Georg Klein
Eiskalte Ausgeburt der Moderne
Die Urfassung von Mary Shelleys Frankenstein
Nichts und niemand vermag eine literarische Figur zu beschützen. Und so können einem, den Prosa geboren hat, in unserer Welt Dinge zustoßen, die noch ärger sind, als das, was er in der Handlung des Romans an Schlimmem erleiden mußte.
Mary Shelley, Autorin von ‚Frankenstein or the Modern Prometheus', hat schnell miterlebt, wie ihr literarisches Kind maltraitiert wurde. Ab 1823, kaum fünf Jahre nach dem Erscheinen des Buches, füllten verschiedene Dramatisierungen die Londoner, Pariser und New Yorker Theater. Weil es kein Rechteschutz für dergleichen Bearbeitungen gab, erhielt sie nicht einmal Tantiemen als Schmerzensgeld dafür, dass das bei ihr anrührend eloquente Monster nun auf der Bühne der Sprache nicht mehr mächtig war und dass seine besondere Körperlichkeit durch knallblaue Schminke beglaubigt wurde. Bald beginnen auch erste parodistische Versionen ihren Zug durch eine nie abreissende Verwertungskette. Im 20. Jahrhundert verbindet der Film endgültig das Herabsetzende mit dem Lächerlichen. Das Gehirn des Monsters stammt nun oft aus dem Schädel eines hingerichteten Verbrechers. Und als staksendes Ungetüm kämpft Frankensteins Monster gegen andere verulkte Schreckensgestalten wie den Werwolf oder Godzilla. Wenn es einen Tiefpunkt der ästhetischen Erniederung gibt, dann hatte Shelleys Figur ihn spätestens hiermit erreicht.
Dennoch kann dies alles wie ein alberner Spuk verlöschen, greift man zu der von Alexander Pechmann erstmals übersetzten Urfassung des Romans und liest, in welcher Textgestalt die Figur vor die Phantasie von Shelleys Zeitgenossen trat. Ein junger englischer Polarforscher beobachtet von seinem im Eis festsitzenden Schiff, wie ein riesenhafter Mann in heller Nacht auf einem Hundeschlitten Richtung Nordpol saust. Eine halbe Seite später erscheint Viktor Frankenstein, der zusammen mit seinem letzten Schlittenhund auf einer Eischolle treibt, als der Verfolger dieses Geschöpfs in der bizarren Szenerie.
Was haben diese beiden, die heute oft im Namen ‚Frankenstein' zu einem vagen Doppelbild verschwimmen, in der Wirklichkeit des Romans miteinander zu tun? Viktor Frankenstein widerfährt in seinem Ingolstädter Labor ein grandioser Erfolg. Er produziert einen lebensfähigen Menschen, der nicht nur weit überdurchschnittliche Körperkräfte, sondern auch einen voll funktionsfähigen Verstand und ein empfängliches Gemüt besitzt. Wie hochgestochen utopisch Mary Shelleys Zeit von den Möglichkeiten der Naturwissenschaften träumte, erfaßt man, wenn man dagegen hält, was uns diese knapp zweihundert Jahre später tatsächlich zu bieten haben: transplantierte Nieren und künstliche Hüftgelenke, also bestenfalls Teilprothesen und Transplantate mit begrenzter Haltbarkeit. Von der Erschaffung eines kompletten Lebewesen - und sei es nur die kleinste Mikrobe! - weiß sich unser biotechnisches Vermögen inzwischen Lichtjahre entfernt.
Der Triumph Frankensteins ist sogleich an ein gräßliches Mißlingen gekoppelt. Und nur wer das Buch zur Hand nimmt, kann lesend miterleben, wie dies den genialen Bastler in hysterische Panik versetzt. Sein Geschöpf ist weder stumm, noch dumm und schon gar nicht erzböse, wie viele spätere Adaptionen bequemerweise behaupten. Seine Glieder sind kraftvoll und ebenmäßig. Aber es leidet dennoch an einem den grandiosen Erfolg zunichte machenden Makel. Der Seziervirtuose und Verwesungsexperte, dem es zuvor auf dem Friedhof und im Anatomiesaal vor rein gar nichts graute, vermag etwas an dem von ihm belebten Fleisch nicht zu ertragen. Das Gesicht, vor allem die Augen und der Blick, den sie entsenden, scheinen ihm plötzlich von entsetzlicher Häßlichkeit. Erst Monate später, beim Wiedersehen auf einem Schweizer Gletscher, wird er Anblick und Gegenblick mit größter Anstrengung aushalten.
