Georg Klein

Die Hölle der Autoren

(ein poetologischer Versuch)

Gewiß müssen wir, um auf Abwege zu geraten, nicht unbedingt einem begegnen, der uns auf Abwege bringt. Die Bahn des Lebens ist schon krumm und schief genug. Auf jeder Kreuzung kann es uns in flottem Lauf oder bei einem tollpatschigen Bremsversuch hinaus aus der Spur und hinüber in eine übel beleumundete Seitenstraße tragen, wo uns die jeweilige Gosse und ihre Geschöpfe erwarten.

Falls jedoch mit Glück ein veritabler Verführer zur Hand ist, wenn schlimme Absicht den Zeigefinger krümmt, wenn der dazugehörige Daumen eindeutig nach links weist, wäre es eine Kraftvergeudung ersten Ranges, ja ein Frevel gegen eine der wenigen männlichen Tugenden, gegen die Kühnheit, dem so lockenden Kerl einen Korb zu geben und unverführt auf den alternativen Irrweg, nach rechts oder halbrechts, hinüberzuschlittern.

Daher gefiel es mir als sechzehnjährigem Jüngling, im Jahr des Herrn 1969, auf einem zentral gelegenen Friedhof meiner Heimatstadt endlich mit einem älteren Drogenfreak bekannt zu werden, über den man mir bereits Merkwürdiges berichtet hatte. Der kalte Oktobernachmittag trübte sich früh, einhellig schlotterte unser Grüppchen in den damals obligatorischen Baumwolljacken, den sogenannten Parkas. Meiner war schwarz, besaß ein dunkelrotes Teddyfutter und bot weit mehr Stauraum, als ich nutzen konnte. Mein Geld trug ich lose in der linken Hosentasche, den Schlüssel zur elterlichen Wohnung in der rechten. In meinem Parka befanden sich in der Regel nichts als Papiertaschentücher, deren einzige Aufgabe es war, Krümel und Feinstaub zu absorbieren - den Weltabrieb eben, so wie er in der Menge, die meiner Oberfläche angemessen ist, schon damals auf mich niederging.

Der Kerl, mit dem ich nun ins Gespräch geriet, hatte eine sehr große, sehr schmale, aberwitzig wundgeschneuzte Nase. Und während sich unsere Blicke kreuzten, fragte er mich so penetrant süßlich, wie ich es bald an ihm gewohnt sein sollte, ob ich ihm nicht ein Papiertaschentuch überlassen könnte, ja ob ich ihm nicht die ganze – Da! In der rechten Außentasche meines Parkas! - verborgene Packung schenken wolle. Sie sei ja schon angebrochen und zudem schlimm angestaubt.

Ich hatte gehört, daß er allerlei obskure Faxen, auch hellseherische Tricks auf Lager hatte. Und mir gefiel, was da an mir zur Anwendung kam. Also hielt ich dem raubvogelartigen Starren seiner eng beieinander stehenden Augen stand und griff mit der hochmütigen Beiläufigkeit, zu der sechzehnjährige Gymnasiasten fähig sind, in die Tiefe meiner Jacke. Meine Fingerspitzen fuhren über den Umschlag des Taschenbuches, das ich gerade las, und wie ich das dahintergeklemmte Tempo-Päckchen erfaßte, zischelte mein Gegenüber, das Druckwerk möge ich doch bitte-bitte stecken lassen. Mit dessen Verfasser habe er zwar noch ein Hühnchen zu rupfen, aber für die eines Tages unumgängliche Abrechnung sei die Zeit noch nicht reif.

Ich nenne ihn im folgenden A.Z. A Punkt. Z Punkt. Das sind die Initialen seines wirklichen Namens. Damals als wir uns kennenlernten, versuchte er allerdings gerade vergeblich, einen lästigen Spitznamen loszuwerden. Es war der Familienname just jenes Dichterphilosophen, dessen populärstes Werk ich in preiswerter Ausgabe bei mir trug: Also sprach ZaratHustra war seinerzeit als Goldmanns Gelbes Taschenbuch für 2 Mark und 40 Pfennig zu haben.

Daß A.Z. auch an diesem Friedhofsnachmittag erdulden mußte, mit „Du, Nietzsche“ angeredet zu werden, lag an der Enttarnung, deren Opfer er erst vor kurzem geworden war. Eine nicht-kiffende Theologiestudentin, die reine Neugierde in unsere Kreise geführt hatte, hörte sich A.Z.’s Reden eine Weile aufmerksam an und meinte schließlich, es sei schon beeindruckend, wie viele Nietzsche-Sprüche er einfach so aus dem Ärmel schütteln könne.

Für A.Z.’s Gefolgschaft – ein Dutzend minderjähriger Jünglinge und Maiden himmelten ihn an – bedeutete dies eine arge Überraschung, waren sie doch bisher davon ausgegangen, ihrem Guru blitzten diese Sentenzen als Selbstentladungen durch das Denken, und sie hätten, an seinen Lippen hängend, Anteil am Donnerhall der genialen Momente.

Trotz der erlittenen Ernüchterung hielt man ihm weiter die Treue. Aber seitdem seine Originalität in die Literaturgeschichte geerdet worden war, mußte A.Z. damit rechnen, daß er, auch ohne besonderen Anlaß und mehr oder minder spöttisch, mit ‚Nietzsche’ tituliert wurde. In der Regel verbat er sich dies gelassen, oft zog er sogar nur eine säuerliche Miene. Allerdings durfte ich bald nach unserem Kennenlernen auch mitansehen, wie A.Z. wegen der üblichen kleinen Verhohnepiepelung einen schönen, blondgelockten Kommunarden, einen Pionier des biodynamischen Landbaus, an der langen Theke der Diskothek PARADISE mit einem Faustschlag ins Gesicht zum Schweigen brachte.

