Georg Klein
Robert Louis Stevenson / "Der seltsame Fall von Dr.Jekyll und Mr.Hyde"

Es hat eine Zeit gegeben, da war es für einen Schriftsteller noch eine Ehre, wenn man ihn einen Psychologen genannt hat. Robert Louis Stevenson hat diese lange und zarte, an feinen Farbabstufungen reiche Morgenröte der psychologischen Ära am Himmel der Literatur gesehen. Den Aufgang des 20.Jahrhunderts aber, das man auch das Jahrhundert der organisierten und systematisierten Seelenanalyse nennen kann, hat er, da er 1893, nur 43 Jahre alt, starb, nicht mehr erleben müssen.

Um so schlimmer ist es seinem Werk ergangen: Zeitgleich und einander zuarbeitend, haben zwei Furien des zurückliegenden Säkulums, der Film und die psychologische Deutungswut, nach den Büchern des schottischen Autors gegriffen. ‚Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde' ist 1910 zum ersten Mal in einen Stummfilm verwandelt worden und 1934 war über die Tonspur auch die psychologische Selbsterklärung auf den Lippen des Jekyll&Hyde-Darstellers angekommen. Mit mittlerweile über fünfzig nachgewiesenen Umsetzungen gilt die Erzählungen als das am meisten adaptierte Werk der Literatur, und ungezählt bleiben die Anleihen, die sich die Drehbuchschreiber in den letzten knapp hundert Jahren bei Stevensons schmalem Meisterwerk erlaubt haben und sich weiterhin herausnehmen werden.

Fast jeder, der den Text heute in die Hand nimmt, weiß daher im voraus, was der Gang seiner Handlung enthüllen wird: Der unangenehme Mr. Hyde, ein kleinwüchsiger junger Kerl, ist auf mysteriöse Weise identisch mit dem fünzigjährigen Dr.Jekyll, einem Arzt von stattlicher Figur und gutem Ruf. Und selbst der, den die Kunde von diesen beiden Gestalten nur über das Musical, einen Comic oder die Filmvorschau seiner Fernsehzeitschrift erreicht hat, hat in der Regel zugleich gehört, daß die zwei als Inkarnationen des Guten und des Bösen verstanden werden müßten, so wie eben beides in der Seele jedes Menschen seine Geschoße bezogen hätte.

Selbst Stevenson, der nicht nur ein genialer Autor, sondern auch ein schlauer Literaturvermarkter war, hat diese Karte gezogen. Obwohl seine Texte die Erfahrungsgier des starken Lesers brauchen wie ein Lebenselixier, respektiert er auch die Ängstlichkeit des schwächeren Konsumenten und dessen Bedürfnis nach abschließenden Erklärungen. Am Ende der Geschichte ist es Dr.Jekyll selbst, der in einem reuevollen Abschiedsbrief zur Leier des Psychologen greift und jenes Schlaflied anstimmt, das der Seele rät, systematisch zu vergessen, was sie in ihren hellsten Momenten von sich wissen muß und darf.

Mr. Hyde aber weiß es immer. Und wo die Figuren der Erzählung von Hyde zu sprechen anheben, steht Schauergeschichte bis heute unbeschädigt vor ihren Lesern, lockend und bedrohlich wie ein offenbares Geheimnis. Mögen die psychologisiernden Bescheidwisser auf dem Knüppeldamm ihrer Erklärungen auch trockenen Fußes durch das Moor von Stevensons Beschreibungskunst kommen, der wahre Leser wird auf jenen schwankenden Grund gelockt werden, der Doktor Lanyons Schicksal besiegelt: Lanyon, Freund und Kollege des Arztes Jekyll wird als einzige Figur der Erzählung Zeuge einer Transformation: Eines Abends erscheint der bizarre Hyde bei ihm und nimmt vor Lanyons Augen das Mittel ein, das ihn in Jekyll verwandelt, ihn also von einem irritierenden Fremden zu einem gut Vertrauten macht.

