Georg Klein
Woran erkennen wir das zeitgenössische literarische Meisterwerk?
Und wie gelingt uns dann, es möglichst zu ignorieren?

Liebe Literatur-Interessierte, ja, vielleicht sogar Literatur-Liebende,

Sobald es Ihnen widerfährt, sobald Sie und es zusammenstoßen, sobald Ihre Phantasie mit ihm verschmilzt, sobald das, was ich meine, in Ihnen ganz als eine Erfahrung aufgeht, brauchen Sie eigentlich niemanden mehr, der Ihnen noch mit Erklärungen irgendwelcher Art beispringt. Wahrscheinlich haben Sie, wenn Ihr mentales System glücklich mit einem literarischen Meisterwerk aneinander und ineinander geraten ist, nicht einmal den Begriff ‚Meisterwerk' nötig, um sicher zu wissen und zu fühlen, daß Ihnen ein solches widerfährt.

Vielleicht sind Sie aber auch froh, dann jenes patente deutsche Wort parat zu haben. Vielleicht scheint Ihnen im Augenblick der Epiphanie ein mehrfach gestammeltes "Meisterwerk! Meisterwerk! Ein Meisterwerk!" genau der richtige Ausdruck, um Ihrem abgrundtiefen Erstaunen, Ihrer glückseligen Bestürzung den richtigen Ausdruck zu verleihen. Genau so "Meisterwerk! Das ist ja ein ein Meisterwerk!" rufend, muß ich vor ziemlich genau zwei Jahren an einem Novemberabend 2002 irgendwann zwischen Zehn Uhr abends und Mitternacht einen reichlich komischen Anblick geboten haben. Ich war ja nur mit einem gestreiften Flannelschlafanzug bekleidet, hatte ich mich jäh im Bett aufgerichtet, zuckte mit den nackten Füßen und hielt das Buch, das ich meinte, mit priesterlicher Geste Richtung Schlafzimmerdecke.

Hinter mir lag eine gute Stunde Lektüre. Nichts ahnend, nichts befürchtend, nicht einmal Besonderes erhoffend, war ich mit einem deutschen Gegenwartsroman zu Bett gegangen. Man hatte mir einige Wochen zuvor in Köln nach einer Lesung zu ihm geraten. Nur empfohlen, nicht als Meisterwerk angepriesen war mir das Buch, das ich meine, von einem jungen Bonner Literaturwissenschaftler. Wenn ich mich recht erinnere, hatte er nur gesagt: "Das könnte Ihnen wirklich gefallen!" Aber etwas im diskreten Gestus dieser Empfehlung hatte dazu geführt, daß ich mir Titel und Autor gemerkt hatte und daß es dann zum Kauf des Buches gekommen war. Vielleicht war da doch ein ganz leicht verschwörerischer Unterton gewesen, vielleicht hatte mir der diskrete Bonner Zeit- und Geschlechtsgenosse mit der Andeutung eines Zwinkerns, mit einem verhohlenen Lächeln bereits das verheissen, was ich nun - Wochen später - "Meisterwerk! Meisterwerk" tönend auch meiner erstaunt von ihrem Buch aufblickenden Gattin mitteilen wollte.

Nun, erneut in Köln, und in der schönen Pflicht, vor Ihnen von einem meisterlich gelungenen Roman und vom literarischen Meisterwerk überhaupt erzählen zu dürfen, wird mir die einst genossene Vermittlungsstrategie nichts helfen. Ich kann ja schlecht jede und jeden von Ihnen diskret beseite nehmen, um Ihnen dann - so verführerisch-suggestiv wie möglich - den Titel dieses noch jungen Buches und den Namen des hier in Deutschland lebenden Autors ins Ohr zu raunen. Und auch wenn ich im gestreiften Schlafanzug und barfüßig wie ein asketischer Prediger vor sie getreten wäre, um den Roman, den ich im folgenden meine, euphorisch stammelnd oder hymnisch singend als ein Meisterwerk anzupreisen, es wäre wohl der falsche Weg, um Sie zu seiner Lektüre zu verlocken.

Stattdessen will ich es mit einer ganz einfachen, seriellen Methode der Beschreibung besuchen. Zehn Kennzeichen habe ich mir nach der erneuten Lektüre des Romans, den ich meine, thesenartig zurechtgelegt. Es sind Merkmale, über die mir wiederum deutlich wurde, daß ich mit einem Meisterwerk zugange war. Merkmale, die hervorheben und rühmend kennzeichnen. Merkmale, die aber zugleich immer auch den Impuls einer Gegenbewegung in sich tragen. Denn so sehr das zeitgenössische Meisterwerk erstaunt und verwundert, so sehr es uns zu begeistern vermag, in fast gleichem Maße, in fast symmetrischer Form legt es uns nahe, es aus seiner schwer erträglichen Höhe herabzusetzen, es mehr oder minder zu ignorieren, es nach Möglichkeit sogar ganz zu vergessen oder, wenn dies nicht klappen mag, zumindest seine meisterliche Gelungenheit, so weit es geht, zu verdrängen.

Erstes Kennzeichen: Dem zeitgenössichen literarischen Meiserwerk schadet der Rummel, der möglicherweise um sein Erscheinen gemacht wird.

Das Buch das ich meine, erschien im Frühjahr 1997 zur Leipziger Buchmesse. Es war die erste Buchveröffentlchung des damals 29-jährigen Autors. Und sein Hamburger Verlag versprach sich einiges von diesem Debut. Der Roman würde das werden, was man ein ‚Kultbuch' nennt. Eine große Käufergruppe, man dachte an jüngere Leser irgendwo zwischen 17 und 27, sollte diesen Roman zu seiner Sache machen. So wie bestimmte Pop-Gruppen, und ihre Platten, so wie gewisse Filme, Fernsehserien und Bekleidungsmarken Zugehörigkeitsgefühle und wechselseitiges Erkennen auslösen, also Gruppenidentität stiften, so sollte dieser Roman zur Bibel bestimmter Szenen werden. Bald sollte es dort schlicht ‚in' sein, just dieses Buch gelesen zu haben oder es zumindest zu besitzen. Nach einem ähnlichen Muster hatte man mit einem anderen jüngeren Autor in diesem Verlag bereits beachtliche Verkaufszahlen erreicht, das Buch das ich meine, sollte diesen Erfolg noch deutlich toppen.

Dafür war der Verlag, keiner der großen,aber doch ein angesehenes mittleres Haus, bereit etwas zu tun. Der Roman erhielt als Spitzentitel die ersten vier Seiten in der der Verlagsvorschau, dem wichtigsten Werbemittel gegenüber dem Buchhandel. Und auch die vermittelnden Institutionen des Literaturbetriebs, die Feuilleton- und die Kuturredaktionen von Presse, Rundfunk und Fernsehen bekamen so unmißverständlich signalisiert, auf welche Karte man vor allem setzte. Zudem wurden eigens Plakate gedruckt, die nicht nur an die Buchhandlungen gingen, sondern auch in freier Wildbahn, zum Beispiel in der Berliner U- und S-Bahnen, geklebt wurden.

