschen Nachkriegsliteratur aber immer noch so innig, so
dominant, daß jedes Buch, daß dieses Spiel nicht mitspielt,
sofort auffallen muß.
Ja, unangenehm auffallen muß - denn wir lieben unsere Zeitgewissenheit,
gerade weil sie so homogen vage, so verschwommen gleichförmig ist.
Sie ist vielleicht die allgemeinste, die am meisten unbewußte Form
der Besserwisserei. Und deshalb scheut sich heutzutage ein Literaturkritker,
geboren 1960, nicht im geringsten zu schreiben, eine Autorin, Jahrgang
1965 habe die Stimmung und den Charakter der 50er Jahre durch minutiöse
Beschreibung perfekt getroffen und die so eingefangene Vergangenheit für
uns die Gegenwartsmenschen zu neuem Leben erweckt.
Unser Meisterwerk hat in der Tat alles getan, um ein solches Lob nicht
zu verdienen. Es weiß, daß jede vergangene Zeit unerreichbar
ist, und daß das Leben der Toten, denn das wäre in einem ernsten
Sinne Vergangenheit, eben deshalb so beunruhigend ist, weil es sich nirgends
einfach einfangen läßt. Das Buch, das ich meine, verficht eine
andere Form des Vergangenheitskults. Es behauptet, daß es nur der
die Toten richtig ehrt, der ihnen demütig von den besten Stücke
seiner Gegenwart opfert – es bringt Seite für Seite Opfergaben
aus Phantasie, Lust, Größenwahnsinn und innigster Angst.
Und prompt wird dem Roman, der dies tut, das Wort ‚Anachronismus‘
entgegengehalten, um ihn zu kennzeichnen und abzuwerten. Wer die gewohnten
Rituale der Vergangenheitskontrolle der sogenannten Vergangheitsbewältigung
verweigert, wird als anchronistisch als aus der Gegenwart gefallen bezeichnet.
Und nicht einmal ganz zu Unrecht: Denn unser Gegenwarts- unser Wirklichkeitsgefühl
stützt sich ja nicht zuletzt auf dem trügerischen Glauben, auch
die Vergangenheit und damit die Toten durch die gegenwärtige Zeitordnung
zu beherrschen
Dies bringt mich zum nächsten Merkmal, das sich als Zuspitzung des
Letztgenannten verstehen läßt:
Sechstes Merkmal: Das zeitgenössische Meisterwerk läßt
den Lesenden erfahren, daß Literaturerfahrung auch eine eigenständige
Zeiterfahrung bedeutet
Kluge lesende Kinder würden sich wohl darüber wundern, daß
ich diese Selbstverständlichkeit überhaupt als Merkmal, überhaupt
als bemerkenswert anführe. Denn dem intensiv lesenden, frühreifen
Kind, dem hochpotenten Superleser, dem Traumleser jedes Autors ist genau
dies die selbstverständlichste Sache von der Welt. Als Kinder und
vielleicht auch noch als Jugendliche waren wir im Höchstbesitz unser
Phantasie- und Vorstellungskräfte und ebenso stark war unser Wille
die Zeitläufte der Erwachsenwelt für den Akt des Lesens zu verlassen.
Man kann dies als Flucht bezeichnen. Aber dann ist auch das Spiel des
Kindes Flucht in anderes Wahrnehmungsreich, in andere Zeitgefilde. Ich
weiß nicht, ob Sie einen Kindergarten besucht haben - und falls
ja, ob sie sich noch an diese Epoche ihres Lebens erinnern mögen
und können. Sobald in einem pädagogisch straff geführten
Kindergarten ein oder zwei Stunden für das sogenannte „Freie
Spiel“ vorgesehen sind, liegt nackt auf der Hand das es neben der
linearen homogenen und gleichförmig getakten Zeitordnung der modernen
Arbeitswelt andere Formen der Zeitordnung gibt, denen man - teils wohlwollend
teils mißtrauisch - behütete, aber auch kontrollierte Reservate
einräumt.
Zeitwahrnehmung ist immer Selbstwahrnehmung. Die Zeit ist das Vollzugsmedim
unseres mentalen Systems. Und die Jugendlichen, die sich nach sechs oder
acht gleichförmig öden Schulstunden vor die Playstation II setzen
und die nervösen Rhythmen eines Computerspiels aufnehmen, suchen
und finden genau dies: eine andere Struktur des Zeit- und Selbstverlaufs.
