Das Atlantis unserer Seele

Gespräch zum ROMAN UNSERER KINDHEIT
mit Inka und Moritz Rümenapf

M.I.R.: Wann haben Sie zum letzten Mal eine Lakritz-Pfeife gegessen?

G.K.: Das muss während des Lektorats gewesen sein, oder bei der Durchsicht der Fahnen? Auf jeden Fall war es ein imaginärer Verzehr im Reich des Romans. Jetzt, in verklärender Rückschau, würde ich mir am liebsten die ganze Roman-Werdung als ein fortwährend selig süßes Lakritzkauen vorstellen. Allerdings war es – die Schwärze der Lakritze drängte gleich mit der ersten Szene ins Bild – immer eine gefährdete Süße. Der ROMAN UNSERER KINDHEIT hatte nämlich zwei mächtige Feinde, besser gesagt: zwei mächtige Versucher, in deren Bann er mir nicht geraten durfte: Die populäre Zeitgeschichte und jenen Biographismus, der sich auf die Zeitgeschiche stützt wie auf eine Krücke. Ein solches Erzählen ordnet unsere Kindheit zum Beispiel platterdings bestimmten Dekaden zu. Wir sollen schlicht Kinder der 50er, der 60er oder 70er gewesen sein. Unser kindliches Dasein definiert sich dann über Fernseh-Serien, die wir angeblich alle geguckt haben, über bestimmte Schokoriegel, die wir gegessen haben. Und als kleine Mitläufer irgendwelcher Konsum-Moden sollen wir auch noch einen für das jeweilige Jahrzehnt typischen Mama-Papa-Komplex herausgebildet haben.
......Wie lässt sich die Lakritze, die Erfahrung der Lakritze, aus solchen Zuordnungen retten? Ich kann mich an die Scheu erinnern, die mich erfasste, als das regionale Wort „Bärendreck“, mein Kindheitswort für Lakritze, gleich im ersten Absatz auftauchte. Würde das wohl gut gehen? Es genügt ja nicht, auf Jahreszahlen und auf die Nennung von Markennamen zu verzichten, um der Dominanz eines bestimmten Erzählens zu entkommen. Obwohl eine solche Abstinenz schon hilfreich ist. Die zeitgeschichtliche Vergangenheitskontrolle drängt wie eine überbehütende Gouvernante durch viele Türen in den Text, und wenn sie erst einmal drin ist, sterilisiert sie alles, was Kindheit kostbar macht. Letztlich trägt die Zeitgeschichte ihre Art von Tod als eine ungute erzählerische Sterbehilfe in den Roman hinein. Kindheit aber will immer sein. Unsere Sprache und deren schmuckes, eigensinniges Töchterlein, die Literatur, wollen das übrigens auch ...

M.I.R: Dennoch ist ROMAN UNSERER KINDHEIT eindeutig autobiogra-phisch geprägt ...
G.K.: Ich glaube, ich kann guten Gewissens sagen, in diesem Buch ist nichts willkürlich erfunden. Als ein Arbeitsgelübde habe ich mir auferlegt, mich treu und brav ans Erinnerbare zu halten. Damit stand mein Schreib-Ich aber sofort bis an die Nasenspitze im Überfluß, im Allzu-Viel dessen, was uns das Gedächtnis, wenn wir uns seinem ungeheueren Vermögen überlassen, ins Bewusstsein schwemmt. Wo ist „Kindheit“ in diesem Meer aus merkwürdig isolierten oder kurios verketteten Szenen, aus mehr oder minder erstarrtem Wissen, aus ausgewaschenem und ausgeblichenem Treibgut aller Art?
......Um im Bild zu bleiben: Vielleicht ist Kindheit das Atlantis unserer Seele. Alle wissen, das Atlantis da war und glauben gerne, dass es in gewisser Weise weiter existiert, aber im Katalog der Reiseveranstalter lässt sich dieses Eiland nicht als planbarer Pauschaltrip buchen. Um nicht hilflos in den Wassern des Erinnerbaren herumzupaddeln, habe ich mich an das gehalten, was die meiste unerklärte Energie, das meiste schwarze Licht gespeichert hatte. Diese wirklich virulenten Erinnerungen schwimmen schon nach vorne, wenn man das all das harmlose, auch in seinen Ärgernissen und in seinen Schmerzen längst gut kontrollierte Material geduldig vorübertreiben lässt. Und hat man dann die erste echte Kindheitslocke zwischen den Fingern, kriegt man nach und nach mehr von jenem Schopf zu fassen, unter dem man dereinst in eine anders helle Welt hinaus geguckt hat.

M.I.R.: Dem Roman ist ein Motto von Kleist vorangestellt. Haben Sie die-se Sätze durch die Abfassung des Textes begleitet? Sie könnten ja di-rekt aus dem Mund des Erzählers, aus dem Mund der Erzählerin stammen.
G.K.:Wer ist ein glaubwürdiger Erzähler, wenn von der Kindheit gespro-chen werden soll? Unserem in vieler Hinsicht tüchtigen und stets identifikationsbereiten Alltags-Ego ist in dieser Frage nicht besonders weit zu trauen. Und der liebe Gott, ein cooler, alles sehender Super-Erzähler über den Wolken, hilft einem auch nicht weiter. Als mir - wirklich wie aus dem weißen Nichts! - aufging, wer in meinem Kind-heitsroman „Ich“ sagen soll, waren mein Erinnern gerettet. Es ist eine Person, die eine ganz besondere Zeitlang leibhaftig, in Fleisch und Blut, dabei war. Zugleich jemand, dem etwas Wesentliches versagt blieb und weiterhin vorenthalten bleiben wird. Missgunst wie Gunst des Schicksals hat diese Figur auf zwingende Weise erfahren.
......Als ich meinem Bruder in der allerersten Phase der Niederschrift etwas leichtfertig einen ROMAN UNSERER KINDHEIT ankündigte, fragte er, wie aus der Pistole geschossen, sofort nach dieser Gestalt: „Wie willst Du SIE denn nur unterbringen?“ Seine Skepsis, dieses brüderliche Hadern mit den Möglichkeiten eines autobiographischen Erzählens, bedeutete eine große Ermutigung für mich.