Nun reicht es in einem solchen Fall gesteigerter Werbetätigkeit nicht aus, daß der Verlag den Buchtitel einfach auf monochromen Hntergrund druckt und mit einem Minimal-Slogan versieht, etwa "Einfach Super" oder "Ganz neu" oder "Unser Bestes!" oder "Das isses!" Es muß schon etwas mehr Fleisch an die Werbesuppe. Immerhin geht es um Kunst, zumindest um ein kulturelles Produkt, um eine zu einem gehobenen Verbrauch empfohlene Ware . Ein würzende Dosis Inhalt muß hinein, ein thematischer Kitzel oder etwas, das mit bereits etabliertem Kulturgut kokettiert.

Vor sechs Wochen erhielt ich aus der Hand der Autors eine Plastiktüte, die einen etwa etwa zehn Zentimeter dicken Packen loser Papiere enthielt. Es waren Originale und Kopien von Druckerzeugnissen jenes Jahres 1997, vor allem Rezensionen des Romans. Auch eine eine recht scharfe Laser-Kopie des damaligen Verlagsplakats lag bei. Es war mir damals in Berlin wohl nur entgangen, weil wir fast das ganze Frühjahr in Ostfriesland verbracht hatten.

Es ist recht auffällig und graphisch nicht schlecht gemacht. Über eine schäbige Hauswand aus unverputztem Backstein, über ein vergittertes Fenster ist schräg in knalligem Rot-Blau der Titel des Romans geschrieben. Darunter steht:

"Literatur und Pulp,
Poetisch und hartgesotten,
wie Musik von Public Enemy
und Jimi Hendrix,
die Synthese
von Franz Kafka und
Quentin Tarrantino"

So tönte vor mittlerweile siebeneinhalb Jahren ein deutscher Verlag, wenn er Ihresgleichen, die Junge Generation des Bücherfrühlings 1997 ködern wollte. Das sollte frisch und hip klingen, so sollte eine überzeugende Brücke zwischen dem altväterlichen Medium Buch und den jüngerem Medien Film und Pop-Musik geschlagen werden.Das war gut gemeint und vielleicht gemessen an dem, was andere Verlage damals versuchten, gar nicht so ungeschickt angestellt. Und doch hat dieser Rummel und die Versatzstücke, mit denen er inszeniert wurde, dem Buch auf einer ersten wichtigen Rezeptionsebene geschadet.

Nämlich bei denen, die Werbematerial und Gratis-Lesexemplar gleichzeitig und erst einmal gleichgewichtig in Händen halten, bei den Rezensenten. Die Kritiker hatten nun die locker eingängigen, in ein flapsiges Deutsch übertragenen Dialoge von Pulp Fiction als Vorstellung, und den Sound von Pop-Musik als emotionale Erwartung im Kopf, als Sie unser zeitgenössisches Meisterwerk zu lesen begannen.

Ich weiß, wie es sich auswirkt, wenn ein Buch idurch solche Vergleiche und Gleichsetzungen mit Produkten der Massenkultur kurzgeschlossen wird. Dergleichen ist mir selbst einmal mit einem Buch passiert. Diese Art des Anpreisens geht faßt zwangsläufig nach hinten los. Denn eine fehlgeleite Erwartung bleibt merkwürdigweisere auf eine verbiesterte Weise kränkend, sogar - ja gerade wenn das Erhaltene das Erwartete qualitativ weit übertrifft. Schon wer arglos zu MC Donalds geht, wäre mindestens ungut verwirrt, wahrscheinlich würde er sogar ärgerlich, wenn man ihm dort statt des Gewohnten ein hervorragendes Menu präsentieren würde. Literatur-Kritiker werden, wenn man ihre Erwartungen so steil düpiert, häufig zickig, kleinlich, manchmal sogar richtig böse.

Zweites Kennzeichen:Gegen ein neues literarisches Meisterwerk werden etablierte Meisterwerke in Stellung gebracht.

Rückblickend erscheint mir aber an der eben zitierten Verlagswerbung nicht das Schlimmste, daß die inzwischen nicht mehr allzu bekannte Rap-Gruppe Public Enemy und der immer noch halbwegs Kultstatus besitzende Drehbuchautor und Regisseur Quentin Tarrentino als Paten für einen deutschsprachigen Roman aufgerufen wurden. Schlimmer, wirklich fatal ist die einzige wirklich literarische Vergleichsgröße, die Nennung von Franz Kafka. Kafka ist nun in der Tat der Verfasser von Meisterwerken und was sich mit seinem Namen schmückt oder mit seinem Namen geschmückt wird, geht kein geringes Risiko. "So wie Kafka" das klingt schon fast wie "dem Franz Kafka nachgemacht". Wirklich vernichtend hat diesen Verdacht einmal der Kabarettist Wolfgang Neuss formuliert, der eine bestimmte Tendenz der deutschen Nachkriegsliteratur auf den Nenner "kalter Kafka" brachte.

Das Buch, das ich meine, eifert aber auf keiner Seite den Texten Kafkas nach, es nicht Kafka-epigonal, nicht gewollt Kafka-esk, auch nicht Kafka-kokett, nicht im entferntesten Kafkas Prosa ähnlich und ihr auch nicht im Geiste verwandt. Warum in Gottes Namen muß dann Franz Kafka für die Verlagswerbung herhalten.

Es gibt einen Grund, einen ebenso nahenliegenden wie fragwürdigen: Der Roman den ich meine, beginnt mit der Ankunft eines jungen deutschen Mannes in den USA. Und auch von Kafka gibt es einen langen Prosa-Text, der so anhebt: das Roman-Fragment ‚Amerika'. Die Kritik hat vom Verlag mit der Nase auf einen großen Text des großen Kafka gestoßen, glücklicherweise meist darauf verzichtet, dieser blinden Spur hinterherzutapsen. Aber sie hat ihrerseits Meisterwerke in Stellung gebracht. Und interessanterweise sind es fast immer dieselben mächtigen Namen, die aufgefahren werden, um das Buch, dessen Lektüre arg beunruhigend gewesen sein muß, in Schranken zu verweisen: Es sind allesamt Autoren der englischsprachigen Literatur: James Joyce, die große Einschüchterungstrumpfkarte, John Dos Passos der klassisch- modernen Romancier der amerikanischen Literatur, Phillip K.Dick, einer der Kirchenväter der amerikanischen Science Fiction, und immer wieder Wiliam S. Bourroughs und Thomas Pynchon.

