KLEINE
WISSENSPRÜFUNG
Ein Gespräch zu SÜNDE GÜTE
BLITZ
N.N. : Herr Klein, sind Sie gesund?
G.K. : Zumindest glaube ich mich frei von ärgeren Gebrechen. Aber wenn ich ehrlich sein soll: Bereits Ihre Eingangsfrage rührt an eine empfindliche Grenze meines Wissens.
N.N.: Und wenn Ihnen nun morgen - was ich Ihnen nicht wünsche! - etwas wehtun würde, gingen Sie dann zum Arzt?
G.K.: Nur falls es richtig schlimm wehtäte. Kleinere Übel würde ich lieber aushalten oder mit irgendwelchen Hausmittelchen, mit Gut-Zu-Reden, mit Selbstbeschwörung, mit Selbstverwöhnung oder mit Selbstkasteiung angehen. Ich bin erst bereit, mich als Patient unter Patienten in ein Wartezimmer zu setzen, wenn mich Schmerz und Angst dazu bringen.
N.N.: Angst wovor?
G.K.: Angst vor noch größerem Schmerz - vor jenen Schmerzen, die jedes Ego in die Knie zwingen ...
N.N.: Haben Sie denn etwas gegen Ärzte?
G.K.: Eher im Gegenteil: Sie rühren mich. Es bewegt mich, wenn sie mir dienstlich, im weissen Kittel und mit dem dazugehörigen Berufsgesicht, entgegentreten. Ich bilde mir ein, die Anstrengung zu spüren, mit der sie ihren spezifischen Schein, die Aura des wissenden Helfers, zu wahren versuchen. Ihr Auftreten ist respektabel und tragikomisch zugleich.
N.N.: Wann erleben Sie das eigentlich, wenn Sie so gut wie nie zum Arzt gehen?
G.K.: In den letzten eineinhalb Jahrzehnten war ich vor allem mit unseren beiden Söhnen beim Onkel Doktor. Die üblichen Untersuchungen und Impfungen, dazu die kleinen Unfälle, die mit Vorliebe am Wochenende passieren und die dann dazu führen, daß man ins Krankenhaus fährt, wo der diensttuende Arzt die Platzwunde näht oder der beim Fußballspielen schlimm lädierte Knöchel geröntgt wird.
N.N.:: Schlechte Erfahrungen?
G.K.: Da müßte ich lügen. Die Freundlichkeit der Nothelfer war fast durchgängig erquicklich. Und das Basal-Praktische, das Salben und Verpflastern, das Nähen, Schienen und Verbinden, ist eine der Stärken auch der gegenwärtigen Medizin. Hier verbindet sich die taktile Zuwendung und das handwerkliche Vermögen auf schönste Weise. Aber auch das Hoch-Technologische, das Messen und Bildmachen, kann eine ungemein beruhigende Wirkung haben - vor allem auf Kinder.
N.N.: Höre ich da einen gewissen Spott, eine Art Mißtrauen heraus?
G.K.: Ich würde gerne noch - eine Antwort lang! - in der Sphäre der Gutgläubigkeit bleiben. Vor ein paar Jahren saß ich als Hilfesuchender auf einem Hocker in der Praxis des HNO-Arztes, der unserem jüngeren Sohn bei seinen chronischen Ohrenproblemen betreut hat. Zum ersten Mal mußte ich selbst den Gehörgang hinhalten. Zwei Tage zuvor war ich mitten in der Nacht durch ein scharf pfeifendes Geräusch geweckt worden. Zu meinem nicht geringen Erschrecken entstand das Pfeifen in meinem Kopf und ließ erst nach einigen Stunden im Morgengrauen nach.
N.N.: Tinnitus!
