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Francoise Sagan / Bonjour Tristesse
Junge Frauen und tiefe Gefühle, das gehört in bestimmten Büchern
zusammen wie heiße Milch und Honig. Dann riecht schon der erste
Satz ganz leicht angebrannt, ist aber zugleich von verführerischer
Klebrigkeit: „Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen
sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen
zu geben: Traurigkeit.“ – Kein deutscher Verlagslektor könnte
einem solchen Manuskriptanfang zur Zeit widerstehen, schon gar nicht,
wenn er erführe, daß die Autorin zarte siebzehn Lenze jung
ist.
Francoise Sagan war siebzehn Jahre alt, als sie mit den zitierten Worten
ihren autobiographischen Roman Bonjour Tristesse begann; das Büchlein
erschien 1954, wurde ein Weltbestseller und machte die junge Frau zu einer
Art Kultfigur. Genauer gesagt, ein bestimmtes Bild von ihr wurde Kult,
und dieses Bild ist, betrachtet man die Fotos reüssierender Jung-Autorinnen
aus den folgenden Nachkriegsjahrzehnten auf eine erstaunliche Weise gleich
geblieben.
Immer scheinen diese Portraits vor allem aus Augen zu bestehen. Tiefgründig
traurig, zumindest melancholisch blickt die junge Frau in die Welt. Oft
gesellt sich zu diesem Blick eine leichte Hohlwangigkeit, was dem ganzen
Ausdruck etwas Hungriges verleiht. Wie die Ziege im Märchen „Tischlein
deck dich!“ scheint ein solches Gesicht auf die Frage zu warten,
ob es denn satt sei, damit es sogleich antworten kann, daß es viel
zu wenig abbekommen habe. Zu wenig wovon? Von der Liebe natürlich.
„Warum bist Du so mager, meine Teure?“ wird die Ich-Erzählerin
von „Bonjour Tristesse“ am Anfang des Romans von ihrem Vater,
einem alternden Pariser Playboy, gefragt. Und sechzig Seiten später,
mitten in den Liebeshändeln der Handlung, meint die Erzählerin
Cécile selbst: „Ich wartete ab und wurde täglich magerer.“
Magersucht? Mitte der 50er Jahre war einem gescheiten, verwöhnten
Mädchen durchaus klar, daß das ziegenhafte Dürr-Sein ihres
Körpers eine mentale Entsprechung besaß. Sie nennt es lakonisch
„die Dürftigkeit meiner Gefühle“ oder etwas blumiger,
„diesen Abgrund zwischen meinen Gebärden und mir selber (...)
diese intensive Leere.“
In der Tat ist Bonjour Tristesse wie viele Bücher nach ihm ein Buch
der emotionalen „Gebärden“, und je mehr von Gefühlen
gesprochen wird, desto deutlicher erzählt es vom Fehle derselben.
Die psychologische Rhetorik dieser Literatur hat bei aller melancholischen
Trägheit gleichzeitig etwas von einem angestrengten Fuchteln, als
hielten zwei dürre Arme ein weisses Plakat hoch, auf dem mit bleischweren
Lettern nichts weiter als das Wort „LIEBE!“ geschrieben steht.
Wer von den Ziegen und ihrem Liebeshunger erzählt, sollte jedoch
auch ein Wort über die Hirten der Ziegen verlieren, über deren
heimliche Lehrmeister. Im Text der siebzehnjährigen Sagan sagt eine
Heldin von einer anderen jungen Frau, einer Geliebten ihres Vaters: „Ich
sah mit Staunen wie dieses Mädchen, dessen Beruf es hart an die Grenze
der käuflichen Liebe gebracht hatte, so romantisch wurde, so empfänglich
für die Kleinigkeit eines Blickes, einer Bewegung – sie, die
der knappen Sachlichkeit eiliger Männer ihre Erziehung verdankte.“
Hier werden in bösartiger Zuspitzung die „romantischen“
Mädchen den „sachlichen“ Männern gegenübergestellt.
