Georg Klein
Schwarzer Blitz
Gerechtigkeit
Isabel Allende versucht sich an Zorro
Zorro ist wahrlich ein Held - so unverwechselbar eigen, dass die Nennung seines Namens ausreicht, um sein Bild in uns aufflammen zu lassen, so allgemein, dass jeder, der einen heroischen Nerv besitzt, von der Erzählung seiner Taten elektrisiert wird. Schon Douglas Fairbanks, dem Stummfilmstar der zwanziger Jahre, faßte das Heldentum des schwarzen Reiters sogleich ans Herz, als er 1919 auf Hochzeitsreise den Fortsetzungsroman The Curse of Capistrano, von Johnston McCulley in der Zeitschrift Argosy's All Story Weekly las.
Fairbanks Leinwandadaption "The Mark of Zorro" aus dem Jahre 192O bedeutete den spektakulären Auftakt jener großen multimedialen Forterzählung, an deren vorläufigem Ende nun Isabel Allendes global propagierter Roman ‚El Zorro. Comienza la leyenda' steht. Allende hat sich vorgenommen, die ersten zwanzig Jahre von Zorros Leben zu schildern, will also zeigen, wie Zorro zu Zorro wurde. Ein fragwürdiges Unterfangen. Denn was kann ein Held, den jeder schon glücklich fertig im Kopf hat, noch dazugewinnen, wenn ihm nun auch noch eine Kinderstube und eine Pubertät nachgereicht werden? Arg durchsichtig und unübersehbar mühsam bastelt sich Allende aus historischer Recherche und folkloristischer Spiritualität, aus indianischem Kräutersud und spanischem Pulverdampf, diese Vorgeschichte zusammen. Und bestimmt werden viele ihrer treuen Leser aufatmen, wenn es nach 180 Seiten Zeilenschinderei mit den Mitteln des Magischen Realismus endlich so weit ist: der sechzehnjährige Protagonist darf als halbwegs fertiggebackener Zorro auf Bildungsreise in Barcelona seine erste echte Heldentat vollbringen.
Der Roman bekommt Fahrt. Denn im weiteren kann sich die Autorin endlich auf jene drei symbolische Elemente stützen, deren Zauber weder die Knochenmühle der Comic-Verwertung noch das Sandstrahlgebläse der Fernsehserien vernichten konnten: die schwarze Maskierung des Helden, seine sagenhaften Degenkünste und das Zeichen ‚Z', das Zorro in die Gesichter der Bösewichter ritzt. Und in der Mitte dieses magischen Dreiecks aus Maske, Waffe und blutiger Namensrune steht als deren Kraftzentrum eine Tugend: die Liebe zur Gerechtigkeit.
Damit wird es aber auch erzählerisch erst wirklich ernst. Denn gerade die drei Elemente, von denen die heroische Tat zehrt, sind durch die Umstände, unter denen sich die Abenteuer Zorros vollziehen, beständig in ihrer Glaubwürdigkeit bedroht.
Zorro führt wie viele Superhelden nach ihm eine Doppelexistenz. In den Augen der Öffentlichkeit ist er der junge Großgrundbesitzer Don Diego Vega, ein reicher, harmloser Müßiggänger. Aber diejenigen, die täglich vor ihm den Sombrero ziehen, sind stets wie von Blindheit geschlagen, wenn sich die wohlbekannten Züge Don Diegos hinter schwarzem Taft verbergen. Beliebig oft läßt sich diese Umwelt, sobald die Klingen sich kreuzen und sogar wenn sich Lippen zum Kuß finden, hinters Licht führen.
Ähnlich fragwürdig wie die Wirksamkeit von Zorros Maskierung ist die Macht seiner Waffe. Seine Abenteuer spielen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im damals noch mexikanischen Kalifornien. Genau in dieser Zeit beginnt Samuel Colt mit dem Vertrieb des gleichnamigen Revolvers, und auch die weiter gebräuchlichen einschüssigen Pistolen und Gewehre sind treffsicher und seit Einführung der Zündplättchenpatrone schnell nachzuladen. Immer wieder hat Isabel Allende gleich vielen literarischen und filmischen Vorstreitern ihre liebe Not damit, Zorros magischen Degen "Justina" in den Zweikampfszenen über diese "unwürdigen", aber bei den Bösewichtern allgegenwärtigen Distanzwaffen obsiegen zu lassen.