G.K.: Dieses Wort fiel mir auch sofort ein. Wir scheinen über dasselbe medizinische Schein-Wissen zu verfügen. Also: Der Ohrendoktor sah sich mein Organ gründlich an und fragte mich dann, ob ich den Pfeifton, genauer gesagt seine Tonhöhe, also seine Frequenz wiedererkennen würde. Dann zog er eine dieser weißlackierten, geräuschlos rollenden Qualitätsschubladen auf, und ich erblickte mehrere Stimmgabeln. Er wählte nur eine aus und schlug sie an. "War es dieser Ton, Herr Klein? Ja? Na, das hab' ich mir schon gedacht. Bei mir sind Sie ab sofort falsch. Sie müssen zum Orthopäden. Ihre Nackenmuskulatur ist verkrampft . Zu viel Bildschirmarbeit im Sitzen!"
N.N.: War die Diagnose richtig?
G.K.: Obwohl der Orthopäde dann dem HNO-ler Recht gab und ich das Pfeifen los wurde, bin ich nicht sicher, ob mir die angeratene Gymnastik und mein neuer hochschiebbarer Tisch, an dem ich seitdem auch im Stehen arbeiten kann, geholfen haben ....
N.N.: Was denn sonst?
G.K.: Ich vermute, das trefflich inszenierte Anschlagen der Stimmgabel war entscheidend. Der Moment, als ich nach Gleichklang meines innwendigen Geräusches mit diesem simpel-raffinierten Instrument gefragt wurde, hat mich heilsam umrumpelt. Sogar jetzt, beim Erzählen des Erfahrenen, fühle ich die wohltuende Wirkung des Verblüfft-Werdens erneut nachschwingen. Vielleicht ist unser HNO-Arzt nicht bloß ein guter Diagnostiker, sondern dazu ein begnadeter Spontanheiler. Ob er das weiß? Ich fürchte, er wäre nicht gerade begeistert, wenn ich danach fragte. Darf man einen Arzt nach dergleichen fragen?
N.N.: Ich frage jetzt lieber Sie nach SÜNDE GÜTE BLITZ. Der Klappentext behauptet keck, es handle sich um einen Arztroman. Können Sie sich Ärzte als Leser dieses Buches vorstellen?
G.K.: Als mich dann der Orthopäde wegen meiner Nackenstarre nach meiner Berufstätigkeit fragte, mußte ich verraten, daß ich Autor bin. Daraufhin meinte er, leider käme er nie dazu, Romane zu lesen. Abends schliefe er schon regelmäßig über den Fachzeitschriften ein, mit denen er versuche, sich auf dem neusten Wissensstand zu halten. Das glaube ich ihm bis heute gern. Ärzte wissen bestimmt besonders gut, welche Demütigungen die Fülle des potentiell Wißbaren uns heutzutage zufügen kann. Aus den Halbgöttern in Weiß ist längst der Halbwissende in Weiß geworden. Andererseits haben sich bei meinen Lesungen immer wieder Zuhörer als Ärzte geoutet. Dieses Bedürfnis, sich unmittelbar nach dem Genuß von Literatur zu seiner Profession zu bekennen, ist mir ansonsten bei keiner anderen Berufsgruppe begegnet. Es muß einen innigen Zusammenhang zwischen Literatur und Heilkunst geben. Dafür spricht auch, daß es so viele schriftstellernde Mediziner gab und weiterhin gibt.
N.N.: Wie haben Sie als medizinischer Laie für die Darstellung der Fälle, die in der Praxis ihrer Romanärzte auflaufen, recherchiert?
G.K.: Ich habe erneut der Versuchung der Recherche widerstanden, obwohl mir das Internet diese Abstinenz von Tag zu Tag ein wenig schwerer macht. Aber aus der Anfangszeit meines Schreibens weiß ich noch, daß all das, was man vordergründig für den eigenen Schreibzweck an Wissen zusammenhamstert, umgehend seine eigenen Zweckhaftigkeiten entfaltet. Das kodifizierte, das in Text, Zahl und Bild gebrachte Material ist nicht so günstig halbtot, wie wir es für unsere jeweiligen Absichten gerne hätten. Wer glaubt, seinen Roman mit einer Armee aus dienstbaren Datensklaven schreiben zu können, wird entweder von ungut abgestorbenem Wissen, von einer Art Leichengift, vergällt, oder virulent gebliebenes Wissen beginnt im Gehirn des Herrn Schriftstellers seinen eigenen Text zu generieren.