Aber der eigentliche Clou, der helle Gipfel der Bosheit, besteht in der
beiläufigen Erkenntnis, daß diese Mädchen ihre emotionale
Erziehung, ihr romantisches Training eben jenen Herren der Sachlichkeit
verdanken. In subtiler Gemeinheit wird die Freundin des Vaters in die
Nähe der Prostitution gerückt. Aber in Wirklichkeit geht es
um die Käuflichkeit der bürgerlichen Liebe, deren Warencharakter
die minderjährige Erzählerin am Geschlechtsleben ihres Vaters
instinktiv begriffen hat. Als mit der vierzigjährigen Modeschöpferin
Anne erstmals eine ernsthafte Konkurrentin um die Gunst des Ziegenvaters
auftaucht, wird Cecile zur Intrigantin. Anders gesagt: Sie steigt aktiv
ins Geschäft ein und versteht es mit der Ware „Liebe“
durch kalkulierte Bedürfnispflege, durch Verknappung des Angebots
und durch Zielgruppenwerbung wie ein Geschäftsmann Gewinn zu machen.
Für die Literatur heißt das, hinter jedem frischen Mädel
des Bücherherbstes steht wie der Schatten eines alten Mannes die
bürgerliche Gefühlskultur, das traditionelle Geschäft mit
der Liebe. Es ist noch nicht lange her, da ließen unsere großen
bürgerlichen Erzähler ihre romantischen Heldinnen gerne an unglücklicher
Liebe sterben. Es war eine namenlose Auszehrung, die die Frauen dieser
Romane befiel, eine Art emotionaler Schwindsucht, eine Geschlechtskrankheit
des Gemüts, die nur beim Weibe tödlich endete. Falls Männer
an unglücklicher Liebe erkrankten, mußten sie sich wie Goethes
Werther noch zusätzlich eine Kugel ins sachliche Hirn schießen,
um zu Tode zu kommen.
Inzwischen schreibt Frau die einschlägigen Bücher selbst. „Es
ist eine Frage der Psychologie“, sagt Cecile in „Bonjour Tristesse“
mit altkluger Sachlichkeit und treibt die vierzigjährige Anne mit
Hilfe einer Liebesintrige in den Selbstmord. Vielleicht hat sich seit
den Gründerjahren der bürgerlichen Gefühlskultur vor allem
diese eine Kleinigkeit geändert: Die Liebe führt die jungen
Romanheldinnen wie ihre jungen Autorinnen immer seltener zum Tode und
immer häufiger zum Erfolg. Dafür sorgen heutzutage unter anderem
die grauen Hirten, die ja nicht nur im Jenseits der Literaturgeschichte,
sondern ebenso im Diesseits unseres Kulturbetriebes ihre Stäbe, hegend
und pflegend, über die eine oder andere der jungen Ziegen halten.
Manchmal ist es sogar der goldene Hirtenstab des Papstes. Doch auch der
Krummstab eines Literaturbischofs kann das eine oder andere zügig
befördern.
Was aber wird aus den jungen Ziegen, wenn sie altern? Der Autorin , Sagan
wurde der Welterfolg von „Bonjour Tristesse“ zum Verhängnis,
was sie an Talent besessen hat, hielt dem Sog der gleichbleibenden Erwartung
nicht stand. Wie lange geht eine Autorin als melancholisches Mädel
durch? Wie lange darf sie in Sachen Liebe machen? Mit viel Glück
bis ins vierzigste Jahr. Das scheint ein langes Ziegenleben. Aber als
grauer Hirte kann man in aller Sachlichkeit fast das doppelte Betriebsalter
erreichen – und dabei eine Ziege nach der anderen auf den rechten
Pfad der richtigen Gefühle führen.
(Geschrieben für Frankfurter Rundschau)
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