Georg Klein
Hermann Löns/ "Der Wehrwolf"

Es gibt Bücher, in denen uns ein einziges Ding mehr über uns sagt, als uns lieb sein kann. Ein solches Ding-Buch der argen Art ist Hermann Löns Bauernroman aus dem Dreißigjährigen Krieg Der Wehrwolf. Und wenn dieser schlimme Text auf seiner letzten Seite plötzlich in die Gegenwart des Autors, ins junge 20. Jahrhundert, findet, dann geschieht dies mit Hilfe des Gegenstandes, der den Lesenden zuvor durch drei Jahrzehnte historisch gewordenen Blutvergießens geführt hat: "In der besten Stube des Wolfshofes zu Ödringen hängt noch heute der Bleiknüppel an der Sofawand unter dem kleinen Bilde mit dem alten Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel Mühe um den Knüppel gegeben, aber der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Hermann Wulff gab ihn nicht um Geld noch um gute Worte her."

Der Wehrwolf ist ein Buch vom Totschlagen, und der Bleiknüppel, den Harm Wulf, der Held des Romans, im Verlauf von dessen Seiten auf viele Schädel sausen läßt, ist das Ding, unter dessen Zeichen Handlung und Figuren bis zum Ende stehen. Geführt von Harm Wulf haben sich die Bauern der Lüneburger Heide zum Geheimbund der Wehrwölfe zusammengeschlossen und als es am Ende des Buches noch gegen eine Übermacht schwedischer Landsknechte geht, feuert Wulf seine Männer folgender Maßen an: "Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all doot, all dooot!"

Es lohnt sich einen Blick auf die zu werfen, die da alle nach und nach totgeschlagen werden. Zunächst sind es Söldner aus ganz Europa. Der erste Landsknecht mit dem Harm Wulf es zu tun bekommt, ruft seine Kameraden mit "Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher daher!" zu Hilfe. Außerdem müssen die Heidebauern noch zahllose Flüchtlinge umbringen, meist selbst ehemalige Bauern, die der Krieg von ihrem Land vertrieben hat. Als dritte, von Löns mit besonderem Abscheu beschriebene Gruppe kommen die "Tatern" hinzu, Zigeuner, die sich auf ihrem Weg durch das verwüstete Europa in die Lüneburger Heide verirrt haben und nun von Wulf und seinen Männern "beigerodet" werden.

Im Text verschmelzen diese Gruppen in den Worten der Bauern, aber auch in der Rede des Erzählers zu "Gesindel", "Marodebrüdern", zu "Ungeziefer" oder schlicht zum "fremden Volk". Die Verbrechen, die die Soldateska an den Bauernfamilien verübt, sind in der Tat von zeitloser Grausamkeit. Und Löns versteht es die Beschreibung exemplarischer Greuel so in die Handlung zu integrieren, daß das Totschlagen der Fremden als Vergeltung und als Vorbeugung gegen weiteres Unheil gerechtfertigt erscheint. Wer als Leser das Herz auf dem rechten Fleck hat, wird fast zwangsläufig verstehen, daß man Haus und Hof, Frau, Säugling und die greisen Eltern gegen Brandschatzer, Vergewaltiger und Folterknechte schützen muß.

Aber das erzählerische Vermögen von Hermann Löns, das die Gewalt der Wehrwölfe so schlagend gerechtfertigt erscheinen läßt, wirft auch den entscheidenden Schatten auf diese Gerechtigkeit. "Kinder war das ein Spaß!" ist das letzte Wort des Heidebauern Schütte, der tödlich getroffen wird, als die Wehrwölfe einen größeren Trupp Söldner bis auf den letzten Mann niedermetzeln. Und sogar als endlich Friede ist, bekommen die einstigen Wehrwölfe doch in bestimmen Momenten "blanke Augen" und denken "an die schrecklichen und doch so schönen Tage, die sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel über der Hand hängen hatten."

Das Blutvergießen macht diesen gerechten Männern ganz offensichtlich nicht weniger Spaß als den Bösewichtern. Und am schönsten ist das Umbringen unbezweifelbar, wenn man dabei ganz nah an den Gegner herankommt, wenn der kurze Bleiknüppel aus dem Ärmel in die Hand schlenzt und das Blut vom Kopf des Feindes spritzen läßt. Das hat nichts mit dem Stand der Waffentechnik zu tun. Auch der Dreißigjährige Krieg kennt bereits den Schuß aus sicherer Distanz. Aber die Wehrwölfe schätzen diese kalte Art des Totmachens nicht.

Und wer heute die Greuelberichte der jüngsten Kriege unter diesem Aspekt ließt, kann das Gleiche feststellen: Wenn es sich einrichten läßt, legt auch der moderne Krieger die empfindliche automatische Waffe sacht beiseite und macht sich mit dem Knüppel über seinen Gegner her. Als der erste Weltkrieg ausbricht, meldet sich der achtvierzigjährige Hermann Löns freiwillig. Das letzte schriftliche Zeugnis des Schriftstellers ist eine Feldpostkarte vom 20.9.1914 an einen befreundeten Hannoveraner Tierarzt: "Lieber Doktor, hier fiebert die Luft von Granaten und Schrapnells. Ich bin über 4 Tage im Schützengraben diesen üblen Gewittern ausgesetzt gewesen. Wir hatten trotzdem nur 2 Tote und 2 Verwundete. Schönen Gruß Euch und Gattin Euer Löns."

Zwei Monate später ist der kriegsbegeisterte Schriftsteller tot. Er fällt bei Reims, wo er, der reichsdeutsche Infantrist genau so wenig verloren hat, wie einst ein schwedischer Söldner in der Lüneburger Heide. Dreißig Jahre nach Löns Tod, am Ende des Zweiten Weltkriegs, wird man sein Buch dem letzten Aufgebot des Hitlerreiches, den Flak-Helfern und Hitlerjungen, zur Lektüre verordnen. Und die Zensur der siegreichen Allierten setzt den Wehrwolf deshalb auf den Index. Das längst wieder frei erhältliche Buch wurde mir zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt und ich habe es in den folgenden Jahren mit nicht nachlassender Begeisterung immer wieder aufs neue gelesen.

Von Löns Tod wird berichtet, das ihn eine feindliche Kugel nachts auf freiem Felde mitten ins Herz getroffen habe. Mir seinem einst heißen und nun erkalteten alten Leser sei ein unfrommer Wunsch erlaubt: Ich wünschte mir, Kollege Löns wäre auf nächtlichem Felde einem fränzösischen Bauern und dessen Bleiknüppel gegenübergestanden. Wenn es eine ästhetische Gerechtigkeit gibt, Wenn Stil und Moral wie an einer untrennbaren Nabelschnur zusammenhängen, dann hätte der Autor des Wehrwolfs es wohl verdient gehabt, die Wollust des Totschlagens auch im Auge seines Feindes leuchten zusehen.

(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)

 

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