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Georg Klein

In der Schatzkammer des Unbekannten


Die Dinge der Welt und ihre Würde/ “Picknick am Wegesrand“ von Arkadi und Boris Strugatzki

Die mysteriöse „Zone“ war ursprünglich ein banales Industrie- und Wohnggebiet am Rande der Stadt Harmont. Jählings ist dort etwas aus dem Weltraum gelandet, hat sich unerklärt wieder davongemacht und das betroffene Gebiet oberflächlich nahezu unversehrt und doch grundsätzlich verwandelt zurückgelassen. Seit der Stippvisite der Außerirdischen existiert ein scharf umrissener Hort des Rätselhaften mitten in der trübseligen Kontrolliertheit unserer modernen Welt.
Wenn der Leser nach wenigen Romanseiten zum erstenmal mit einer dreiköpfigen Expedition in diese Zone aufbricht, dann leuchtet ihm die schlichte und zugleich extravagante Topographie, die die Brüder Arkadi und Boris Strugatzki für ihn arrangieren, unmittelbar ein. Denn auch heute, 35 Jahre nach dem Erscheinen der russischen Originalausgabe, scheint uns eine solche Enklave ein Desiderat: Gerade in unserem lückenlos erkundeten Europa müsste es einen solchen Raum geben, eine Erfahrungssphäre, in der das Wirklich-Neue, das Wirksam-Unbekannte auf uns wartet.
Roderic Schuchart, der Protagonist des Romans, ist dem Faszinosum der Zone verfallen. Immer wieder dringt er in sie ein, eine Zeitlang als Mitarbeiter des „Instituts für außerirdische Kulturen“, dann als illegaler „Schatzgräber“ auf eigene Faust. Der erste geschilderte Vorstoß geschieht mit einem Luftkissenfahrzeug des Instituts. Obwohl das Ziel, eine banale Garage, nur wenige Fahrminuten entfernt ist, vollzieht sich die Annäherung als ein hochvorsichtiges Anpirschen, bei dem die bisherigen Zonen-Erfahrungen und das besondere Gespür von Schuchart lebenswichtig für die Expeditionsteilnehmer sind. Am fraglichen Ort bergen sie eines der heiss begehrten Artefakte der Außerirdischen: eine „gefüllte Null“, zwei untertellergroße, halbfingerdicke Kupferscheiben, die, obwohl frei schwebend und nur von einem bläulichen Fluidum getrennt, auch mit technischen Hilfsmitteln nicht zusammengepresst ode weiter auseinander gezogen werden können.
Zurückgekehrt wird einer der drei Teilnehmer der Mission in den Dusch- und Desinfektionsräumen des Instituts tot zusammenbrechen. Und Roderic Schuchhart kann nur vermuten, dass einige spinnwebartige Fäden, die sein nervöser Kollege in der Garage zerrissen hat, daran schuld sind. Bis zuletzt wird der Roman nicht enthüllen, was es mit den Objekten aus der Zone, die Namen wie „Schwarzer Spritzer“, „Geprickel“ oder „Stecknadeln“ tragen, physikalisch genau auf sich hat. Ein Wissenschaftler meint gegenüber Schuchhart, es könnte sich um nichts weiter als Abfall handeln, den die Sternenreisenden während ihres irdischen Aufenthalts wie bei einem Picknick an den Wegesrand geworfen hätten. Die Schatzsucher und ihre Hehler nennen die Fundstücke salopp, fast verächtlich „Ramsch“, aber ihre Besessenheit, die Tollkühnheit, mit der sie immer wieder in die Zone aufbrechen, verrät, dass ihnen das dortige Suchen und Finden weit mehr bedeutet als nur die Erbeutung einer Ware, die sich in der Normalwelt mit hohem Gewinn verhökern läßt.
Die Strugatzkis schrieben ihren Roman in der späten Sowjetunion, in einem System, das die Energie seines revolutionären Aufbruchs restlos in das monumentale Blei des puren Machterhalts verwandelt hatte. Dieser realexistierende Sozialismus kommt im Roman nicht einmal mehr als eine Erinnerung vor. Längst herrschen internationale Kontrollorgane, eine weltweit vernetzte Wissenschaft und global agierende Geschäftsinteressen. Die kleinen und großen Handlanger dieser uniformen Weltordnung unternehmen allerlei Anstrengungen, um auch die anarchische Besonderheit der Zone in etwas Gewöhnliches zu verwandeln. Forschung und Wirtschaft arbeiten hierfür Hand in Hand. So erfindet man, passend zu den nur fingerlangen „Akkumulatoren“ , rätselhaften Endlos-Batterien, einen Autoantrieb, den diese Zonenfundstücke mit Energie versorgen. Und ein eigener Zonen-Tourismus läßt Schaulustige aus sicherer Entfernung einen Blick auf das Territorium des Unbekannten werfen.
Die Zone scheint diesen Bemühungen gleichmütig zu erdulden. Wie ein antikes Orakel spendet sie den wenigen Eindringlingen, die in Andrei Tarkowskis Verfilmung „Stalker“ heissen, entweder den Tod oder jene ekstatische Erfahrung, die nur sie bereithält. Als sich Roderic Suchard mit einem jungen Gefährten zum letzten Mal in die Zone aufmacht, erwarten ihn wie bei seinen früheren Expeditionen „Fliegenklatsche“, „Grassturm“ und „Fleischwolf“, wetterähnliche Phänomene, die die ehernen Gesetze, die unsere Wissenschaft der Natur zuschreibt, in fast parodistischer Manier verspotten. Erneut stellt die Zone den Fortschritt der Welterkenntnis, als wäre dieser eine simple Eieruhr, zurück auf Null. Kaum dass die „Goldene Kugel“ in Sichtweite kommt, ein Artefakt, das angeblich Wünsche erfüllen kann, beginnt Suchards Begleiter wie ein glückseliges Kind herumzuhüpfen. Ein sogenannter „Fleischwolf“ zermalmt den Tanzenden. Roderic Suchard aber schafft es bis an die mysteriöse Kugel. Er spricht sie an mit den Worten „Ich bin ein Tier, du siehst doch selbst Kugel, dass ich ein Tier bin“. Er tut dies bescheiden und stolz zugleich. Denn die Zone läßt ihn erneut begreifen, welche besondere Würde es unserer tierhaften Existenz verleiht, einem Weltding ohne die Rüstung des Bescheidwissens, aber bei vollem Verstand und die wechselseitige Fremdheit achtend, entgegenzutreten.

(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung)