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Das große grüne Grauen
John Wyndhams Roman „Die Triffids“
Neue Lebensformen erfinden zu dürfen gehört zu den Privilegien,
die die Science Fiction ihren Autoren gewährt. Und für den Genre-Konsumenten
ist es ein notorisch süßer Moment, wenn in einem der einschlägigen
Romane eine Spezies auftritt, die sich in keinem Lexikon finden läßt.
Im 1951 erschienenen Roman „Die Triffids“ des Engländers
John Wyndham ist William Masen, der Held und Ich-Erzähler, Biologe,
und das für den Leser neue Lebewesen scheint zunächst nichts
weiter als eine besonders ertragreiche Ölpflanze, die weltweit in
großen Plantagen angebaut wird und wegen ihrer außergewöhnlichen
Gestalt auch ein beliebtes Gartengewächs geworden ist. Auf dem Kompost
hinter dem elterlichen Haus hat Masen einst als kleiner Junge seine erste,
dort wild hochgekommene Triffid entdeckt. „Heutzutage, da jeder
weiß, wie eine Triffid aussieht, ist es schwierig, den fremdartig
bizarren Eindruck zu beschreiben, den die ersten auf uns machten,“
heißt es im zweiten Kapital beiläufig, nachdem die Handlung
mit einer spektakulären Katastrophe begonnen hat.
Nach ungewöhnlichen nächtlichen Himmelserscheinungen - angeblich
verglühte ein Kometenschwarm in der Atmosphäre – ist die
große Mehrheit der Londoner Bevölkerung erblindet. Dass William
Masen zu den wenigen gehört, die ihr Sehvermögen nicht eingebüsst
haben, hat er seiner Arbeit mit den Triffids zu verdanken. Die ausgereifte
Triffid verfügt über eine Art Giftpeitsche, die sie aus dem
Blütenkelch schnellen kann, und einen solchen Triffid-Hieb mitten
ins Gesicht hat der Biologe nur Dank schneller fachkundiger Hilfe überlebt.
Er lag mit verbundenen Augen im Krankenhaus, als die meisten den Blick
zum nächtlichen Firmament richteten.
Schnell wird klar, dass es sich bei der Massenerblindung um eine globale
Katastrophe handelt. Und weltweit zieht das erste Unglück ein zweites
nicht weniger fatales nach sich: Die Triffids brechen aus Plantagen, Parks
und Gärten aus und beginnen systematisch Jagd auf die gehandicapten
Menschen zu machen. Dass die Pflanze auswurzeln und sich auf ihren drei
Strunkstummeln torkelnd vorwärts bewegen kann, war bekannt. Wie weit
ihre Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit und vor allem ihre
kollektive Intelligenz reicht, wird erst jetzt offenbar. Es ist, als hätte
das skurille Grünzeug insgeheim längst auf eine Gelegenheit
zum Losschlagen gewartet. Die Blinden wie die Sehenden und damit die Menschheit
samt ihrer stolzen Kultur drohen dem Vernichtungswillen einer gut mannshohen
Staude zu erliegen, die, wenn sie sich zum Angriff sammelt, mit drei kurzen
Stielen gegen ihren Schaft trommelt.
Das Grauen, das aus der bloßen Beschreibung der Triffids erwächst,
übersteigt dabei auf eine merkwürdige Weise das Entsetzen, das
der elende Tod der Blinden beim Lesenden hervorrufen kann. Wenn eine der
Pflanzen ihre Wurzeln in einen verwesenden Leichnam senkt, spürt
man gleich dem Helden des Romans, dass dieses Bild von noch etwas weit
Schrecklicherem als von einer gefährlichen Spezies erzählt.
Der Tiger oder der Grizzly, der irgendwo in Indien oder Nordamerika einen
Menschen tötet, tut dies gewissermaßen auf Augenhöhe,
von Individuum zu Individuum. Ein Ich fällt einem anderen Ich zum
Opfer, und als letzter existenzieller Trost bleibt dem Unglücklichen
zumindest die Einsicht, dass mit ihm ein sterbliches Wesen einem vergleichbaren
Geschöpf unterliegt. Im Reich der Science Fiction gilt dieses paritätische
Gegenüber sogar noch, wenn der Astronaut vom Planet Erde mit einem
mörderischen Mars-Monster aneinandergerät. In der gesichtslosen
Menge der Triffids, die die Behausungen der verschanzten Menschen zu Tausenden
bedrängen, offenbart sich jedoch eine andersartige Bedrohung. Diese
Gefahr ist nicht neu, im Gegenteil, sie ist uralt. Dass sie unseren tapfer
kämpfenden Artgenossen neuartig erscheint, liegt nur daran, dass
unsere Grandiostät, dass das hypertrophe Selbstbewußtsein der
Gattung Mensch sie für etwas Banales blind gemacht hat.
Im gleichmäßigen Grün der Pflanze, in der seriellen Vielheit
ihrer Stengel und Blätter leuchtet die radikale Brutalität des
Prinzips „Leben“ selbst auf. „Es“, das Leben,
will nichts als nur weitergehen. Fortzudauern ist sein einziges Ziel.
Das Individuum ist ihm dabei bloß Mittel zum Zweck, nur einer von
Abermillionen Fackelträgern, die die Flamme weiterreichen. Mit diesem
schicksalshaften Ärgernis, mit diesem Skandal der Schöpfung
scheint der Mensch, so er selbst Kinder zeugen darf, seinen Frieden machen
zu können. Aber die Konfrontation mit den Triffids bedeutet eine
Intensivierung der scheinbar geläufigen Ohnmacht: Auch die einzelne
Spezies hat keinerlei Anspruch auf ewige Dauer. Das Leben braucht die
Menschheit so viel oder so wenig, wie es einst die Saurier gebraucht hat.
Der Fortgang des Lebendigen stünde keine Sekunde in Frage, wenn ein
bestimmtes auf zwei Beinen schreitendes, übertrieben selbstgewisses
Säugetier in Zukunft nur noch auf Versteinerungen zu sehen wäre.
Die Helden des Romans begreifen dies, und es stiftet wunderbare Momente
heroischer Identifikation zu lesen, wie sie sich der gnadenlosen Allgemeinheit
der Triffids entgegenstellen. Sogar den menschlichen Artefakten, unserer
verdinglichten Kultur, wächst ein besonderes Pathos zu. Schon die
Triffid-Schutzmaske, die sich einer der Erblindeten mühsam aus Draht
flicht, legt Zeugnis davon ab, wie unvergleichlich findig wir selbst dann
noch sind, wenn es gilt, dem großen grünen Grauen zu trotzen.
(Geschrieben für die Neue Zürcher Zeitung)
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