Seien Sie jetzt nicht verdrossen, falls Sie noch nie einen Roman dieser berühmten Herren gelesen haben sollten. Wirkliche Lektüre-Erfahrung spielt, wenn es darum geht, ein zeitgenössisches Meisterwerk mit etablierten Meisterwerken zu prügeln, ja zu erschlagen, ein geringe Rolle. In der Regel wird in den Rezensionen, die ich meine, auch durch keinen einzigen Satz deutlich, ob der Schreibende den Autor, dessen Namen er zur Keule instrumentalisiert, gelesen hat. Der Name allein macht es ja, genauergesagt der Rumor, der Ruch der ihm anhängt. Wenn W.S. Bourroughs in Sachen Gewaltdarstellung als der schwarze Meister der Literatur des 20. Jahrhunderts gilt, dann es genügt es über ein gegenwärtiges Buch zu sagen, Vergleichbares habe Bourroughs vor 40 Jahren schon radikaler gemacht. Und wenn Thomas Pychon als der ungekrönte König der postmodernen Erzähltechniken dasteht, dann läßt sich leichthin sagen, ein anderer Autor erreiche Pynchons Raffinesse leider nicht ganz. Sehr oft ist diese Form des herabsetzenden Vergleichs mit einem solch tückisch gönnerhaften Loben verbunden. Und genau dies läßt sich, von außen betrachtet, als ein weiteren Hinweis auf die Existenz eines Meisterwerks deuten:

Drittes Kennzeichen: Das zeitgenössische Meisterwerk wird durch Lob zu mittlerer Güte erniedrigt.

Besonders augenfällig wird dieses Verfahren dort wo der Roman, den ich meine, mit anderen Neuerscheinungen desselben Jahres gemeinsam besprochen wird. Der erste Schritt der Nivellierung besteht bereits im Verfahren: Völlig verschiedenwertige Erzählwerke werden in einem gemeinsamen Durchgang behandelt. Und dann drückt man das Meisterwerk zusätzlich dadurch, daß man ihm in der Doppel- oder Dreierrezension keine Zeile mehr, sondern eher ein paar Zeilen weniger als seinen schwächlichen Zeitgenossen einräumt.

Dies liegt auch praktisch nahe, denn es ist um vieles leichter, über einen Text zu schreiben, dessen Machart man durchschaut, dessen Mängel ins Auge fallen und dem man sich dewegen überlegen fühlen kann. Die tiefste Herabsetzung liegt dann im vergleichenden Lob, im " etwas besser gelungen", im " doch eher überzeugend" im "weniger langweilig". In solch fader Zustimmung haucht dem Meisterwerk der Atem der schnellen Vergänglichkeit entgegen. In dieser Art von Anerkennung steckt das verhängnisvolle Urteil "einer der Jahrgangsbesten". Und das besagt natürlich auch: Der nächste Jahrgang steht schon am Horizont. Sobald dessen beste Romane, ihren Mittag ihren Sonnenhöchststand erleben, das heißt schon auf der nächsten Buchmesse, werden die Jahrgangsbesten der Vormesse bereits vergessen sein.

Schlimm für das Meisterwerk, wenn es nur diese lauen Jahrgangsliebhaber findet, das sind wirklich verhängnisvolle Freunde, das sind Kumpane, mit denen man sich einmal fahrlässig betrinkt, auf die man aber schon im darauffolgenden Kater nicht mehr zählen kann . Da ist es schon fast besser das Buch findet Feinde, echte Feinde von altem Schrot und Korn. Dies will ich gleich als einen weiteren Hinweis festhalten:

Kennzeichen Vier: Gute Feinde markieren das zeitgenössische Meisterwerk durch den Ingrimm ihrer Ablehnung.

Der Roman, den ich meine, wurde auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen. Realtiv spät, erst am 16.August. aber immerhin in der Samstagsausgabe. Zeitpunkt und Ort sind hierbei wichtige Geltungssignale. Die FAZ war damals und ist noch heute in Sachen Geltungszuweisung das wichtigste publizistische Organ des Literaturbetriebs. Eine große rühmende Besprechung in diesem Blatt garantiert zwar keine guten Verkaufszahlen mehr, sie gibt aber so etwas wie einen Geltungsvorschuß oder Geltungsstartschuß. Damit ist betriebsintern eine starke Duftmarke gesetzt, deren Geruch andere Mittler aufnehmen und in andere mediale Reviere weitertragen. Der Rezensent, dem unser Meiserwerk als Besprechungsauftrag der FAZ auf den Tisch kam, muß sich bei Lektüre des Romans irgendwann entschlossen haben, seine Besprechung kurz und bündig zu halten - so bündig und so kurz, daß es mich jetzt gar nicht viel Zeit kosten wird, Ihnen diesen Verriß fast vollständig vorzulesen.

FAZ, Samstag den 16.August 1997
STURM IM HÄKELTÄSCHCHEN

"Ein Dezimeter Haut aus der Schamhaargegend, zu Leder geschrumpft, ein Killer und sechs Erschossene, ein Blinder wird gefoltert, Erbrochenes, Blut und Schleim: das ist ungefähr der Ertrag der ersten Seiten. Weitere Killer folgen, weitere Erschossene, ein roter Koffer voll Wind, Explosionen und wieder jede Menge Blut und Schleim. Die Killer sind nette junge Leute, beruflich allerdings stahlhart. Allmählich lernt man auch ihre Bosse kennen, meistens Weltverbesserer, sie kämpfen gegen die "Unterdrückung", gegen Nazis, Polizisten, Kapitalisten, Pioniere und Skalvenhändler, ist ja alles eine Sorte, und für Juden, Schwarze und Indianer. Jeder von ihnen meint, wenn es nicht anders ginge, wäre es wohl das beste, Amerika in seinem eigenen Blut zu ersäufen. Mit dem Ersäufen klappt es am Ende dann auch, es ist angeblich der 31.August 1939, wo fünf Millionen Amerikaner sterben müssen, an Hurrikanen, Sturmfluten und Überschwemmungen.

Man arbeitet heutzutage nicht mehr ohne mythologischen Hintergrund. Die Unwetter kamen aus dem sagenhaften Schlauch des Äolus, in dem die Winde gefangen waren, bis (der Autor N.N.) sie freizulassen beschloß. Diesen Sack oder Schlauch habe ein junger deutscher Jude aus dem Pergamonmuseum in Berlin entwendet, damit nicht Hitler über diese Wunderwaffe verfügen könne. Der Jude ist ein Glückspilz, der immer durchkommt und deshalb als Katalysator der ganzen Schießerei wirkt, ein Parzival und reiner Tor, der das gute will und dennoch allen Unheil bringt.

(...) Außer Äolus und Parzival begegnen (uns) Jesus und Baal, Faust und Moby Dick, Homer und Noah, Judas und Satan, Star Treck und die apokalyptischen Reiter. Mit wilden Hussa und dröhnenden Vokabeln toben sie im Gemüt des Lesers herum. Angeblich wohnen sie da, angeblich stellt der Roman das "Amerika in uns" dar, in dem die (Maximen des fünfzackigen Sterns) herrschen, nämlich Haß, Gewalt, Chaos, Sex und Revolution (um eine beliebige der vielen Definitionen zu nennen). Immer fünf Dinge müssen es sein und sie erklären alles.

(...) Die vollkommene ethische Teilnahmslosigkeit dieses Gruselkabinetts wird ins Relief getrieben durch die manierierten Layoutmätzchen, die der Verfasser ein dreißigjähriger Berliner, offenbar Computerfreak, unermüdlich erfindet. Zwei Dutzend verschiedene Schriften, randlos bedruckte Seiten, Spalten mal längs, mal quer, Schmuckstempel, Sternchen, Initiale: hier schlägt sein Herz. Zu lesen ist das zwar schikanös, aber aussehen tut das allerliebst. Der Autor verpackt seine wüsten Phantasien in zierliche Häkeltäschchen. Das sollte man ihm doch zugute halten.

