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Die Vergesslichkeit der Wissenschaft
Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde"
Der Grundeinfall des Romans scheint die Wissensgier der letzten 150 Jahre
und den wilden Galopp der Technikentwickung schadlos überstanden
zu haben: Ein Gelehrter entdeckt, wie man über einen isländischen
Vulkan in ein natürliches Schachtsystem absteigen kann und wagt den
Vorstoss in die Tiefe der Erde.
Schon zu Vernes Zeiten war dominante Lehrmeinung, dass es dort unten nur
geschmolzenes Gestein und flüssiges Metall zu finden gebe. Aber bis
in unsere Tage fehlt es an den technischen Möglichkeiten, der herrschenden
Theorie über die „Eingeweide der Erdkugel“ Evidenz zu
verleihen. Ähnlich wie die Weiten des Weltalls bleibt uns die Mitte
unseres Planeten unerreichbar. Diese Fallhöhe zwischen Wissensgewissheit
und praktischer Ohnmacht bildet das energetische Potential, auf das Verne
spekuliert. Wer das Unmögliche in die Tat umsetzt, muss, so will
es die Logik des Abenteuers, Spektakuläres erleben. Und die Phantasie
wird den gewagtesten Einfällen folgen, so sich der Lesende mit den
Protagonisten der grandiosen Unternehmung identifizieren darf.
Die Figuren, die Verne hierzu anbietet, wirken, gemessen an der Kühnheit
der Handlungsidee, auf eine fast drollige Art bieder. Die Expedition wird
angeführt von Professor Lidenbrock, nicht nur ein führender
Geologe, Mineraloge und Chemiker seiner Zeit, sondern auch umfassend historisch
gebildet und ein veritables Sprachgenie. Er verkörpert den idealen
Gelehrten des 19. Jahrhunderts, der ganz dem Fortschritt der Wissenschaft
lebt und in allen anderen Belangen der Existenz einen rechten Kauz abgibt.
Sein Neffe Axel, der Ich-Erzähler des Romans, ist sein braver Schüler,
ohne jedoch über die gleichen Talente und Ambitionen zu verfügen.
Axels Vorstellung von der Zukunft, seine utopische Potenz, erschöpft
sich zunächst vollständig darin, sich eine Ehe mit Gudrun, dem
Patenkind seines Onkels, auszumalen. Dem Abstieg zum Mittelpunkt der Erde
sieht er mit Bangen entgegen, am liebsten würde er das Abenteuer
verhindern, um seinen Traum von ehelicher Zweisamkeit und familiärer
Häuslichkeit nicht zu gefährden.
Die Ängstlichkeit Axels, seine Hang, jeglichem Risiko aus dem Wege
zu gehen, bildet einen reizvollen, oft tragikomisch zugespitzten Kontrast
zum rücksichtslosen Wissenwollen seines Onkels. Professor Lidenbrock
verschwendet keinen Funken Denkenerige auf den Umstand, dass man sich
ohne einen Plan für den Rückweg in ein verwirrendes Labyrinth
begibt. „Wir sind nicht hierhergekommen, um vorsichtig zu sein“,
meint sein Neffe verzweifelt, als sie auf einem unterirdischen Meer in
Lebensgefahr geraten.
Dieser Ozean, den ein gewaltiges Firmament aus Granit überwölbt
und dessen Atmosphäre elektrische Entladungen erhellen, ist vielleicht
die schönste Erfindung des an Einfällen wahrlich nicht armen
Romans. Das Lidenbrock-Meer, wie es sogleich getauft wird, bedeutet eine
Welt in der Welt, einen Miniatur-Erdkreis, der alles, was unsere irdischen
Gefilde an Reizen besitzen, in komprimierter Form vorweist: die Fülle
der unbelebten Materie, eine komplexe Pflanzen- wie Tierwelt aus allen
Epochen der Naturgeschichte und sogar einen riesenhaften Urmenschen als
Krone der rundum verkapselten Schöpfung.
Allerdings enthält das phantastisches Reich, so stupend für
den Leser Szene auf Szene auch sein mag, nichts wirklich Neues. Es ähnelt
eher einem gewaltigen Naturkundemuseum, in dem Verne uns von einem perfekt
ausgeleuchteten Exponat zum nächsten führt. Alle Entdeckungsfahrten,
von denen Verne in seinen Romanen erzählt, haben dieses unverhohlen
archivarische Verhältnis zum Neuen. Im Arrangement wirken die Tableaus
seiner Handlungen originell, aber stets sind sie aus Bekanntem, aus Bruchstücken
des zeitgenössischen Wissens, zusammengebastelt. Die Verne-Forschung
hat viele seiner Quellen ausfindig gemacht. Selbst der für das Handlungsjahr
1863 futuristisch anmutende „Ruhmkorffsche Apparat“, eine
batteriegespeiste Röhrenlampe, die den Forschern durch die Unterwelt
leuchtet, war kurz vor der Niederschrift des Romans als Sicherheitsgrubenlicht
konstruiert worden.
Also wäre „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ womöglich
gar kein frühes Meisterwerk der Sience Fiction, zu deren Wesen doch
gehört, dass eine naturwissenschaftlich inspirierte, zumindest naturwissenschaftlich
kostümierte Spekulation auf eine Zukunft gewagt wird, die unerhört
Neues zu bieten hat?
„Ich vergass die Vergangenheit, ich kümmerte mich nicht um
die Zukunft“, sagt Axel, kurz bevor er, berauscht von den bisherigen
Entdeckungen, mit einer katastrophalen Idee das rücksichtslose Weiterwollen
seines Onkels übertrumpft. Beim Versuch, sich den Weg freizusprengen,
verursachen sie ein Erdbeben und zerstören die eben erst entdeckte
unterirdische Welt.
In rasantem Tempo geht es daraufhin dem Happy End entgegen. Fast scheint
es, der Autor möchte die Gewalttat seiner Helden umgehend vergessen
machen. Im Schlot eines ausbrechenden Vulkans sausen wir mit ihnen nach
oben. Kein Wort mehr über das, was man hinter sich lässt. Als
Axel in den Armen seiner Gudrun liegt, ist ihm und seiner Wissenschaft
glücklich entfallen, dass man eine lebende Vergangenheit unwiederbringlich
dem Tod überantwortet hat. Der Wissenserwerb vernichtet die Lebendigkeit
des Erkannten – für Jules Verne wie für uns eine alte
und zugleich neue Einsicht, die selbst immer wieder zunichte werden muss,
damit wir unbekümmert an die Zukunft glauben können.
(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung) |