|
|
Isabel
Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn |
Georg
Klein
HASS UND HAMMER
Zum Tode des Krimi-Autors Mickey Spillane
Wie es sich für einen großen miesen Autor gehört, wird
ihn sein Erfolg noch ein hübsches Weilchen überleben. An die
200 Millionen Bücher soll Mickey Spillane seit 1953, seit seinem
Erstling „I, The Jury“, weltweit verkauft haben. Und es könnte
gut sein, dass die Viertelmillarde eines Tages voll wird, denn Mike Hammer,
der Held der stärksten Spillane-Krimis, hat etwas zu bieten, was
die Männer kommender Jahre gewiss gebrauchen können.
Auch dem zukünftigen Leser wird gefallen, wie der Privatdetektiv
Hammer durch ein New York zieht, das sich unsere Phantasie zwangsläufig
schwarzweiß zurecht filmt. Dort rauchen Gangster, Bulle und Detektiv
pausenlos filterlose Zigaretten, fahren betrunken Auto und suchen fluchend
nach dem nächsten Münztelefon, während die reichen Schweine
und Strippenzieher mit ihren Miezen Champagner schlürfen. Es ist
kein Mangel, dass sich der Autor Mickey Spillane dabei nie mit detailierten
Beschreibungen aufhält. Man kennt es: Diese brutale, bis ins Mark
ungerechte und holzschnittartig nächtliche Metropole bildet eine
der großen medialen Spielstätten der westlichen Imagination.
Hammer hasst diese Stadt, er hasst sein New York. Und sein Haß,
ein Gefühl mit Alleinvertretungsanspruch, duldet nur selten eine
andere Empfindung neben sich. Dies leuchtet bis heute ein. Zunächst
einmal, weil der Autor gleich eingangs für einen respektablen Anlaß
sorgt. In „I the Jury“ hat ein sadistischer Mörder einen
Kriegskameraden Hammers an einem gezielten Schuß in den Unterleib
qualvoll krepieren lassen. In „Kiss Me Deadly“ muß der
halb bewußtlos geschlagene Detektiv miterleben, wie eine Frau zu
Tode gefoltert wird.
Allerdings spürt, wer auf den Wogen von Mike Hammers Hass durch die
blutrünstige Handlung surft, irgendwann, dass es in dieser Erzählwelt
letztlich keinen akuten Grund braucht, um Amok zu laufen. Was den Helden
antreibt, ist immer in ihm da. Hammers tödliche Wut ist identisch
mit seinem innersten Selbst, sie ist der Gravitationskern, der alles zusammenhält,
was diese seit Jahrzehnten wunderbar simple Figur ausmacht.
Das wenige, das es von seiner Seele zu erzählen gibt, verrät
uns der Held über seinen Körper, den er wie eine altertümliche
Wurfwaffe, wie eine Keule oder wie einen Hammer, immer neuen Gegnern entgegenschleudert.
Mike tötet pro Roman mindestens ein halbes Dutzend Männer und
Frauen. Und am eindrücklichsten tut er dies, sobald er seinen Leib
unmittelbar zum Mordinstrument macht, wenn er totschlägt, erwürgt,
seinem Feind die Rippen eintritt oder ihm die Augen mit den Daumen in
die Höhlen drückt.
Wer sich die Mühe macht, ein paar Dutzend Seiten langsam zu lesen,
kann beobachten, wie diese Stellen aus immer gleichen Versatzstücken
montiert sind. Es ist stets der nämliche Schrei, den Mike Hammer
ausstößt, wenn er sich auf einen Schurken stürzt, und
immer gellt er dem Detektiv auf arg ähnliche Art selbst in den Ohren.
Als notorischer Spillane-Leser lebt man in einem tiefen Einverständnis
mit der Gleichförmigkeit dieser erzählerischen Rituale. Und
als mir in meiner Jugend der erste Spillane-Krimi in die Hand fiel, wußte
ich schon genug von den Beleidigungen, die die Welt des Mannes der Grandiosität
des einzelnen Männchens zufügt, um die Spur dieser Exzesse dankbar
aufzunehmen.
„Vielleicht bin ich einfach zu stolz, aber so leicht kommt mir keiner
davon. Für das alles werde ich jemand gründlich das Fell versohlen,
...“ sagt Hammer in „Kiss Me, Deadly“ zu seinem besten
Freund, einem verbitterten New Yorker Polizeibeamten. Mit „das alles“
meint der Detektiv nicht nur die Kränkungen des aktuellen Falls.
Nein, sein grimmiges Statement umschließt alle Erniedrigungen, die
das moderne Leben dem modernen Mann in schönster Beiläufigkeit
antut. Das fühlen seine Fans. Auch sie lacht die Welt täglich
mit dem goldzahngeschmückten Mund eines Mafiosos aus, aber eine Kette
trostreicher Phantasien lang dürfen die Faustschläge Mike Hammers
dieses Spottmaul in eine blutige Fresse verwandeln.
Der große Erfolg hat diese in ihrer Rohheit stupid ehrliche Literatur
schnell in den Hafen Hollywoods geführt. Film und Fernsehen haben
das Nötige getan, um dem Welthass Mike Hammers die bösartigen
Spitzen zu brechen. Ja, Mickey Spillane war sich selbst nicht zu schade,
einen abgeschwächten Abklatsch seiner grandiosen Figur zu mimen.
Aber halb so schlimm; all dies hat Regisseur Robert Aldrich 1955 mit seiner
hellsichtigen Adaption von „Kiss me, deadly“ wieder rückgängig
macht. Sich diesen kongenialen Streifen, rauchend, trinkend und zotig
fluchend, mit ein paar von unserer Zeit gebeutelten Kumpanen anzusehen,
wäre vielleicht die rechte Veranstaltung, um des Verstorbenen zu
gedenken.
Mickey Spillane, der böse Hahn, ist tot. Aber es wird auch in Zukunft
nicht an armen Kapaunen, an von der Moderne kastrierten Masthähnchen
fehlen, denen das hasserfüllte Krähen Mike Hammers den Kamm
schwellen macht.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung) |