Die Literatur war bereits ein solch eigentümliches Erfahrungsreich
lange bevor es Film, Fernsehen und PC-Spiele gab. Und sie hat sich immer
wieder erstaunlich erneuert - im Gegensatz zu anderen Erfahrungswelten,
die weitgehend tot sind wie die christlichen Kulte, wie der gemeinsame
Gesang oder das Gebet, wie die artifizielle Konversation des bürgerlichen
Salon, der Zirkus, das Cabaret oder Stummfilm, oder wie jene Zeit- und
Selbstwahrnehmungssphären, die seit Jahrzehnten qualvoll langsam
absterben, zum Beispiel die Oper oder das Theater. Die Litertur hält
sich dagegen gut, wie ein unglaublich zähes, immer wieder neu austreibendes
Unkraut. Was jedoch nicht heißen muß, daß es für
alle vorstellbaren zukünftigen Zeiten auch Literatur als Erfahrungsoption
geben muß.
Siebtes Merkmal: Das zeitgenössische literarische Meisterwerk weiß
um seine gefährlichsten außerliterarischen Konkurrenten.
Warum ein Buch lesen, wenn endlich das amazon-Packet mit der zweiten Staffel
von David Lynchs TV Serie Twin Peaks auf CD eingetroffen ist, warum überhaupt
noch ein Buch aufschlagen, wenn doch das Computerspiel, mit man gestern
zum ersten Mal begeistert gerungen hat, mit der nächsten Schwierigkeitsstufe
und faszinierend neuen Bildwelten lockt. Das Buch, das ich meine, kennt
diese Konkurrenz. Sein Autor hat mit dem Feuer der neuen heissen Medien
gespielt und die Gefahr der Ablenkung, ja der endgültigen Fahnenflucht
am eigenen mentalen System erfahren. Auch die Kritiker des Buches haben
dies bemerkt, sie haben Figuren, Handlungselemente, Erzählverfahren
erkannt, die ihnen aus Film, Comic und Computerspiel zu stammen scheinen.
Und sie ziehen daraus den Schluß, daß unser Roman etwas nachahme
oder übernähme, etwa so wie der Stumfilm einst recht ungeschickt
Testtafeln zwischen die bewegten Bilder setzte. Oder so wie törichte
Tanztheaterregisseure ihren Spielraum, die Bühne mit Fernseh-Bildschirmen
verstellen. Unser Meisterwerk aber vertraut gerade dort, wo es mit den
Figuren, den Erzählrhythmen fremder Medien spielt am stärksten
auf die Möglichkeiten, die nur Literatur besitzt, wenn sie sich im
Leseakt realisiert, in dieser irrwitzig schnellen und hochkomplexen Umsetzung
von bedeutungsevoziernenden Zeichenverknüpfungen zu Gedanken, Gefühlen
und Imaginationen. Noch immer scheint mir die Literatur die schnellste
aller Künste und diejenige die das Prädikat ‚interaktiv‘
am meisten verdient.
Das Buch, das ich meine, ist gerade dort, wo es scheinbar comicartic erzählt,
gerade nicht wie eine simple Bildgeschichte flüchig leicht zu überfliegen,
sondern besonders befremdend und eigentümlich und fordert unser ganzes
Lesevermögen, unsere Konzentration die Aktivierung von maximal viel
Phantasie.
Auch dies ließe sich als ein eigenes Merkmal formulieren: Das zeitgenössische
Meisterwerk fordert den Meisterleser in uns heraus. Aber stattdessen:
Schnell als achtes Kennzeichen: Das zeitgenössische Meisterwerk erkennt
man an der Energie, die starke zeitgenössische Leser mobilisieren
müssen, um seinen Einzelheiten zu vergessen.
Das Buch, das ich meine, ist daß ich meine, ist nur 230 Seiten lang.
Es besteht aus aus fünfzig, meist vier Seiten kurzen Kapiteln. Ich
habe es in den letzten zwei Jahren viermal gelesen. Und habe mir immer
gute Leszeit für es genommen - also Stunden, in denen ich nicht so
abgefackelt war, daß meine Kraft eigentlich nur noch noch zum Fernsehen
gereicht hätte. Ich bilde mir also ein, den Roman irgendwie zu kennen.
Aber als ich mich vor drei Wochen an die Abfassung dieses Vortrags machte
und mir gleich eingangs überlegte, welches der Kapitel ich Ihnen
vorlesen könnte, sah ich mich plötzlich außerstande mir
den Ablauf der Handlung, geschweige denn besonders eindringliche, zum
Vorlesen geeignete Szenen innerlich aufzurufen.
