Georg
Klein
Der Tod ist irgendwie geil, oder?
Unterwegs mit einem morbiden Popjournalisten
Älter werdend fragt man sich plötzlich, was sich die jüngeren Menschen eigentlich so denken - über das Leben, die Liebe oder gar über den Tod. Und prompt hat man das Buch hierzu auf dem Tisch: Chuck Klosterman wurde von der New Yorker Popzeitschrift SPIN MAGAZINE mit einem Leihwagen ausgestattet, um gut zwei Wochen auf einem Zickzackkurs von der Ostküste an die Westküste der USA zu fahren. Der junge Musikjournalist wollte und sollte möglichst viele Orte besuchen, an denen ein berühmter Pop-Musiker eines frühen Todes gestorben ist.
Ist das ein guter Einfall? Oder nur eine arg naheliegende Schnapsidee? Klosterman sagt über sein "Todes-Projekt": "Sterben ist das Interessanteste, was alle Menschen tun, ohne Ausnahme. Das gilt besonders für Berühmtheiten." Dann prahlt er noch mächtig damit, dass er 600 seiner 2233 CDs auf den Rücksitz seines Miet-Fords packt und auch reichlich Marihuana mitnimmt. Aber steigen wir ruhig mit ein, auch ein kiffender junger Angeber kann gute Gedanken haben. Und vielleicht hilft er einem Älteren sogar, die eine oder andere Frage nach dem Tod oder dem Leben ein wenig schärfer zu fassen.
Erste Frage: Wem gehört eigentlich
der Tod?
Kaum der Kindheit entkommen, sind unsere Jungen besessen von Tod, und sie machen
in der Regel keinen Hehl daraus. "Ich möchte nicht sterben, aber die Vorstellung
tot zu sein, finde ich toll." Dieses Geständnis schenkt Chuck Klosterman seinen
Lesern, nachdem er erzählt hat, wie er hinter einem Hotel zum Joggen aufgebrochen
ist. Rennend malt er sich aus, er würde einen Herzinfarkt erleiden, das SPIN
MAGAZINE widmete ihm eine ganze Ausgabe der Zeitschrift und gleich zwei der
Musikredakteure schrieben sich einen bewegenden Nachruf von der Seele.
Diese Phantasie hat ohne Zweifel universellen Charakter. Rund um den Globus stellen sich von Weltschmerz geplagte Burschen und melancholische Mädchen liebend gerne vor, sie sähen ihren Hinterbliebenen beim Trauern zu. Der untote Tote, der dies vermag, macht eine kuriose Figur. Er ist zwar sämtlichen Pflichten des Lebendigseins entkommen und hat alle Chancen der Existenz in den Wind geschlagen. Aber lassen kann er von seiner einstigen Umwelt durchaus nicht. Wie ein jenseitiger Fernseh-Junkie bleibt er süchtig nach dem Film seines Nachlebens, nach den reuevollen Tränen der Freundin, nach dem schlechten Gewissen der Älteren, nach dem ehrfurchtsvollen Gedenken seiner Schulkumpane.
Solch einen Hang sehen wir Älteren mit Unbehagen, vor allem wenn wir die Eltern der morbiden Maid oder des todeslüsternen Jünglings sind. Man mag sich nicht mit den garstigen Todesvideos abfinden, die auf den PCs und den Handys der jugendlichen Cliquen kursieren. Mit säuerlicher Überwindung hat man die halb skelettierten Leichen auf ihren Postern und T-Shirts akzeptiert, weil man sich leider noch an das Cover manch eigener Lieblingsplatte erinnern kann. Aber insgeheim wünscht man sich doch, man könnte den Heranwachsenden dieses ganze Todesding wie ein pädagogisch minderwertiges Spielzeug wegnehmen.