Was ist so schlimm daran, von Franksteins Werk angeschaut zu werden? Im Roman wird diese Frage nie durch eine endgültige Erklärung beantwortet. Mary Shelley verrät das große Geheimnis ihrer Geschichte nicht. Stattdessen legt sie es dem Lesenden in einer Serie von großartig beschriebenen Begegnungsszenen immer wieder intim ans Herz. Die letzte Konfrontation findet im Polarmeer am Totenbett von Viktor Frankenstein statt. Der junge Forscher, Erzähler der Rahmenhandlung und Überlieferer von Frankensteins Lebensgeschichte, überrascht das Monster dabei, wie es beim Leichnam seines Schöpfers trauert. Nach Frankenstein und einem blinden Greis ist dieser Engländer erst der dritte, der ihm sein Ohr leiht.
Was verstand Mary Shelley, achtzehn Jahre jung, vom Leben, als sie die drei bewegenden Monologe des Monsters schrieb? Siebzehnjährig hatte sie sich vergeblich gemüht, ihr zu früh geborenes Töchterchen ins Leben hinüberzuretten. Während der Arbeit an Frankenstein war erneut ein Säugling, ihr halbjähriger Sohn William, zu versorgen, und sie wurde zum drittenmal schwanger. Wieder erlitt sie eine Frühgeburt, und der Sohn wird ihr mit zweieinhalb Jahren sterben. Die Entstehung ihres Romans geht parallel mit dem Sterben der Geschöpfe, die sie als Mutter aus ihrem Leib hervorgebracht hat. Vier Jahre nach dem Erscheinen des Buches wird man den Vater ihrer Kinder, den ertrunkenen Dichter Percy B. Shelley, an einem italienischen Strand verbrennen, ähnlich wie das Monster seinem Vater Frankenstein auf dem Eis des Nordmeers einen Scheiterhaufen errichtet. In der klugen, genauen und dezent empathischen Biographie von Alexander Pechmann, die nun zeitgleich mit seiner Übersetzung des Urtexts erschienen ist, läßt sich nachlesen, wie die Schriftstellerin als junge Frau dem Tod ins Gesicht sehen mußte.
Dabei muß ihr auch ein Auge für etwas am Leben aufgegangen sein. Bis heute erzählt ihr Roman auf eine zwingende Weise davon, wie die moderne Wissenschaft etwas Ungekanntes an den belebten Körpern aufdeckt und das Enthüllte sogleich auf eine eigentümliche Weise verunheimlicht. Denn das Geschaute ist so erschreckend neu, dass es Viktor Frankenstein nicht mit Räsonnement, sondern allein mit einem ästhetischem Reflex, mit Abscheu, in Bann zu legen vermag.
Vielleicht empfindet ein Neurologe, der embryonale Stammzellen in das Hirn eines Parkinson-Kranken spritzt, noch heute etwas Ähnliches - zumindest wenn er den Schädel wieder öffnet, um zu sehen, was aus seiner Saat geworden ist. Womöglich weht uns Laien eine vergleichbare Ahnung an, wenn wir lesen, wie Forscher die unendlich feingliedrigen Abläufe bei der Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter zu entschlüsseln versuchen. Das Leben verliert die Gnade seiner Selbstverständlichkeit, wenn man ihm derart ins Auge blickt.
Als Frankenstein versucht, dem jungen englischen Naturforscher die Unerhörtheit seiner Arbeit nahezubringen, legt ihm Mary Shelley ein verblüffend modern klingendes Wort in den Mund: ‚Complexity'. Alexander Pechmann hat dies zu Recht mit dem häßlich modischen ‚Komplexität' übersetzt. Erst die Naturwissenschaft hat die ungeheure inwendige Vielheit des Organischen enthüllt. Und sobald ein Forscher seinen Blick in die Petrischale mit der Eizelle senkt, schaut ihm - wie aus dem Auge des Monsters! - die eiskalte Ausgeburt seiner Wissenschaft, die Komplexität des Belebten, entgegen.
(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)