Ich glaube nicht, daß mir ein solcher Blackout mit einem Meisterwerk
aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder aus früheren
Jahrhunderten widerfahren könnte. Diese merkwürdige Blockade
hatte ihre Wurzel in der Zeitgenossenschaft. Und mir fiel als paradoxes
Gegenbeispiel sogleich ein, wie oft und wie blitzartig intensiv ich bei
der Abfassung eigener Prosa in den letzten Jahren an dieses Buch gedacht
hatte.
Alle Figuren und Szenen des Meisterwerks waren da und lebten in mir seinem
zeitgenössischen Leser fort, aber es war ein Fortwesen, das offenbar
eine gewisse Heimlichkeit brauchte, das den Deckmantel der Verdrängung
übergezogen bekam, um nicht zu dominant, um nicht irgendwie gefährlich
zu werden.
Also begann ich vor dem bereits zum Schreiben eingeschalteten PC erneut
zu lesen. Und eben so heftig wie sie zurückgedrängt worden war,
kam die Erinnerung zurück. Natürlich wußte ich noch alles.
Dies waren Szenen, die man eigentlich sein Lebtag nicht vergißt.
Und weil ich nun aus frischer Erfahrung kannte, wie die Verdrängung
erneut greifen würde, beschloß ich, sofort jenes Stück
abzutippen, daß ich in Köln, Ihnen, meinen damals nur vorgestellten
Zuhörerinnen und Zuhörern, vorlesen wollte:
Der Roman, den ich meine.
Seite 121
27. Kapitel
„ Auch 1937 war der heilige Abend eine Zeit der Wunder, in Metz,
Frankreich, kehrte ein Vater, der seine Familie zwölf Jahre zuvor
verlassen hatte, überraschend heim, und wurde vom neuen Ehenmann
seiner Frau gastlich bewirtet und von seinen groß gewordenen Kindern
beschenkt. In Siena, Italien, begegneten sich auf dem Weg zu ihren jeweiligen
Familien zwei Todfeinde auf dem Palio-Platz, und sie umarmten sich. Und
in Cleveland, Ohio machte ein künstliches Wesen einem Menschen ein
ungewöhnliches Geschenk.
Fedriger Schnee fiel auf die blinkenden Leuchtmarkisen von SNOWWHITE AND
THE SEVEN DWARFS, und rund um das Premierenkino konnte man zwischen den
aufgeregten schal- und kapuzenvermummten Kindern und ihren lachenden Eltern
Zwerge herumwackeln sehen, genauer gesagt: Kleine Menschen, die ähnlich
den gezeichneten Zwergen des Films verkleidet waren. Der junge Mann mit
dem roten Koffer umging die in Vorfreude bebende Menge, denn schon an
ihren Rändern war er wegen seiner schlechten Kleidung – er
war zudem barfuß – ärgerlich angesehen und weggescheucht
worden. Ein Bettler paßte den feinen Leuten von Cleveland nicht
ins Bild. man hatte vor das Kleingeld für Popcorn und Zuckerstangen
auszugeben, nicht für irgendwelche Schnorrer. Wie sehr sie sich in
dem jungen Mann täuschten. Er war kein Bettler. Im Gegenteil. Er
war bereit – und in der Lage - zu geben.
Als ein wirklicher Bettler, der an einer zugigen Ecke im Schnee saß,
um eine Gabe bat, reichte ihm der junge Mann ohne Zögern seinen Koffer,
der alles war, was er außer seinen Kleidern besaß. Und einen
Block weiter, wo ihn ein alter Mann mit einem Orden aus dem ersten Weltkrieg
ansprach, gab er auch seinen Mantel her und spiegelte sich nun mit Hemd
und Hose, unrasiert und mit langem Haar in den Schaufenstern der Geschäfte.
Er war nicht verückt. Er war nur kein gewöhnlicher Mensch. Der
junge Mann, von dem hier die Rede ist, war tief unter der Erde, in einer
Berggrotte gemacht worden, von einer Art Puppenbastler, von einem der
für dieses Werk einen hohen Preis entrichtet hatte. Und wer darüber
nachdenkt, wird verstehen, daß dies eine ebenso wunderbare Weise
ist, in die Welt zu kommen, wie als Sohn einer Jungfrau und als Sohn eines
Sterns.