Historisch ist der apokalyptische Thriller derart unseriös, daß darüber kein Wort lohnt. Auffallen um jeden Preis lautet die einzige Botschaft des Buches. Krach machen, Schocken, Krakeelen. Sollte der Autor Talent haben, hat er es jedenfalls gut versteckt, es ist vor lauter Lärm nicht mehr zu hören. Wenn das junge Literatur ist, dann doch lieber gleich RTL."

So weit, nur ganz behutsam von mir gekürzt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Genauer gesagt hörten Sie Hermann Kurzke, der damals in den späten 90-ern mit einem Fixumsvertrag regelmäßig für die FAZ schrieb. Der heute 61-jährige Kurzke war und ist zudem Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Mainz und ein seit Jahrzehnten ausgewiesener Thomas-Mann-Experte. Wie und warum ausgerechnet ihm unser Meisterwerk als Besprechungsauftrag auf den Tisch flatterte, weiß ich nicht. Vielleicht war es purer Zufall.

Als ich mir vor zwei Jahren, unmittelbar nach der ersten Lektüre des Romans, - mir genügten damals drei euphorische Abende - . die FAZ-Besprechung aus dem Internet fischte, war ich entsetzt über die haarsträubende Ignoranz, über den borniert spießigen Ton, über das hohle Donnern von Kurzkes Kurz-Verriß. Aber inzwischen kenne ich die meisten anderen Besprechungen, auch die vielen schwächlich-Schulterklopfenden, die das Buch durch ihr tückisches Lob herabziehen, und ich muß, gemessen an dieser Rezeption, den wüst polternden Kurzke doch schätzen.

Fast könnte man sagen, glücklich das Meisterwerk, das sich zumindest solch grimmige Feinde erringt. Wäre ich damals Leser der FAZ gewesen, der schnaubende Verdruß, der aus Lurzkes Text spricht, hätte mich gewiß neugierig gemacht. Und zudem trifft Kurzkes Argumentation in all ihrer kurzatmigen Abwehr doch den einen oder anderen Nagel auf den Kopf. So schreibt er ganz zuletzt: "Historisch ist der apokalyptische Thriller derart unseriös, daß darüber kein Wort lohnt." Historisch ist der apokalyptische Thriller derart unseriös, daß darüber kein Wort lohnt. Hierzu lohnt sich ein Wort. Die "historische Unseriosität" unseres Romanes führt mich direkt zum längst fälligen nächsten Merkmal:

Fünftes Kennzeichen: Das zeitgenössische Meisterwerk stört unsere kollektive Zeitgewissheit.

Gern lobt man Romane in Deutschland dafür, daß sie uns angeblich etwas über unsere Zeit erzählen. Oft liegt der Schwerpunkt dabei auf "Erzählen", den das was es da erzählerisch zu vermitteln gibt, gilt gar nicht als unbekannt, man sieht es ja täglich im Fernsehen und liest es in den Magazinen. Jeder augeklärte Zeitgenosse weiß angeblich darüber Bescheid. Der Literatur kommt nur noch zu, dieses Weltwissen, diese Zeitgewissheit in die für sie typischen Erzähl-Formen zu übersetzen. Das heißt ganz banal: Der Roman bietet ein paar Leutchen auf, die so ähnlich sind wie wir, aber auch ein bißchen besonders - halt so, daß man sich mit diesen Protagonisten identifizieren kann, ohne sich zu langweilen, ohne sich zu befremden, ohne sich seines So-Seins genieren zu müssen.

In den späten 90ern des 20. Jahrhunderts, als auch unser Meisterwerk erschien, wurde plötzlich, eine ganze Reihe junger Autorinnen und Autoren dafür hochgepriesen, daß sie uns kurzweilig erzählen würden, wie denn Jünglinge und Maiden eigentlich heutzutage so beschaffen seien. Angeblich war es ein besondere literarische Erfahrung platterdings aufgeschrieben zu sehen, welche Musik man gerade in jungen Kreisen so hörte, was zu dieser Musik geraucht und getrunken wurde und vor allem wie die sogenannten Jungen es mit der Liebe und dem Sex hielten.

Die Älteren sollten dies unbedingt lesen, weil sie ja sonst nicht erführen, welche CD's ihre herangewachsenen Kinder inzwischen hörten, was diese dazu tränken und rauchten und wie diese es mit der Liebe und dem Sex hielten. Eigenntlich ein fragwürdiges Argument - denn genau dies wurde ja auch regelmäßig im Fernsehen, im Spiegel und im Stern verhandelt. Aber ältere Leute glauben immer noch lieber Büchern als rtl II oder dem Focus.

Die jungen Leute sollten diese Bücher kaufen, damit sie aus ihnen erführen, daß sie es völlig in Ordnung, ja sogar hochspannend sei, daß sie diese und jene Musik hörten, dies und das dazu rauchten und daß sie sich tatsächlich, wer hätte das gedacht, an Liebe und Sex versuchten.

Zudem war es in ökonomisch schwieriger werdenen Zeiten ja eine überraschende und höchst reizvolle Zukunftsperspektive, einfach mal aufzuschreiben, wie man so durch sein Studenten- , Job- und Liebesleben kam, und mit dem schlichtweg Aufgeschriebenen auf dem deutschen Buchmarkt reich und berühmt zu werden.

Genau Letzteres schlug in der Regel fehl. Die meisten der So-ist-mein-junges-Leben-Romane floppten. Die neue deutsche Literatur der späten 90-er, die jungen Blechtrommler, wie sie der Spiegel nannte, ist nun, nach einem knappen halben Jahrzehnt bereits weitgehend vergessen. Wer so ausschließlich an den Kitzel banalster Gegenwart glaubt, beißt zwangsläufig in das Gras der schnellen Vergänglichkeit. Und von den wenigen Autorinnen, die sich zumindest im Betrieb halten konnten, haben sich inzwischen viele, da ihnen ihre Gegenwartsversessenheit längst zu Gegenwartsnot geworden ist, auf die jüngere Zeitgeschichte geworfen.

Bekanntlich ist ja jede Jugend irgendwann einmal vorbei. Auch wenn mancher die Pubertät heutzutage locker bis 29 ausdehnen kann, mit 35 sieht er nach einer durchgemachten Nacht im Spiegel alles andere als jung aus, und mit fast vierzig kann er schlecht den dritten Bohemien-Roman schreiben, in dem nervöse Jünglinge und liebeskranke Mädchen die Zeit mit melancholischem Zigaretten-Schmauchen herumbringen.