M.I.R.:Im Roman sind die jüngeren Brüder Ihres Alter Egos leidenschaftliche Witze-Erzähler. Allerdings wird dem Leser mehr als eine Pointe vorent-halten. Warum?
G.K.:Der Witz ist, neben der immer wieder kolportierten Familien-Anekdote, vielleicht die frühste Prosa-Form, die wir nicht nur passiv genießen, sondern auch aktiv gestalten. Wer kann von sich sagen, dass er nie versucht hat, einen Witz zu erzählen? Und zumindest jeder Mann hat irgendwann erlebt, wie erfolgreich ein gekonnt bis ans Ende gebrachter Witz sein kann, beziehungsweise wie peinlich ein schlecht vorgetragener Witz verendet. ROMAN UNSER KINDHEIT ist auch ein Buch über die Anfänge unseres Erzählens. Und am Witz musste sich zeigen, was ich im Lauf der Jahrzehnte dazu gelernt habe. Gleichzeitig wird aber unweigerlich sichtbar, was an Erzählglauben und Erzählvermögen verloren gegangen ist. Ich glaube nicht an eine aufwärts strebende Evolution des Geistes, auch nicht an einen Fortschritt der Literatur. Jeder Zugewinn wird mit Verlust erkauft. In mancher Hinsicht haben die Witzigen Zwillinge, hat mein siebenjähriger Bruder besser, wirkmächtiger erzählt, als ich es heute vermag. Gleichzeitig bin ich überzeugt, so wie in ROMAN UNSERER KINDHEIT konnte zumindest der Bandwurm-Witz, um ein Beispiel zu nennen, damals noch nicht zum Vortrag gebracht werden.

M.I.R.: Unter den erwachsenen Gestalten des Romans scheinen die Mütter zu dominieren. Welchen Stellenwert haben eigentlich die Män-ner?
G.K.:Den Männern meiner Kindheit gerecht zu werden, war sicherlich die größere, die emotional heftigere Herausforderung. Wenn ROMAN UNSERER KINDHEIT in manchen Szenen den Charakter einer Hommage hat, dann handelt es sich um eine Danksagung an meinen Vater und seine Altersgenossen. Als Kriegsteilnehmer wurden sie anders als meine Altersgruppe zu einer echten Generation, zu einer Schicksalsge-meinschaft, also eine Gewaltgemeinschaft zusammengezwungen. Einigen von ihnen einen Schimmer Heldenhaftigkeit zu gönnen, war mir eine Herzensache.

M.I.R.: Im Roman gibt es dann ja auch eine Dreier-Gruppe Kriegsver-sehrter, die schwerverletzt aus einem in Brand geschossenen Panzer entkommen sind ...
G.K.: Als ich meine Mutter einmal nach ihrer Partnerwahl und der Parnerwahl ihrer bildschönen Schwestern gefragt habe, hat sie mir geantwortet: „Ach Georg, wir haben genommen, was uns der Krieg übriggelassen hat. Das waren halt nur noch Halb- oder bestenfalls Dreiviertel-Männer.“ Damit hat sie natürlich vor allem seelische Ver-sehrungen gemeint. Aber gerade die leiblich Verstümmelten waren große Figuren meiner Kindheit. Im Freibad gab es eigens für sie eine Liegefläche direkt am Schwimmbeckenrand. Und als Kind guckt man sich ganz genau an, wo Arme und Beine in immer anders vernarbten Stümpfen enden. Kinder haben den richtigen Blick, die angemessene Blickkraft für dergleichen ...

M.I.R.:Müssen Kinder dem Bösen begegnen, um erwachsen zu werden?
G.K.:Gewiss nicht. Wir bringen ihnen wohlmeinend bei, dass das Schlimme im Charakter des Menschen oder in den misslichen menschlichen Verhältnissen seinen Ursprung hat. Die Kinder haben aber schon vorher ein Auge für die okkulte Seite der Natur, für die Brutalität der Tiere und der Pflanzen, vielleicht sogar für das Kosmisch-Schlimme. Als Knabe war mir klarer als jetzt, dass das Ur-Gran Bosheit, der materielle Keim alles Schlimmen, bereits darin liegen könnte, dass überhaupt etwas Existenz beansprucht.

M.I.R.: Wie traurig oder schön darf oder soll das Ende eines Buches sein?
G.K.:Wenn der Weg durch das Buch, die gefühlte Buchzeit, lang und süß war, ist eine gewisse Abschiedswehmut angemessen. Überspitzt ge-sagt: Das Buch darf um seine eigenes Gewesen-Sein trauern, der Roman kann in einem stilistisch angemessenen Rahmen über seine eigene Endlichkeit betrübt sein. Zugleich jedoch soll er auf ein erneutes Gelesen-Werden hoffen. Auch dies bedeutet ein Form von Happy End. Mir als dem Weiterschreibenden ist es eine besonders liebe ...


(Inka Rümenapf ist Buchhändlerin, Moritz Rümenapf Rechtsanwalt. Das Gespräch fand am 24. Januar 2010 in Aurich statt.)