SILENT NIGHT; HOLY NIGHT; ALL IS CALM; ALL IS BRIGHT. Kurz schien der
junge Mann gefangen von den Stimmen eines Kinderchors, von einem Singen
neben dem sogar die Automobile ganz leise wurden. Aber dann sah er etwas,
das ihn wirklich magisch, daß ihn sehnsuchtsähnlich anzog,
gleich der Erinnerung an eine erträumte Kindheit.Ein schmaler Laden,
auf einem Schild stand, von Schnee schwer überdacht: Der große
Zauberer Tobini. Heute Weihnachtsabschiedsshow. Der junge Mann näherte
sich der mit zu oft benutztem Lametta geschückten Tür und trat
ein. Ein leeres kleines Theater. Seit Jahren ungeatmete Luft. Einstmals
weiß gewesene Stühle vor einer winzigen Bühne. Auf ihr
saß im Schein einer einzigen Kerze ein alter Mann in Anzug, weißen
Handschuhen und Zylinder. Der große Tobini.
„Willkommen!“ sagte der Zauberer. „Ich hätte nicht
gedacht, daß noch jemand kommt. Ihr seid mein erster Gast seit langer
Zeit. Und ihr werder wohl auch mein letzter sein.“
„Kostet Eure Vorstellung viel Geld?“ fragte der junge Mann
und trat näher. „Ich habe noch meine Hose und mein Hemd. Und
falls der Eintritt mehr kostet, kann ich nicht bleiben.“
„Ich nehme kein Geld mehr, junger Freund. Dies ist eine Abschiedsvorstellung,
und Abschiede sollten niemals etwas kosten. Setzt Euch dorthin, in die
erste Reihe. Ich will versuchen ein Kaninchen aus diesem Hut zu locken.“
„Warum Abschied. Liebt Ihr die Kinder nicht mehr?“
„Wer könnte je aufhören, die Kinder zu lieben. Sie lieben
mich nicht mehr. Die Zeit von meinesgleichen ist vorbei. Hast Du nicht
die Plakate gesehen? Schneewittchen heißt das neue Wunder. Wer interessiert
sich noch für Kartentricks und Wahrsagen, wenn er Zeichen und Trick
und Film in einem haben kann. Dort können die Kinder Zwerge sehen
und sprechende Tiere, die Zeit der Zauberer ist vorbei.
„Das ist nicht wahr“, sagte der junge Mann, „die Zeit
der Zauberer ist erst imWerden.
Tobine lachte traurig. „Mein junger Freund! Ein steinaltes Kaninchen
hockt zusammengekrümmt im Doppelboden dieses Hutes und wartet auf
seinen Auftritt. Wenn ich wirklich zaubern könnte, was würde
wohl aus ihm werden.“
„Vielleicht ein Pferd?“ schlug der junge Mann ernsthaft vor.
„Ihr macht Spaß, könntet ihr mir ein Pferd auf diese
Bühne zaubern?“
Die speckige Zylinderkrempe rutschte Tobini aus der Hand, der alte graue
Hase befreite sich aus dem über den Boden rollenden Gefängnis
und hoppelte ins Dunkel hinter der Bühne zu seiner Mohrrübe.
Der alte Zauberer und der junge Mann sahen sich in die Augen, und da war
etwas in beiden Gesichtern, das nur die Wahrheit sagen konnte.
Das Pferd war sehr klein, kleiner noch als ein Schaukelpferd, aber es
glänzte violett, rollte grüne Augen und wieherte, und es war
direkt aus der Wunde in der Hand des jungen Mannes gewachsen, als dieser
hineingepustet hatte. Nach dem Pferd kamen bunte Funken und ein Schwall
tanzenden Lamettas, dann stiegen zwitschernd Vögel auf mit Kirschen
an den Flügelspitzen, und ein putzig kleiner Weihnachtsmann begann
über die Bühne zu tollen, wobei bei jedem Purzelbaum sein weißer
Bart ein klein wenig länger wurde. Azurblau stürzte Wasser nach
oben, zerbarst an der Decke zu goldenen Strahlenkränzen, bunte elastische
Kugeln schwebten durch die Luft, verformten sich zu fünfzackigen
Sternen und zu Würfeln mit Sechsen auf allen sechs Seiten.
Der junge Mann schickte den Santa Claus, der seiner Hand entsprungen war,
hinaus auf die Straße. Dort standen Eltern mit Kindern im Schnee,
die weinten, weil sie keine Eintrittskarte mehr für Schneewittchen
bekommen hatten. Und der kaum mehr als fußlange Weihnachtsmann mit
dem gewaltigen Bart, den alle für eine Spielzeugmaschine hielten,
holte sie hinein zu Tobini.