Die Literatur weiß, daß diese Form der Verwandlung die weit schrecklichere Form des Übergangs ist. Der Film dagegen setzt in pubertärer Torheit bis heute all sein Vermögen auf den entgegengesetzten Weg und läßt mit großem Aufwand an Schauspielkunst, Maske und Tricktechnik aus einem biederen Dr.Jekyll einen monströsen Mr.Hyde entstehen. Dabei ist der Hyde der Erzählung kein Monster. Was alle, die ihm begegnen zutiefst erschreckt, sind keine abscheulich ausgeprägten Besonderheiten wie die langen Eckzähne des Vampirs oder die zottige Behaarung eines Werwolfs. Hyde verstört durch Attribute, die die stabile Begrenztheit eines Merkmals sprengen. An seinem Gang und in seiner Mimik wird eine unnatürliche Beweglichkeit und Dynamik wahrgenommen. Ständige Unruhe und übermenschliche Schnelligkeit fällt an ihm auf. Und wenn die, die ihn treffen, nach Vergleichen für die sonderbare Veränderlichkeit und schwankende Halbgeformtheit seines Ausdrucks suchen, wissen sie nicht recht, ob sie bei den Reifungssprüngen der Jugend oder bei den Verfallsstufen des Alterns nach Vergleichen suchen sollen.

"Compose yourself!" ruft der verzweifelte Doktor Lanyon Hyde zu. Aber wie soll dasjenige in starrer Form stillstehen, dessen Wesen gerade der Formwandel ist, dessen Stärke und Schicksal es scheint, zwischen Gestalten und Ausdrücken zu wechseln und sich ständig, mal grob mal fein, zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Hyde ist ein Medium. Und der arme Lanyon muß mitansehen, wie aus dem Quecksilber dieses Mediums im Handumdrehen entsteht, was er für langsam gewachsene Wirklichkeit gehalten hat: Person und Charakter eines Menschen.

Das psychologische Zeitalter hat große Energie darauf verwandt zu vergessen, daß die Seele ein Medium ist. Wie die Naturwissenschaften glaubt die neuere Seelenkunde an eine Evolution, an eine psychohistorische Entwicklung, die mit den Hammerschlägen von Zufall und Notwendigkeit die jeweilige Gegenwart und ihre Gewißheiten schmiedet. Mr. Hyde aber ist der lebendige Gegenbeweis. Der Blick aus seinen Augen erschreckt uns, ähnlich wie dies ein zu großes Versprechen vermag: Er erinnert uns an die Medialität der eigenen Seele. Ich bezweifle, daß der psychologischen Literaturdeutung noch bedeutende Anschläge auf das Werk von Stevenson gelingen werden, aber dem Film ist mit der Morphing-Technik eine mächtige Waffe zugewachsen. Schon läßt die computergesteuerte Bildbehandlung ohne verräterisches Ruckeln aus der Fratze des Serienmörders das Gesicht des mißhandelten Knaben entstehen, der er, damit die psychologische Logik aufgeht, zuvor gewesen sein muß. Aber mit etwas Glück ist auch der Film gerade dabei, aufs Neue zu begreifen, daß er ein Medium ist und wie erschreckend groß seine Möglichkeiten sein könnten.

Stevenson hat dies von der Literatur gewußt. Und deshalb müssen wir ihm sogar verzeihen, daß er seinen grandiosen Hyde einen kläglichen Selbstmord sterben läßt. Wann hätte je ein Medium in einer Mischung aus Feigheit und schlechtem Gewissen die Hand an sich gelegt? Die Literatur jedenfalls hat sich zu wandeln gewußt, wenn man sie wie den gehetzten Hyde in einem Laboratorium dingfest zu machen versuchte. Wo sie ihre Medialität allerdings selbst an eine herrschende Seelenlehre verhökert hat, ist sie von Anfang an so gut wie tot gewesen. Und nur wo sie rückhaltlos Medium ist, kann sie heute noch ihre Kunst beweisen.

(Geschrieben für die Frankfurter Rundschau)

 

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