Also entdeckt man zur sicheren, aber arg dünn gewordenen Gegenwart eine vergleichbar sichere Vergangenheit. Da sind doch auch noch diese Eltern, 68-er oder irgend so etwas und die hatten ja auch Eltern, vielleicht ist bei denen, bei den Großeltern, mit etwas Glück sogar ein waschechter Nazi dabei. Na, zur Not macht man die Oma halt zur KZ-Schergin. Und schon ist der kleine Alltag der Beziehungsprobleme und Liebeshändel mit dem verknüpft, was man leichthin und meist etwas großspurig Zeitgeschichte nennt. Wie es in 60er und 50er Jahren oder gar im schlimmen Dritten Reich zugegangen ist, das weiß man schon so ungefähr aus dem Fernsehen und denn Rest recherchiert man sich im Internet zusammen.

Ich weiß nicht, ob ein wackerer Rezensent wie Hermann Kurzke solche Literatur im Gegensatz zu unserem Meisterwerk "historisch seriös" nennen würde, zumindest könnte er sich bei sich diesen Büchern nicht darüber beklagen, daß Figuren plötzlich in einer Epoche auftauchen, in der wir sie nicht vermuten und auch nicht darüber, daß in vergangenen Jahrzehnten, die wir doch durch unser zeitgeschichtliches Wissen perfekt zu kontrollieren vermeinen, plötzlich Dinge geschehen sein sollen, bei denen sich uns lesend die historisch glatt gekämmten Nackenhärchen sträuben.

Der Roman, den ich meine, verfährend durchweg so, daß er sich eben nicht wie die meisten anderen Bücher an unsere Zeitgewissheit anschmiegt. Er sagt nicht, so war es doch, das wissen wir doch alle. Und er zählt auch nicht die hübsch originellen Ausmahmsgeschichtlein, die sich gerade durch den Bonsai-Charakter ihrer Originalität perfekt in das gewohnte Gegenwarts- und Vergangenheitsbild einfügen. Das Meisterwerk stört unser Zeitbild. Es entlarvt unsere Gegenwarts- wie unsere Vergangenheitskontrolle als etwas Gemachtes. Wir spüren plötzlich, das unser individuelles Erinnern und die großen informationsselektierenden Maschinen der Geschichtsschreibung ein abgekartetes Spiel miteinander spielen: Glaubst Du mir meine großen Plan, dann darfst Du deine kleinen Anekdoten als exemplarische Mosaiksteine in das ansonsten aus groben Platten zusammengstückelte Bild legen. Die Komplizenschaft von Historie und zeitgeschichtlich unterfüttertem Gegenwartsroman ist in der deutschen Nachkriegsliteratur aber immer noch so innig, so dominant, daß jedes Buch, daß dieses Spiel nicht mitspielt, sofort auffallen muß.

Ja, unangenehm auffallen muß - denn wir lieben unsere Zeitgewissenheit, gerade weil sie so homogen vage, so verschwommen gleichförmig ist. Sie ist vielleicht die allgemeinste, die am meisten unbewußte Form der Besserwisserei. Und deshalb scheut sich heutzutage ein Literaturkritker, geboren 1960, nicht im geringsten zu schreiben, eine Autorin, Jahrgang 1965 habe die Stimmung und den Charakter der 50er Jahre durch minutiöse Beschreibung perfekt getroffen und die so eingefangene Vergangenheit für uns die Gegenwartsmenschen zu neuem Leben erweckt.

Unser Meisterwerk hat in der Tat alles getan, um ein solches Lob nicht zu verdienen. Es weiß, daß jede vergangene Zeit unerreichbar ist, und daß das Leben der Toten, denn das wäre in einem ernsten Sinne Vergangenheit, eben deshalb so beunruhigend ist, weil es sich nirgends einfach einfangen läßt. Das Buch, das ich meine, verficht eine andere Form des Vergangenheitskults. Es behauptet, daß es nur der die Toten richtig ehrt, der ihnen demütig von den besten Stücke seiner Gegenwart opfert - es bringt Seite für Seite Opfergaben aus Phantasie, Lust, Größenwahnsinn und innigster Angst.

Und prompt wird dem Roman, der dies tut, das Wort ‚Anachronismus' entgegengehalten, um ihn zu kennzeichnen und abzuwerten. Wer die gewohnten Rituale der Vergangenheitskontrolle der sogenannten Vergangheitsbewältigung verweigert, wird als anchronistisch als aus der Gegenwart gefallen bezeichnet. Und nicht einmal ganz zu Unrecht: Denn unser Gegenwarts- unser Wirklichkeitsgefühl stützt sich ja nicht zuletzt auf dem trügerischen Glauben, auch die Vergangenheit und damit die Toten durch die gegenwärtige Zeitordnung zu beherrschen. Dies bringt mich zum nächsten Merkmal, das sich als Zuspitzung des Letztgenannten verstehen läßt:

Sechstes Merkmal: Das zeitgenössische Meisterwerk läßt den Lesenden erfahren, daß Literaturerfahrung auch eine eigenständige Zeiterfahrung bedeutet.

Kluge lesende Kinder würden sich wohl darüber wundern, daß ich diese Selbstverständlichkeit überhaupt als Merkmal, überhaupt als bemerkenswert anführe. Denn dem intensiv lesenden, frühreifen Kind, dem hochpotenten Superleser, dem Traumleser jedes Autors ist genau dies die selbstverständlichste Sache von der Welt. Als Kinder und vielleicht auch noch als Jugendliche waren wir im Höchstbesitz unser Phantasie- und Vorstellungskräfte und ebenso stark war unser Wille die Zeitläufte der Erwachsenwelt für den Akt des Lesens zu verlassen. Man kann dies als Flucht bezeichnen. Aber dann ist auch das Spiel des Kindes Flucht in anderes Wahrnehmungsreich, in andere Zeitgefilde. Ich weiß nicht, ob Sie einen Kindergarten besucht haben - und falls ja, ob sie sich noch an diese Epoche ihres Lebens erinnern mögen und können. Sobald in einem pädagogisch straff geführten Kindergarten ein oder zwei Stunden für das sogenannte ‚Freie Spiel' vorgesehen sind, liegt nackt auf der Hand das es neben der linearen homogenen und gleichförmig getakten Zeitordnung der modernen Arbeitswelt andere Formen der Zeitordnung gibt, denen man - teils wohlwollend teils mißtrauisch - behütete, aber auch kontrollierte Reservate einräumt.

Zeitwahrnehmung ist immer Selbstwahrnehmung. Die Zeit ist das Vollzugsmedim unseres mentalen Systems. Und die Jugendlichen, die sich nach sechs oder acht gleichförmig öden Schulstunden vor die Playstation II setzen und die nervösen Rhythmen eines Computerspiels aufnehmen, suchen und finden genau dies: eine andere Struktur des Zeit- und Selbstverlaufs. Die Literatur war bereits ein solch eigentümliches Erfahrungsreich lange bevor es Film, Fernsehen und PC-Spiele gab. Und sie hat sich immer wieder erstaunlich erneuert - im Gegensatz zu anderen Erfahrungswelten, die weitgehend tot sind wie die christlichen Kulte, wie der gemeinsame Gesang oder das Gebet, wie die artifizielle Konversation des bürgerlichen Salon, der Zirkus, das Cabaret oder Stummfilm, oder wie jene Zeit- und Selbstwahrnehmungssphären, die seit Jahrzehnten qualvoll langsam absterben, zum Beispiel die Oper oder das Theater. Die Literatur hält sich dagegen gut, wie ein unglaublich zähes, immer wieder neu austreibendes Unkraut. Was jedoch nicht heißen muß, daß es für alle vorstellbaren zukünftigen Zeiten auch Literatur als Erfahrungsoption geben muß.

