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DAS AUGE DES POLYPHEM
Gustav Schwabs Sagensammlung in einer glücklich unverbesserten Neuausgabe
„Sagt Dir der Name Odysseus irgendetwas?“, habe ich neulich
einen Freund ohne Vorwarnung über unseren Küchentisch hinweg
gefragt, und stirnrunzelnd antwortete mir mein Gegenüber: „Ist
das nicht ein griechischer Gott?“
Vermutlich kämen Sie, würde ich Ihnen aus diesem Zeitungsblatt
heraus dieselbe Frage stellen, nicht in gleicher Weise ins Grübeln.
Vielleicht würden Sie sich meine Frage sofort als albern verbieten,
da Ihnen, sobald der Name „Odysseus“ erklingt, zwangsläufig
der Horizont einer unsterblichen Erzählung und darüber ein wahrer
Himmel aus Wissen und Sinn aufgeht. Oder vielleicht doch nicht?
Mein Freund, der Odysseus für einen griechischen Gott hielt, ist
Deutschlehrer, einer der wenigen guten, die ich kenne, und weil er den
Namen des sagenhaften Helden zumindest mit dem Götterhimmmel des
alten Griechenland in Verbindung bringen konnte, gehörte er zur Spitzengruppe
meiner kleinen Umfrage unter Freunden und Bekannten, zu jenen Ausgewählten,
die mit einer Folgefrage traktiert werden konnten: ob ihnen denn auch
der Name Polyphem bekannt vorkomme.
Odysseus und Polyphem, das ist eine Geschichte, das ist eine dieser ganz
alten Geschichten, und ich weiß noch genau, wie sie mir das erste
Mal zu Sinnen kam. Als Achtjähriger saß ich in der Sonntagnachmittagsvorstellung
eines Augsburger Kinos. Mein Onkel, der ein amouröses Verhältnis
mit der Pächterin des Lichtspieltheaters unterhielt, hatte mich,
meinen Bruder und meine Kusine in den bereits verdunkelten Saal geschleust.
Quer über die gewaltige Leinwand hasteten braungebrannte Muskelmänner
durch eine Felsenhöhle. In knallroten Röckchen rannten sie um
ihr Leben. Da war ein Ungeheuer hinter ihnen her, ein Riese, der sich
seltsam ruckelnd bewegte und ein einziges gräßliches Auge in
der Stirn trug!
Ich erkannte diesen Polyphem sofort wieder, als er mir zwei oder drei
Jahre später, nun als Textgestalt, vor das Auge meiner Phantasie
trat. In dem Buch, das ich las, war Odysseus, der griechische Recke, selbst
der Erzähler seines Abenteuers, in wörtlicher Rede wandte er
sich an den furchterregenden Zyklopen, aber:
„Auf diese Rede antwortete das Ungeheuer gar nicht, sondern streckte
nur seine Riesenhände aus, packte zwei meiner Genossen und schlug
sie, wie junge Hunde, zu Boden, daß ihr Blut und Gehirn auf die
Erde spritzte. Dann zerhackte er sie Glied für Glied zur Abendkost
und fraß sich an ihnen satt, wie ein Löwe in den Bergen. Eingeweide,
Fleisch, ja das Mark mitsamt den Knochen verzehrte er. Wir aber streckten
die Hände zu Zeus empor und jammerten laut über die Freveltat.“
Das las sich gut! Das gefiel mir, gefiel mir noch besser, als das, was
der Film zu sehen erlaubt hatte. Und es erschien mir genau die richtige
Lektüre für einen zehnjährigen Knaben. Wäre ich, gleich
Odysseus, in direkter Verbindung mit den Göttern gewesen, ich hätte
Zeus dafür gedankt, daß meine Tante in einer schwachen Minute
Mitglied eines Buchclubs geworden war und bei den Bestellungen, die sie
nun vierteljährlich tätigen mußte, an den Lesehunger ihrer
Neffen dachte. So fielen mir die „Sagen des klassischen Altertums“
in die Hände. An Gustav Schwab jedoch, an den Verfasser der blutrünstigen
Zeilen, die mich ergötzten, an die merkwürdige Autorschaft dieses
Buches habe ich in meiner Jugend keinen Gedanken verschwendet.
Gustav Schwab war Lehrer, Pfarrer und Schriftsteller, so wie man all das
zugleich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in deutschen Landen
sein konnte. Der Abriß von Schwabs Biographie, den Manfred Lemmer
in seinem schönen Nachwort zur nun vorliegenden Neuausgabe bei Insel
gibt, liest sich selbst wie eine Geschichte aus sagenhafter Zeit. Was
damals von Männern in drei oder vier Berufsjahrzehnten geleistet
wurde, muß uns märchenhaft erscheinen. Schwab hat am Gymnasium
unterrichtet, hat in der Seelsorge und in der Kirchenverwaltung gearbeitet,
war zugleich aber als Herausgeber, Redakteur, Autorenförderer, Literaturvermittler,
Rezensent, Übersetzer, Biograph und Dichter in einem Maße rührig
und produktiv, die heutige Wortschaffende nur noch das Staunen lehren
kann.
