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Unica Zürn

Unica Zürn

Das Spielen der Kinder ist streng untersagt

Satt irrt der Spassgeist in den Dunkelregen,
satt des Kreisens in Plunder. Geigend starrt
er in den Garten. Der Spass litt den Tigerkuss.
Kinder, rettet den Sprung! Sagt leis: Reis, Sand ...
Spart die Genien des Sterns! Irrstunde klagt:
Das Spielen der Kinder ist streng untersagt.

Unica Zürn: Hexentexte. Zehn Zeichnungen und zehn Anagramm-Texte mit einem Nachwort von Hans Bellmer. Berlin 1954 (=Galerie Springer)

Georg Klein

Dein Kunstding sirrt!

Kein Leser unserer Tage muss wissen, wann das obige Gedicht, zusammen mit neun anderen, als ein schmales Bändchen in die Welt kam. Noch immer sind diese Zeilen zeitfrei - so mit dem Zwang der Zeit der Zwang zur zeitgeschichtlichen Einordnung gemeint ist. Wer sich dennoch genötigt fühlt, sogleich nach dem Entstehungszusammenhang der sechs Verse zu fragen, oder gar nach einem literaturgeschichtlichen Schubfach für sie verlangt, tut sich diese Gewalt, aus welch innerer Notdurft auch immer, selbst an.
Der „Spassgeist“ braucht, damals wie heute, bloß ein empfindlich-empfängliches Gemüt, um darin Sinn zu stiften. Die Szene ist offen, aber nicht beliebig: „Dunkelregen“ geht nieder, am Rande eines „Gartens“ und wohl auch über ihm. Dort spielt der „Spassgeist“ die Geige, also dasjenige Instrument, das in seinem Wohlklang die schönste Stimme übersteigt, dessen Fehlklang aber zu einer besonderen Tortur werden kann. Der in den Garten starrende, der in Gegenwart erstarrte Geiger hat eine Vorgeschichte. Er ist einer anderen Existenz überdrüssig geworden. Es war ein Dasein, in dem das Disparate nur noch durch seine offenbare Wertlosigkeit, nämlich als „Plunder“, einen Zusammenhang suggerierte. Dort oder erst auf dem Weg zum Garten hat der Geiger einen „Tigerkuss“ erlitten. Von einem Tiger, von dessen harten Raubtierlippen, von dessen raspelrauer Zunge geküsst zu werden, heißt die Spanne zwischen Zärtlichkeit und Verletzung in einem einzigen Moment, in einem einzigen sekundenkurzen Erleiden zu durchmessen. Kein Wunder, dass „Kinder“ um Beistand angerufen werden. Kindheit ist immer. Darin liegt ein besonderes Grauen unserer Zeiterfahrung, aber zugleich auch die Erinnerung daran, dass es möglich war, der Immanenz der modernen Raumzeit durch einem „Sprung“ in eine anderswertige, in eine ingeniöse Parallelwelt zu entkommen, die doch zugleich bis ins Reis- oder Sandkorn mit unserem „Stern“ übereinstimmt.
Keiner braucht zu wissen, dass es sich bei diesem Gedicht um ein Anagramm handelt. Aber laut lesen sollte man es unbedingt, um so die intime klangliche Verwandtschaft der Zeilen zu erfahren. Dass alle sechs Verse aus jeweils den gleichen 34 Buchstaben gebaut sind, vermag bei geduldiger Prüfung auch ein ungeschultes Auge zu erkennen. Aber dass jeweils die gleichen Vokale und Konsonanten erklingen, wirkt unwillkürlich und unwiderstehlich über unser Ohr.
Die zehn Gedichte, die Unica Zürns erste Buchveröffentlichung „Hexentexte“ umfasst, sind ausnahmslos Anagramme. Diese Form ist streng und simpel zugleich. Gnadenlos rigide verlangt das Anagramm dem Dichter bloß die Einhaltung einer einzigen Regel ab. Aber diesem Zwang erfolgreich zu gehorchen, erfordert ein besonders hohes Maß an tüfftelnder Geduld, verlangt eine Konzentration, in der das sture Durchprobieren den jähen Einfall provoziert. Schon die Ausgangszeile „Das Spielen der Kinder ist streng untersagt“ enthält nicht nur alle obligatorischen, also die erlaubten und zugleich unumgänglichen Buchstaben, sondern in seinem Wortlaut sowohl das Gebot einer Regel als auch das Überraschungsmoment des Spiels, das heißt jene doppelköpfige Gottheit, der jedes Anagramm sein Dasein schuldet.
Niemand kann wissen, in wie weit Unica Zürn sich mit dem Verfassen von Anagrammen seelisch gefestigt oder zerrüttet, ob sie ihr Gemüt mit dieser poetischen Praxis noch einmal für eine fruchtbare Weile stabilisiert oder bereits recht zügig auf ein desaströses Ende hin gelockert hat. Die psychiatrische Klinik musste sie, als sie dieses Anagramm baute, jedenfalls noch nicht als Hilfs- oder Zufluchtsort in Anspruch nehmen. Dennoch: Wie verrückt ist das Verfassen von Anagrammen? Wie uneins mit sich kann ein durchschnittlicher Zeitgenosse heute wie damals über einem kleinen, selbstgewählten Setzkasten aus knapp vierzig Buchstaben werden?
Gleich zweimal hat die Dichterin Unica Zürn dem Vokal „i“ ein doppeltes „r“ folgen lassen. Zunächst führt diese Kombination zur Verbform „irrt“, beim zweiten Mal sind die drei Buchstaben im Kompositum „Irrstunde“ geborgen. Eventuell lässt sich noch ein wenig mehr für dieses drohende, für dieses ebenso schmerzverheißende wie bannungsbedürftige Adjektiv tun. Vielleicht lässt sich der Irrweg zwischen einer Freude, die sich irgendwann die Maske des Spasses überstülpen musste, und einem kindlich offenen Sich-Freuen noch einmal anders abschreiten. Ich will es, um die Kunst von Unica Zürn anagrammatisch zu ehren, mit einer nachgetragenen siebten Zeile, gebildet aus den von ihr vorgegebenen Buchstaben, jetzt gleich, also nach einem halbem Jahrhundert, selbst versuchen:
„Spassgetarnte Seele! Dein Kunstding sirrt!“