Chuck Klosterman nutzt seine Reise von Todesort zu Todesort auch dazu, um bei seinen alten Eltern in North Dakota vorbeizuschauen. Er bemüht sich, pünktlich zum Essen einzutreffen, damit seine Mutter nicht denkt, er habe einen Unfall gehabt. Die Jungen ahnen es: Allein ihnen gehört das lustvolle Spiel mit dem Tod. Uns, den Älteren, aber sitzt er wie eine schmerzlose, wie eine still anwachsende Geschwulst im Nacken. Wir vergnügen uns nicht mehr mit den Bildern vom Tod. Und in der Konkurrenz um die stärksten schwarzen Gefühle bleibt uns bestenfalls die Angst vor einem zu frühen Sterben unserer kostbaren Kinder.
Zweite Frage: Was hat die Musik
mit dem Tod zu tun?
Chuck Klosterman redet wahnsinnig gern über Songs und die Alben, auf denen sie
zu finden sind. In seinem Buch tut er dies nicht nur, indem er den Leser direkt
anspricht. Nein, er liebt es fast noch mehr, szenisch zu rekonstruieren, was
er irgendwann zu irgendjemand über eine Band oder ein Lied gesagt hat. Dieser
Tick ist mehr als nur die Berufskrankheit des Popjournalisten. Das Reden über
Popsongs bedeutet für Klosterman schlicht die einzige Form, mit der Vergangenheit
in ein bekömmliches Verhältnis zu gelangen. Dies gilt auch für die Ereignisse
von allgemeiner Tragweite wie den 11. September 2001.
Alles, was mit dem Terrroranriff auf das World Tade Center zusammenhängt und sich sinnvoll darüber sagen läßt, ist für Klosterman im Album Kid A der britischen Popgruppe Radio Head enthalten. Sobald er die Songs der CD durch sein Räsonnement mit den Ereignissen in Verbindung bringt, verliert seine zeitgenössische Rede die beliebige Banalität, von der sie stets bedroht ist. Wenn Klosterman flapsig anmerkt, "dass Kid A der offizielle Soundtrack des 11.September 2001 ist", meint er etwas Todernstes, das über den Schrecken des Anschlags hinausgeht. Nur der Popsong läßt ihn ertragen, dass es die selbst erlebte Vergangenheit überhaupt gibt. Die quälende "nostalgische Sehnsucht nach der unmittelbaren Vergangenheit" ist im Song für drei, vier oder fünf Minuten auf eine magische Art akzeptabel geworden. Solange genießt die Wehmut sich selbst.
Aber nicht länger. Denn mit dem Enden des Liedes beginnt sogleich die verzweifelte Suche nach dem Anheben eines neuen. Und bis man den rettenden Song auf den UKW-Tasten des Autoradios oder in der CD-Halde auf dem Rücksitz gefunden hat, hält man sich mit Pop-Diskurs über Wasser. So gleicht der manisch quasselnde Chuck Klosterman einem Schwimmer, der den redenden Kopf krampfhaft in der Gegenwart reckt, während ihm sein Vergangenes, das bislang Erlebte, als ein unkontollierbares Gewässer gefährlich ums Kinn schwappt. Das ist an den besten Stellen traurig und komisch zugleich.
Dritte Frage: Was hat Liebe
mit Tod zu tun?
Ungefähr genauso viel und offensichtlich genau so gern wie über Popsongs schreibt
Chuck Kosterman über seine Liebschaften. Diese Affären haben Namen, zumindest
Vornamen, und sie liegen alle im Argen. Entweder sind sie schon unter Schmerzen
zerbrochen, oder sie gehen just während der Rundreise kaputt, zumindest kränkeln
sie, von einem schlimmen Ausgang bedroht, vor sich hin. Man stirbt heutzutage
nicht mehr an gebrochenem Herzen. Aber es ist immer noch eine schöne Gewohnheit,
sich den Verlauf einer Beziehung als eine Art Lebensbahn vorzustellen. Im Verlieben
wird man zu seinem wahren Wesen geboren, der finale Niedergang der Gefühle ist
einem Sterben analog. Das ist das romantische Modell.
