Georg Klein
Das Gift der Gegenwart
Stanislav Lems Kriminalroman ‚Der Schnupfen'
Der alternde Haudegen ist eine der Lieblingsfiguren der Spannungsliteratur, und sein Lebensgefühl ist ein Longdrink eigener Art: Man nehme reichlich resignative Erfahrung, gebe einen kräftigen Schuß Todesangst hinzu und versüße das Ganze mit einem Tropfen sirupdicker Wut, dem Vorgeschmack eines letzten gewalttätigen Aufbäumens. Säure, Bitternis und Süße müssen in einem solchen Kerl, der seine flotten Jahre hinter sich, die Lethargie des Alters aber noch vor sich hat, gekonnt gemixt sein.
Stanislaw Lem läßt einen fünfzigjährigen amerikanischen Ex-Astronauten als Ich-Erzähler vor den Leser treten. Zweimal hat der inzwischen zur Korpulenz neigende Hüne die Erde aus einer Umlaufbahn gesehen, den Mond durfte er allerdings nicht betreten und in das Projekt, das für ihn die Aura großer Zukunft atmete, die Mars-Planung der NASA, wurde er nicht mehr aufgenommen. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in einer Zeit, in der man sich noch nicht das Handy, sondern die Hörer von Münztelefonen ans Ohr preßte, ist der ausgemusterte Weltraumfahrer im Auftrag einer US-amerikanischen Detektei nach Europa gekommen. Ein knappes Dutzend seiner Landsleute scheinen mit Drogen in Wahnsinn und Tod getrieben worden zu sein. Halb als Köder halb als Ermittler macht er sich auf den Weg von Neapel nach Paris. Auf der Autobahn nach Rom mutet ihn das Rosa eines Lancia , "psychedelisch" an. Halluzinogene Rauschmittel sind dem alten Knaben nicht fremd. Während seiner NASA-Jahre hat man LSD und andere bewußtseinserweiternde Substanzen an ihm ausprobiert.
Ein Zeitspiel beginnt. Zur Krise der Lebensalters, zur Verlorenheit im Strom der Zeitgeschichte tritt als dritte Zeiterfahrung eigener Qualität die abenteuerliche Reise. Auf dem römischen Flughafen bricht das Unheil erstmals wie aus dem Nichts über unseren Helden herein. Im Inferno eines Terroranschlags gelingt es ihm, nicht nur den eigenen Körper, sondern auch ein halbwüchsiges Mädchen zu retten. Als Bewahrer junger Weiblichkeit, als Ritter, der die Prinzessin schützt, dient er einer Zukunft, die sich bereits anschickt, ihn als ein Auslaufmodell des technischen Fortschritts hinter sich zu lassen.
Diese altmodische Grandiosität tröstet eine schöne Weile. Denn in Paris hält die Handllung tagelang den Atem an. Der Astronaut räsonniert mit mit Mathematikern, Informatikern und Kriminalisten über Zufall und Kausalität, über die komplizierte Mechanik der Zeitläufte. Lem liebt dergleichen. Und obwohl die klugen Kerle das Rätsel der verrückt gewordenen Amerikaner nicht lösen können, so scheint es doch in einer weiten Schleife aus Reflexion beruhigend geborgen.
Dann aber holt das Schicksal zu seinem zweiten Schlag aus. Und ohne Umschweif zielt es nun auf jenes Kontinuum aus Körperempfinden, Weltwahrnehmung und Bescheidwissen, in dem sich unser Held jahrzehntelang wie ein Fisch im Wasser fühlte. Allein in einem Hotelzimmer geht der alte amerikanische Recke in die letzte Runde seiner Europareise. Der wahre Trip beginnt. Das Medium aller Medien, das sich selbsttätig erneuernde Gegenwartsgefühl, beginnt sich in etwas Feindseliges zu verwandeln. Was stets die unerschütterbare Mitte aller Zeitgläubigkeit schien, zerfällt in bösartiges Stückwerk. Und gekettet an einen Hotelheizkörper, erlebt unser Astronaut das biedere Hier und Jetzt als ein psychedelisches Inferno, gegen das sogar die giftige Atmosphäre des Mars ein Hort der Gemütlichkeit gewesen wäre.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)