Siebtes Merkmal: Das zeitgenössische literarische Meisterwerk weiß um seine gefährlichsten außerliterarischen Konkurrenten.

Warum ein Buch lesen, wenn endlich das amazon-Packet mit der zweiten Staffel von David Lynchs TV Serie Twin Peaks auf CD eingetroffen ist, warum überhaupt noch ein Buch aufschlagen, wenn doch das Computerspiel, mit man gestern zum ersten Mal begeistert gerungen hat, mit der nächsten Schwierigkeitsstufe und faszinierend neuen Bildwelten lockt. Das Buch, das ich meine, kennt diese Konkurrenz. Sein Autor hat mit dem Feuer der neuen heissen Medien gespielt und die Gefahr der Ablenkung, ja der endgültigen Fahnenflucht am eigenen mentalen System erfahren. Auch die Kritiker des Buches haben dies bemerkt, sie haben Figuren, Handlungselemente, Erzählverfahren erkannt, die ihnen aus Film, Comic und Computerspiel zu stammen scheinen. Und sie ziehen daraus den Schluß, daß unser Roman etwas nachahme oder übernähme, etwa so wie der Stumfilm einst recht ungeschickt Testtafeln zwischen die bewegten Bilder setzte. Oder so wie törichte Tanztheaterregisseure ihren Spielraum, die Bühne mit Fernseh-Bildschirmen verstellen. Unser Meisterwerk aber vertraut gerade dort, wo es mit den Figuren, den Erzählrhythmen fremder Medien spielt am stärksten auf die Möglichkeiten, die nur Literatur besitzt, wenn sie sich im Leseakt realisiert, in dieser irrwitzig schnellen und hochkomplexen Umsetzung von bedeutungsevoziernenden Zeichenverknüpfungen zu Gedanken, Gefühlen und Imaginationen. Noch immer scheint mir die Literatur die schnellste aller Künste und diejenige die das Prädikat ‚interaktiv' am meisten verdient.

Das Buch, das ich meine, ist gerade dort, wo es scheinbar comicartic erzählt, gerade nicht wie eine simple Bildgeschichte flüchig leicht zu überfliegen, sondern besonders befremdend und eigentümlich und fordert unser ganzes Lesevermögen, unsere Konzentration die Aktivierung von maximal viel Phantasie.

Auch dies ließe sich als ein eigenes Merkmal formulieren: Das zeitgenössische Meisterwerk fordert den Meisterleser in uns heraus. Aber stattdessen:

Schnell als achtes Kennzeichen: Das zeitgenössische Meisterwerk erkennt man an der Energie, die starke zeitgenössische Leser mobilisieren müssen, um seine Einzelheiten zu vergessen.

Das Buch, das ich meine, ist daß ich meine, ist nur 230 Seiten lang. Es besteht aus fünfzig, meist vier Seiten kurzen Kapiteln. Ich habe es in den letzten zwei Jahren viermal gelesen. Und habe mir immer gute Leszeit für es genommen - also Stunden, in denen ich nicht so abgefackelt war, daß meine Kraft eigentlich nur noch noch zum Fernsehen gereicht hätte. Ich bilde mir also ein, den Roman irgendwie zu kennen. Aber als ich mich vor drei Wochen an die Abfassung dieses Vortrags machte und mir gleich eingangs überlegte, welches der Kapitel ich Ihnen vorlesen könnte, sah ich mich plötzlich außerstande mir den Ablauf der Handlung, geschweige denn besonders eindringliche, zum Vorlesen geeignete Szenen innerlich aufzurufen.

Ich glaube nicht, daß mir ein solcher Blackout mit einem Meisterwerk aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder aus früheren Jahrhunderten widerfahren könnte. Diese merkwürdige Blockade hatte ihre Wurzel in der Zeitgenossenschaft. Und mir fiel als paradoxes Gegenbeispiel sogleich ein, wie oft und wie blitzartig intensiv ich bei der Abfassung eigener Prosa in den letzten Jahren an dieses Buch gedacht hatte.

Alle Figuren und Szenen des Meisterwerks waren da und lebten in mir seinem zeitgenössischen Leser fort, aber es war ein Fortwesen, das offenbar eine gewisse Heimlichkeit brauchte, das den Deckmantel der Verdrängung übergezogen bekam, um nicht zu dominant, um nicht irgendwie gefährlich zu werden.

Also begann ich vor dem bereits zum Schreiben eingeschalteten PC erneut zu lesen. Und eben so heftig wie sie zurückgedrängt worden war, kam die Erinnerung zurück. Natürlich wußte ich noch alles. Dies waren Szenen, die man eigentlich sein Lebtag nicht vergißt. Und weil ich nun aus frischer Erfahrung kannte, wie die Verdrängung erneut greifen würde, beschloß ich, sofort jenes Stück abzutippen, daß ich in Köln, Ihnen, meinen damals nur vorgestellten Zuhörerinnen und Zuhörern, vorlesen wollte:

Der Roman, den ich meine. Seite 121 27. Kapitel
"Auch 1937 war der heilige Abend eine Zeit der Wunder, in Metz, Frankreich, kehrte ein Vater, der seine Familie zwölf Jahre zuvor verlassen hatte, überraschend heim, und wurde vom neuen Ehemann seiner Frau gastlich bewirtet und von seinen groß gewordenen Kindern beschenkt. In Siena, Italien, begegneten sich auf dem Weg zu ihren jeweiligen Familien zwei Todfeinde auf dem Palio-Platz, und sie umarmten sich. Und in Cleveland, Ohio machte ein künstliches Wesen einem Menschen ein ungewöhnliches Geschenk.

Fedriger Schnee fiel auf die blinkenden Leuchtmarkisen von SNOWWHITE AND THE SEVEN DWARFS, und rund um das Premierenkino konnte man zwischen den aufgeregten schal- und kapuzenvermummten Kindern und ihren lachenden Eltern Zwerge herumwackeln sehen, genauer gesagt: Kleine Menschen, die ähnlich den gezeichneten Zwergen des Films verkleidet waren. Der junge Mann mit dem roten Koffer umging die in Vorfreude bebende Menge, denn schon an ihren Rändern war er wegen seiner schlechten Kleidung - er war zudem barfuß - ärgerlich angesehen und weggescheucht worden. Ein Bettler paßte den feinen Leuten von Cleveland nicht ins Bild. man hatte vor das Kleingeld für Popcorn und Zuckerstangen auszugeben, nicht für irgendwelche Schnorrer. Wie sehr sie sich in dem jungen Mann täuschten. Er war kein Bettler. Im Gegenteil. Er war bereit - und in der Lage - zu geben.

