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Was wir dem Zwielicht schulden
Stewart O’Nans neuer Roman bittet zum Totendienst
Liebend gern, ja fast mit einer gewissen Wollust, werfen wir unserer Zeit
vor, sie habe kein rechtes Verhältnis zum Tode. Längst ist es
ein Gemeinplatz geworden, dass die modernen Gesellschaften das Sterbenmüssen
verdrängten. Aufgabe der einschlägigen Institutionen, der Krankenhäuser,
der Alten- und Pflegeheime, sei es geradezu, diejenigen, denen die letzte
Stunde schlüge, vor uns zu verbergen – vor uns, denen sie kraft
ihres Todes den Stempel des Überleben-Dürfens ins Gesicht drückten.
Mit der Schelte der gegenwärtigen Zustände verbindet sich regelmäßig
die Verklärung vergangener oder ferner Verhältnisse. Ungleich
ehrlicher und letztlich menschlicher sei es anderswo zugegangen. Sogar
unsere kannibalischen Ahnen, die die Röhrenknochen der Verstorbenen
brachen, um an deren Mark zu gelangen, und auch jene nördlichen Nomaden,
von denen das lahmgewordene Großmütterlein noch unlängst
dem großen Wintergeist und damit der Obhut von Väterchen Frost
übergeben wurde, hätten es besser verstanden, mit der Endlichkeit
des Daseins klarzukommen.
Wie gut, dass wir neben Eskimo-Legenden und steinzeitlichen Grabfunden
noch die US-amerikanische Literatur haben. Mindestens einmal im Jahr schreibt
Stewart O‘Nan in Connecticut ein Buch. Das jüngste trägt
den schönen Titel „The Night Country“. Die heute erscheinende
Übersetzung aber heißt „Halloween“, als gelte es,
sowohl das unausweichlich Amerikanische dieses Romans wie dessen Todesversessenheit
mit einem gehorsamen Nicken zu bekräftigen.
Denn hierzulande üben wir Halloween ja erst. Die deutschen Leser,
die in das wunderbar knapp komponierte Eröffnungskapital tauchen,
genießen ein Vergnügen, das uns in dieser Form wohl nur die
gegenwärtige amerikanische Prosa bietet. Noch sind wir nicht vollends
in ihrer Welt zuhause, noch hätten wir nicht von allein gewußt,
dass Cabbage Night die Nacht ist, die dem Halloween-Abend vorausgeht und
in der Jugendliche allerlei Unfug in ihrer Suburb-Nachbarschaft treiben.
Aber wir wissen sehr wohl, welche Filme der anfangs noch rätselhafte
Erzähler meint, wenn er von Werwölfen und Vampiren spricht.
Auch wir haben diese Hollywood-Produktionen, synchronisiert, manchmal
im Kino, vor allem aber im Fernsehen gesehen. Und die Jüngeren von
uns sind es gewohnt, dass sich auch der gräßlichste Grusel,
dass sich auch das Spiel mit dem Tod, mit den Toten und mit den Untoten
auf gut amerikanisch in den Takt der Werbeunterbrechungen zu fügen
hat.
Man kann Stewart O’Nans Buch einen Gespenster-Roman nennen. Denn
schnell klärt sich, dass der Erzähler tot ist. Zusammen mit
vier anderen Jugendlichen ist er an Halloween mit dem Auto gegen einen
Baum gerast. Genau ein Jahr, bevor die Handlung des Romans anhebt, wurden
drei der Verunglückten das Reich der Lebenden gerissen. Die beiden
anderen mußten sich einer langen Rehabilitierung unterziehen. Einer
hat durch schwere Kopfverletzungen nicht nur sein Gesicht, sondern auch
sein Langzeitgedächtnis verloren. Der zweite, körperlich und
für seine Umwelt auch geistig gesundet, bleibt in der Vergangenheit,
in der sich ruhelos erneuernden Erinnerung an den Unfall, gefangen.
Von der ersten Seite an legt uns dieser Roman nahe, es mit dem Sterbenmüssen
und dem Tot-Sein peinlich genau zu nehmen. Tot ist nicht gleich tot, so
wenig wie lebend gleich lebendig ist. In einem anderen Buch hat sich der
Romancier O’Nan bereits mit liebevoller Sorgfalt den fernen Toten
zugewandt, von denen kein Zeitgenosse mehr erzählt, deren Gewesen-Sein
dem restlosen Vergessen oder der brutalen Selektion der Historie zum Opfer
gefallen ist: „A Prayer for the Dying“ / „Das Glück
der Anderen“ widmete sich den Opfern einer Diphterie-Epidemie kurz
nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und auch ein zweites Totenreich,
jene jüngere Vergangenheit, für die uns noch die Altgewordenden
zeugen, hat er in einem Roman über die Ära des Zweiten Weltkriegs
(„A World away“ / „Sommer der Züge“) und
in der halbfiktiven Rekonstruktion einer Feuerkatastophe derselben Zeit
(„The Circus Fire“ / „Der Zirkusbrand“) durchmessen.