Ins PARADISE brachen wir vom Friedhof aus auf. A.Z. hielt unsere Unterhaltung am Laufen und fragte mich plötzlich, vielleicht weil ich recht zügig ausschritt, ob ich Sportler sei. Dies wollte ich nicht bestreiten. War ich doch im zurückliegenden Sommer, bei den Leichtathletik-Kreismeisterschaften trotz meiner bescheidenen Größe Zweiter über 400 Meter Hürden geworden und hatte zwei Stunden später als Schlußmann der selten gelaufenen 3 x 1000 Meter Staffel sogar einen ersten Platz herausgeholt.

A.Z. nahm meine Schattenexistenz als Leichtathlet nachdenklich kopfschüttelnd zur Kenntnis. Und dann meinte er, die Stimme zu einem bedeutungsschwangeren Flüstern senkend, er werde mich fortan ‚Body’ nennen. Mir sei gewiß bekannt, daß dies auf Amerikanisch ‚Körper’ bedeute. Er wähle die Vokabel allerdings nicht, um mich in meinem sportlichen Ehrgeiz zu bestärken. Ganz im Gegenteil: die absichtsvoll alberne Bezeichnung ‚Body’ solle mich wie ein Widerhaken daran erinnern, daß ich – er klopfte an meine Parkatasche und damit auf den verborgenen Pappumschlag des Goldmann-Bändchens - daß ich - jetzt fauchte er mir feucht ins Ohr – daß einer wie ich nicht zum muskulären Exzeß, daß ein so unüberhörbar Begabter aussschließlich zur sprachlichen Ekstase, daß ich, Body, um es auf den Punkt zu bringen, zum Schriftsteller berufen sei.

Inzwischen, dreieinhalb Jahrzehnte später, wundert mich schon ein wenig, daß es das Paradise wirklich gab. Die Diskothek lag ausgerechnet visàvis des Augsburger Kreiswehrersatzamtes. In dessen Jahrhundertwendebau, einer ehemaligen Kaserne, sollte man bald darauf meine körperliche Eignung für den Wehrdienst prüfen. Und dort, wo man meine Tauglichkeit für alle Waffengattungen feststellte, wurde dann auch das von A.Z. erkannte mentale Vermögen einem ersten Härtetest unterzogen. In einem Sitzungszimmer des Kreiswehrersatzamts trat ich zu einer Art Poetry Slam an. Eine geschlagene Stunde galt es vor drei tückisch gestimmten Preisrichtern über vorgegebenen Motiven zu improvisieren. Die Juroren waren sehr gut, ich war so gut wie gar nicht vorbereitet. Die anderen Kandidaten dieses Vormittags, darunter auch zwei Klassenkameraden, hatten sich beraten lassen und wichtige rhetorische Figuren sogar miteinander eingeübt. Für solche Probedurchgänge war ich sowohl zu schüchtern, als auch zu stolz gewesen. Aber als dann die Hatz begann, begriff ich, der talentierte Hase, schnell, in welche Sackgassen man mich treiben wollte. Also schlug ich die nötigen Haken. Ich phantasierte und schwadronierte. Ich ließ mir wahrlich etwas einfallen. Und während ich mit einer im Brustton heiliger Nüchternheit vorgetragenen Lüge meinen Hals aus einer letzten, besonders raffiniert geworfenen Schlinge zog, dämmerte mir erstmals, wie tief jedes Erfindungsvermögen, auch das meine, von der blanken Not oder von einem schnöden Zweck gezogen, zu sinken bereit ist.

Aber diese erste halböffentliche Korruption meiner Kreativität schlummerte noch in der Zukunft der Örtlichkeit, als ich und A.Z. vor dem Paradise eintrafen. Ich wußte ja noch nicht einmal, daß der brütend geduckte Backsteinbau auf der anderen Straßenseite das Kreiswehrersatzamt war, geschweige denn, daß dort die Gewissensprüfungen auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer abgehalten wurden. Im rot-orangen Schummer der Diskothek hielt sich A.Z. weiter an meiner Seite. Und weil ihm wichtig war, daß ich nicht gering von ihm dachte, begann er, während er uns ein Pfeifchen stopfte, zu erzählen, wie es sich mit ihm und Friedrich Nietzsche verhielt.

Er wisse wohl, daß das Gerücht gehe, er habe sich mit falschen Federn geschmückt. Da die Falschredner jedoch ausnahmslos grünschnäbelige Gymnasiasten seien, es also gar nicht besser wissen könnten, verzichte er in der Regel darauf, sie zu züchtigen. Er habe keine höhere Schule besuchen können, habe schon in meinem Alter Mutter und Schwestern mit eigener Hände Arbeit ernährt. Für wie alt ich ihn denn halte, und ob ich nicht auch mal an der Pfeife ziehen wolle.

Schnell nahm ich dieselbe in den Mund, saugte lange an ihr, allein schon, um die verlangte Altersschätzung hinauszuzögern. Aber dann war es infolge der inhalierten Wirkstoffe noch schwieriger geworden, die Tiefe der Falten in A.Z.’s Gesicht in Lebensjahre umzudeuten. Auf dem Friedhof hätte ich ihn nach dem fahlen Gelb seines Teints, der Großporigkeit seiner Nasenflügel und angesichts der pechschwarzen Haarbüschelchen, die sich aus seinen Ohren kräuselten, auf mindestens Dreißig geschätzt. Aber nun im Paradise war all dies orange-rot versiegelt und erinnerte mich in seiner plastischen Glätte zwanghaft an die Büsten, die ich am selben Tag in der Fußgängerzone vor Woolworth gesehen hatte. Deutsche Dichter- und Komponistenköpfe waren in das Quadrat einer Wühlkiste gepfercht gewesen. Locken und Stirn. Nase und Kinn. Unter dem historischen Kragen ein schmaler, übermäßig stark gewölbter Streifen Brust. Alles aus einem elfenbeinfarbenen Plastik gegossen. Trügerisch schwer wog jedes Exemplar in der Hand, als wäre ein Batzen Blei unter dem edeltuenden Kunststoff verborgen. Beinahe hätte ich für einen Spottpreis das Antlitz samt der Blähbrust eines taiwanesichen Schillers erstanden.