Wenn die Heldentat so, durch die bloßen Umstände der Handlung, an die Klippe der Lächerlichkeit geführt wird, zeigt sich die triviale Klasse eines Autors, sein Gespür für Spannung, Tempo und ästhetische List. Johnston McCulleys straff komponierte Zeitschriften-Episoden besitzen die nötige Wucht bis heute. Die literarisch weit ambitioniertere Allende kommt unübersehbar an die Grenze ihrer erzählerischen Möglichkeiten. Leichter als Maske und Degen scheint Zorros Zeichen, das schmissige ‚Z' gegen den Rostfraß des Zweifels geschützt. Und wer heute in McCulleys über achzig Jahre altem Urtext liest, wie Zorro den Schindern wehrloser Indianer Wange oder Stirn aufschlitzt, begreift für einen jeder Vernunft vorauseilenden Moment, dass ein Unrecht, das zum blanken Himmel geschrien hat, eine Antwort verdient, die ein vergleichbar offenkundiges Zeichen setzt.
Isabel Allende zögert diesen wichtigen Akt lange hinaus. Erst am Ende des Buches als ein Oberschurke Zorros alten Vater fast zu Tode mißhandelt, wird er von Zorro blutig geritzt. Aber mehr geschieht ihm, gewiß zum Bedauern vieler Leser und auch zu meinem, nicht. Allende erspart es ihrem Helden noch in der allerletzten Kampfrunde des Romans, den Degen in das Herz eines Feindes zu senken.
Dies ist vermutlich gutgemeint, schadet jedoch dem Kraftzentrum des Ganzen: der Frage nach dem Vollzug der Gerechtigkeit. Die Welt, die Allende entwirft, strotzt geradezu von Ausbeutung, Grausamkeit und Totschlag. Gewalt gegen Arme und Wehrlose wird in jedem Kapitel in eindrückliche Szenen gebannt. Die jeweiligen Machthaber scheinen per se die Verkörperung von zerstörerischer Habgier und sadistischer Bosheit. Diese nahezu totalitäre Dominanz des Bösen verengt den Spielraum des Helden: Er operiert als eine Art Guerilla, solo oder mit wenigen verschworenen Verbündeten. Nur mit Verkleidung, List und Schnelligkeit kann er winzige, grelle Blitzlichtpunkte ausgleichender Gerechtigkeit in das rundum düstergemaltes Szenario setzen. Man müßte nur von Tarnung, Desinformation und technologischer Spezialisierung sprechen, und schon rückte dieser charismatische Einzelkämpfer in die Nähe des Terroristen aus Überzeugung.
Innig eng schmiegen sich in der Gestalt eines solchen Helden das ohnmächtige Aufbegehren und das Monströs-Hybride aneinander. Unvermeidbar balancieren gerade seine schönsten Heldentaten auf dem Grat zwischen heroischem Kraftakt und aberwitziger Selbstjustiz. Vor allem im Film hat man immer wieder versucht diese moralische Spannung ins Komische aufzulösen. Und bereits bei McCulley hat Zorros Alter ego, der tollpatschig schrullige Don Diego, Züge einer Zorro-Parodie. Aber was ist das für eine Gerechtigkeit, die angesichts eines frechgeil aufprotzenden Bösen in faule Witze ausweicht oder wie in den Zorro-Trickfilmen für unsere Kleinen den dümmlichen Repräsanten des Übels nur Triangel in die Klamotten schlitzt? Zumindest die Flucht in den Ulk kann man Allendes umständlich zusammengepuzzeltem und weitgehend uninspiriertem Buch nicht vorwerfen.
Zorro ist ein großer fragwürdiger Held. Und gerade weil diese grandiose Figur einen todernsten Kern besitzt, weil sie dazu verurteilt ist, im Höhenrausch der Gerechtigkeitsgier unvermutet an die Wurzeln des eigenen Bösen zu rühren, harrt dieser Stoff weiterhin einer Bearbeitung, die Zorros wahre Schwärze aufglänzen ließe. Wir erwarten eine schriftstellerische Feder, die Zorros Degen an Beweglichkeit und Schärfe gleichkommt und die auch unserer Stirn, unserem arg stumpf gewordenen Gespür für die Gewalt der Gerechtigkeit, ein aufreizendes Zeichen setzt.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)