Isabel Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn

Georg Klein

Was wir dem Zwielicht schulden

Stewart O’Nans neuer Roman bittet zum Totendienst

Liebend gern, ja fast mit einer gewissen Wollust, werfen wir unserer Zeit vor, sie habe kein rechtes Verhältnis zum Tode. Längst ist es ein Gemeinplatz geworden, dass die modernen Gesellschaften das Sterbenmüssen verdrängten. Aufgabe der einschlägigen Institutionen, der Krankenhäuser, der Alten- und Pflegeheime, sei es geradezu, diejenigen, denen die letzte Stunde schlüge, vor uns zu verbergen – vor uns, denen sie kraft ihres Todes den Stempel des Überleben-Dürfens ins Gesicht drückten.
Mit der Schelte der gegenwärtigen Zustände verbindet sich regelmäßig die Verklärung vergangener oder ferner Verhältnisse. Ungleich ehrlicher und letztlich menschlicher sei es anderswo zugegangen. Sogar unsere kannibalischen Ahnen, die die Röhrenknochen der Verstorbenen brachen, um an deren Mark zu gelangen, und auch jene nördlichen Nomaden, von denen das lahmgewordene Großmütterlein noch unlängst dem großen Wintergeist und damit der Obhut von Väterchen Frost übergeben wurde, hätten es besser verstanden, mit der Endlichkeit des Daseins klarzukommen.
Wie gut, dass wir neben Eskimo-Legenden und steinzeitlichen Grabfunden noch die US-amerikanische Literatur haben. Mindestens einmal im Jahr schreibt Stewart O‘Nan in Connecticut ein Buch. Das jüngste trägt den schönen Titel „The Night Country“. Die heute erscheinende Übersetzung aber heißt „Halloween“, als gelte es, sowohl das unausweichlich Amerikanische dieses Romans wie dessen Todesversessenheit mit einem gehorsamen Nicken zu bekräftigen.
Denn hierzulande üben wir Halloween ja erst. Die deutschen Leser, die in das wunderbar knapp komponierte Eröffnungskapital tauchen, genießen ein Vergnügen, das uns in dieser Form wohl nur die gegenwärtige amerikanische Prosa bietet. Noch sind wir nicht vollends in ihrer Welt zuhause, noch hätten wir nicht von allein gewußt, dass Cabbage Night die Nacht ist, die dem Halloween-Abend vorausgeht und in der Jugendliche allerlei Unfug in ihrer Suburb-Nachbarschaft treiben. Aber wir wissen sehr wohl, welche Filme der anfangs noch rätselhafte Erzähler meint, wenn er von Werwölfen und Vampiren spricht. Auch wir haben diese Hollywood-Produktionen, synchronisiert, manchmal im Kino, vor allem aber im Fernsehen gesehen. Und die Jüngeren von uns sind es gewohnt, dass sich auch der gräßlichste Grusel, dass sich auch das Spiel mit dem Tod, mit den Toten und mit den Untoten auf gut amerikanisch in den Takt der Werbeunterbrechungen zu fügen hat.
Man kann Stewart O’Nans Buch einen Gespenster-Roman nennen. Denn schnell klärt sich, dass der Erzähler tot ist. Zusammen mit vier anderen Jugendlichen ist er an Halloween mit dem Auto gegen einen Baum gerast. Genau ein Jahr, bevor die Handlung des Romans anhebt, wurden drei der Verunglückten das Reich der Lebenden gerissen. Die beiden anderen mußten sich einer langen Rehabilitierung unterziehen. Einer hat durch schwere Kopfverletzungen nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein Langzeitgedächtnis verloren. Der zweite, körperlich und für seine Umwelt auch geistig gesundet, bleibt in der Vergangenheit, in der sich ruhelos erneuernden Erinnerung an den Unfall, gefangen.
Von der ersten Seite an legt uns dieser Roman nahe, es mit dem Sterbenmüssen und dem Tot-Sein peinlich genau zu nehmen. Tot ist nicht gleich tot, so wenig wie lebend gleich lebendig ist. In einem anderen Buch hat sich der Romancier O’Nan bereits mit liebevoller Sorgfalt den fernen Toten zugewandt, von denen kein Zeitgenosse mehr erzählt, deren Gewesen-Sein dem restlosen Vergessen oder der brutalen Selektion der Historie zum Opfer gefallen ist: „A Prayer for the Dying“ / „Das Glück der Anderen“ widmete sich den Opfern einer Diphterie-Epidemie kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und auch ein zweites Totenreich, jene jüngere Vergangenheit, für die uns noch die Altgewordenden zeugen, hat er in einem Roman über die Ära des Zweiten Weltkriegs („A World away“ / „Sommer der Züge“) und in der halbfiktiven Rekonstruktion einer Feuerkatastophe derselben Zeit („The Circus Fire“ / „Der Zirkusbrand“) durchmessen.
Gegenüber diesen Imperien ist das Night Country, die Nachtlandschaft des neuen Buches, nur ein schmales Territorium. Es ist das Grenzgebiet, in dem die Jüngstverstorbenen weilen, diejenigen, deren Grabhügel, noch nicht ebenmäßig bepflanzt sind, sondern erst langsam zusammensacken, diejenigen, von deren momentaner Beschaffenheit wir uns lieber keine Vorstellung machen wollen. Jedoch auch auf unserer Seite gibt es eine Fraktion, die dieser Zwielichtzone intim verbunden ist. Dem Night Countrey gehört zwangsläufig ebenso an, wer unlängst einen heißgeliebten Menschen verlor, wer nicht nur Augen-, sondern auch Herzenszeuge eines Sterbens wurde und nicht zuletzt alle, die sich akut schuldig am Tod eines anderen fühlen. Nachtlandbewohner sind also nicht nur die nahen Toten, sondern auch die, denen das Vorrecht des Fortdauerns gleich einem frischen Brandmal auf dem Gemüt brennt.
Hier rekrutiert O‘Nan seine Figuren. Und auch wenn man sie im Englischen „caracters“ nennt, sollte man ihnen das etwas pompöse deutsche „Charakter“ ersparen. Ihre Würde besteht nicht im Geflecht ihrer Beweg- und Hintergründe, auch nicht in der Subtilität ihrer Skrupel. Man denkt sich eben seinen Teil, egal ob man nun lebendig oder tot ist. Viel wichtiger ist bei O‘Nan, was einer tut. Und was er spürt, wenn er sich selbst und den anderen etwas antut.
Was können die Toten noch groß machen? Nichts außer warten, bis Gott sie am Jüngsten Tag hervorruft, behauptet das Christentum. Aber der Aberglaube, der Horrorfilm und auch Stewart O‘Nans Roman wissen es besser. Zumindest die Frischverstorbenen, die Bewohner der Zwielichtzone, saugen genug Kraft aus dem Gedenken ihrer Hinterbliebenen, um ein eigenes kleines Spiel zu treiben. Und gerade weil es begrenzt ist, weil es sorgsam mit bescheidenen Möglichkeiten wirtschaften muß, ist es tiefanrührend sogar in seiner Grausamkeit.
Die Toten von Stewart O’Nans Roman sind vor allem Beiwohner. Sie begleiten ihre einstigen Mitmenschen, und der, der zuvor im Leben der Stillste und Brävste war, erzählt davon. Ihr Hauptwirt, an dem sie fast wie Blutegel hängen, ist der Polizist, der sich einst als erster um die Schwerverletzten und Toten des Unfalls kümmerte und seitdem nicht ohne Grund von Schuldgefühlen gepeinigt wird.
Wie bei allen Gespenstergeschichten ist es angeraten, dass man, wenn man sie gelesen hat, denen, die sie kennenlernen wollen, nicht allzu viel über den Gang des Geschehens verrät. Es ist ein wenig wie mit dem Sterbenmüssen. Wir wissen ja alle, dass es irgendwann einmal so weit ist. Aber träfen wir einen, der es schon hinter sich hat, wir legten wenig Wert darauf, dass er uns im Detail erzählte, wie es sich anfühlt.
Die Diskretion, die wir uns ausbitten, wenn es um den Tod geht, mag die delikatesten kulturellen Blüten treiben, in ihrem Kern aber hat sie etwas Instinktives, sie gleicht der Scheu, die auch andere Säugetiere zeigen, wenn sie auf den frischen Kadaver eines Artgenossen stoßen. Das Vermögen, diese Scheu kundzutun, hebt den gelungenen Horrorfilm wie die gute Gespenstergeschichte aus dem Meer an Albernheit, das das Genre samt seinen Splatter-, Fantasy- und Comedy-Travestien ansonsten bildet.
Auch aus Stewart O’Nans neuem Roman spricht eine achtende Scheu. Wer dem Sog der Spannung widersteht und langsam genug liest, kann auf jeder Seite spüren, wie das Buch einlädt, an einem Totenkult teilzunehmen. Sorgsam wird abgewogen, was sich die Anrainer der großen Grenze gegenseitig schulden. Es geht um Respekt, um ein wechselseitiges Hegen und Pflegen, es geht um die raren Gnadenakte, derer die Toten wie die Lebenden unumgänglich bedürfen.
Es gibt kein deutsches Halloween. Noch nicht. Noch wissen wir hierzulande nicht so recht, was dieses Fest zu leisten vermag - ähnlich, wie wir kaum mehr ahnen, was einst Karneval und Fasching denen, die unsere Toten sind, bedeutet haben. Aber die amerikanische Spiritualität ist ein mächtiger Aberglaube. In gewaltigen medialen Messen macht man sich gnadenlos daran, uns dem Drill der neuen Riten zu unterwerfen. Stewart O’Nan ist im Rahmen dieser Bekehrung ein sanfter Hexenmeister. Solange wir noch die Wahl haben, sollten wir es mit seinesgleichen versuchen.

(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)