Mit Nietzsche und ihm, verriet mir A.Z., habe es folgendes auf sich: Der Philosoph und er seien durch eine Zeitschleife aneinander geraten. Zunächst sei ihm gänzlich dunkel gewesen, was der Kerl denn wolle, der sich regelmäßig in seine Träume mogelte und bald auch bei Tage, so er einsam sein Pfeifchen rauchte, im stets gleichen Kostüm vor ihm erschien. Endlich, nach langem, grimassierenden Herumgedruckse, habe sich der schnauzbärtige Fremde mit „Ich bin Dein Friedrich“ vorgestellt, und sogleich sei man in das erste von vielen Gesprächen verwickelt gewesen. Hundert Stunden und mehr habe man in der Folgezeit zusammengesessen und auf Augenhöhe über Gott und den Rest der Welt debattiert. Bald brachte Friedrich ein würziges Bier mit und luftgetrocknete Würste, die ihm seine Familie per Post aus Sachsen nachschickte, wohin immer er auch reiste. Wenn er, A.Z., frühmorgens aus einem solchen Disput erwacht sei, habe er beides, Wurst wie Bier, noch frisch im Munde geschmeckt.

In große Einsamkeit geraten, hatte sich dieser Friedrich unbändig nach einem ebenbürtigen Gesprächspartner gesehnt, und wie sich seine und unsere Zeit in einer Schleife übereinanderlegten, war der Abstand, den die sympathetische Energie überbrücken mußte, hinreichend gering. Abrupte Entladung. Lichtbogen. Anhaltender Energiefluß zwischen zwei Brüdern im Geiste. Ob ich, Body, mir dergleichen überhaupt vorstellen könne.

Mein Nicken genügte ihm. In der Tat waren mir Zeitschleifen und Jahrhunderte überbrückende Kurzschlüsse aller Art aus den Science-Fiction-Romanen, von denen ich einige Kilo besaß, hinreichend vertraut. Eigentlich ein wahres Wunder, eigentlich schade, daß meinem Geist dergleichen noch nicht geschehen war. A.Z. las diesen Gedanken in meiner Miene. Er nickte verständnisvoll,  wies mich jedoch sogleich darauf hin, daß meinem jugendlichen Ego dafür auch erspart geblieben sei, was er nun bitter zu beklagen habe. Dieser Friedrich, den er als seelenverwandten Bier- und Wurstverzehrer scheinbar gut zu kennen glaubte, war drüben, in seinem 19.Jahrhunderts, unter dem Namen ‚Nietzsche‘ mit der Abfassung sogenannter Werke beschäftigt. Ungeniert habe er hierzu auf den Ertrag ihrer Treffen zurückgegriffen. Geschickt habe er  alle Fragen, die ihn, den elend blockierten Skribenten, übermächtig bedrängten, in ihre Gespräche eingebracht. Ganze Sätze, ganze Passagen, die A.Z. nichts ahnend Friedrichs Ohr und seinem tückisch guten Gedächtnis anvertraute, seien in die parallel zu ihren Treffen entstehenden Schriften eingefügt worden. Von dort hatten sie sich auf linearen Zeitweg gemacht, um A.Z. schließlich ausgerechnet von den Lippen einer angehenden Pastorin, gekoppelt an den Vorwurf, ein Plagiator zu sein, höhnisch fremdelnd entgegenzuhallen.

Dies sei die ganze Wahrheit.

A.Z. sagte damals im Paradise: „Das ist die ganze historische Wahrheit.“ Wie von einem Metzger sei sein Geistig-Fleisch von diesem Nietzsche in Textkonserven verwurstet worden. Ob ich, der werdende Dichter, die wahren Zusammenhänge nicht für den Rest der Welt und für die Nachwelt, um deren Urteil er sich wirklich sorge, aufschreiben wolle. Es müsse kein Roman sei. Ein Novelle genüge, um das Unerhörte in einen festen Rahmen zu fassen. Ihm wäre damit zu einer gewissen Genugtuung verholfen. Und mir, der außer den läppischen Versen, die da in meiner Tasche auf die hintere Umschlaginnenseite meines Zarathustra gekrakelt seien, bis jetzt so gut wie nichts verfaßt habe, mir hinge damit eine bedeutende, eine meine ungenutzte Energie verheizende Aufgabe am Halse.

Ich solle nur recht bald damit beginnen. Noch sei ich günstig grün, hinreichend unbedarft. Kein Schriftsteller sehe voraus, wann und wie lange das, was er nach und nach als Wissen erwerbe, die sogenannte Tradition, die richtige Dünnflüssigkeit besitze, um, schwimmend in ihr, ein Werk zu vollenden. Gerade die starken Flossen und Schwänze tobten gern exzessiv im Süßrahm des Gewußten herum. Dabei schlügen sie ihr Medium allmählich fest, und schließlich gebe es kein Vorankommen mehr, kein Entkommen aus dieser der eigenen Kraft geschuldeten, geisttötend steif gewordenen Sahne.

Währenddessen nahm die Discokugel über der noch leeren Tanzfläche ihre Arbeit auf. Zum ersten Mal bemerkte ich, wie unregelmäßig groß die Spiegelstückchen waren, die nun weiße Pocken über A.Z.’s  orangegetönte Wangen wandern ließen: Als würde man echten Abfall, die Scherben und den Verschnitt einer Spiegelproduktion, zum Bekleben solcher Globen verwenden. Zudem war die Rotation unrund. Die Achse, die dort oben, unter der Decke, aus einem dreckverklebten Elektromotor ragte, mußte irgendwann einen Schlag abbekommen haben. Ein wahres Wunder, daß dieses Eiern jeden Abend in Gang kam und die ganze Nacht hindurch anhielt.