Die „Sagen des klassischen Altertums“ hat er während
seiner Zeit als Gomaringer Pfarrer niedergeschrieben. Seine schwäbische
Seelsorger-, Pädagogen-, Philologen- und Dichterexistenz war der
nährende Mutterkuchen für dieses Werk, das eine gewaltige Menge
verschiedenartiger antiker Quellen verwertet und den Stoff durch einem
homogenen Prosastil zu einem Erzählwerk für die Jugend seiner
Zeit verschmilzt.
Der gelehrte Furor und der pädagogische Eros, die Schwab angetrieben
haben müssen, sind uns heute fremd, vielleicht noch fremder als jene
schon zur Zeit ihrer Niederschrift altertümelnden Wörter, die
Schwab sparsam und stilbewußt verwendet hat und die dann die zahlreichen
späteren Bearbeiter gerne getilgt haben, um immer neuen jungen Lesern
den Zugang zu erleichtern. Als ob man der Jugend einen Gefallen täte,
wenn man es ihr möglichst leicht mit dem Deutschen macht!
Als unser zehnjähriger Sohn eine solche zum Glück nur zaghaft
modernisierte Ausgabe in unserem Bücherregalen entdeckte und darin
zu lesen begann, kam ihm vieles bekannt vor. Selbständig zog er den
Schluß, daß die amerikanischen Comics und die japanischen
Zeichentrickfilme, in denen ihm die Zauberin Kirke und der Riese Polyphem
bereits begegnet waren, Bilder aus zweiter Hand sein müßten.
Das Buch und seine Sprache nahm er ganz selbstverständlich für
den Urtext, und er glaubte, der Mann, dessen Name auf dem Umschlag stand,
hätte die schönen Geschichten erfunden.
Vielleicht war es ein Fehler, daß ich unseren Sohn nicht noch ein
paar Jahre in diesem Gustav Schwab ehrenden Glauben beließ. Mein
Halbwissen fühlte sich gedrängt, ihn darüber aufzuklären,
daß das, was er sich da mit großer Anstrengung und gleichgroßer
Begeisterung erlesen hatte, weit älter sei als der, der sie so niedergeschrieben
habe. Auch bei mir gehen die Besserwisserei des Erwachsenen und die Kontrollwut,
die dem Zwang zur historischen Einordnung innewohnt, Hand in Hand. Unnötigerweise
tat ich kund, daß das Gomaringer Schloß und dessen Pfarrerswohnung,
in der Gustav Schwab vor 160 Jahren über seinem Manuskript saß,
heute noch besichtigt werden können, daß hingegen von Odysseus
und Polyphem schon erzählt wurde, als bei uns in Deutschland noch
kein Stein auf einen anderen gemörtelt war.
Vielleicht war die Übersetzerin Erika Fuchs, als sie 1963 die Sprechblasen
des Carl Barks Comics „Die Irrfahrten des Dagobert Duck“ mit
deutschen Sätzen füllte, von einem vergleichbaren Drang beseelt.
Auch ihr könnte es um das richtige Nacheinander und damit um eine
Rangordnug der Texte gegangen sein. Zumindest dürfte es Frau Doktor
Fuchs geärgert haben, daß die Odyssee, die große alte
europäische Erzählung, nun exklusiv durch das bunte Werklein
der amerikanischen Massenkultur vor den unbedarften Nachkriegsnachwuchs
treten sollte. Wirklich zu retten war da natürlich nichts. Aber in
partisanenhafter Kühnheit entschloß sich Erika Fuchs, zumindest
für Gustav Schwab ins Horn zu stoßen. Als Onkel Dagobert den
Namen des Odysseus in den Schnabel nimmt, antwortet ihm Donald in der
deutschen Übersetzung mit der rhetorischen Frage: „Der listenreiche
Odysseus? Aus Gustav Schwabs Sagenschatz des klassischen Altertums?“
Listig ist das Wort „Sagenschatz“ gewählt, und einer
der drei Neffen darf es noch einmal wiederholen, wohl auch, um seine klangliche
Schönheit, seine rätselhafte Antiquiertheit noch zu unterstreichen.
So wird hier mit den Mitteln der Sprache das amerikanische Original noch
einmal mutig zugunsten einer europäischen Urheberschaft gefälscht.
Ob dieser Wink allerdings ausreicht, um einen Comic-Leser zur Lektüre
von Schwabs Sagensammlung zu verlocken, wage ich zu bezweifeln. Bestenfalls
ist der tumbe Riese der Trivialkultur für einen Lesemoment ausgetrickst.
Denn in einem seiner Stammesgebiete geht die Rede von etwas, was ihm nicht
angehört. Das Populäre, das überall, wo seine gewaltigen
Plattfüße hintreten, also weltweit, der erste Geschichtenerzähler
sein will, muß zumindest den Namen einer anderen älteren Erzählform
nennen und gelten lassen.