Chuck Klostermans Denken und Fühlen kommt aus diesem Sterben gar nicht heraus. "Wir sterben immer und die ganze Zeit.", meint er mit schwermütigem Pathos, als er von seiner ersten College-Beziehung erzählt hat, und dann vergleicht er das Ende einiger ausgewählter Liebschaften mit dem Tod durch Schlaganfall, mit dem qualvollen Dahinsiechen an Knochenkrebs, mit einem Flugzeugabsturz und einem Schuß in den Hinterkopf. Das liest sich larmoyant, an den schwächsten Stellen wirkt es sogar kokett. Aber verlogen ist es nicht. Irgendwann in der Urzeit der bürgerlichen Gefühlskultur hat sich die nigelnagelneue romantische Liebe beim Tod des Leibes mit Metaphern eingedeckt. Jetzt, wo das allgemeine Liebesgehabe in albernen Fernsehserien seine greisenhaft tattrigen Runden dreht, verlangt der sterbliche Körper eine Gegenleistung. Nun soll das lange romantisch verklärte fleischliche Begehren gefälligst so tun, als wäre es nur eine weitere Krankheit zum Tode und zugleich die schönste Blüte einer allgemeinen Liebe zum Leben. Liebt Chuck Klosterman das Leben? "Ich bin für das Leben hier nicht qualifiziert.", lautet der erste Satz seines Reiseberichts, und diese kleine lakonische Wahrheit glaubt man ihm bis an das Ende seines Buches.
Letzte Frage: Können wir den
Tod verfehlen?
An den Orten, die Chuck Klosterman aufsucht, erlebt er so gut wie nichts. Verloren
steht er am Rand des Wäldchens, in dessen Wipfel das Flugzeug von Lynyrd Skynrd
gestürzt ist. Und die Kreuzung, auf der Duane Allman von den Allman Brothers
mit dem Motorrad in den Tod raste, spricht genau so wenig zu ihm wie das Gelände
von Graceland, wo in einer der zahllosen Toiletten das Herz von Elvis Presley
versagte. Wie albern, etwas anderes erwartet zu haben! Der Boden der zivilisierten
Welt ist rundum satt getränkt mit den letzten Seufzern der Sterbenden. Wo Tausende
zu leben suchen, finden auch Tausende den Tod. Warum sollte ausgerechnet das
Todesröcheln irgendeines drogenkranken Musikanten eine hörbare Spur auf dieser
heillos von Kratzern übersäten Schallplatte hinterlassen haben?
Aber Chuck Klosterman hat einen letzten Trumpf im Ärmel. Die abschließende Station seiner Reise ist Seattle. Und der Ruhm des Pop-Toten, dem er dort nachspürt, ist weiterhin so frisch, dass er den Frühverstorbenen zunächst nur mit den Initialen seines Namens "K.C." zu nennen braucht. Kurt Cobain, der Kopf der Grunge-Band Nirvana, ist noch immer ein unerhört ergiebige Leiche. Und Chuck Klosterman gibt sich redlich Mühe, den einen oder anderen gedanklichen Funken aus den Umständen von Cobains Selbstmord zu schlagen. Das Buch wird klug, fast altklug. Für Klosterman hat Cobain den richtigen Moment zum Sterben gewählt. Gerade als der Nimbus seine Figur in rettungslos Negative abzudriften begann, als sich abzeichnete, daß seine Band die Krone des Grunge dem Konkurrenten Pearl Jam zu überlassen hatte, setzte Cobain mit der Schrotflinte das entscheidende Zeichen.
Der Autor Klosterman verrät uns nicht, dass Cobain damals 27 Jahre jung war. Aber auf halber Fahrtstrecke hat er uns beiläufig preisgegeben, was die Kurzbiographie des Umschlags geflissentlich verschweigt: Chuck Klosterman, der jugendlich flapsige Schwadroneur, ist zum Zeitpunkt seiner Reise, also im Jahr 2003, bereits 31 Jahre alt. Wann vergeht die Jugendlichkeit eines Mannes? Wo kommt heutzutage die pubertäre Spanne, von der alle Popkultur zehrt und der sie gleichzeitig immer neuen Nährstoff zuführt, unweigerlich an ihr Ende? Und wie fühlt es sich an, wenn einem allmählich dämmert, dass man - über all den Songs - diesen Tod seiner Jugend verpasst hat?
(Geschrieben für die Südeutsche Zeitung)