Ich versprach A.Z. über die Sache mit Nietzsche nachzudenken, insgeheim jedoch hatte ich seine Bitte bereits abgelehnt. Wieso sollte ich mich in der Blüte meiner Jugend auf die Seite eines offensichtlichen Verlierers schlagen. Mein geliebter Nietzsche, Plagiator unter Plagiatoren, hatte ihn unumkehrbar ausgetrickst. Und ich, selbst von althergebrachter Bedeutung umstellt, von aufdringlichen Bedeutungsaposteln umzingelt, genoß es, zumindest A.Z.’s Geltung in Absturzgefahr, im Niedergang, ja eigentlich schon am Boden unserer Zeit zerschellt zu wissen.

Die Discothek Paradise fiel noch im selben Winter der ersten Drogen-Razzia, die über die Bühne meiner Heimatstadt ging, zum Opfer. Ich wurde nicht Zeuge oder gar Leidtragender dieser Premiere, weil ich am selben Tag bei den Bezirkswaldlaufmeisterschaften auf schneebedeckter Bahn gestürzt war und mich eine üble Knieprellung am abendlichen Ausgehen hinderte. Als ich einige Tage später auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbeihumpelte, war der Ort, an dem ich so viel über den Schwarzhandel des Wißbaren erfahren hatte, bereits entkernt. Die gesamte Inneneinrichtung lag als ein erbärmlicher Haufen auf dem Gehsteig. Geborstene Rigipsplatten. Aufklaffende Schaumstoffsitzpolster. Himmelwärts ragend, die lächerlich gedrechselten Beine der Barhocker. Fleckige Bahnen braunen Teppichbodens. Mir war erzählt worden, wie tapfer A.Z. seiner Festnahme Widerstand geleistet hatte. Noch als er, niedergeworfen und mit Handschellen gefesselt, nicht mehr um sich schlagen konnte, hatte er die Beamten, deren Knie er in Nacken und Rücken spürte, mit starken Sentenzen traktiert.

Ich ging über die Straße, um einen Blick auf das Gerümpel zu werfen. Erstmals wandte mir die Theke ihre Rückseite zu. Ich bückte mich in ihre Höhlung und sah die grünspanbeschlagenen Wurzeln der Zapfhähne aus der Fläche ragen, deren Aluminiumblech auch von meinen Parka-Ärmeln poliert worden war. Unten aber hatte sich, anhaftend an das ungestrichene Holz, eine Schicht aus Ablagerungen gebildet. Was hier, quasi kopfüber, klebte, mußte sich aus der Atmosphäre des Paradise niedergeschlagen haben. Der Belag sah aus wie Harz, gelblich und halbdurchsichtig. Als ich vorsichtig mit einem Papiertaschentuch darauf tupfte, erwies er sich als hart, aber auch als so klebrig, daß Zellulosefasern haften blieben. Ganz innen, in der Kniekehle der Thekenfront, schien die Substanz wie das Glas mittelalterlicher Kirchenfenster in unendlich zäher Viskosität zu flachen Tropfen abgeflossen. Ich bückte mich ihnen, soweit es mein lädiertes Knie zuließ, entgegen. Ich spürte jene Vergangenheitssucht, die ich haßte, gerade weil sie, sobald meine Zuversicht schwächelte, auch in mir ein pompöses Unwesen trieb. Schon ärgerte mich mein Unter-die-Theke-Gaffen. Vielleicht spekulierte es nur darauf, in einer dieser Bernsteinlinsen ein prähistorisches Insekt, eine bis auf das letzte Beinchen erhaltene Kellerassel des Paradise, dingfest zu machen.

Ziemlich genau siebzehn Jahre später, im novemberlich rauchigen Neukölln des Jahres 1986, nahm die Sache mit einem dreimaligen Tuten meines Telefons ihren Fortgang. Ich hatte mir den ersten Anrufbeantworter meines Lebens angeschafft und genoß das technologisch erschlossene Laster, zunächst meiner Ansage und dann dem Aufsprechen der Anrufer zuzuhören. Aber kaum war der von meiner Stimme angekündigte Signalton verklungen, forderte ein penetrant näselndes Organ einen gewissen ‚Body’ auf, das geile Gelausche sein zu lassen und gefälligst an den Apparat zu gehen.

Als ich ihm eine Stunde später in einem Café gegenübersaß, war es mir schon nicht mehr peinlich, daß A.Z. mich, als spielten die anderthalb Jahrzehnte, die wir uns nicht gesehen hatten, keine Rolle, erneut mit dem Namen anredete, den er mir seinerzeit aufzuprägen versucht hatte. Body hin, Körper her - ich glaubte mir eine gewisse Gelassenheit, Großzügigkeit, ja Überheblichkeit leisten zu können. Denn er, der einstige spirituelle Duzfreund Nietzsches, sah erbärmlich aus. So gotterbärmlich heruntergekommen, daß ich vermied, ihm in sein noch schmäler und spitzer, fast geierartig markant gewordenes Antlitz zu schauen. Stattdessen pendelte ihm mein Blick über Brust und Schultern. Und da es in der Gaststätte modisch grellhell war, kam ich nicht umhin, bis ins Detail, bis in Gewebe, Naht und Reißverschluß, zu erkennen, in welch bizarrem Aufzug er zu unserem Wiedersehen erschienen war.