Als ein wirklicher Bettler, der an einer zugigen Ecke im Schnee saß, um eine Gabe bat, reichte ihm der junge Mann ohne Zögern seinen Koffer, der alles war, was er außer seinen Kleidern besaß. Und einen Block weiter, wo ihn ein alter Mann mit einem Orden aus dem ersten Weltkrieg ansprach, gab er auch seinen Mantel her und spiegelte sich nun mit Hemd und Hose, unrasiert und mit langem Haar in den Schaufenstern der Geschäfte. Er war nicht verückt. Er war nur kein gewöhnlicher Mensch. Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, war tief unter der Erde, in einer Berggrotte gemacht worden, von einer Art Puppenbastler, von einem der für dieses Werk einen hohen Preis entrichtet hatte. Und wer darüber nachdenkt, wird verstehen, daß dies eine ebenso wunderbare Weise ist, in die Welt zu kommen, wie als Sohn einer Jungfrau und als Sohn eines Sterns.

SILENT NIGHT; HOLY NIGHT; ALL IS CALM; ALL IS BRIGHT. Kurz schien der junge Mann gefangen von den Stimmen eines Kinderchors, von einem Singen neben dem sogar die Automobile ganz leise wurden. Aber dann sah er etwas, das ihn wirklich magisch, daß ihn sehnsuchtsähnlich anzog, gleich der Erinnerung an eine erträumte Kindheit.Ein schmaler Laden, auf einem Schild stand, von Schnee schwer überdacht: Der große Zauberer Tobini. Heute Weihnachtsabschiedsshow. Der junge Mann näherte sich der mit zu oft benutztem Lametta geschückten Tür und trat ein. Ein leeres kleines Theater. Seit Jahren ungeatmete Luft. Einstmals weiß gewesene Stühle vor einer winzigen Bühne. Auf ihr saß im Schein einer einzigen Kerze ein alter Mann in Anzug, weißen Handschuhen und Zylinder. Der große Tobini.

"Willkommen!" sagte der Zauberer. "Ich hätte nicht gedacht, daß noch jemand kommt. Ihr seid mein erster Gast seit langer Zeit. Und ihr werder wohl auch mein letzter sein."

"Kostet Eure Vorstellung viel Geld?" fragte der junge Mann und trat näher. "Ich habe noch meine Hose und mein Hemd. Und falls der Eintritt mehr kostet, kann ich nicht bleiben."

"Ich nehme kein Geld mehr, junger Freund. Dies ist eine Abschiedsvorstellung, und Abschiede sollten niemals etwas kosten. Setzt Euch dorthin, in die erste Reihe. Ich will versuchen ein Kaninchen aus diesem Hut zu locken."

"Warum Abschied. Liebt Ihr die Kinder nicht mehr?"

"Wer könnte je aufhören, die Kinder zu lieben. Sie lieben mich nicht mehr. Die Zeit von meinesgleichen ist vorbei. Hast Du nicht die Plakate gesehen? Schneewittchen heißt das neue Wunder. Wer interessiert sich noch für Kartentricks und Wahrsagen, wenn er Zeichen und Trick und Film in einem haben kann. Dort können die Kinder Zwerge sehen und sprechende Tiere, die Zeit der Zauberer ist vorbei."

"Das ist nicht wahr", sagte der junge Mann, "die Zeit der Zauberer ist erst im Werden."

Tobini lachte traurig. "Mein junger Freund! Ein steinaltes Kaninchen hockt zusammengekrümmt im Doppelboden dieses Hutes und wartet auf seinen Auftritt. Wenn ich wirklich zaubern könnte, was würde wohl aus ihm werden."

"Vielleicht ein Pferd?" schlug der junge Mann ernsthaft vor.

"Ihr macht Spaß, könntet ihr mir ein Pferd auf diese Bühne zaubern?" Die speckige Zylinderkrempe rutschte Tobini aus der Hand, der alte graue Hase befreite sich aus dem über den Boden rollenden Gefängnis und hoppelte ins Dunkel hinter der Bühne zu seiner Mohrrübe. Der alte Zauberer und der junge Mann sahen sich in die Augen, und da war etwas in beiden Gesichtern, das nur die Wahrheit sagen konnte.

Das Pferd war sehr klein, kleiner noch als ein Schaukelpferd, aber es glänzte violett, rollte grüne Augen und wieherte, und es war direkt aus der Wunde in der Hand des jungen Mannes gewachsen, als dieser hineingepustet hatte. Nach dem Pferd kamen bunte Funken und ein Schwall tanzenden Lamettas, dann stiegen zwitschernd Vögel auf mit Kirschen an den Flügelspitzen, und ein putzig kleiner Weihnachtsmann begann über die Bühne zu tollen, wobei bei jedem Purzelbaum sein weißer Bart ein klein wenig länger wurde. Azurblau stürzte Wasser nach oben, zerbarst an der Decke zu goldenen Strahlenkränzen, bunte elastische Kugeln schwebten durch die Luft, verformten sich zu fünfzackigen Sternen und zu Würfeln mit Sechsen auf allen sechs Seiten.

Der junge Mann schickte den Santa Claus, der seiner Hand entsprungen war, hinaus auf die Straße. Dort standen Eltern mit Kindern im Schnee, die weinten, weil sie keine Eintrittskarte mehr für Schneewittchen bekommen hatten. Und der kaum mehr als fußlange Weihnachtsmann mit dem gewaltigen Bart, den alle für eine Spielzeugmaschine hielten, holte sie hinein zu Tobini. Bald war dessen Theater übervoll mit Kindern und Eltern, die staunten wie der alte Zauberer neben einem jungen Assistenten in Lumpen die tollsten Kunststücke vollbrachte, und eine paar Einsame waren auch im Publikum und eine ganze Gruppe romantischer Filmstudenten .... .

Hier breche ich ab, denn ich spüre: natürlich sind Sie enttäuscht. Ein gute halbe Stunde bin ich mit Andeutungen um ein angebliches zeitgenössisches Meisterwerk um sie herumgeschlichen. Und nun, wo ich mit einem Auszug aus demselben den Beweis für seinen Rang antreten müßte, habe ich wie der große Tobini nur ein Kaninchen im Zylinder.

Vieleicht hätte ich anstatt aus dieser sentimentalen Weihnachtsgeschichte, die 1937 am Premierenabend des berühmten Walt Disney Trickfilms Schneewittchen und die Sieben Zwerge spielt, aus dem übernächsten Kapitel lesen soll, im dem dieser zauberkundige barfüßige junge Mann in die Industriestadt Detroit eindringt, um dort das Zentrum des Technologie-Konzerns Sanguinet anzugreifen, vielleicht hätte Ihnen besser gefallen zu hören, welche furchtbare Schlacht er sich in der Innenstadt der Motorcity mit den Sicherheitskräften liefert, bis Raoul Sanguinet, dem mysteriösen Konzernchef gelingt, gelingt den stigmatiserten Magier mit Magie zu vernichten.

Aber ich fürchte, auch der Vortrag dieses 29. Kurzkapitels hätte nur dazu geführt, mir die Gültigkeit von Kennzeichen Neun zu bestätigen.

