|
|
Isabel
Allende
Brecht/Zuckmayer
Raymond Chandler
Leonard Cohen
Mark Z. Danielewski
Friedrich Dürrenmatt
Umberto Eco
William Gaddis
Johann Wolfgang von Goethe
Günter Grass
H.J.Ch. v. Grimmelshausen
Thomas Harris
Harry Harrison
Heinrich Heine
Robert A. Heinlein
Wolfgang Hilbig
Kohta Hirano
Hugo von Hofmannsthal
Sven Hillenkamp
Marcus Jensen
Das Kamasutra
Stephen King
Chuck Klosterman
Hildegard Knef
Wolfgang Koeppen
Ursula K. Leguin
Stanislav Lem
Jonathan Littell
Udo Lindenberg
Jack London
Hermann Löns
Daphne du Maurier
Tobias O. Meißner
Stewart O’Nan
Francoise Sagan
Friedrich Schiller
Gerhard Schröder
Gustav Schwab
Mary Shelley
Mickey Spillane
Robert Louis Stevenson
A. & B. Strugatzki
Jules Verne
John Wyndham
Unica Zürn |
Unica
Zürn
Das Spielen der Kinder ist streng untersagt
Satt irrt der Spassgeist in den Dunkelregen,
satt des Kreisens in Plunder. Geigend starrt
er in den Garten. Der Spass litt den Tigerkuss.
Kinder, rettet den Sprung! Sagt leis: Reis, Sand ...
Spart die Genien des Sterns! Irrstunde klagt:
Das Spielen der Kinder ist streng untersagt.
Unica Zürn: Hexentexte. Zehn Zeichnungen und zehn Anagramm-Texte
mit einem Nachwort von Hans Bellmer. Berlin 1954 (=Galerie Springer)
Georg Klein
Dein Kunstding sirrt!
Kein Leser unserer Tage muss wissen, wann das obige Gedicht, zusammen
mit neun anderen, als ein schmales Bändchen in die Welt kam. Noch
immer sind diese Zeilen zeitfrei - so mit dem Zwang der Zeit der Zwang
zur zeitgeschichtlichen Einordnung gemeint ist. Wer sich dennoch genötigt
fühlt, sogleich nach dem Entstehungszusammenhang der sechs Verse
zu fragen, oder gar nach einem literaturgeschichtlichen Schubfach für
sie verlangt, tut sich diese Gewalt, aus welch innerer Notdurft auch immer,
selbst an.
Der „Spassgeist“ braucht, damals wie heute, bloß ein
empfindlich-empfängliches Gemüt, um darin Sinn zu stiften. Die
Szene ist offen, aber nicht beliebig: „Dunkelregen“ geht nieder,
am Rande eines „Gartens“ und wohl auch über ihm. Dort
spielt der „Spassgeist“ die Geige, also dasjenige Instrument,
das in seinem Wohlklang die schönste Stimme übersteigt, dessen
Fehlklang aber zu einer besonderen Tortur werden kann. Der in den Garten
starrende, der in Gegenwart erstarrte Geiger hat eine Vorgeschichte. Er
ist einer anderen Existenz überdrüssig geworden. Es war ein
Dasein, in dem das Disparate nur noch durch seine offenbare Wertlosigkeit,
nämlich als „Plunder“, einen Zusammenhang suggerierte.
Dort oder erst auf dem Weg zum Garten hat der Geiger einen „Tigerkuss“
erlitten. Von einem Tiger, von dessen harten Raubtierlippen, von dessen
raspelrauer Zunge geküsst zu werden, heißt die Spanne zwischen
Zärtlichkeit und Verletzung in einem einzigen Moment, in einem einzigen
sekundenkurzen Erleiden zu durchmessen. Kein Wunder, dass „Kinder“
um Beistand angerufen werden. Kindheit ist immer. Darin liegt ein besonderes
Grauen unserer Zeiterfahrung, aber zugleich auch die Erinnerung daran,
dass es möglich war, der Immanenz der modernen Raumzeit durch einem
„Sprung“ in eine anderswertige, in eine ingeniöse Parallelwelt
zu entkommen, die doch zugleich bis ins Reis- oder Sandkorn mit unserem
„Stern“ übereinstimmt.
Keiner braucht zu wissen, dass es sich bei diesem Gedicht um ein Anagramm
handelt. Aber laut lesen sollte man es unbedingt, um so die intime klangliche
Verwandtschaft der Zeilen zu erfahren. Dass alle sechs Verse aus jeweils
den gleichen 34 Buchstaben gebaut sind, vermag bei geduldiger Prüfung
auch ein ungeschultes Auge zu erkennen. Aber dass jeweils die gleichen
Vokale und Konsonanten erklingen, wirkt unwillkürlich und unwiderstehlich
über unser Ohr.
Die zehn Gedichte, die Unica Zürns erste Buchveröffentlichung
„Hexentexte“ umfasst, sind ausnahmslos Anagramme. Diese Form
ist streng und simpel zugleich. Gnadenlos rigide verlangt das Anagramm
dem Dichter bloß die Einhaltung einer einzigen Regel ab. Aber diesem
Zwang erfolgreich zu gehorchen, erfordert ein besonders hohes Maß
an tüfftelnder Geduld, verlangt eine Konzentration, in der das sture
Durchprobieren den jähen Einfall provoziert. Schon die Ausgangszeile
„Das Spielen der Kinder ist streng untersagt“ enthält
nicht nur alle obligatorischen, also die erlaubten und zugleich unumgänglichen
Buchstaben, sondern in seinem Wortlaut sowohl das Gebot einer Regel als
auch das Überraschungsmoment des Spiels, das heißt jene doppelköpfige
Gottheit, der jedes Anagramm sein Dasein schuldet.
Niemand kann wissen, in wie weit Unica Zürn sich mit dem Verfassen
von Anagrammen seelisch gefestigt oder zerrüttet, ob sie ihr Gemüt
mit dieser poetischen Praxis noch einmal für eine fruchtbare Weile
stabilisiert oder bereits recht zügig auf ein desaströses Ende
hin gelockert hat. Die psychiatrische Klinik musste sie, als sie dieses
Anagramm baute, jedenfalls noch nicht als Hilfs- oder Zufluchtsort in
Anspruch nehmen. Dennoch: Wie verrückt ist das Verfassen von Anagrammen?
Wie uneins mit sich kann ein durchschnittlicher Zeitgenosse heute wie
damals über einem kleinen, selbstgewählten Setzkasten aus knapp
vierzig Buchstaben werden?
Gleich zweimal hat die Dichterin Unica Zürn dem Vokal „i“
ein doppeltes „r“ folgen lassen. Zunächst führt
diese Kombination zur Verbform „irrt“, beim zweiten Mal sind
die drei Buchstaben im Kompositum „Irrstunde“ geborgen. Eventuell
lässt sich noch ein wenig mehr für dieses drohende, für
dieses ebenso schmerzverheißende wie bannungsbedürftige Adjektiv
tun. Vielleicht lässt sich der Irrweg zwischen einer Freude, die
sich irgendwann die Maske des Spasses überstülpen musste, und
einem kindlich offenen Sich-Freuen noch einmal anders abschreiten. Ich
will es, um die Kunst von Unica Zürn anagrammatisch zu ehren, mit
einer nachgetragenen siebten Zeile, gebildet aus den von ihr vorgegebenen
Buchstaben, jetzt gleich, also nach einem halbem Jahrhundert, selbst versuchen:
„Spassgetarnte Seele! Dein Kunstding sirrt!“
|