 A.Z. steckte in einem einstmals wohl mattrosa gewesenen Overall, der durch starke Verschmutzung etwas ungut Glänzendes, ja Fleischfarbenes angenommen hatten. Das Stück bestand - und dies, nicht seine Unreinheit, war das Schockierende! - aus keinem gängigen Textil, sondern aus einem festen, kaum knitternden, vermutlich sogar wasserabweisenden Papier. Mir war bekannt, daß solche Anzüge für Werbeveranstaltungen ausgegeben wurden und dabei allenfalls wenige Tage zum Einsatz kamen. Mein Gegenüber mußte sein Stück wochenlang getragen haben.

Er wisse wohl, meinte A.Z., wie er aussehe. Aber nach der Dusche, die er sich bei mir gönnen wolle und in den Kleidern, die ich ihm aus meinem Fundus zu Verfügung stellen würde, wäre sein Anblick bestimmt leichter zu ertragen. Andererseits solle mich seine momentane Zerrüttung auch auf das einstimmen, was es gemeinsam anzugehen gelte. Er sei unterrichtet. Er habe auf dem bestmöglichen Wege, auf kosmischem Pfade, die nötigen Erkundigungen über mich eingezogen. Faulheit könne man mir zwar nicht vorwerfen, bliebe es allerdings bei einem spießig-fleißigen Weiterwursteln, würde ich auch in kommenden Vollmondnächten noch manch ein Romanmanuskript im Müll versenken müssen.

Damit war das Nötige gesagt. Ich biß mir vor Ärger auf die Zunge. Aber ich gab mir Mühe, weiterhin blasiert freundlich auf A.Z.’s speckige Brust zu schauen oder über eine seiner schinkenartig schillernden Achseln die chic abgeschlagene Wand, die mit Klarlack versiegelten Altberliner Backsteine hinter seinem Rücken zu fixieren. Keine drei Tage lag es zurück, daß ich bei Mondschein zwei pralle Leitz-Ordner, einen ins Reine geschriebenen Romantext und diverse Vorarbeiten, in die Mülltonne meines Neuköllner Hinterhofes entsorgt hatte. In meiner Heimatstadt konnte dies niemand wissen. Aber vielleicht war A.Z. schon länger hier, womöglich hatte er mich über die niedrige Mauer, die meinen Hinterhof gegen den Rest der Welt abgrenzte, bei meiner Romanabtreibung beobachtet.

„Na, keine Angst!“, flüsterte A.Z. und beugte sich so weit über den Tisch, daß seine Nase an mein Glas tippte.

„Keine Angst, Body. Das Gequäle hat ein Ende. Gleich weißt Du, worüber es sich wirklich zu schreiben lohnt. Hier ist dein Stoff!“

Wie in Zeitlupe, als gelte es die Zurschaustellung von etwas Aufregend-Schönem möglichst lange hinauszuzögern, griff A.Z. an den Reißverschluß seines Overalls. Ich hielt den Atem an, denn ich rechnete damit, daß mir mit dem Aufklaffen des überreifen Kleidungstücks ein entsprechend überreifer Geruch entgegenschlagen würde, wagte jedoch nicht mich zurückzulehnen. Aber als ich dann Luft holen mußte, stellte ich erleichtert fest, daß A.Z.’s nackte, knochenbleiche, in einem Mittelstreifen lockig schwarzbehaarte Brust nur einen schwachen, irgendwie süßlichen Duft verströmte.

„Siehst Du es?“, säuselte A.Z. und drehte die Augäpfel nach oben, als gebe es das, was ich mir anschauen sollte, für ihn an der mit Spiegelfliesen beklebten Decke des Cafés zu betrachten. Und weil ich kein Erkennen vermeldete, packte er meine Rechte und führte sie, rhythmisch drückend, über seinen Brustkorb.

Alles, alles sei abgelagert. Bei ihm habe sich alles auf den Rippen niedergeschlagen. Dies sei natürlich auch auf die Verunreinigung der eingenommenen Substanzen zurückzuführen. Aber essentiell reine Stoffe wären in dieser Welt vielleicht überhaupt nicht aufzutreiben. Seit einer Woche sei er in Kreuzberg und Neukölln auf der Suche nach jenem dienstbaren Verehrer, der ihn volle zwanzig Jahre per Post mit LSD und anderen halluzinogenen Drogen versorgt habe. Aber dessen Wohnung stehe leer. Wahrscheinlich halte sich der Gesuchte angstvoll vor ihm verborgen. Dabei wolle er ihm gar keine Vorwürfe machen, er wolle ihn nur wie mich ein wenig tasten lassen, nach den fossilen Schätzen, die sich bei ihm in den letzten Dekaden gebildet hätten. Ob ich sie gut spüren könne.

Als ich diese Frage mit „Ja“!, sogar mit einem nicht ganz ehrlichen „Ja, ja, ja!“ beantwortet hatte, gab A.Z. meine Hand frei, schloß jedoch nicht, wie ich, da das Café inzwischen rappelvoll war, gehofft hatte, seinen Overall, sondern begann sich mit allen zehn Fingern in einer Art Morserhythmus über die Brust zu trommeln. Das Wunderbare an diesen Rückständen sei ihre Lesbarkeit. Sein ganzes Leben habe sich lückenlos darin gespeichert. Fehlerfrei abnehmen könne den komprimiert codierten Text natürlich nur er selber. Die anderen, ich und der ganze Rest der Welt, seien auf eine der üblichen Umschriften angewiesen. Aber - „Keine Angst, Body!“ – eine solche lasse sich problemlos bewerkstelligen. In der Volkschule, auf der Johann-Wolfgang-Von-Goethe-Volksschule in Augsburg-Göggingen, die er volle acht Jahre lang besucht habe, sei er stets für die Deutlichkeit seiner Handschrift gelobt worden.

