Georg Klein
Hass und Hammer
Zum Tode des Krimi-Autors Mickey Spillane
Wie es sich für einen großen miesen Autor gehört, wird ihn sein Erfolg noch ein hübsches Weilchen überleben. An die 200 Millionen Bücher soll Mickey Spillane seit 1953, seit seinem Erstling ‚I, The Jury', weltweit verkauft haben. Und es könnte gut sein, dass die Viertelmillarde eines Tages voll wird, denn Mike Hammer, der Held der stärksten Spillane-Krimis, hat etwas zu bieten, was die Männer kommender Jahre gewiss gebrauchen können.
Auch dem zukünftigen Leser wird gefallen, wie der Privatdetektiv Hammer durch ein New York zieht, das sich unsere Phantasie zwangsläufig schwarzweiß zurecht filmt. Dort rauchen Gangster, Bulle und Detektiv pausenlos filterlose Zigaretten, fahren betrunken Auto und suchen fluchend nach dem nächsten Münztelefon, während die reichen Schweine und Strippenzieher mit ihren Miezen Champagner schlürfen. Es ist kein Mangel, dass sich der Autor Mickey Spillane dabei nie mit detailierten Beschreibungen aufhält. Man kennt es: Diese brutale, bis ins Mark ungerechte und holzschnittartig nächtliche Metropole bildet eine der großen medialen Spielstätten der westlichen Imagination.
Hammer haßt diese Stadt, er haßt sein New York. Und sein Haß, ein Gefühl mit Alleinvertretungsanspruch, duldet nur selten eine andere Empfindung neben sich. Dies leuchtet bis heute ein. Zunächst einmal, weil der Autor gleich eingangs für einen respektablen Anlaß sorgt. In ‚I the Jury' hat ein sadistischer Mörder einen Kriegskameraden Hammers an einem gezielten Schuß in den Unterleib qualvoll krepieren lassen. In ‚Kiss Me Deadly' muß der halb bewußtlos geschlagene Detektiv miterleben, wie eine Frau zu Tode gefoltert wird.
Allerdings spürt, wer auf den Wogen von Mike Hammers Hass durch die blutrünstige Handlung surft, irgendwann, dass es in dieser Erzählwelt letztlich keinen akuten Grund braucht, um Amok zu laufen. Was den Helden antreibt, ist immer in ihm da. Hammers tödliche Wut ist identisch mit seinem innersten Selbst, sie ist der Gravitationskern, der alles zusammenhält, was diese seit Jahrzehnten wunderbar simple Figur ausmacht.
Das wenige, das es von seiner Seele zu erzählen gibt, verrät uns der Held über seinen Körper, den er wie eine altertümliche Wurfwaffe, wie eine Keule oder wie einen Hammer, immer neuen Gegnern entgegenschleudert. Mike tötet pro Roman mindestens ein halbes Dutzend Männer und Frauen. Und am eindrücklichsten tut er dies, sobald er seinen Leib unmittelbar zum Mordinstrument macht, wenn er totschlägt, erwürgt, seinem Feind die Rippen eintritt oder ihm die Augen mit den Daumen in die Höhlen drückt.
Wer sich die Mühe macht, ein paar Dutzend Seiten langsam zu lesen, kann beobachten, wie diese Stellen aus immer gleichen Versatzstücken montiert sind. Es ist stets der nämliche Schrei, den Mike Hammer ausstößt, wenn er sich auf einen Schurken stürzt, und immer gellt er dem Detektiv auf arg ähnliche Art selbst in den Ohren. Als notorischer Spillane-Leser lebt man in einem tiefen Einverständnis mit der Gleichförmigkeit dieser erzählerischen Rituale. Und als mir in meiner Jugend der erste Spillane-Krimi in die Hand fiel, wußte ich schon genug von den Beleidigungen, die die Welt des Mannes der Grandiosität des einzelnen Männchens zufügt, um die Spur dieser Exzesse dankbar aufzunehmen.
"Vielleicht bin ich einfach zu stolz, aber so leicht kommt mir keiner davon. Für das alles werde ich jemand gründlich das Fell versohlen, ..." sagt Hammer in ‚Kiss Me, Deadly' zu seinem besten Freund, einem verbitterten New Yorker Polizeibeamten. Mit "das alles" meint der Detektiv nicht nur die Kränkungen des aktuellen Falls. Nein, sein grimmiges Statement umschließt alle Erniedrigungen, die das moderne Leben dem modernen Mann in schönster Beiläufigkeit antut. Das fühlen seine Fans. Auch sie lacht die Welt täglich mit dem goldzahngeschmückten Mund eines Mafiosos aus, aber eine Kette trostreicher Phantasien lang dürfen die Faustschläge Mike Hammers dieses Spottmaul in eine blutige Fresse verwandeln.
Der große Erfolg hat diese in ihrer Rohheit stupid ehrliche Literatur schnell in den Hafen Hollywoods geführt. Film und Fernsehen haben das Nötige getan, um dem Welthass Mike Hammers die bösartigen Spitzen zu brechen. Ja, Mickey Spillane war sich selbst nicht zu schade, einen abgeschwächten Abklatsch seiner grandiosen Figur zu mimen. Aber halb so schlimm; all dies hat Regisseur Robert Aldrich 1955 mit seiner hellsichtigen Adaption von Kiss me, deadly wieder rückgängig macht. Sich diesen kongenialen Streifen, rauchend, trinkend und zotig fluchend, mit ein paar von unserer Zeit gebeutelten Kumpanen anzusehen, wäre vielleicht die rechte Veranstaltung, um des Verstorbenen zu gedenken. Mickey Spillane, der böse Hahn, ist tot. Aber es wird auch in Zukunft nicht an armen Kapaunen, an von der Moderne kastrierten Masthähnchen fehlen, denen das hasserfüllte Krähen Mike Hammers den Kamm schwellen macht.
(Geschrieben für die Süddeutsche Zeitung)