„Du bist ein rechter Tor, o Fremdling, und weißt nicht, mit
wem du es zu tun hast. Meinst Du, wir kümmern uns um die Götter
und ihre Rache? Was gilt den Zyklopen Zeus der Donnerer und alle Götter
miteinander? Sind wir doch viel vortrefflicher als sie!“, antwortet
Polyphem dem Odysseus, als dieser ihn im Namen der Götter um Schutz
bittet. Und wer mag, kann in einer Übersetzung von Homers Odyssee
nachprüfen, wie getreu Gustav Schwab den Wortwechsel zwischen dem
Zyklopen und dem schlauen Griechen in seinen Text übertragen hat.
Wichtig ist, daß wir im Wortlaut spüren, wie im berechtigten
Stolz des Riesen auf die eigene Stärke doch etwas Frevelhaftes mitklingt.
Hier können wir mit dem inneren Ohr hören, was ein Frevel ist.
Und wir ahnen, welche Worte den medialen Kommentatoren fehlen, wenn auf
den Bildschirmen das Frevelhafte zum Himmel schreit.
Was werden Odysseus und Polyphem und die Geschichte, die sie verbindet,
sein, wenn die beiden nicht mehr die Stimme gegeneinander erheben dürfen?
Wie Greise, denen die Demenz die Erinnerung, den Sinn ihres Sprechens
und schließlich die Sprache selbst raubt, wären die Mythen
des klassischen Altertums zu einem lächerlichen Siechtum zu einer
langen progressiven Infantilität verurteilt: Polyphem nichts als
ein gröhlender Riese, Odysseus nur der stumme Schiffbrüchige,
immer aufs Neue an eine Planke wie an einen Running Gag geklammert. Rettungslose
Albernheit wäre der letzte Fluch, den die weichenden Götter
über alles, was oberflächlich an sie erinnern könnte, zu
verhängen wüßten.
Weit staunenswerter als Schwabs Fleiß und seine Treue gegenüber
seinen altgriechischen und lateinischen Vorlagen tritt uns daher heute
sein Selbstvertrauen, sein Vertrauen in die eigene Sprache, entgegen.
Wie sicher war sich dieser Mann, der antiken Mythologie im Deutschen seiner
Zeit eine Form und damit eine Heimat verschaffen zu können. Schwab,
der nicht zu den großen Dichtern seiner Zeit gehörte, scheute
kein Pathos, weder das Archaisch-Dunkle, noch das Blutrünstig-Schicksalshafte,
weder das Heidnisch-Abergläubische noch den hellen Ton des Heldenhaften.
Wer sich dem ein paar hundert Dünndruckseiten lang aussetzt und ein
halbes Dutzend Stunden mit Schwabs erzählerischem Atemzügen
Luft holt, begreift vielleicht, daß Tradition nicht nur Beschenktwerden,
sondern immer auch Bemächtigung bedeutet. Große Erzählungen
müssen wohl mit Gewalt, mit der Macht der Sprache, immer aufs neue
in die Gegenwart geraubt werden.
Aber natürlich sind auch die im Recht, die schlichtweg keine Lust
dazu haben. Man muß nicht wissen wollen, warum das allerneuste Raketensystem
mit Infrarotzielfindung, eine europäische Gemeinschaftsentwicklung,
ausgerechnet Polyphem heißt. In Schwabs Nacherzählung der Äneis
tritt der Zyklop noch ein zweites Mal auf. Vom Schiff aus sehen Äneas
und die anderen aus Troja Geflohenen Polyphem, geblendet und stumm, ans
Ufer treten:
„Am Meer angekommen, ging er mitten in die Fluten hinein, die ihm
doch nicht einmal bis an die Hüfte gingen. Hier bückte er sich
und wusch aus dem ausgestochenen Auge das immer noch fließende Blut,
stöhnend und zähneknirschend.“
Gemessen an Schwab, der diese Szene Vergil nachspricht, mag ich mich gerade
noch einäugig nennen. Und einiges deutet darauf hin, daß sich
der Graue Star der modernen Zeiten bereits über meine Linse legt.
Das Recht, lauthals über den Verlust großer Erzählungen
zu klagen, hätte jedoch nur der, dessen Klage stark genug wäre,
einen Anklang des Verlorenen mitschwingen zu lassen.
Lesen Sie Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, wenn Ihre Leselust
und Ihre Leseluft hinreichen! Und lesen Sie Ihren Kindern die grausam
anrührende Geschichte von Odysseus und Polyphem vor, sobald Sie einmal
besonders gut bei Atem sind! Schwab, der kein Olympier der deutschen Literatur
ist, erweist sich dann, mit ein wenig Glück, noch einmal als ein
verläßlicher Hausgott unseres Erzählens.
Und sogar für die unter uns, die Schwabs Werk eigentlich nur kaufen,
um es in ihren Regalen bei den deutschen Klassikern einzustellen, ist
in der vorliegenden Neuausgabe des Buches auf ironische Weise gesorgt:
Im umfangreichen Namensregister der neuen Ausgabe gibt es einen sinnfälligen
Fehler zu entdecken. Dort führt der erste Verweis zu „Polyphemos
(Zyklop)“ auf die Seite 386 und damit in die sicherste aller Zeitgenossenschaften
– auf die Leere einer restlos blanken Seite!
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)
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