Schon saß er rittlings auf seinem Stuhl, krümmte sich über dessen Lehne der Wand entgegen. Und bereits bevor er zu erklären anhob, wußte ich, warum er mir seine papierüberspannte Kehrseite zuwandte. Mit Kugelschreiber, mit schwarzem und rotem Kugelschreiber, waren die Schulterstücke, waren das Rückenteil und sogar die Unterseiten der Ärmel von einem dichten Gekrakel verunziert. A.Z. hielt das von ihm Aufgemalte offenbar für Buchstabenfolgen, gewiß vermochte er selbst Wörter und Sätze daraus abzulesen. Aber jeder andere, vermutlich der ganze Rest der Welt, konnte nur Schleifen, sehr ähnliche, nahezu identische fingernagelhohe Schleifen, lückenlos aneinandergeschlungen, erkennen.

Das links oben seien, wie ich Schlaukopf bestimmt bereits im Überfliegen erfaßt hätte, Episoden aus seiner Jugend, vor allem Erinnerungen an seinen frühverstorbenen Vater, der zum Entsetzen des kleinen Sohnes ohne Beine aus dem Krieg zurückgekommen sei. Alles Wirklich-Wichtige, alles Wirklich-Wirkliche nehme im Krieg seinen Anfang. Nur durch beständige Rückbesinnung auf diesen Ursprung seien die phantastischen Unwirklichkeiten der ganzen langen Nachkriegszeit überhaupt auszuhalten gewesen. A.Z. kämpfte mit einem heftigen, immer erneut anschwellenden, hörbar vier volle Dekaden beklagenden Schluchzen. Ich aber war so leise wie möglich aufgestanden und hatte meine Geldbörse gezückt. Da ich nicht wußte, was er, der schon vor mir im Café gewesen war, getrunken und verzehrt hatte, legte ich meine gesamte Barschaft als eine Opfergabe an alle Götter der Zeitgeschichte zwischen unsere Gläser.

„Ich bin Dein Stoff! Body!“, hörte ich ihn noch seufzen, die Stirn auf den lackierten Backsteinen, während sich mein Körper einer Art Krabbengang, scheel nach vorne äugend, seitlich nach hinten tastend, Richtung Tür bewegte. Ich rettete mich in die Berliner Nacht. Und hinausgelangt in diese Gegenwart fiel ich in den forschen Trab eines 1500 Meter-Rennens, hielt das Tempo angstgedopt auch bis in Sichtweite meiner Behausung durch, mußte dann allerdings, schwindlig vor Erschöpfung und den Schlüssel viel zu früh in der schweißnassen Hand, auf den eigentlich obligatorischen Schlußspurt verzichten.

Dankbarkeit war und ist wohl eher nicht meine Stärke. Zumindest fürchtete ich den folgenden Tagen, ja ehrlich gesagt sogar einige Wochen lang nichts mehr, als daß A.Z. mir im Treppenhaus, an der nächsten Neuköllner Ecke oder in der U-Bahnstation auflauern könnte, um sein großzügiges Angebot zu erneuern. Selbstverständlich ging es jetzt, nachdem er mir weitergeholfen hatte, mit dem Prosa-Schreiben besser, viel besser, ja  zum ersten Mal richtig gut voran. Binnen eines Monats gelangen mir drei Erzählungen. Zum ersten Mal hielt ich Texte in Händen, mit denen ich nicht nur im grandiosen Rausch der Niederschrift, sondern auch am Morgen danach noch glücklich war, Geschichten, die ich bis heute ohne Schamesröte veröffentlichen könnte. Nun, da ich mir geschworen hatte, keine einzige Zeile mehr über mein Ich und seine zurückliegenden Belange zu verfassen, nun wo mir bereits die Formulierung „meine Zeit“ wie ein grandios obszönes Glöckchen im Ohr bimmelte, stand dem jeweils gegenwärtigen Text und dem Wirklichkeitsgefühl, das er mir und allen zukünftigen Lesern induzieren sollte, keine unüberwindbare Hürde mehr im Wege.

Herbst 2005. Ein rundum fehlerlos vergoldeter Oktober. Mit dem Auto machte ich mich auf den Weg, um, meine schwäbische Geburtsstadt im Visier, unser Deutschland von Norden nach Süden zu durchqueren. Gut zwei Drittel der Strecke waren zurückgelegt, als mir der Auftrag, diesen Text zu schreiben, einfiel und ich über den kommenden Vortrag, von dem nicht viel mehr als der Titel feststand, nachzugrübeln begann. Ich kann mich noch erinnern, mit welch schöner Jähheit mir, über die Autobahn brausend, auf Höhe einer Abfahrt, die ersten drei Sätze als ein rhythmischer Block einfielen. Und obwohl der dritte Satz arg lang war, verzichtete ich darauf, anzuhalten, um ihn zu notieren. Wenn dies die richtige Startsequenz war, würden sich die Worte schon wieder in der ihnen zukommenden Gestalt bei mir melden.

Mit dieser Entscheidung für eine Nicht-Niederschrift reißt der Film des Entsinnens. Ein Stück Erleben fehlt. Es mußte sich um circa 30 Kilometer, um eine Fahrzeit von etwa einer Viertelstunde handeln. Daß mir dies überhaupt als eine Absence erinnerbar wurde, liegt daran, daß A.Z. die Feigheit meines Berliner Abgangs bedachte und mir dieses Mal nicht erlaubte, klammheimlich zu entwischen. Bei seinem Besuch auf offener Strecke ließ er sich die Möglichkeit, sich nachdrücklich von mir zu verabschieden, nicht rauben. „Body! Mein lieber Body!“ hörte ich ihn, als er schon in einem sachten Wegdriften befangen war, noch raunen, so einschmeichelnd aufdringlich, wie es unverändert seine Art war, und eine letzte Bitte, ein Ansinnnen, das ich nur mit allergrößter, mir Kopfschmerzen machender Anstrengung sofort zu vergessen schaffte, säuselte ihm über die transparent gewordenen Lippen.