N.N.: Na, aber irgendwo müssen sie Ihr Material doch hernehmen!
G.K.: Ich nehme es aus der inneren Erfahrung, aus dem chronischen Umgang, den mein mentales System mit bestimmten Inhalten treibt. Meine Mutter hat mir, als ich ein kleiner Stöpsel war, eine Arzt-Anekdote aus ihrer Mädchenzeit erzählt. Sie war arbeitsdienstverpflichtet in einer Lazarettstadt im Schwarzwald. Im Lauf der Jahrzehnte gab es immer wieder mal Gelegenheiten an diese Geschichte zu denken. Und jetzt bei SÜNDE GÜTE BLITZ kam der gut durchwurmte Humus dann auf das Beet des Romans. Erzählen sie mir doch aus etwas! Vielleicht kompostiert mit der Zeit in meinem Kopf Erfahrung daraus. Erfahrung und Wissen sind halt nicht dasselbe.
N.N.: Das versteh ich nicht ganz. Sind Sie ein Wissensfeind?
G.K.: Wissensfeind? Das wäre eine heroische und zugleich närrische Position, das hieße, mit dem Griffel gegen Windmühlen anrennen. So weit will ich es nicht treiben. Als Geschichten-Erfinder ist einer schon Held und Narr genug. Übrigens kann auch ich mich der Erotik der wissenschaftlichen Sphäre, dem Sog der momentan dominanten naturwissenschaftlichen Systeme, nicht entziehen. Die Medizin ist die klammheimliche, an manchen Orten schon die frech manifeste Leitwissenschaft unserer Kultur. Von ihr erwarten wir mittel- wie kurzfristig das handfeste, das körperfeste Heil, von der neuen Nase bis zum lang vergeblich ersehnten Kind. Über meinen Lieblingsseiten in den großen Zeitungen steht WISSENSCHAFT UND TECHNIK, NATUR UND WISSEN oder MOTOR UND TECHNIK. Auf letzterer können Sie inzwischen neben dem klassischen Autotest auch etwas über die neusten künstlichen Kniegelenke finden ...
N.N.: Verstehen Sie denn alles, was da steht?
G.K.: Natürlich nicht. Keiner versteht alles, was auf diesen Seiten von Wissenschaftsjournalisten für Otto Normalversteher mehr oder minder geschickt aufbereitet wird. Aber den Sound, das Gesäusel der großen Versprechung, nehme ich wahr, und ich lasse mir diese Musik durchaus gefallen.
N.N.: Wenn Sie sich schon nicht als Wissensfeind outen wollen, geben Sie mir dann wenigstens Recht, wenn ich Sie einen Wissensskeptiker nennen?
G.K.: Skeptizismus? Damit könnte eine praktische Tugend gemeint sein: ein notorischer Wille zum Zweifeln, der einem Handelnden, zusammen mit Mut und Ehrlichkeit, von Fall zu Fall gut zu Gesicht steht. Aber Skepsis taugt fast ebenso gut als schickes Deckmäntelchen für Bangen, Zaudern und feiges Stillhalten. Ich will es, da Sie mich anscheinend für einen Verschweiger halten, mal mit einem Bekenntnis versuchen: Am liebsten ist mir die Dämmerung des Wissens. Auf der einen Seite mag ich ein Wissen, das gerade erst aufgeht, und in seinem dunstigen Aufstieg noch gar nicht klar zu begreifen ist. Und am anderen Ende der Welt finde ich meinen zweiten Liebling: das allmählich untergehende Wissen, jene Kenntnis von Gott und Welt, die ihre große Zeit gehabt hat und nun noch ein Weilchen im Zwielicht des Aberglaubens, des Lächerlichen, des Obskuren herumtapst. Da zieht es mich hin. Dort, am Anfang und am Ende unseres langen-langen Wissenstages, schlägt die Stunde meiner Literatur ... (...)