Bald war dessen Theater übervoll mit Kindern und Eltern, die staunten
wie der alte Zauberer neben einem jungen Assistenten in Lumpen die tollsten
Kunststücke vollbrachte, und eine paar Einsame waren auch im Publikum
und eine ganze Gruppe romantischer Filmstudenten ...“
.
Hier breche ich ab, denn ich spüre: natürlich sind Sie enttäuscht.
Ein gute halbe Stunde bin mit Andeutungen um ein angebliches zeitgenössisches
Meisterwerk um sie herumgeschlichen. Und nun, wo ich mit einem Auszug
aus demselben den Beweis für seinen Rang antreten müßte,
habe ich wie der große Tobini nur ein Kaninchen im Zylinder.
Vieleicht hätte ich anstatt aus dieser sentimentalen Weihnachtsgeschichte,
die 1937 am Premierenabend des berühmten Walt Disney Trickfilms Schneewittchen
und die Sieben Zwerge spielt, aus dem übernächsten Kapitel lesen
soll, im dem dieser zauberkundige barfüßige junge Mann in die
Industriestadt Detroit eindringt, um dort das Zentrum des Technologie-Konzerns
Sanguinet anzugreifen, vielleicht hätte Ihnen besser gefallen zu
hören, welche furchtbare Schlacht er sich in der Innenstadt der Motorcity
mit den Sicherheitskräften liefert, bis Raoul Sanguinet, dem mysteriösen
Konzernchef gelingt, gelingt den stigmatiserten Magier mit Magie zu vernichten.
Aber ich fürchte, auch der Vortrag dieses 29. Kurzkapitels hätte
nur dazu geführt, mir die Gültigkeit von Kennzeichen Neun zu
bestätigen.
Neuntes Merkmal: Das zeitgenössische literarische Meisterwerk läßt
sich durch den mündlichen Vortrag des Autors oder eines anderen Zeitgenossen
nicht verstärken, sondern nur schwächen.
Kurz nachdem ich den Roman, den ich meine, zum erstenmal gelesen hatte,
erhielt ich den Arnruf eines Literaturveranstalters. Er lud mich zu einer
Doppellesung ein. Ich sollte mit einem arg bekannten Fernsehmenschen zusammen
auftreten, weil unsere aktuellen Bücher angeblich das gleiche Thema
verhandelten. Ich schlug dies ab. Und konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen,
daß ich das Fernsehmannbuch nicht für ein literarisches Werk
hielte. Worauf mich der Veranstalter leicht gereizt fragte, ob ich denn
überhaupt noch zum gemeinsamen Auftreten mit einem anderen Autor
bereit sei. Darauf hatte ich nur gewartet. Und ich schlug sogleich den
Verfasser des Meisterwerkes vor. Er und ich, wir könnten ja eine
Art Amerika-Abend zusammen machen.
Dazu kam es dann auch. Ich lernte den Autor dadurch kennen. Von seinem
Roman war fünfeinhalb Jahre nach dem Erscheinen noch immer die erste
Auflage lieferbar. Das muß man für Glück im Unglück
halten, den in vielen Verlagen geht ein Buch, das sich so schlecht verkauft,
gnadenlos den Weg in den Ramsch. Wir lassen damals zuerst jeweils aus
unseren eigenen Texten, und dann trugen wir noch gemeinsam ein Kapitel
des Romans vor. Anschließend gingen wohl ein gutes Dutzend Exemplare
des Meisterwerks über den Büchertisch, aber ich wage nicht zu
behaupten, daß dies unserem Vortrag geschuldet war.
Die Süddeutsche Zeitung hatte netterweise einen ihrer Berliner Mitarbeiter
zu unserer Lesung entsandt. Und zwei Tage später, durfte ich dann
lesen, wie schlecht unser Versuch; das Meisterwerk stummlich zu beatmen,
bei diesem Berichterstatter angekommen war. Mir warf er vor, ich hätte
es versäumt zu erklären, warum ich das Buch des Kollegen für
so bemerkenswert halte. Und mit besonders spitzer Feder beschreibt er
in seiner Veranstaltungskritik seltsamerweise das Äußere des
Autors, die Kleidung mit der dieser mit der Moderatorin und mir auf dem
hauptstädtischen Podium saß.