Schock. Schreck. Schwer erklärlicher Vorfall. Selbstverständlich hielt ich an der nächsten Raststätte, trank nicht nur ein Kännchen Kaffee, sondern verzehrte auch noch eine koffeinhaltige Schokolade, machte anschließend beim Auto, schamlos öffentlich, allerlei kreislaufanregende Gymnastik und schwor mir, hopsend und hampelnd, in Zukunft alle längeren Strecken mit der Bahn zu fahren.

In Augsburg empfing mich mein Bruder, und wie er mich gleich eingangs fragte, ob ich Lust verspürte, A.Z., den er selbst drei Jahrzehnte aus den Augen verloren gehabt hatte, wiederzubegegnen, fügte ich mich in mein Schicksal. Noch diesen Abend lasse sich das Wiedersehen arrangieren. Alte Freunde, ein Pärchen, hätten von einem kinderlosen Onkel ein Siedlungshäuschen geerbt. Die beiden – Ob ich mich an Ferdi und Lucie erinnern könne? - seien sogleich eingezogen, dächten nun aber über einen Umbau des 50er Jahre-Gebäudes nach und wollten seinen Rat einholen.

So kam es dazu, daß mein handwerklich versierter Bruder mit den beiden auf dem Dachboden herumpolterte, während ich unten im Wohnzimmer saß und mit gemischten Gefühlen A.Z.’s Erscheinen erwartete. Inzwischen glaubte ich mich zu entsinnen, daß die frischgebackenen Häuschenbesitzer, schon damals, als ich A.Z. auf dem Friedhof kennenlernen durfte, zum Kreis seiner Bewunderer gehört hatten. Zumindest war von meinem Bruder auf der Herfahrt behauptet worden, daß Ferdi und Lucie sich auf dem Marathon der Jahre nicht nur gegenseitig, sondern auch ihrem Guru A.Z. treu geblieben seien. Der habe sich nach längeren Aufenthalten in staatlicher Obhut aufs Land zurückgezogen, um nur noch Umgang mit einer Kerngemeinde hartgesottener Anhänger zu pflegen. Mich jedoch, das hätte ihm Ferdie wie Lucie versichert, habe er nie aus dem geistigen Auge verloren, von mir, den er weiterhin Body zu nennen beliebte, habe er regelmäßig gesprochen. Und obwohl ihn die Kunde meines schriftstellerischen Erfolgs erreicht hatte, obschon ihm meine Bücher geschenkt worden waren und er diese anscheinend sogar gelesen habe, sei er nicht davon abgewichen, daß mehr, daß weit mehr, daß noch irgendetwas Besonderes, etwas ganz Bestimmtes von mir zu erwarten sei.

Nachdem Dachboden und Keller, Fassade und Innenwände begutachtet, nachdem allerlei Umbauvarianten und Umbauhindernisse durchgesprochen waren, wandte sich unsere Unterhaltung  vergangenen Angelegenheiten zu. Aber aus irgendeinem Grund vermieden es Ferdi und Lucie, die Sprache auf ihren einstigen, auf ihren, wie ich annehmen durfte, auch gegenwärtigen Meister zu bringen. Mein Bruder hielt sich vergleichbar bedeckt, schaffte es sogar, ein Vorkommnis, bei dem A.Z. eine maßgebliche Rolle gespielt hatte, so zu erzählen, als gälte es den Ungenannt-Bleibenden wie ein schwarzes Loch zu umkreisen. So blieb mir, es ging schon auf Mitternacht zu, nichts anderes übrig, als selbst nach seinem Verbleib zu fragen.

Lucies Zeigefinger fuhr über den Rand einer flachen Glassschale, deren Mitte ein Ikebana-artiges Trockengesteck bildete. Ästchen mit verhutzelten Beeren und haarigen Stiele, die in mohnkapselartigen Samenbehältern endeten, staken in einem sandig grauen Grund. Und während ich, über meinem offenbar Peinlichkeit auslösenden Vorstoß selbst verlegen geworden, gleich den anderen konzentriert-unkonzentriert in das Gefäß gaffte, bemerkte ich ein kleines stimmgabelartiges Gebilde, das, einem Geflügelknöchlein nicht unähnlich, aus dem aschefeinen Grau ragte.

Schnell schwoll mir der nächstliegende Verdacht, aber als ich im Ausdruck verleihen wollte, kam mir Ferdi zuvor: „Nein, nein!“ Es verhalte sich nicht so, wie ich denke. Die Asche A.Z.’s befinde sich noch in einer Urnenwand auf dem Friedhof, auf jenem Zentralfriedhof, den wir einst alle so gern besucht hätten. Die Entführung, genauer gesagt die heimliche Umfüllung dieses irdischen Rückstands, sei allerdings geplant und nur noch eine Frage letzter Absprachen unter den Leiblich-Hinterbliebenen.

Mein Bruder, dem jetzt anscheinend doch einfiel, daß er mir ein Wiedersehen versprochen hatte, fragte Lucie, ob sie mir nicht endlich den Film zeigen wolle. Schließlich sei ich A.Z. vor langer Zeit recht nahe gestanden, dieser habe mich, was sie vielleicht gar nicht wüßten, sogar einmal im ummauerten Westberlin besucht. Lucie wandte ein, sie habe das Videoband leider schon zurückgeben, gab aber, da Ferdie sie mit dem Ellenbogen anstupste, bereits mit dem nächsten Satz zu, daß der Film auf ihrem Festplatten-Recorder gespeichert sei.