Neuntes Merkmal: Das zeitgenössische literarische Meisterwerk läßt sich durch den mündlichen Vortrag des Autors oder eines anderen Zeitgenossen nicht verstärken, sondern nur schwächen.

Kurz nachdem ich den Roman, den ich meine, zum erstenmal gelesen hatte, erhielt ich den Arnruf eines Literaturveranstalters. Er lud mich zu einer Doppellesung ein. Ich sollte mit einem arg bekannten Fernsehmenschen zusammen auftreten, weil unsere aktuellen Bücher angeblich das gleiche Thema verhandelten. Ich schlug dies ab. Und konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, daß ich das Fernsehmannbuch nicht für ein literarisches Werk hielte. Worauf mich der Veranstalter leicht gereizt fragte, ob ich denn überhaupt noch zum gemeinsamen Auftreten mit einem anderen Autor bereit sei. Darauf hatte ich nur gewartet. Und ich schlug sogleich den Verfasser des Meisterwerkes vor. Er und ich, wir könnten ja eine Art Amerika-Abend zusammen machen.

Dazu kam es dann auch. Ich lernte den Autor dadurch kennen. Von seinem Roman war fünfeinhalb Jahre nach dem Erscheinen noch immer die erste Auflage lieferbar. Das muß man für Glück im Unglück halten, den in vielen Verlagen geht ein Buch, das sich so schlecht verkauft, gnadenlos den Weg in den Ramsch. Wir lasen damals zuerst jeweils aus unseren eigenen Texten, und dann trugen wir noch gemeinsam ein Kapitel des Romans vor. Anschließend gingen wohl ein gutes Dutzend Exemplare des Meisterwerks über den Büchertisch, aber ich wage nicht zu behaupten, daß dies unserem Vortrag geschuldet war.

Die Süddeutsche Zeitung hatte netterweise einen ihrer Berliner Mitarbeiter zu unserer Lesung entsandt. Und zwei Tage später, durfte ich dann lesen, wie schlecht unser Versuch; das Meisterwerk stummlich zu beatmen, bei diesem Berichterstatter angekommen war. Mir warf er vor, ich hätte es versäumt zu erklären, warum ich das Buch des Kollegen für so bemerkenswert halte. Und mit besonders spitzer Feder beschreibt er in seiner Veranstaltungskritik seltsamerweise das Äußere des Autors, die Kleidung mit der dieser mit der Moderatorin und mir auf dem hauptstädtischen Podium saß.

Ich glaube, daß dies kein Zufall ist, ich fürchte, daß der Druck der vom Text jedes zeitgenössischen Meisterwerks ausgeht, bei den Lesern zu typischen Ausweichbewegungen, zu Vermeidungshandlungen führt. Und wie ein Druckausgleichsventil bietet sich hierfür die Unzulänglichkeit dessen an, der öffentlich für das Meisterwerk spricht oder versucht, seinem Wortlaut eine Vortragsstimme zu geben. Zu diesen unzureichenden, fast zwangsläufig ungeschickten Geburtshelfern des Meisterwerks gehört auch der Autor. Und als zehntes und letztes Kennzeichen will ich dies noch kurz ins Auge eines wehmütigen Bedauerns fassen.

Zehntes Kennzeichen: Dem Erfolg des zeitgenössischen literarischen Meisterwerks steht die Individualität seines Autors im Wege.

Wenn der Verfasser des Romans, den ich für meisterlich wagemutig und gelungen halte, hier vor ihnen aus dem Buch läse, sie könnten nichts Meisterliches an ihm bemerken. Er ist ein mittelhübscher, schlanker, etwas blasser 37-jähriger Mann. Die langen, Haare und seine milchige Bläße lassen ihn jünger wirken, als er ist. Er ist nicht extrovertiert, aber auch nicht auf eine interessante Art schüchern. Und selbst wenn er die aller schrecklichsten Passagen seiner Texte vorliest - Seine Prosa ist reich an Allerschrecklichstem! - deutet absolut nichts daraufhin, daß die Phantasie, die diese Szenen gebar, in diesem netten späten Jüngling ihre dauerhafte Behausung hat. Obwohl das Schöpferische wie eine ganze Schar Besessener in ihm wütet, ist er selbst nicht einmal originell.

Die große amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, selbst Verfasserin von Meisterwerken, sagte 1936 in ihrem Vortrag "Was sind Meisterwerke" vor amerikanischen Studenten:

"Es ist von Genies gesagt worden, daß sie ewig jung seien. Ich sagte einmal, was hat es für einen Sinn ein Knabe zu sein, wenn man doch zum Mann heranwachsen wird, der Knabe und der Mann haben nichts miteinander zu tun, außer in Bezug auf Erinnerung und Identität. Sie sind Sie weil ihr kleiner Hund Sie kennt.

Es ist außerordentlich zu wissen, daß man keine Identitiät hat. Man könnte sagen, es ist unmöglich, aber daß es nicht unmöglich ist, wird bewiesen, durch die die Existenz von Meisterwerken die gerade das sind. Sie sind wissend, daß keine Identität da ist und sind schaffend während Identität es nicht ist. Das ist was ein Meisterwerk ist. Und so wissen wir also was ein Meistrwerk ist und wir wissen auch warum es so wenige gibt. Alles ist gegen sie."

In den wenigen Stunden, die ich in den letzten eineinhalb Jahren mit dem Verfasser des Meisterwerks, das ich meine, verbracht habe, war ich zwei, dreimal ziemlich nahe daran, zu verstehen, was Gertrud Stein meint. Ich begriff für kurze Momente, daß das Meisterwerk, das ich gelesen hatte, nicht wesentlich mit dem zu tun hat, was ein kleiner Hund, wäre er der Hund des Autors, an diesem als dessen Identität erschnüffeln und wiedererkennen würde.

Meine Frau, die Gertrud Stein leichter und besser versteht als ich, und die mich an jenem Abend "Meisterwerk! Meisterwerk! Das ist ja ein Meisterwerk!" stammeln hörte, hat das Buch bald darauf auch gelesen. Sie fand es hochinteressant, ungeheuer spannend und sehr sehr männlich. Und für ein Meisterwerk hält sie, die Zeitgenossin, den von mir so sehr bewunderten Roman bis heute - nicht.

Schade, daß Sie mir nun nicht sagen können, wer Ihres Erachtens recht hat. Sie kennen den Roman ja leider nicht. Sie kennen nicht einmal seinen Titel und ebenso wenig den Namen des Verfassers. Beides sage ich Ihnen aber gerne gleich, abseits dieses Pultes, so diskret und beiläufig, so wie es mir vor drei Jahren in Köln mitgeteilt wurde: Von Zeitgenosse zu Zeitgenosse just so, wie es ein zeitgenössisches Meisterwerk für sein halbgeheimes Weiterwesen wohl braucht.

(Vortrag über Tobias O. Meißners Roman ‚Starfish Rules', gehalten am 25.11.2004 vor Studierenden der Germanistik an der Universität Köln)

 

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