Ich glaube, daß dies kein Zufall ist, ich fürchte, daß
der Druck der vom Text jedes zeitgenössischen Meisterwerks ausgeht,
bei den Lesern zu typischen Ausweichbewegungen, zu Vermeidungshandlungen
führt. Und wie ein Druckausgleichsventil bietet sich hierfür
die Unzulänglichkeit dessen an, der öffentlich für das
Meisterwerk spricht oder versucht, seinem Wortlaut eine Vortragsstimme
zu geben. Zu diesen unzureichenden, fast zwangsläufig ungeschickten
Geburtshelfern des Meisterwerks gehört auch der Autor. Und als zehntes
und letztes Kennzeichen will ich dies noch kurz ins Auge eines wehmütigen
Bedauerns fassen.
Zehntes Kennzeichen: Dem Erfolg des zeitgenössischen literarischen
Meisterwerks steht die Individualität seines Autors im Wege.
Wenn der Verfasser des Romans, den ich für meisterlich wagemutig
und gelungen halte, hier vor ihnen aus dem Buch läse, sie könnten
nichts Meisterliches an ihm bemerken. Er ist ein mittelhübscher,
schlanker, etwas blasser 37-jähriger Mann. Die langen, Haare und
seine milchige Bläße lassen ihn jünger wirken, als er
ist. Er ist nicht extrovertiert, aber auch nicht auf eine interessante
Art schüchern. Und selbst wenn er die aller schrecklichsten Passagen
seiner Texte vorliest - Seine Prosa ist reich an Allerschrecklichstem!
- deutet absolut nichts daraufhin, daß die Phantasie, die diese
Szenen gebar, in diesem netten späten Jüngling ihre dauerhafte
Behausung hat. Obwohl das Schöpferische wie eine ganze Schar Besessener
in ihm wütet, ist er selbst nicht einmal originell.
Die große amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, selbst
Verfasserin von Meisterwerken, sagte 1936 in ihrem Vortrag „Was
sind Meisterwerke“ vor amerikanischen Studenten:
„Es ist von Genies gesagt worden, daß sie ewig jung seien.
Ich sagte einmal, was hat es für einen Sinn ein Knabe zu sein, wenn
man doch zum Mann heranwachsen wird, der Knabe und der Mann haben nichts
miteinander zu tun, außer in Bezug auf Erinnerung und Identität.
Sie sind Sie weil ihr kleiner Hund Sie kennt.
Es ist außerordentlich zu wissen, daß man keine Identitiät
hat. Man könnte sagen, es ist unmöglich, aber daß es nicht
unmöglich ist, wird bewiesen, durch die die Existenz von Meisterwerken
die gerade das sind. Sie sind wissend, daß keine Identität
da ist und sind schaffend während Identität es nicht ist.
Das ist was ein Meisterwerk ist. Und so wissen wir also was ein Meisterwerk
ist und wir wissen auch warum es so wenige gibt. Alles ist gegen sie.“
In den wenigen Stunden, die ich in den letzten eineinhalb Jahren mit dem
Verfasser des Meisterwerks, das ich meine, verbracht habe, war ich zwei,
dreimal ziemlich nahe daran, zu verstehen, was Gertrud Stein meint. Ich
begriff für kurze Momente, daß das Meisterwerk, das ich gelesen
hatte, nicht wesentlich mit dem zu tun hat, was ein kleiner Hund, wäre
er der Hund des Autors, an diesem als dessen Identität erschnüffeln
und wiedererkennen würde.
Meine Frau, die Gertrud Stein leichter und besser versteht als ich, und
die mich an jenem Abend „Meisterwerk! Meisterwerk! Das ist ja ein
Meisterwerk!“ stammeln hörte, hat das Buch bald darauf auch
gelesen. Sie fand es hochinteressant, ungeheuer spannend und sehr sehr
männlich. Und für ein Meisterwerk hält sie, die Zeitgenossin,
den von mir so sehr bewunderten Roman bis heute - nicht.
Schade, daß Sie mir nun nicht sagen können, wer Ihres Erachtens
recht hat. Sie kennen den Roman ja leider nicht. Sie kennen nicht einmal
seinen Titel und ebenso wenig den Namen des Verfassers. Beides sage ich
Ihnen aber gerne gleich, abseits dieses Pultes, so diskret und beiläufig,
so wie es mir vor drei Jahren in Köln mitgeteilt wurde: Von Zeitgenosse
zu Zeitgenosse just so, wie es ein zeitgenössisches Meisterwerk für
sein halbgeheimes Weiterwesen wohl braucht.
(Vortrag über Tobias O. Meißners Roman "Starfish Rules",
gehalten am 25.11.2004 vor Studierenden der Germanistik an der Universität
Köln)
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