Das ultraflache Gerät war mir bereits aufgefallen. Es stand, wie es sich gehörte, unter dem Fernseher, glich aber durch seine eigenwillige Lackierung  – rundum war sein Gehäuse in schwarzrotem Wolkenmarmor gehalten - eher einer Kindergrabplatte denn einem Hightech-Utensil. Schon hatte Lucie zur Fernbedienung gegriffen, im Fernseher flammte ein Bedienungsfeld auf, und während sich Lucie, vorwärts und seitwärts irrend, immer tiefer in das unerhört komplexe Menü klickte, blieb mir Muße zu überlegen, was mich nun bestenfalls-schlimmstenfalls noch erwarten könnte. Zweimal hatte mich A.Z. aufgerufen, ihm nachzufolgen, zweimal hatte ich mir von ihm auf die Sprünge helfen lassen, um ihm sogleich mit einem Seitensprung untreu zu werden. Ich zweifelte nicht daran, daß ein dritter Anschlag vorbereitet war.

Endlich gab es das erste Bild des Films zu sehen. Da war ein Stoff. Etwas grob Gewebtes. Eine rotkarierte, vielleicht wollene Decke. Der Kameramann hatte sie wohl eingangs anvisiert, weil er wußte, daß Rottöne, so sie von verschieden temperierten Lichtquellen evoziert werden, den eigentlich idiotensicher gewordenen Camcordern weiterhin gewisse Reproduktionsschwierigkeiten bereiten. In der Tat flackerte das banale Schottenmuster - die Decke schien über Knien zu liegen -  wild zwischen schmutzigen Orangetönen und einem fast schmerzlich grellen Feuerrot. Die dunkleren Stellen sackten schwarz ab, aber dann waren die alles zurecht rechnenden Chips soweit: Nach einer letzten Verfinsterung schwappten die Farben in ihr jeweiliges Mittelmaß, die Kamera schwenkt nach oben, und über dem Fransensaum der Decke rückte A.Z.’s Rumpf ins Bild.

Er trug ein kurzärmeliges T-Shirt, dessen Halsausschnitt sich so tief rundete, daß gerade noch ein Büschel Haar das Freie erreichte. Sogleich spürte ich heftige Erleichterung darüber, daß A.Z.’s Brustbewuchs kein bißchen ergraut war. Und auch als im weiteren sein völlig kahl gewordener Schädel in den Bildschirm rückte, als dessen gecremte oder geölte Krümmung irgendein Licht als einen grellweißen Fleck zurückspiegelte, hielt ich in einem inneren Kraftakt an der Vorstellung viriler Vitalität fest. Aber die Dauer der Einstellung unterhöhlte die idealisierende Anschauung, und schließlich hätte es des erläuternden Kommentars von Ferdi und Lucie gar nicht mehr bedurft: Das Filmchen zeigte einen Todeskandidaten. A.Z. sei von einem Schlaganfall nur unzureichend genesen. Das Laufen habe er sich trotz qualvoll hartnäckiger Bemühungen nicht zurückerobern können. Lahme, gruselig dünn gewordene Schenkel seien unter der Decke verborgen, und von seinen Armen habe ihm nur noch der linke mehr schlecht als recht gehorcht.

Das Video dokumentierte A.Z.’s letztes Bemühen, das Bild zu beeinflussen, das sich der an seinen Körper herangeschrumpfte Rest der Welt von ihm machte. In merkwürdig stummfilmartigen Rucken gelang es ihm, die linke Hand vor seine Brust zu heben. Ihre Finger waren vogelartig gekrümmt. Und diese arme Klaue führte eine krampfhaft gelenkte, offenbar absichtsvolle, mir dennoch uneindeutig bleibende Bewegungsfolge aus. Und obwohl Ferdi schluckend erklärte, A.Z. habe seine Getreuen, die ihn zuletzt in Schichten rund um die Uhr versorgten, mit just dieser Geste gesegnet, war ich heilfroh, als das nicht enden wollende, angeblich kreuzartige Aufundab und Hinundher vom weissen Balken des hochfahrenden Audio-Menüs verdeckt wurde. Lucie hatte es geöffnet, um nach dem fehlenden Ton des Films zu fanden. Sie fand ihn nicht. 

Auf der Heimfahrt meinte mein Bruder, ich dürfe dem technischen Zufall dafür danken, daß es bei einer gehandicapten Vorführung geblieben sei. Er habe das Video mit Ton über sich ergehen lassen müssen, und er wünsche keinem, der A.Z.’s eigentümlichen Singsang in Erinnerung habe, mitanhören zu müssen, welch schaurig wortferner Lautschwall zuletzt noch über die Lippen des Gurus gegurgelt sei.

Hierzu schwieg ich, nicht aus Pietät, die ich für eine garstig zimperliche, für eine antipoetische Tugend halte, und ich schwieg auch nicht aus Furcht davor, mein einschlägig begabter Bruder könne entgegen der Barmherzigkeit, die er eben noch postuliert hatte, damit beginnen, A.Z.’s letzte Verlautbarungen gurgelnd nachzuahmen. Vielmehr blieb ich stumm, weil ich mich mühte zu verschweigen, was mir eben wie aus einem Nichts wieder in Sinn gekommen war. Bald wollte ich es erneut vergessen. Schon bald würde ich es erneut vergessen haben. Wie schön, daß alles, jedes Kennen und jede Erkenntnis, in die Obhut des Vergessens entschlüpfen kann. Aber noch war ich nicht soweit. Mit großer Anstrengung verheimlichte ich selbst meinem Bruder A.Z.’s letzten Willen. Verschwiegen blieb das, was er mir, seinem liebsten Jünger, zwischen zwei Abfahrten noch, süß säuselnd, aufgetragen hatte. Auch gegen den dritten Feind, auch gegen den größten und ältesten Versucher, hatten mich seine Worte gewappnet, als er sich auf freier Strecke, auf dem grauen Band einer Bundesautobahn, mit einem „Body, vergiß mich nicht! Erinnere dich meiner, damit wir uns dort unten wiedersehen!“ aus allem Staub davonmachte.