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In der Schatzkammer des Unbekannten
Die Dinge der Welt und ihre Würde/ “Picknick am Wegesrand“
von Arkadi und Boris Strugatzki
Die mysteriöse „Zone“ war ursprünglich ein banales
Industrie- und Wohnggebiet am Rande der Stadt Harmont. Jählings ist
dort etwas aus dem Weltraum gelandet, hat sich unerklärt wieder davongemacht
und das betroffene Gebiet oberflächlich nahezu unversehrt und doch
grundsätzlich verwandelt zurückgelassen. Seit der Stippvisite
der Außerirdischen existiert ein scharf umrissener Hort des Rätselhaften
mitten in der trübseligen Kontrolliertheit unserer modernen Welt.
Wenn der Leser nach wenigen Romanseiten zum erstenmal mit einer dreiköpfigen
Expedition in diese Zone aufbricht, dann leuchtet ihm die schlichte und
zugleich extravagante Topographie, die die Brüder Arkadi und Boris
Strugatzki für ihn arrangieren, unmittelbar ein. Denn auch heute,
35 Jahre nach dem Erscheinen der russischen Originalausgabe, scheint uns
eine solche Enklave ein Desiderat: Gerade in unserem lückenlos erkundeten
Europa müsste es einen solchen Raum geben, eine Erfahrungssphäre,
in der das Wirklich-Neue, das Wirksam-Unbekannte auf uns wartet.
Roderic Schuchart, der Protagonist des Romans, ist dem Faszinosum der
Zone verfallen. Immer wieder dringt er in sie ein, eine Zeitlang als Mitarbeiter
des „Instituts für außerirdische Kulturen“, dann
als illegaler „Schatzgräber“ auf eigene Faust. Der erste
geschilderte Vorstoß geschieht mit einem Luftkissenfahrzeug des
Instituts. Obwohl das Ziel, eine banale Garage, nur wenige Fahrminuten
entfernt ist, vollzieht sich die Annäherung als ein hochvorsichtiges
Anpirschen, bei dem die bisherigen Zonen-Erfahrungen und das besondere
Gespür von Schuchart lebenswichtig für die Expeditionsteilnehmer
sind. Am fraglichen Ort bergen sie eines der heiss begehrten Artefakte
der Außerirdischen: eine „gefüllte Null“, zwei
untertellergroße, halbfingerdicke Kupferscheiben, die, obwohl frei
schwebend und nur von einem bläulichen Fluidum getrennt, auch mit
technischen Hilfsmitteln nicht zusammengepresst ode weiter auseinander
gezogen werden können.
Zurückgekehrt wird einer der drei Teilnehmer der Mission in den Dusch-
und Desinfektionsräumen des Instituts tot zusammenbrechen. Und Roderic
Schuchhart kann nur vermuten, dass einige spinnwebartige Fäden, die
sein nervöser Kollege in der Garage zerrissen hat, daran schuld sind.
Bis zuletzt wird der Roman nicht enthüllen, was es mit den Objekten
aus der Zone, die Namen wie „Schwarzer Spritzer“, „Geprickel“
oder „Stecknadeln“ tragen, physikalisch genau auf sich hat.
Ein Wissenschaftler meint gegenüber Schuchhart, es könnte sich
um nichts weiter als Abfall handeln, den die Sternenreisenden während
ihres irdischen Aufenthalts wie bei einem Picknick an den Wegesrand geworfen
hätten. Die Schatzsucher und ihre Hehler nennen die Fundstücke
salopp, fast verächtlich „Ramsch“, aber ihre Besessenheit,
die Tollkühnheit, mit der sie immer wieder in die Zone aufbrechen,
verrät, dass ihnen das dortige Suchen und Finden weit mehr bedeutet
als nur die Erbeutung einer Ware, die sich in der Normalwelt mit hohem
Gewinn verhökern läßt.
Die Strugatzkis schrieben ihren Roman in der späten Sowjetunion,
in einem System, das die Energie seines revolutionären Aufbruchs
restlos in das monumentale Blei des puren Machterhalts verwandelt hatte.
Dieser realexistierende Sozialismus kommt im Roman nicht einmal mehr als
eine Erinnerung vor. Längst herrschen internationale Kontrollorgane,
eine weltweit vernetzte Wissenschaft und global agierende Geschäftsinteressen.
Die kleinen und großen Handlanger dieser uniformen Weltordnung unternehmen
allerlei Anstrengungen, um auch die anarchische Besonderheit der Zone
in etwas Gewöhnliches zu verwandeln. Forschung und Wirtschaft arbeiten
hierfür Hand in Hand. So erfindet man, passend zu den nur fingerlangen
„Akkumulatoren“ , rätselhaften Endlos-Batterien, einen
Autoantrieb, den diese Zonenfundstücke mit Energie versorgen. Und
ein eigener Zonen-Tourismus läßt Schaulustige aus sicherer
Entfernung einen Blick auf das Territorium des Unbekannten werfen.
Die Zone scheint diesen Bemühungen gleichmütig zu erdulden.
Wie ein antikes Orakel spendet sie den wenigen Eindringlingen, die in
Andrei Tarkowskis Verfilmung „Stalker“ heissen, entweder den
Tod oder jene ekstatische Erfahrung, die nur sie bereithält. Als
sich Roderic Suchard mit einem jungen Gefährten zum letzten Mal in
die Zone aufmacht, erwarten ihn wie bei seinen früheren Expeditionen
„Fliegenklatsche“, „Grassturm“ und „Fleischwolf“,
wetterähnliche Phänomene, die die ehernen Gesetze, die unsere
Wissenschaft der Natur zuschreibt, in fast parodistischer Manier verspotten.
Erneut stellt die Zone den Fortschritt der Welterkenntnis, als wäre
dieser eine simple Eieruhr, zurück auf Null. Kaum dass die „Goldene
Kugel“ in Sichtweite kommt, ein Artefakt, das angeblich Wünsche
erfüllen kann, beginnt Suchards Begleiter wie ein glückseliges
Kind herumzuhüpfen. Ein sogenannter „Fleischwolf“ zermalmt
den Tanzenden. Roderic Suchard aber schafft es bis an die mysteriöse
Kugel. Er spricht sie an mit den Worten „Ich bin ein Tier, du siehst
doch selbst Kugel, dass ich ein Tier bin“. Er tut dies bescheiden
und stolz zugleich. Denn die Zone läßt ihn erneut begreifen,
welche besondere Würde es unserer tierhaften Existenz verleiht, einem
Weltding ohne die Rüstung des Bescheidwissens, aber bei vollem Verstand
und die wechselseitige Fremdheit achtend, entgegenzutreten.
(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung) |