Isabel Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn

Georg Klein

Francoise Sagan / Bonjour Tristesse

Junge Frauen und tiefe Gefühle, das gehört in bestimmten Büchern zusammen wie heiße Milch und Honig. Dann riecht schon der erste Satz ganz leicht angebrannt, ist aber zugleich von verführerischer Klebrigkeit: „Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit.“ – Kein deutscher Verlagslektor könnte einem solchen Manuskriptanfang zur Zeit widerstehen, schon gar nicht, wenn er erführe, daß die Autorin zarte siebzehn Lenze jung ist.
Francoise Sagan war siebzehn Jahre alt, als sie mit den zitierten Worten ihren autobiographischen Roman Bonjour Tristesse begann; das Büchlein erschien 1954, wurde ein Weltbestseller und machte die junge Frau zu einer Art Kultfigur. Genauer gesagt, ein bestimmtes Bild von ihr wurde Kult, und dieses Bild ist, betrachtet man die Fotos reüssierender Jung-Autorinnen aus den folgenden Nachkriegsjahrzehnten auf eine erstaunliche Weise gleich geblieben.
Immer scheinen diese Portraits vor allem aus Augen zu bestehen. Tiefgründig traurig, zumindest melancholisch blickt die junge Frau in die Welt. Oft gesellt sich zu diesem Blick eine leichte Hohlwangigkeit, was dem ganzen Ausdruck etwas Hungriges verleiht. Wie die Ziege im Märchen „Tischlein deck dich!“ scheint ein solches Gesicht auf die Frage zu warten, ob es denn satt sei, damit es sogleich antworten kann, daß es viel zu wenig abbekommen habe. Zu wenig wovon? Von der Liebe natürlich.
„Warum bist Du so mager, meine Teure?“ wird die Ich-Erzählerin von „Bonjour Tristesse“ am Anfang des Romans von ihrem Vater, einem alternden Pariser Playboy, gefragt. Und sechzig Seiten später, mitten in den Liebeshändeln der Handlung, meint die Erzählerin Cécile selbst: „Ich wartete ab und wurde täglich magerer.“ Magersucht? Mitte der 50er Jahre war einem gescheiten, verwöhnten Mädchen durchaus klar, daß das ziegenhafte Dürr-Sein ihres Körpers eine mentale Entsprechung besaß. Sie nennt es lakonisch „die Dürftigkeit meiner Gefühle“ oder etwas blumiger, „diesen Abgrund zwischen meinen Gebärden und mir selber (...) diese intensive Leere.“
In der Tat ist Bonjour Tristesse wie viele Bücher nach ihm ein Buch der emotionalen „Gebärden“, und je mehr von Gefühlen gesprochen wird, desto deutlicher erzählt es vom Fehle derselben. Die psychologische Rhetorik dieser Literatur hat bei aller melancholischen Trägheit gleichzeitig etwas von einem angestrengten Fuchteln, als hielten zwei dürre Arme ein weisses Plakat hoch, auf dem mit bleischweren Lettern nichts weiter als das Wort „LIEBE!“ geschrieben steht.
Wer von den Ziegen und ihrem Liebeshunger erzählt, sollte jedoch auch ein Wort über die Hirten der Ziegen verlieren, über deren heimliche Lehrmeister. Im Text der siebzehnjährigen Sagan sagt eine Heldin von einer anderen jungen Frau, einer Geliebten ihres Vaters: „Ich sah mit Staunen wie dieses Mädchen, dessen Beruf es hart an die Grenze der käuflichen Liebe gebracht hatte, so romantisch wurde, so empfänglich für die Kleinigkeit eines Blickes, einer Bewegung – sie, die der knappen Sachlichkeit eiliger Männer ihre Erziehung verdankte.“
Hier werden in bösartiger Zuspitzung die „romantischen“ Mädchen den „sachlichen“ Männern gegenübergestellt. Aber der eigentliche Clou, der helle Gipfel der Bosheit, besteht in der beiläufigen Erkenntnis, daß diese Mädchen ihre emotionale Erziehung, ihr romantisches Training eben jenen Herren der Sachlichkeit verdanken. In subtiler Gemeinheit wird die Freundin des Vaters in die Nähe der Prostitution gerückt. Aber in Wirklichkeit geht es um die Käuflichkeit der bürgerlichen Liebe, deren Warencharakter die minderjährige Erzählerin am Geschlechtsleben ihres Vaters instinktiv begriffen hat. Als mit der vierzigjährigen Modeschöpferin Anne erstmals eine ernsthafte Konkurrentin um die Gunst des Ziegenvaters auftaucht, wird Cecile zur Intrigantin. Anders gesagt: Sie steigt aktiv ins Geschäft ein und versteht es mit der Ware „Liebe“ durch kalkulierte Bedürfnispflege, durch Verknappung des Angebots und durch Zielgruppenwerbung wie ein Geschäftsmann Gewinn zu machen.
Für die Literatur heißt das, hinter jedem frischen Mädel des Bücherherbstes steht wie der Schatten eines alten Mannes die bürgerliche Gefühlskultur, das traditionelle Geschäft mit der Liebe. Es ist noch nicht lange her, da ließen unsere großen bürgerlichen Erzähler ihre romantischen Heldinnen gerne an unglücklicher Liebe sterben. Es war eine namenlose Auszehrung, die die Frauen dieser Romane befiel, eine Art emotionaler Schwindsucht, eine Geschlechtskrankheit des Gemüts, die nur beim Weibe tödlich endete. Falls Männer an unglücklicher Liebe erkrankten, mußten sie sich wie Goethes Werther noch zusätzlich eine Kugel ins sachliche Hirn schießen, um zu Tode zu kommen.
Inzwischen schreibt Frau die einschlägigen Bücher selbst. „Es ist eine Frage der Psychologie“, sagt Cecile in „Bonjour Tristesse“ mit altkluger Sachlichkeit und treibt die vierzigjährige Anne mit Hilfe einer Liebesintrige in den Selbstmord. Vielleicht hat sich seit den Gründerjahren der bürgerlichen Gefühlskultur vor allem diese eine Kleinigkeit geändert: Die Liebe führt die jungen Romanheldinnen wie ihre jungen Autorinnen immer seltener zum Tode und immer häufiger zum Erfolg. Dafür sorgen heutzutage unter anderem die grauen Hirten, die ja nicht nur im Jenseits der Literaturgeschichte, sondern ebenso im Diesseits unseres Kulturbetriebes ihre Stäbe, hegend und pflegend, über die eine oder andere der jungen Ziegen halten. Manchmal ist es sogar der goldene Hirtenstab des Papstes. Doch auch der Krummstab eines Literaturbischofs kann das eine oder andere zügig befördern.
Was aber wird aus den jungen Ziegen, wenn sie altern? Der Autorin , Sagan wurde der Welterfolg von „Bonjour Tristesse“ zum Verhängnis, was sie an Talent besessen hat, hielt dem Sog der gleichbleibenden Erwartung nicht stand. Wie lange geht eine Autorin als melancholisches Mädel durch? Wie lange darf sie in Sachen Liebe machen? Mit viel Glück bis ins vierzigste Jahr. Das scheint ein langes Ziegenleben. Aber als grauer Hirte kann man in aller Sachlichkeit fast das doppelte Betriebsalter erreichen – und dabei eine Ziege nach der anderen auf den rechten Pfad der richtigen Gefühle führen.

(Geschrieben für Frankfurter Rundschau)