Georg Klein
Vom Schminken der Maske
Gerhard Schröder verweigert seine Biographie

Es kann im Herzen gut tun, Menschen nach bestem Vermögen von ihren Erfahrungen sprechen zu hören. Selbst der Stammelnde erringt den Ehrentitel des Zeitzeugen, so er sich nur redlich müht, Auskunft über sein Leben zu geben. Sag, was du in der Welt, die auch die unsere war, getan und erlitten hast! Und erzähl' es uns, so gut du kannst! Waum sollten wir von Gerhard Schröder weniger verlangen? Dass er etwas erlebt haben muss, steht außer Frage. Und dass ein Politiker, dessen Stimme jahrzehntelang um das Ohr der Öffentlichtkeit warb, ein intimes und zugleich kritisches Verhältnis zum Wort hat, wollen wir ihm unterstellen.

Der Autor Schröder beginnt mit seinem Herkommen. Damit ist klar, dass es ihm nicht vorrangig um eine reflexive Bilanz seines politischen Handelns in Partei und Amt gehen wird. Entschieden schlägt er eine existenzielle Saite an. Das ist gut so. Denn der vielbeschworene Sachzwang, vom Hickhack in der Ortsgruppe einer Partei bis hin zur Dynamik der Globalisierung, er bliebe nur ein nebulöses Gespenst ohne das Individuum, das gegen ihn ankämpft. Auch ein Politker hat nur ein einziges Leben zu vergeuden. Und selbst wenn das politische Geschäft nichts als eine triste Knochenmühle sein sollte, dann bezieht es doch eine gewisse Würde, ja eine eigentümliche Tragik daraus, daß Menschen ihre besten Kräfte darin verbrauchen.

Gerhard Schröder hat es wie wenige deutsche Nachkriegspolitiker verstanden, sich die Aura eines Kraftkerls zu erwerben. Vor dem Hintergrund dieses Images gewinnen die Armut und die Enge, aber auch die Nestwärme seines Aufwachsens sogleich Bedeutung. Schröder erinnert sich an Geräusche seiner Kindheit, an das Husten seines TBC-kranken Stiefvaters, an das Klatschen des Rohrstocks auf die Hände der Volksschüler, und plötzlich springt er mit einem überraschenden Exkurs zum Quietschen des Stifts, mit dem Horst Jansen, der "gnadenlose Trinker und geniale Künstler", auf einem Fest im niedersächsischen Wahlkampf 1986 Regenschirme mit Zeichnungen bedeckt. "Mit großer Geste reicht er sie herunter. Er sitzt auf einem Stuhl, der wiederum auf einem Tisch steht, wie auf einem Thron." Der rettungslos suchtkranke Egomane im Geltungsrausch, gesehen von einem Politiker, der sein erstes großes Amt anstrebt: Was für eine Szene! Welch eine Chance zur Spiegelung! Aber uns, den Lesern, bleibt für die folgenden 500 Seiten nur die schmerzliche Ahnung, worüber Gerhard Schröder und Uwe-Carsten Heye, sein Ghostwriter und ehemaliger Regierungssprecher, leider nicht geschrieben haben.

Es betrübt, ein Buch durch das charakterisieren zu müssen, was es verweigert. Wir erfahren nicht, wie dem Lehrling in einer Eisenwarenhandlung das Interesse am Politischen aufgeht. Ebenso wenig verrät Schröder uns, an welchen Orten sein Instinkt und sein Verstand die besondere Witterung des Öffentlichen aufnahmen. Im Dunkeln bleibt, bei welchen Gelegenheiten er den Geschmack der Macht kennen- und schätzen lernte und wann die Bitternis des Scheiterns den Genuss von Amt und Bekanntkeit vergällte.Mit einer merkwürdig buchhalterischen Akribie werden die Namen zahlreicher "Wegbegleiter", "Mitstreiter" und "verläßlicher Partner" aufgelistet. Viele bekommen einen dürren, offenbar obligatorischen Satz. Aber welche Rolle spielen innige Zusammenarbeit, Vertrauen, Freundschaft bei einem Tun, das angeblich "mörderisch" sein kann, weil es mit einer "gnadenlosen Öffentlichkeit" zu tun hat? Ähnlich unbesprochen bleiben Konkurrenz, Neid und Feindschaft. Dass Oskar Lafontaine ein begnadeter Gegner gewesen sein muss, wird angedeutet. Aber wie war es, als der Niedersachse und der Saarländer, die beiden großen populistischen Talente der SPD, gleichzeitig auf dem Scheitelpunkt ihrer Karriere balancierten und wie ihnen dann die kunstvolle Schwebe, die gemeinsame Teilhabe an der Macht, misslang? Vergeblich warten wir darauf, daß uns der Autor etwas anderes sagt, als es schon damals in den Gazetten zu lesen gab.

Dabei wäre gar keine spektakuläre Enthüllung, keine späte Indiskretion nötig, um den Leser zu fesseln. Schröder müßte nur glaubhaft machen, dass er das Geschehene mit Haut und Haaren erleben durfte und sich nicht nur selbst im Fernsehen gesehen hat. Aber auch im Buch wird er die Sprechmaske nicht los, die er Jahrzehnte lang in die Kameras und vor die Mikrophone gehalten hat. Sein Denken und sein Erzählen bleibt, von wenigen Sätzen abgesehen, in jenem Jargon befangen, den sich die politische Kaste und viele Vertreter des politischen Journalismus teilen. Es ist das wasserdichte Vermeidungssprechen, in dem die Verlautbarung, die mediale Kunde von der Verlautbarung und sogar die angebliche Kritik der Verlautbarung zum Verwechseln ähnlich klingen. Und je näher das Buch dem letzten Wahlkampf Schröders kommt, um so mehr schwillt dieser Sermon an Umfang an, um so hohler wird sein Dröhnen. Auch in seiner angeblichen Biographie spricht Schröder so, dass ihm kein Zitat gefährlich werden kann. Sein Verhältnis zu den Medien, genauer gesagt zu ihren Repräsentanten, scheint bis heute, selbst wenn er sich über sie beklagt, bestimmt von taktischer Schläue und komplizenhafter Kumpeligkeit.

Wozu lesen, wie eine Maske geschminkt wird? Ratsuchend blättert man sich zuletzt durch die Photos, die dem Text in großer Zahl beigegeben sind. Man sieht, wie sich im Lauf der Jahre und im Sandstrahlgebläse der Öffentlichkeit das großartige Gesicht des inzwischen 62-Jährigen herausgebildet hat. Bei seinen letzten Auftritten als Kanzler durften wir noch einmal beobachten, wie geschmeidig sein Ausdruck zwischen treuherziger Biederkeit und staatsmännisch gebändigter Brutalität zu changieren versteht. Es ist vielleicht kein Verdienst, solch ein Gesicht erreicht zu haben, aber womöglich bleiben just diese Züge das einzige an ihm, was auch in Zukunft als unmaskiertes Fleisch zu uns spricht.

(Geschrieben für die Berliner Zeitung)

 

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