Gegenüber diesen Imperien ist das Night Country, die Nachtlandschaft
des neuen Buches, nur ein schmales Territorium. Es ist das Grenzgebiet,
in dem die Jüngstverstorbenen weilen, diejenigen, deren Grabhügel,
noch nicht ebenmäßig bepflanzt sind, sondern erst langsam zusammensacken,
diejenigen, von deren momentaner Beschaffenheit wir uns lieber keine Vorstellung
machen wollen. Jedoch auch auf unserer Seite gibt es eine Fraktion, die
dieser Zwielichtzone intim verbunden ist. Dem Night Countrey gehört
zwangsläufig ebenso an, wer unlängst einen heißgeliebten
Menschen verlor, wer nicht nur Augen-, sondern auch Herzenszeuge eines
Sterbens wurde und nicht zuletzt alle, die sich akut schuldig am Tod eines
anderen fühlen. Nachtlandbewohner sind also nicht nur die nahen Toten,
sondern auch die, denen das Vorrecht des Fortdauerns gleich einem frischen
Brandmal auf dem Gemüt brennt.
Hier rekrutiert O‘Nan seine Figuren. Und auch wenn man sie im Englischen
„caracters“ nennt, sollte man ihnen das etwas pompöse
deutsche „Charakter“ ersparen. Ihre Würde besteht nicht
im Geflecht ihrer Beweg- und Hintergründe, auch nicht in der Subtilität
ihrer Skrupel. Man denkt sich eben seinen Teil, egal ob man nun lebendig
oder tot ist. Viel wichtiger ist bei O‘Nan, was einer tut. Und was
er spürt, wenn er sich selbst und den anderen etwas antut.
Was können die Toten noch groß machen? Nichts außer warten,
bis Gott sie am Jüngsten Tag hervorruft, behauptet das Christentum.
Aber der Aberglaube, der Horrorfilm und auch Stewart O‘Nans Roman
wissen es besser. Zumindest die Frischverstorbenen, die Bewohner der Zwielichtzone,
saugen genug Kraft aus dem Gedenken ihrer Hinterbliebenen, um ein eigenes
kleines Spiel zu treiben. Und gerade weil es begrenzt ist, weil es sorgsam
mit bescheidenen Möglichkeiten wirtschaften muß, ist es tiefanrührend
sogar in seiner Grausamkeit.
Die Toten von Stewart O’Nans Roman sind vor allem Beiwohner. Sie
begleiten ihre einstigen Mitmenschen, und der, der zuvor im Leben der
Stillste und Brävste war, erzählt davon. Ihr Hauptwirt, an dem
sie fast wie Blutegel hängen, ist der Polizist, der sich einst als
erster um die Schwerverletzten und Toten des Unfalls kümmerte und
seitdem nicht ohne Grund von Schuldgefühlen gepeinigt wird.
Wie bei allen Gespenstergeschichten ist es angeraten, dass man, wenn man
sie gelesen hat, denen, die sie kennenlernen wollen, nicht allzu viel
über den Gang des Geschehens verrät. Es ist ein wenig wie mit
dem Sterbenmüssen. Wir wissen ja alle, dass es irgendwann einmal
so weit ist. Aber träfen wir einen, der es schon hinter sich hat,
wir legten wenig Wert darauf, dass er uns im Detail erzählte, wie
es sich anfühlt.
Die Diskretion, die wir uns ausbitten, wenn es um den Tod geht, mag die
delikatesten kulturellen Blüten treiben, in ihrem Kern aber hat sie
etwas Instinktives, sie gleicht der Scheu, die auch andere Säugetiere
zeigen, wenn sie auf den frischen Kadaver eines Artgenossen stoßen.
Das Vermögen, diese Scheu kundzutun, hebt den gelungenen Horrorfilm
wie die gute Gespenstergeschichte aus dem Meer an Albernheit, das das
Genre samt seinen Splatter-, Fantasy- und Comedy-Travestien ansonsten
bildet.
Auch aus Stewart O’Nans neuem Roman spricht eine achtende Scheu.
Wer dem Sog der Spannung widersteht und langsam genug liest, kann auf
jeder Seite spüren, wie das Buch einlädt, an einem Totenkult
teilzunehmen. Sorgsam wird abgewogen, was sich die Anrainer der großen
Grenze gegenseitig schulden. Es geht um Respekt, um ein wechselseitiges
Hegen und Pflegen, es geht um die raren Gnadenakte, derer die Toten wie
die Lebenden unumgänglich bedürfen.
Es gibt kein deutsches Halloween. Noch nicht. Noch wissen wir hierzulande
nicht so recht, was dieses Fest zu leisten vermag - ähnlich, wie
wir kaum mehr ahnen, was einst Karneval und Fasching denen, die unsere
Toten sind, bedeutet haben. Aber die amerikanische Spiritualität
ist ein mächtiger Aberglaube. In gewaltigen medialen Messen macht
man sich gnadenlos daran, uns dem Drill der neuen Riten zu unterwerfen.
Stewart O’Nan ist im Rahmen dieser Bekehrung ein sanfter Hexenmeister.
Solange wir noch die Wahl haben, sollten wir es mit seinesgleichen versuchen.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)
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